Blogbeitrag von Reto Gubelmann

Philosophie als empirische Wissenschaft?

Welche Gegenstände hat die Philosophie? Anders gefragt: Welche Themen lassen sich philosophisch abhandeln?

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Diese Frage ist einerseits so alt wie die Philosophie selbst; andererseits hat sie durch das Werk von Immanuel Kant eine spezifisch moderne Prägung erfahren. Ein bedeutender Teil von Kants Kritik der reinen Vernunft wird darauf verwendet, zu argumentieren, dass drei traditionelle philosophische Gegenstände – Gott, die Seele und das Weltganze – keine philosophischen Gegenstände im eigentlichen Sinn sein können.

Kant argumentiert für diese These hauptsächlich dadurch, indem er zu zeigen versucht, dass sich unser Denken aus der blossen Beschäftigung mit diesen Gegenständen in Widersprüche verwickelt. Nach Kant sind diese Widersprüche nicht die Folge von fehlgeleiteten Überlegungen oder von unausgegorenen Behauptungen, sondern vielmehr eine Konsequenz daraus, dass sich unser Denken mit Ideen beschäftigt, die wir unmöglich begreifen können. Dieser für ihn verfehlten, traditionellen Metaphysik stellt Kant seinen eigenen Vorschlag gegenüber. Dieser zieht in Betracht, dass unsere Vorstellung davon, wie Philosophie betrieben werden sollte und welche Grenzen der philosophischen Erkenntnis gesetzt sind (also unsere Vorstellung von der Methode und der Epistemologie der Philosophie), unsere Vorstellung vom Gegenstandsbereich philosophischen Denkens vorformt.

Eine bedeutende Strömung innerhalb der zeitgenössischen englischsprachigen Philosophie vertritt die These, dass Philosophie in derselben Weise betrieben werden sollte wie Naturwissenschaft oder empirische Wissenschaft. Gemäss dieser Ansicht gibt es keinen prinzipiellen methodischen Unterschied zwischen empirischer Wissenschaft und Philosophie. Vertreterinnen dieser Position werden üblicherweise als (methodologische) Naturalistinnen bezeichnet. Die Art, wie die Debatte über den Naturalismus geführt wird, zeigt interessante Parallelen zu Kants Kritik der reinen Vernunft. Insbesondere wird Naturalisten häufig vorgeworfen, dass es für sie unmöglich sei, normative Fragen zu diskutieren, da dies in einen Widerspruch mit ihrer Methodologie münden würde. Normative Fragen sind solche, die sich darum drehen, ob etwas so oder anders sein soll – und gerade nicht, ob etwas so oder anders ist.

Im Folgenden sollen die strukturellen Momente dieser Art von Debatte an einem anderen Beispiel veranschaulicht werden, nämlich an der Frage, ob Naturalistinnen eine Antwort auf die folgende Frage geben können: Was ist empirische Wissenschaft? Das ist natürlich gerade für Naturalisten eine wichtige Frage, da sie bekanntlich empfehlen, Philosophie in wissenschaftlicher Manier zu betreiben. Zudem ergibt sich eine interessante Selbst-Bezüglichkeit, wenn Naturalistinnen versuchen, diese Frage zu beantworten. Da sie Philosophie als empirische Wissenschaft betreiben wollen, sind sie verpflichtet, ihre Antwort auf die genannte Frage selbst in empirischer Weise zu entwickeln. Diese Art von Selbst-Bezüglichkeit ist typisch für die naturalistische Wissenschaftstheorie: Jede ihrer Behauptungen ist ihrem Anspruch nach gleichzeitig eine Behauptung über empirische Wissenschaft und eine empirisch-wissenschaftliche Behauptung.

Nun aber zur Beantwortung der Frage: Was ist empirische Wissenschaft?  Eine traditionell sehr populäre Antwort ist in etwa die folgende: Empirische Wissenschaft zeichnet sich dadurch aus, dass ihre Behauptungen in einem hinreichend spezifischen Sinne empirisch verifizierbar sind. Häufig wird damit auch eine Wertung verbunden: Naturwissenschaftliche Theorien sind gerade deshalb besonders vertrauenswürdig, weil sie einer erbarmungslosen Batterie empirischer Tests stand gehalten haben. Diese Auffassung wurde zwar von Thomas Kuhns epochemachender historisch-soziologischer Analyse des wissenschaftlichen Fortgangs arg herausgefordert, doch sie ist immer noch attraktiv, und sie wird gerade von Naturalistinnen häufig vertreten. Insbesondere war der Gründer des zeitgenössischen Naturalismus, Willard Van Orman Quine, ein überzeugter Anhänger dieses empiristischen Wissenschaftsbegriffs. Allerdings lässt sich zeigen, dass der Akt, die Spielregeln der naturwissenschaftlichen Tätigkeit in diesem empiristischen Sinne festzulegen, selbst kein Akt ist, der den so spezifizierten Spielregeln gehorcht. Anders ausgedrückt: Die Festlegung, dass Naturwissenschaft darin besteht, empirisch überprüfbare Aussagen und Theorien vorzuschlagen (und rigoros zu testen), ist selbst nicht empirisch überprüfbar und deshalb nach diesem Kriterium keine naturwissenschaftliche Aussage.

Abschliessend sei die Frage gestellt, was genau sich aus derartigen Untersuchungen ergibt. Sie widerlegen die naturalistische Position nicht. Doch sie leisten einen Beitrag zur Bestimmung ihrer Grenzen: Naturalisten sind nicht in der Lage, genau zu bestimmen, was es bedeutet, in empirischer Manier vorzugehen. Prinzipiell steht den Naturalistinnen angesichts dieser Einsicht der kantische Weg offen: Sie können argumentieren, dass die Beantwortung dieser Frage sowieso zu nichts führen würde, weil sie unsere denkerischen Fähigkeiten übersteigt. Allerdings betrifft diese Frage, anders als im Falle von Kants Ablehnung von Gott, der Seele und des Weltganzen als philosophische Gegenstände, das philosophische Selbstbewusstsein der Naturalistin im Kern.

 

Über den Autor

Beitrag von Reto Gubelmann, Universität Zürich