von Matthias Roggo

Philosophie, oder das menschliche Denken verstehen

Traditionalismus, oder Antipostmodernismus. Ein Post-Interview wider Neomarxismus und Postmodernismus. Einige verspätete Überlegungen zu Richard Rortys Antworten.

In der Art eines kleinen Experiments erlaube ich mir, im folgenden auf eine Auswahl von Fragen zu antworten, die Robert P. Harrison im Jahre 2005 an Richard Rorty gerichtet hatte. Ein Teil des Interviews wurde jüngst in der NZZ veröffentlicht, worauf ich mich stütze. (1) Das folgende Interview ist mehrheitlich nachempfunden und insofern fiktiv, aber nichtsdestoweniger Teil der Wirklichkeit. Kritik und Anregungen sind wie immer willkommen!

RH (Rolle von Robert Harrison) - Zunächst ein Wort zur Analytischen Philosophie bitte.

MR (Matthias Roggo) - Die Analytische Philosophie ist ein interessanter und vielleicht notwendiger Irrtum in der Philosophiegeschichte. Kurz gesagt ist sie ein englischer Ausläufer des Wiener Positivismus und ein etwas dünnbeiniger Nachfahre des englischen Positivismus. Grundsätzlich werden Aussagen und Einstellungen philosophischer Klassiker missverstanden oder sehr einseitig ausgelegt, damit besser dagegen argumentiert werden kann. Zum Beispiel wird Kant vorgeworfen, dass er die Sprache zu wenig beachtet habe, aber gleichzeitig wurde behauptet, Platon sei "eigentlich" der erste Sprachphilosoph gewesen (Miles Burnyeat). Ein ziemlich beliebiges und launisches Bild der Philosophie als vermeintlich "verfehlte exakte Wissenschaft" - denkbar ungeeignet, eine Elite junger Intellektueller hervorzubringen, die irgendetwas Gutes und Schönes zum Weltgeschehen beitragen könnte. (Frauen wie immer miteingeschlossen.) Besonders dann nicht, wenn die empfindlichen Denklücken, welche sich nicht hinter einem Redeschwall und einer Schreibwut verbergen lassen, mit übermütigen Sprüngen mitten ins Feld des revisionistisch-konformistischen Neomarxismus hinein kompensiert werden. Die linke Tendenz vieler Positivisten tat das ihre, um die Entfernung von der abendländischen Philosophie und vom Europa der Vergangenheit - wie sie nun mal historische Tatsachen sind - zu konsolidieren.

RH - Sie sprechen manchmal von einem "Eigentor" der metaphysikfeindlichen Analytischen Philosophen.

MR: Ja, und nicht nur eines. Zunächst fällt auf, dass um das Jahr 2000 herum Ontologie und Metaphysik neu auferstehen, jetzt mit dem Allerweltsadjektiv "analytisch" versehen. Nun, stellen Sie sich vor, dass Sie von Sprache, Logik, Kategorien, Denkfehlern und dergleichen sprechen und den Spagat zur Metaphysik versuchen, weil das plötzlich wieder erlaubt ist. Was liegt näher, als Meister Aristoteles zu bemühen und seine Thesen analytisch "einzufärben", damit sie für eine akademische Karriere brauchbar und als Signale erkannt werden. Das ist ziemlich billig. Zuerst drückt man sich vor den alten Griechen, dann kommt man wieder hinter dem Vorhang hervor und präsentiert sich plötzlich als moderner (und natürlich linker) Verfechter des Aristotelismus. "Eigentor" ist da noch ein gutmütiger Ausdruck. Als antiker Mann hätte ich eher von einer "völligen Niederlage" gesprochen, ohne Bedauern und ohne jegliche Ironie.

RH - Nennen Sie uns ein Missverständnis bezüglich der Natur der Philosophie - oder der europäischen Kulturgeschichte -, dem auch die Analytiker erlegen sind.

MR - Da gibt es eine ganze Reihe von unkritischen, weil unhistorischen Fehleinschätzungen, die sich letztendlich als "genügende" oder "ungenügende" wissenschaftliche Einstellung eines Autors bewerten lassen. Wissenschaftlichkeit ist weder Geschmacksache noch Sache einer Zeit, einer Kultur oder einer Ideologie. Wir können sehr wohl abschätzen, ob ein Kommentator eine historische Persönlichkeit aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus der damaligen Zeit heraus (also nahe der geschichtlichen Wirklichkeit, wie wir sie heute rekonstruieren können) zu verstehen sucht, oder ob der besagte Kommentator neuere Denkweisen exemplifizieren und "beweisen" will. Die Motivation lässt sich erkennen, wenn zeitfremde Elemente hineinspielen. Das wäre einmal die Sache mit der "falschen Brille", wie zu erwarten meisten links-aufklärerisch gegen alles, was von dieser Seite als "unkritisch" und "nicht aufgeklärt" angesehen wird. Aristoteles hatte halt das unsägliche Pech, "unkritisch" zu sein, weil er vor dem protestantischen Propheten Immanuel Kant geboren wurde, und "unanalytisch" war der Meister gleich auch noch, weil es ihm das Schicksal nicht vergönnt hatte, im England des 19. Jahrhunderts geboren zu werden. Lächerlich, aber von vielen sinngemäss geglaubt und verbreitet. Auch hier wieder ein Widerspruch: grossartig gegen Spencer und den frühen Evolutionismus schreiben und insgeheim einem evolutionistischen Bild der Philosophiehistorie das Wort reden (von den USA und deren grosser historischer Mission in einer antidemokratischen Welt ganz zu schweigen, siehe Rortys entsprechende Äusserungen, die enttäuschen). Ich versuche stets, beides zu vermeiden, sowohl die Polemik gegen die frühen Evolutionstheorien, als auch den Fortschrittsglauben, der die eigene Nation zum Massstab nimmt. Es wäre wirklich peinlich und ohne Feingefühl, würde ich einem Russen sagen, er solle doch endlich an die Entwicklung Russlands "aufwärts" in Richtung Schweizer Demokratie glauben. Er würde mir zurecht antworten, dass ich als verwöhnter und eingebildeter Westler Russland und die Russen nicht verstehen könne. Es ist ganz klar, dass ein Systematiker wie Aristoteles - oder die grossen barocken Denker vor der Aufklärung - in keiner interessanten und intelligenten Weise als "unkritisch" oder gar als "unanalytisch" betitelt werden kann. Respekt, Vorsicht und ein gesundes Quäntchen Demut sind die drei Tugenden, die kompetente von inkompetenten Intellektuellen (bezüglich den Leistungen grosser Philosophen) unterscheiden. Karl Jaspers, in diesem Monat vor einem halben Jahrhundert in Basel gestorben, soll uns als leuchtendes Beispiel eines kompetenten und höchst respektablen Intellektuellen gelten. Das grosse take away für Lehrende und Studierende ist bei Jaspers nicht sein schon fast monumentales Integrationsbemühen verschiedener Kulturen und Epochen in eine vermeintlich friedensstiftende, ausgleichende "Weltphilosophie" (Hegels philosophischem Projekt insgesamt nicht unähnlich), sondern etwas bescheideneres, dafür umso wichtigeres für den akademischen Alltag: der reife, respektvolle Umgang mit der Tradition. Das, was ich als Student nicht zuletzt auch bei Rorty vermisst habe. Vergessen wir Jaspers nicht! (2)

RH - Im Originalgespräch mit Herrn Prof. Rorty stellten wir fest, dass es keine "akkurate Beschreibung" der Wirklichkeit gebe, weder auf philosophischem (Metaphysik, und davon abhängig Erkenntnistheorie) noch auf naturwissenschaftlichem Weg. Einfach gesagt, gibt es keine rundum "wahren" Aussagen zu wirklichen Dingen und Sachverhalten "da draussen", die nicht eines Tages widerlegt werden könnten, und zwar von anderen, wiederum nicht ganz "wahren" Aussagen. Wie reagieren Sie auf Thesen dieser Art?

MR - Früher bissig und höchst allergisch, heute gelassen, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Also Sie wollen mir da sagen, dass halbe Märchen von anderen halben Märchen ersetzt werden - auf einer evolutionistischen Rampe vom völligen Irrtum der Steinzeit hinauf zur relativen Wahrheit, die freilich mehr "relativ" als "wahr" ist, wobei niemand genau weiss, was das bedeuten soll. Das heisst, Sie servieren mir mit Herrn Rorty einen massiven Mythos als Korrektiv für punktuelle und unvermeidliche (also zu erwartende) Fehler im langsamen und schmerzhaften Erkenntnisprogress der Menschheit über hunderte von Generationen hinweg. Es fällt mir gerade ein Zitat des mexikanischen Schriftstellers Carlos Fuentes ein. Sinngemäss besagt es, dass der beschränkte oder "unvollendete" Mensch ein beschränktes Weltbild hervorbringt. Das knüpft an den bedeutenden Sophisten Protagoras an, und solche Aussagen sind sicher ernst zu nehmen. Was ich dagegen einwenden kann, ist, dass die Relativität menschlicher Handlungen (divergierende Interpretationen des Gleichen, Vergänglichkeit, Unschärfe, Unvermögen, Täuschung, Unehrlichkeit) nicht bedeutet, dass der durchschnittliche Mensch nicht zwischen wahren und falschen Aussagen "über den Sachverhalt A in Hinsicht B" unterscheiden kann. Sachverhalt A in Hinsicht C mag vielleicht andere Interpretationen erlauben, was uns aber nicht dazu berechtigt, Sachverhalte vom Typus A als solche abzustreiten oder bezüglich ihrer Wirklichkeit zu "degradieren".

RH - Es ist mir nicht bewusst, dass der heutigen Abweisung des Wahrheitsbegriffs eine mythische Dimension eignet, wie Sie etwas früher sagten. Vielmehr möchte ich glauben, dass die Verabschiedung des Wahrheitskonzepts der Gipfel des nachkantischen kritischen Geistes bedeutet.

MR - Ja, da gehen unsere Meinungen weit auseinander. Aber den Planeten brauche ich deswegen nicht gleich zu wechseln. Zurück zu Ihrer Frage vorhin. Irrtum Nummer 1: Fehler und objektive Irrtümer sind kein integraler Teil des Erkenntnisprogresses. Völlig falsch! Irrtum Nummer 2: Die Verquickung von Religion und Wissenschaft (oder Religion und Politik, usw.) ist ein Aberglaube, den man zu allen Zeiten ohne Mühe hätte ablegen können, wenn man nur wollte und das geistige Format dazu gehabt hätte. Total falsch! Irrtum Nummer 3: Der Anspruch auf eine absolute Bedingung (ein unveränderlicher Ursprung für alles) ist grundsätzlich zu verwerfen, weil es ohne Beweis als bewiesen gilt, dass es absolute Bedingungen nicht geben kann (pace Platon). Wieder falsch! Wir sprechen hier von einem absoluten Geheimnis. Niemand weiss das mit Sicherheit. Man darf so etwas als Privatperson gerne glauben, aber dieser "bewiesene" und "wahrscheinliche" Glaube verdient es, in einen anderen Kontext gesetzt zu werden: Es ist sinn- und respektvoll, zwischen "subjektiver Gewissheit" und "objektiver Gewissheit" zu unterscheiden, welche beide als "relativ wahr" gelten dürfen. "Relativ wahr" sind sie genau so lange, bis keine wiederholbare Erfahrung sie ins Wanken bringt (Empirie), etwa im persönlichen Leben: Liebt sie mich noch? Hat mich Gott verlassen? Gibt es tatsächlich eine Sphäre der absoluten Erfüllung, wie Mystiker immer wieder behauptet haben? Im wissenschaftlichen Bereich ist es vertretbar, zu postulieren, dass "akkurate Sichtweisen" oder "gute Modelle" (qualitativ und quantitativ) zu praktischen Erfolgen führen, die weder Wahn noch Zufall sind (Medizin, Technologie, Wirtschaft). Die absurde Behauptung, aus "letztlich" falschen Theorien könnten sich effiziente Technologien ableiten lassen, würde ja implizit besagen, dass eines grauen Tages die Technologien versagen würden, weil die künftige Robotertechnik selbst "gemerkt" hat, dass ihre theoretische Grundlage "eigentlich" falsch ist. Das ist ein sehr amüsanter Gedanke, aber viel Sinn macht er nicht. Also darf ohne Abstriche gelten, was so oder so gilt: Technologie bietet genügend Gewähr für "Wahrheit" im Sinne von "Wirklichkeitsnähe" von theoretischen Modellen. Wer dem widerspricht (auch durch einfaches Ignorieren dieses Satzes), beisst sich wie der mythische Uroborus in den eigenen Schwanz, denn sein (wohl nicht ganz bewusst) vorausgesetzter Anspruch auf "letzte" Objektivität und Wahrheit verhindert, dass er sich mit einem schnöden "weltlichen Praxisbezug" zufrieden gibt, eben mit empirischen Fakten abhängig vom jeweiligen Stand der Forschung (woraus sich übrigens kein Relativismus ableiten lässt). Das heisst: Maximalkritiker stellen uneingestanden Maximalforderungen an ihre Gegner und nennen diese Attitüde dann mit Genugtuung "kritisch", "wissenschaftlich", "aufgeklärt" und "zeitgemäss". "Kritisch" ist diese Meinung schon, nämlich als Kriterium um im lustigen Ländchen Academia einen Passierschein zu erhalten und karrieretechnisch voranzukommen, mit Verlaub gesagt.

RH - Machen Sie sich keine Sorgen. Ich habe das eben überhört. Ist es denn nicht legitim, eine akkurate Sicht der Dinge zu fordern und Vermutungen und Wunschdenken ein für alle mal zu verbannen?

MR - So simpel ist es nicht. Wir haben hier nicht einfach zwei politische Parteien, die zwei Abteilungen der bürgerlichen Gesellschaft zu vertreten vorgeben (die Mittelschicht und die Oberschicht). Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass ein Typus Mensch vieles richtig meint, und ein anderer Typus Mensch vieles falsch. Alle Wörter, die Sie gerade verwendet haben, um zwei gegnerische Lager anzudeuten, sind stark klärungsbedürftig. "Vermutungen", "Wunschdenken", "akkurat" und übrigens auch das so verschwenderisch verwendete Adjektiv "analytisch". Schauen Sie, diese Schlaufe ergibt doch keinen richtigen Sinn, ausser dass sie beim Drehen in der Luft schleift und pfeift: Es gibt keine Wahrheit, so zu verstehen: Wissenschaft und Philosophie (Metaphysik) können uns keine letztgültige Sicht von "Wahrheit und Wirklichkeit" geben. Die brauchbaren "Unwahrheiten" nennen wir "Narrative", weil wir ganz allgemein glauben, dass Geist und Sprache identisch sind. Aus der Historie leiten wir nicht substanzielle Entwicklungen ab (die zu etwas führen, was es zu verstehen gilt), sondern nur die abstrakte Regel, die besagt, dass alles relativ ist. Also, nichts ist wahr, alles ist relativ, und wir erwarten von der Wissenschaft ein "akkurates Bild" der Wirklichkeit. Nichts, alles ... und dann lugt wieder aus einem Loch dieser falsche Freund akkurat hervor. Ein hübsches Eigentor. Hohe Ansprüche bedeuten nicht, dass man dem Gegner zuerst ein "schlechtes" Kriterium K verwehrt, um gleich im nächsten Satz dem Gegner zu unterstellen, seine Position sei unvertretbar, weil er dem Kriterium K nicht gerecht werden könne. Entweder meinen wir es ernst mit der "akkuraten Sicht", oder wir lassen die Verwendung von Floskeln sein. Unter den Voraussetzungen von Postmodernismus, Poststrukturalismus und Neopragmatismus können gar keine Allaussagen getroffen werden, denn das wäre ein Rückfall in falsche, veraltete Denkweisen (gemäss diesen Denkrichtungen). Aber eben, eine "akkurate Sicht" ist weit und breit nicht in Sicht, wenn man die Empirie in der Wissenschaft und die Kritikfähigkeit der Philosophie von vornherein unterschätzt und behauptet, Geschichten würden "alles andere" aussagen, nur nicht das, auf das sie primär abzielen. Anders argumentiert, wer sich eine philosophische oder wissenschaftliche Theorie als Spiegelbild der Objektivität vorstellt (eingestanden oder nicht), welche diese gleichsam "irgendwie" verdoppeln soll, wird aufgrund eines überrissenen Wahrheitsbegriffs nie etwas als ausreichend und "akkurat" zulassen können. Einige Sprachphilosophen haben sich in ihrem Lieblingskontext aus der Verdoppelung Sprache/Denken mit einer "Entdoppelung" herausgemogelt, indem sie von der These mit dem Programm "Sprache bildet unser Denken vollständig ab" zur Position "Sprechen ist alles, denken ist nichts" gehastet sind (reduktiver Materialismus). Einigen war das denn doch zu toll, entsprechend eine abgeschwächte Form der besagten Entdoppelung (nicht-reduktiver Materialismus).

RH - Das kommt mir aber etwas seltsam vor mit dieser Ver- und Entdoppelung. Das habe ich so noch nicht gehört.

MR - Ja, mir auch, freilich nicht so, wie Sie das meinen. Wenn man Inhalt und Form - man könnte auch sagen: Energie als solche und deren Funktion - miteinander verwechselt, gelangt man zur Verwechslung von Denken und Sprechen. Lassen Sie uns eine Wette abschliessen! Ich wette mein Doktordiplom, dass es bei uns Menschen zwei Aspekte des Gleichen gibt: einerseits psychische Zustände, andererseits etwas, was wir als Ausdruck, Manifestation oder Verhalten auf besagte Zustände zurückführen dürfen, weil wir solche Zustände selber kennen. Unter "psychische Zustände" meine ich die Interaktion von Denken und Fühlen. Jedoch nicht so, wie in Whiteheads postromantischer Metaphysik, in der Art eines mühsamen und "sehnsüchtigen" Aufstiegs zum Abstrakten hin (seine Adaptation platonischer Ideen), sondern viel eher in einem "trüben", widersprüchlichen, teilweise schädlichen Kreislauf, in welchem das eine das andere zum Wohle oder zum Elend der Menschheit mitbestimmt, hemmt oder fördert.

RH - Das klingt aber ziemlich pessimistisch...

MR - Wie ich gegen Gutmenschen einzuwenden pflege: Nimm das Schlechtmenschentum als Ausgangspunkt, und es kann nur noch besser werden!

RH - Das klingt fast nach Nietzsche...

MR - Ja, aber kehren wir doch zum Interview mit Herrn Rorty zurück! Meiner Meinung nach finden wir in einigen seiner Antworten ein Beispiel für verkürzte Totalkritik, die den ungeduldigen Kritiker ungewollt auf die ehernen Schienen der antiken Philosophie zurückleitet, was eigentlich ein sehr erfreulicher Effekt ist (hier quasi-platonische Stufen von truth and reality). Das ist die gerechte Strafe des Schicksals. Wenn Herr Rorty und einige seiner "auserwählten" Landesgenossen - sicher nicht eine Mehrheit der Amerikaner - an die grosse historische Mission der USA glauben (die Welt von Diktatoren zu befreien, die eigene Ziele verfolgen), dann darf ich als europäischer "Realist", "Pessimist" und "Traditionalist" an die Macht des Schicksals glauben, die dazu da ist, der menschlichen Hybris scharfe, schmerzhafte Grenzen zu setzen. Ein Glaube ist so gut wie der andere. Glaube ist Freiheit, das ist gut, aber nicht Freiheit zu Vernunft und Gerechtigkeit. Um Vernunft und Gerechtigkeit in der Welt "installieren" zu können bedarf es mindestens dreierlei: (a) eines kritischen Menschenbildes jenseits der Aufklärung (contra Rousseau, Kant, Marx und andere), (b) eines gut informierten, kritischen Geschichtsbewusstseins, und (c) einer kritischen Analyse menschlicher Gemeinschaften als konkrete Abteilungen grösserer Gesellschaften, vornehmlich mittels Soziologie, Sozialpsychologie, ergänzt durch anthropologisch-ethnologische Erkenntnisse und Recht- und Wirtschaftswissenschaften.

RH - Wo ist denn hier noch Platz für die Philosophie, wenn ich fragen darf?

MR - Gute Frage! Jetzt muss ich aber auch aufpassen, dass ich kein Eigentor schiesse! Ich werde mich am besten auch aus diesem Engpass herausmogeln. Erst einmal darf ich mich innerhalb der Mauern meiner menschlichen Begrenztheit verschanzen. Damit meine ich, dass das Denken - davon abhängig das Sprechen - ein vielschichtiger historischer Prozess ist, der "in meiner Biographie als Aspekt einer Zeit als Aspekt der Geschichte" stattfindet (meine Sprechweise). Wenn ich nun aus einer pessimistischen Grundhaltung heraus postuliere, dass Gesellschaftswissenschaften gemeinsam die Chance haben, etwas zur Humanisierung menschlicher Wirklichkeiten beizutragen, meine ich das nicht als Übermensch, der vom Berg herunterschaut, zwischen den Wolken eine ewige Wahrheit erblickt und diese mit beiden Händen auf die Erde hinunterzieht. Ich könnte jetzt noch weiterreden, aber kehren wir besser zum anderen Themenpunkt zurück: wissenschaftliche "Wahrheit" wird ausreichend durch "Brauchbarkeit" in der Technik verbürgt, und etwas Entsprechendes für die Philosophie, eben ein objektives "Brauchbarkeitskriterium" jenseits von Pragmatismus und Relativismus. Ich bin nicht im Besitz eines solchen Schlüssels oder Kriteriums, aber der Grundgedanke scheint mir richtig zu sein. Was meinen Sie?

RH - Nun gut, das mag wohl sein, und es hört sich gar nicht einmal so schlecht an, und dennoch: Nehmen wir an, dass ich die glückliche Anwendung der Theorie auf die Praxis nicht als ausreichendes Kriterium für "Wahrheit und Wirklichkeit" akzeptieren möchte. Dann bleibt doch im Grunde genommen nur ein postmoderner Ansatz, der...

MR - Sie meinen die allgemeine postmoderne Relativierung aller Unterschiede, ein verwirrendes Kaleidoskop menschlicher Aktivitäten und Interessen, die alle gleich nahe - also gleich entfernt - von einer uns letztlich verschlossenen "wirklichen Welt" stehen: Kunst, Literatur, Philosophie, Wissenschaft, vielleicht auch Yoga, Tourismus, Gastronomie, Tanzwettbewerbe, Gruppentherapie und die deutsche Sozialdemokratie gleich dazu! Aber auch Kant und dessen Kritizismus, falls er der erste Heros einer solchen Weltdistanzphilosophie (ergänzt mit einer Glaubensphilosophie zur Rettung der Praxis) sein soll. Also mir kommt das alles wie eine Spielart von Mystizismus vor - ein durchsichtiger Mystizismus für Rationalisten, die eine natürliche Abneigung gegen andere - nämlich religiöse - Mystizismen haben. Schon wieder etwas Objektiv-Historisches, von dem man lieber keine Notiz nehmen würde.

RH - Es fehlt mir gerade ein Gegenargument. Was Sie sagen, klingt beschämend, aber es ist doch im Sinne des Postmodernismus, die Kultur als ein bewegliches Kaleidoskop zu deuten, auch wenn mir diese Metapher vor unserem Gespräch noch nicht begegnet ist. "Kaleidoskop" erinnert mich ein wenig an das Prisma bei Newton. Mir geht es aber um etwas anderes, wie Sie sich sicher denken können: um die Rede von Reden, also Sprechweisen, Diskurse, Narrative. Sind Sie mir da womöglich ausgewichen?

MR - Ja, für die Länge einer Antwort, aber jetzt nehme ich gerne Stellung dazu, weil mich Geschichten und das Geschichten-Erzählen faszinieren. Ehrlich gesagt verstehe ich die Sache mit den Geschichten nicht ganz. Der Mensch hat offenbar einen Drang, zu erzählen und Erzählungen zu Gehör zu bekommen. Nicht nur das - eine Mehrheit der bisher dagewesenen Erdbewohner hat zudem noch das überaus starke Bedürfnis, Geschichten als "eminent wahr", ja als höchste Wahrheit aufzufassen und Rituale rund um "heilige" Geschichten auszudenken und in ihrem Ablauf zu fixieren. Denken Sie nur an die Orphiker im Altertum, oder an die Freimaurer seit dem Mittelalter, die sich eher von Symbolen und weltlichen Zielen leiten lassen. Dennoch, die ganze Freimaurerei ist auch ein Narrativ, wenn auch nicht in der Art einer prophetischen Heilsgeschichte. Dort, wo sich das Narrative mit dem Religiösen überschneidet oder in dieses überschwappt, bleibt mein Verständnis stecken. Ich verstehe dieses starke Glaubensbedürfnis nach paradigmatischen Geschichten nicht wirklich, obwohl ich die Faktizität dieses psychologischen Phänomens voll anerkenne. Ich stehe offen zu meinen Grenzen, und hier erreiche ich offenbar ein Limit. Den absoluten Glaubensdrang kann ich persönlich nicht nachvollziehen.

RH - Wenn Sie den Glauben zulassen, ist der Glaube kein Problem mehr, wie die andere Seite wohl sagen würde.

MR - Ja, so etwas habe ich auch schon zu hören bekommen. Aber so einfach ist es auch in der christlichen Lehre nicht. Wie dem auch sei, die Rede von Narrativen macht doch Sinn und trifft den zentralen kulturellen Nerv von ethnischen und sozialen Gruppen aller Art. Daraus aber mehr abzuleiten, etwa Denken sei identisch mit sprachlichem Ausdruck (was niemand entscheiden kann), und handfestes, anwendbares Wissen identisch mit "intersubjektiv glaubbar gemachten Geschichten" (ich weiss nicht, wie anders sagen), geht viel zu weit und verwischt alle Distinktionen, die uns in der Welt Identität und Orientierung geben. Vielleicht liegt hier auch eine unerlaubte Abkürzung vor: Forschung schafft Wissen, Wissen schafft Technik, und Technik schafft eine "neue Kultur" (stark übertrieben). Diese "neue Kultur" kann als Nacherzählung der technologischen Neuerungen und deren erfreulichen und weniger erfreulichen Effekte auf unser Leben und unser Wertgefühl angesehen werden. Sozusagen ein "Postnarrativ", nicht ohne ein ironisches Augenzwinkern gesagt. Aber die blosse Verwendung von Wörtern in bestimmten Zusammenhängen (Diskurse) ist gewiss nicht "alles, was man wissen kann" (Rorty). Schon nur der Anspruch oder die Vermutung, alles wissen zu wollen oder zu können, verrät einmal mehr die Unschärfe in der Anti-Metaphysik-Debatte seit der Nachkriegszeit. Wenn kein "alles" möglich ist (weder begrenzt noch unbegrenzt), gibt es auch kein Gegenargument von postmoderner Seite, das sich dieses absoluten Pronomens bedienen dürfte. Da haben wir wieder ein Eigentor! Der richtige Einwand wäre viel eher: "Es gibt keine theory of everything, es gibt nur einzelne Thesen, die sich prüfen und zu einem vorläufigen Gesamtbild zusammensetzen lassen." So etwas hat Rorty wohl auch im Sinn gehabt, aber nicht scharf genug gesehen oder ausgedrückt. Trotzdem möchte ich wiederholen, dass die Verben sprechen, denken und wissen so wenig identisch sind wie Schimpansen, Gorillas und Bonobos. Nur weil etwas auf den ersten Blick ähnlich aussieht, haben wir noch keine "von selbst bewiesene" semantische Kongruenz. Die Semantik dieser und weiter liegender Ausdrücke ist doch etwas komplizierter und wird von anderen Faktoren mitbestimmt.

RH - Gut, dann bleiben wir bei Narrativen und setzen sie an die Stelle der objektiven Wirklichkeit, welche dunkel und unfassbar ist, wie ich und Skeptiker seit der Antike immer noch meinen.

MR - Nein, eben nicht! Alles ist real. Die Frage ist nur, auf welche Weise etwas da ist. Wir Menschen sind gar nicht fähig, massive Unwirklichkeiten und totale Absurditäten zu kreieren. Dazu müssten wir uns erst einmal mit einem ganz anderen Universum bekannt machen, um Arten der Wirklichkeit vergleichen zu können - und das mit entsprechendem Sensorium und Intellekt, um überhaupt etwas wahrnehmen zu können! Narrative sind wirklich, aber auch Fehler, Lügen, Manipulationen und dieser erfundene Text sind reale Dinge in der Welt. Eine Täuschung ist etwas durchaus Wirkliches, sowohl subjektiv als auch von aussen her (behavioristisch) betrachtet. Ein Albtraum ist sowohl als subjektive Erscheinung als auch als objektive Gehirntätigkeit ganz und gar wirklich. Die kulturelle Bedeutung von Träumen (oder von Archetypen) ist keineswegs fiktiv, auch wenn sie schwer festzumachen ist. Das von Positivisten postulierte uns unbekannte absolut Irreale wirkt auf den Menschen und auf dessen Gemeinschaft zurück, etwa in weltlichen oder sakralen Abläufen, welche gewöhnlich einem Kalender folgen. Irreal heisst nicht "nicht-existent", und selbst "nicht-existent" ist ein ziemlich schwer fassbares Konzept, wenn wir daran denken, dass die menschliche Natur widersprüchlich und deshalb dualistisch ist: Körper und Geist, mit jeweils minimalen Aktivitäten und Wechselwirkungen des "einfach Lebendigen" (vitale Funktionen), wenn wir keine geistigen Ansprüche stellen. Welche Ziele, Werte und Vorstellungen könnten wir allen Ernstes mit den Aufklebern "irreal" oder "nicht-existent" belegen?

RH - Das ist höchst ungewöhnlich, was Sie mir da sagen. Menschen scheinen gefangen...

MR - Unsere Existenz ist sowieso "höchst ungewöhnlich" und keinesfalls eine Selbstverständlichkeit. Das kann man in einzelnen Augenblicken fühlen. Ich glaube nicht, dass es dazu eines religiösen Systems bedarf, aber jedem seine Meinung. Und ja, wir sind in unseren Seelen und Körpern förmlich "gefangen" und genetisch multipel vorgeformt - eben was am Schluss unsere jeweiligen Möglichkeiten und Grenzen ausmacht. Schauen wir die Sache mit der Wirklichkeit einmal aus dem Blickwinkel der philosophischen Argumentation an! Alles was Skeptiker aller Couleur sagen, ist vom Selbsteinschluss (Peritropé) betroffen, selbst der Satz vom Nichtwissen, den Platon seinem Sokrates in den Mund legt. Skeptiker sind meistens sehr angetan von ihren ach so umwerfenden Thesen, aber eines ist ganz klar: "Es gibt keine Wahrheit" ist ein Unsatz, der nicht viel bedeutet, und selbst wenn er etwas Kluges aussagen würde, ist der Vertreter dieser Meinung vom Selbsteinschluss betroffen. Da gibt es kein Entkommen, auch mit dem Talisman "analytisch" nicht. "Es gibt keine validen Aussagen zur Realität" ist ein ähnliches Unding, denn hier wird angenommen, dass spekulativ-theoretische Feststellungen wie diese irgendwie "neben" der Wirklichkeit geschehen. Herr Rorty zweifelt ja im Interview nicht im geringsten daran, dass seine Abweisung der Objektivität eine ziemlich "akkurate Sicht" - also ziemlich "wirklich wahr" - ist, aber eben, irgendwie unter oder über der Ebene der Wirklichkeit. Anders bringen wir die Gedanken nicht auf eine Reihe. Das unüberhörbare Sprechen einiger Sprachphilosophen drückt manchmal ein filigranes Wirrwarr aus, wenn man wie wir die Frechheit hat, akribisch zu sein und hinter die Fassade zu gucken. Scheinbar "genialisch", aber eben völlig inkonsequent in der Ausführung des Gedankens. Die letzte Konsequenz fehlt dann meistens, unter anderem die eminent wichtige Frage nach einem möglichen Selbsteinschluss. Wenn ich feststelle, dass es hier und jetzt regnet, werde ich auch nass. Logisch.

RH - Ja, da bin ich mit Ihnen einig. Ich erinnere mich an Herrn Rortys Beispiel mit den echten und gefälschten Rolex-Uhren. Dieses Beispiel dürfte Sie als Schweizer noch mehr beflügeln.

MR - Ja, man kann meine Flügel förmlich wachsen hören! Hören Sie es auch? Nein, im Ernst - das Beispiel mit der Armbanduhr ist bezeichnend, denn gefälschte Ware ist auch Ware. Dieses Beispiel eignet sich überhaupt nicht um Realität von Irrealität zu unterscheiden, wenn man denn das will. (Da würde uns Platon viel besser helfen als Richard Rorty, denn von "Stufen der Wirklichkeit, der Reinheit, der Echtheit" zu sprechen, ist intuitiv sofort verständlich.) Bezüglich der beiden Königskategorien der Metaphysik möchte ich hinzufügen, dass sich Spiritualismus und Materialismus in einer gut vertretbaren idealistischen Sicht (im Anschluss an Aristoteles) etwa so verhalten, wie die fertig hergestellte Rolex-Uhr zu ihrem "Bauplan", der sowohl logisch als auch historisch ist, aber zuerst irgendwie als allgemeine "Startidee" vorhanden sein muss, bevor etwas mehr geschehen kann. Eine interessante Anschlussfrage wäre, wo denn genau die Mängel einer gefälschten Rolex liegen: im fertigen Produkt, im Material, in einem fehlerhaften Bauplan, oder haben wir es vorwiegend mit einem moralischen Defizit zu tun? Die Antwort darauf ist ein empirischer Befund (der Vergleich durch den Fachmann), nicht ein universaler a priori-Satz.

RH - Ja, ich folge Ihrem Gedankengang, möchte aber in Abrede stellen, dass die klassische Metaphysik für unsere Zeit noch aussagekräftig ist.

MR - Das ist das Argument mit dem Aktualitätsbezug, das gerne gegen Weltreligionen vorgebracht wird, was leicht zu einer sarkastischen Reaktion meinerseits führen kann. Man setze sich in den Stuhl und öffne einmal eine Zeitung - da kann der Leser aber blitzschnell feststellen, wie viel Aktualität den drei Buchreligionen nach wie vor zukommt (ohne Wertung meinerseits). Bezüglich der antiken Philosophie als gemeinsame Vorfahrin der späteren westlichen Philosophien und der spezialisierten Wissenschaften will ich ein weiteres Mal betonen, dass Glaube und Geschmack strikte Privatangelegenheiten sind, und keine Argumente. Herr Rorty darf etwas "nicht glauben" oder etwas "nicht interessant" finden (zum Beispiel die "klischeehaften" Themen der abendländischen Philosophie, wenn er das im Interview von 2005 wirklich so gedankenlos hinwerfen wollte). Bedauerlicherweise sind persönliche Äusserungen zu eigenen psychologischen Befindlichkeiten etwas mit der Verbindlichkeit Null. Das fühlende Individuum hat natürlich das Recht, seinem Seelenleben Ausdruck zu verleihen, keine Frage. Nur gibt es kein "Rortius dixit", welchem mehr Gewicht beizumessen wäre als einem ganz oder halbwegs durchdachten Argument, das heutzutage von einem Nobody im Netz veröffentlicht wird.

RH - Ha, das ist ein feines Beispiel von Selbstironie! Zum Abschluss würde ich noch gerne etwas zum Begriff der Kritik "an sich" hören. Täusche ich mich, oder verstehen Sie "Kritik" anders als die meisten Intellektuellen in- und ausserhalb von Hochschulen?

MR - Ja und Nein. Politisch-ideologisch gesehen stand ich dem verwässerten Marxismus seit jeher skeptisch gegenüber, weil er mir nicht minder religiös vorkommt als dieses Unding Marxismus-Leninismus (gut gegen böse, und wir sind die Guten), aber markant weniger geistige Substanz oder intellektuelle Energie vorzuweisen hat als die Schriften von Marx und Engels (oder von Russen wie Bakunin, Herzen und Tolstoj). Abgesehen vom subjektiv-ideologischen Gesichtspunkt eines Kritikers gibt es eine objektive Ebene der Bewertung: saubere und unsaubere Argumentationstechniken, die prinzipiell von allen festgestellt werden können. Unfair und stark verkürzt sind im Allgemeinen Radikalkritiken, die entweder die Destruktion des bestehenden kulturellen Inventars, oder die wundersame Kreation eines andersartigen Denk- und Schaffensstils sein wollen - etwas, was mich zuweilen an den neuen Sowjetmenschen "ohne Vergangenheit", also mit gesäuberten Gehirnwindungen erinnert. Wer kann so etwas ernst nehmen? Hybris im besten Fall, Eitelkeit im Normalfall, Dummheit im dümmsten Fall. Abgesehen von Nietzsche und Bakunin fallen mir keine Autoren ein, die mit einer solchen anarchistischen Einstellung etwas Lesenswertes publiziert hätten. Wie sieht eine professionelle philosophische Kritik aus? So etwa war Ihre Frage, nicht wahr. Nun, ich antworte wieder mit einer kleinen Liste, wenn Sie erlauben: Schritt 1 ist, das zu Kritisierende zu verstehen. Schritt 2, das Verstandene immanent (von den eigenen Voraussetzungen aus) zu analysieren. Schritt 3 wäre, Systemkonformität festzustellen, und etwaige Widersprüche und offene Fragen sorgfältig herauszuarbeiten. Schritt 4 wäre dann eine immanente, also gut informierte Kritik (erst jetzt, nicht schon am Anfang). Schritt 5 kann in Vorschlägen für systematische Verbesserungen bestehen, oder im Aufzeigen von besseren Theorien in Geschichte und Gegenwart. Man sieht, der Philosophenberuf ist ganz schön anstrengend, ausser man gesellt sich zu den pseudorevolutionären Totalkritikern, die unter modischen Namen segeln und den Wind mit Propellern erzeugen. Wenn man sich Zeit nimmt für antike, mittelalterliche und neuzeitliche (vor allem Barock und beginnende Aufklärung) Theorien und Denkschulen, kann man feststellen, dass das Gebotene zu allen Zeiten ziemlich harmonisch und vollständig ist, so gut es eben von einer bestimmten theoretischen Warte aus geht. Man muss sich geistig schon sehr anstrengen, um etwas Wertvolles an Kritik beitragen zu können. Es genügt nicht, alles, was man mag "Aufklärung" zu nennen, und alles was man nicht mag (und nicht versteht) "Mittelalter". Übrigens finde ich das 13. Jahrhundert eine überaus faszinierende Zeit, weit abenteuerlicher und lehrreicher als das populäre Zeitalter der Aufklärung. Bitte fassen Sie das nicht als Provokation auf. Wir Menschen sind halt verschieden.

RH - Alles in Ordnung. Sie haben sich klar und korrekt ausgedrückt. Lieber Herr Roggo, ich bedanke mich recht herzlich für das Interesse, das mein Gespräch mit Herrn Rorty vor vierzehn Jahren in Ihnen geweckt hat und hoffe, dass unsere zwar phasenverschobene, aber dennoch höchst anregende Debatte an anderem Ort weitergeführt werden kann.


 (1) Interview mit Richard Rorty: "Die Demokratie hat mehr zum Glück beigetragen als Buddha" (sic.) in der NZZ vom 16. Februar 2019, S. 44-45.

(2) Beiträge von A. Hügli und O. Höffe zu Karl Jaspers 50. Todestag in der NZZ vom 23. Februar 2019, S. 44-47. Ich hatte das Vergnügen, mit beiden inzwischen emeritierten Philosophieprofessoren kurz zu sprechen, als ich in Basel Student war. Später, als Doktorand in Bern auch mit Herrn Dr. phil. Hans Saner, in dessen privater Bibliothek in Basel, wo dieser hervorragende, feine Mensch und Denker handnotierte Bände von Jaspers aufbewahrt.