Blogbeitrag von Jelscha Schmid

Philosophie der Psychiatrie

Jeder und jede von uns hat schon mal oder wird irgendwann einmal mit einem Menschen konfrontiert sein, dessen psychische Probleme den Bereich des »Normalen« überschreiten.

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Jeder und jede von uns hat schon mal oder wird irgendwann einmal mit einem Menschen konfrontiert sein, dessen psychische Probleme den Bereich des »Normalen« überschreiten. Die Erfahrung eines Menschen, welcher Stimmen hört, die ich nicht höre, der unendlich traurig, antriebslos ist und durch nichts zu motivieren ist oder ohne Unterbruch scheinbar unzusammenhängende Monologe führt, ist eine Erfahrung des Bruchs für uns - sie bringt uns an eine Grenze der Erklärungsmöglichkeit. Der oder die Andere erscheint fremd für uns, etwas an seinem oder ihrem Verhalten ist für uns nicht nachvollziehbar, eine komplette, verstehende Einfühlung in den psychisch kranken Menschen bleibt uns verstellt. Was leistet nun eine philosophische Reflexion über diesen Bereich des menschlichen Lebens, was leistet sie über Psychiatrie und Psychologie hinaus?

Bereits im ersten Satz dieses Textes werden wichtige Bereiche der philosophischen Debatte um psychische Krankheiten implizit angesprochen; es gehört zu deren zentralen Leistungen solche impliziten Annahmen explizit zu machen und sie einer Prüfung zu unterziehen. Um eine Aussage wie im ersten Satz dieses Textes machen zu können, muss vorerst gezeigt werden, was den Bereich des Normalen ausmacht, wo die Grenze zum Abnormalen liegt, wie sie sich bestimmen lässt und weiter auch ob alles, was nicht »normal« ist, sogleich zum Bereich der Krankheit gehört. Wir können uns etwa fragen, ob eine Person, die immer wieder die Stimme ihres »Schutzengels« hört und von dieser im Leben angeleitet wird, diese aber als positiv und nicht störend wahrnimmt, tatsächlich gestört oder krank ist. In dieser Frage zeigt sich wiederum eine weitere Hauptausrichtung der Debatte der Philosophie der Psychiatrie – wie definieren wir psychische Gesundheit? Ist diese ein biologisch feststellbarer Zustand gleich einem funktionsfähigen Herz? Oder geht es eher um die Fragen eines guten psychischen Lebens, also die Frage nach gewissen Normen, die erfüllt sein müssen, um als gesund gelten zu dürfen? Wer definiert diese Normen, sind sie common sense, werden sie uns durch Naturwissenschaft, durch Politik, durch Geschichte vermittelt – ist also eine Person, die angenehme Stimmen hört, psychisch krank, nur weil die meisten von uns dies als seltsam oder abnormal empfinden? Ist nicht vielmehr mit einzubeziehen, ob die Person ihr Leben als dadurch eingeschränkt wahrnimmt? Was wiederum geschieht mit Personen, die sich im manischen Zustand extrem gut fühlen, durch ihr Verhalten jedoch nicht mehr am gesellschaftlichen Kontext teilhaben können und dabei sich und andere durch ihr Verhalten schädigen – hier scheint wieder ein anderes Kriterium als das der subjektiven Einschätzung gefragt zu sein, um das Gesunde vom Kranken zu unterscheiden.

Es scheint, als ob es sich bei den Kriterien, die zur Definition oder Diagnose einer psychischen Krankheit führen um Normen handelt und nicht um Fakten an denen eine psychische Krankheit immer ablesbar wäre (wie etwa ein Naturgesetz). Diejenigen Kriterien und Begriffe, welche zur Bestimmung von psychischen Krankheiten verwendet werden, enthalten gewisse anthropologischen Annahmen, welche über das Wesen der menschlichen Psyche oder Menschen überhaupt gemacht werden, was die Forderung (wie aktuell gerade von Andreas Heinz in Begriff der Psychischen Krankheit vertreten) nach einem Explizit-Machen dieser anthropologischen Annahmen legitimiert. Es liegt im Geschäft der Philosophie, zu fragen, welche Annahmen über den menschlichen Geist unserem Konzept von Gesundheit und Normalität unterliegen. Normen stellen anders als Fakten einen Anspruch an uns, es geht ein Sollen von ihnen aus – es ist unter Anderem Aufgabe einer philosophischen Reflexion, solche Ansprüche auf ihre Gültigkeit zu prüfen und zu eruieren, ob diejenigen Annahmen über das menschliche Leben, die dem Krankheitsbegriff unterliegen, tatsächlich dem Wesen dieses Lebens gerecht werden.

Eine wichtige Unterdiskussion zeigt sich auch in der Definition dieser Krankheiten als spezifisch psychische Krankheiten – es steht nach wie vor zur Debatte, ob sogenannt psychische Krankheiten eigentlich auf »körperliche« Krankheiten zu reduzieren seien, also auf neurologische Dysfunktionen, womit auf einen Dualismus zwischen Physischem und Psychischem verzichtet würde. Dagegen wird immer wieder angeführt, dass für die meisten psychischen Krankheiten keine stabilen und eindeutigen neurologische Korrelate ausgemacht werden können, womit ein sogenannt »reduktionistischen« Modell nur wenig erklärt. Zudem spricht gegen eine biologische Erklärung der psychischen Krankheit, dass sie den Erfahrungsgehalt einer psychischen Störung nur unzureichend erfassen kann. Unter dem Erfahrungsgehalt wird sowohl meine Erfahrung einer anderen Person mit psychischer Störung, als auch die Erfahrung dieser Personen selbst verstanden. Es ist auch Aufgabe der Philosophie, diesen Erfahrungsinhalten Ausdruck zu verleihen, sie zu beschreiben, ohne dabei schon vorbelastete Begriffe der verschiedenen Debatten zu benutzen, da diese bereits schon eine gewisse Wertung in diese Erfahrungen hineinbringen. Dieser Zweig der Schnittstelle um Philosophie und Psychiatrie steht vielleicht am Engsten im Zusammenhang mit unserem Alltag. Die Bemühungen dieses Bereichs zielen darauf ab, die Begegnungen mit psychischen Krankheiten oder Störungen, die jeder von uns haben könnte, in einem Vokabular zu erklären, welches sich nur aus dieser Begegnung ergibt und nicht schon implizite Annahmen aus anderen Diskussionen in sich trägt. Beispielhaft wären etwa Edmund Husserls Ausführungen zum Verstehen des Anderen (zur anderen Person): Weist dieser Andere eine psychische »Anomalität« auf, scheitert der Versuch einer Einfühlung. Ich kann den Anderen nicht in Analogie zu mir selbst verstehen, und er oder sie bleibt dunkel für mich, mein Versuch des Verstehens und Miteinbeziehens in eine gemeinsame Welt stellt eine Erfahrung des Bruchs dar.

Eine philosophische Diskussion über Psychopathologien bewegt sich also teils sehr nahe an den Erkenntnissen der Wissenschaft der Psychiatrie selbst und doch hat sie ihr eigenes Gebiet, wenn sie psychische Krankheit als auf die Grundkondition des Menschseins verweisend ansieht. Zuletzt ist es doch interessant, dass sowohl Philosophie als auch Psychiatrie (und auch Psychologie) zur Vermittlung und auch zum Gewinn von Erkenntnis bei der gleichen Praxis angesetzt haben: beim Dialog.

 

Über die Autorin

Beitrag von Jelscha Schmid, BA in Philosophy