Blogbeitrag von Prof. Dr. Dr. Claus Beisbart, Universität Bern

Meine sieben Sachen

In einer Zeitung stand kürzlich, dass jede Person, die in Europa lebt, etwa 10.000 Dinge besitzt. Wirklich?

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Zunächst kann ich es kaum glauben. Dann aber will ich es wissen und versuche, meine sprichwörtlichen Siebensachen zu zählen. Ich beginne mit den Kleidungsstücken im grossen Schrank. Um ganz systematisch zu sein, gehe ich die Kleiderstange von rechts nach links durch. Da hängt zunächst der neue Anzug. „Eins“ zähle ich, aber schon stutze ich. Der Anzug besteht doch aus Jacke und Hose. Haben wir es also nicht eigentlich mit zwei Dingen zu tun? Oder sogar mit dreien, nämlich der Jacke, der Hose und dazu dem Anzug?

Während ich noch überlege, fällt mein Blick auf ein Loch in der Hose. Ich bin zunächst erschrocken, muss dann aber schmunzeln. Denn wenn ich das Loch zähle, dann habe ich noch einen Gegenstand mehr. Sicher, eigentlich ist das Loch nichts; aber nicht jeder hat eine Hose mit Loch, und wenn ich eine Hose mit Loch habe, dann habe ich ja wohl auch ein Loch. Vielleicht, schiesst es mir den Kopf, haben die Leute in Europa nur so viele Dinge, weil sie so viele Löcher haben.

Jacke wie Hose, sprich: völlig egal ist es oft, ob wir mit einem Anzug eins, zwei oder drei Dinge besitzen. Dennoch, wenn ich wissen will, wie viele Dinge ich habe, dann muss ich wissen, wie ich den Anzug in Rechnung stelle. Wie kann ich also herausfinden, wie der Anzug mit seinen Teilen zu zählen ist? Ich erinnere mich, dass ich auf dem Weg zur Arbeit immer an einer Reinigung vorbeikomme, die damit wirbt, drei Wäschestücke für 15 Franken zu reinigen. Vielleicht sollte ich dort einmal mit meinem Anzug vorsprechen. Sicher zählt der Anzug da allenfalls als zwei Kleidungsstücke. Es wäre doch schon seltsam, wenn ich Anzugjacke und -hose über den Tresen reichen würde und dann die Antwort erhielte: „Halt, Sie haben mir schon drei Kleidungsstücke gegeben.“ Schliesslich macht der Anzug über die Hose und die Jacke hinaus nicht mehr Arbeit, als es schon Hose und Jacke machen. Das Loch würde die Reinigung wohl auch nicht zählen, denn es macht auch keine Arbeit (ausser man wollte es stopfen). Aber ob der Anzug als ein oder zwei Kleidungsstücke und damit Dinge zählen würde, ist immer noch nicht klar.

Meine Dinge zu zählen ist also nicht so einfach. Dabei habe ich mit dem Anzug noch mit dem eher Handgreiflichen begonnen. Schwieriger dürfte es mit den Schweizer Franken auf dem Bankkonto und den Dateien in meinem Computer werden – zählt da jeder Rappen, zählt jedes Wort, das ich in eine Datei geschrieben habe? Aber bleiben wir mal bei materiellen Gegenständen. Die sind ja offenbar schon schwierig genug zu zählen. Wie viele davon habe ich?

Die Antwort auf die Frage hängt davon ab, was als Dinge, genauer als materieller Gegenstand zählt. Welchen Kriterien muss etwas genügen, um als materielles Ding zu gelten? Das ist nun eine philosophische Frage. Wenigstens haben sich Philosophen damit beschäftigt. Die philosophische Teildisziplin, die sich den Dingen widmet, heisst Ontologie.

Nicht alles ist ein Ding, nicht einmal in der materiellen Welt. Hitze ist zum Beispiel kein Ding. Wenn wir von einer bestimmten Hitze sprechen, dann muss es etwas geben, das heiss ist. Vielleicht ist es die sprichwörtliche heisse Luft, das Wasser oder die Pizza, die frisch aus dem Backofen kommt. Hitze ist also eine Eigenschaft, die Dingen zukommen kann. Umgekehrt sind Dinge die Träger von Eigenschaften.

Oder nehmen wir an, ich nehme ein T-Shirt aus meinem Kleiderschrank und schreibe mit einem Filzstift darauf „Ding Nr. 7“. Das Beschreiben des T-Shirts ist kein Ding. Es ist vielmehr ein Ereignis oder ein Prozess. Und insofern ich dabei etwas absichtsvoll tue, reden wir über eine Handlung von mir. Diese Handlung, das Ereignis spielt sich zwar am T-Shirt, und damit an einem Ding ab. Aber sie ist kein Ding.

Wir unterscheiden also Dinge von ihren Eigenschaften und von Prozessen. Was aber hebt Dinge von Eigenschaften und Prozessen ab? Unser Alltagsverständnis von Dingen legt uns zwei wichtige Kriterien nahe:

Ein erstes Charakteristikum von materiellen Dingen ist, dass sie im Raum lokalisierbar sind. Jedes Ding hat zu jedem Augenblick einen bestimmten Ort, an dem es sich befindet. Dort nimmt es etwas Raum ein. Mein Anzug ist zum Beispiel gerade im Kleiderschrank, wo er anderen Dingen Raum wegnimmt. Weil ein Ding etwas Raum einnimmt, hat es eine räumliche Grenze. Was innerhalb der Grenze liegt, gehört zum Gegenstand; was ausserhalb ist, gehört seiner Umgebung an. Die Lokalisierbarkeit unterscheidet materielle Gegenstände von Eigenschaften. Die Eigenschaft blau zu sein kommt dem Anzug zu, der rechts in meinem Schrank hängt, aber auch anderen Anzügen. Die Eigenschaft ist überspitzt gesagt überall und nirgends.

Dinge sind zweitens etwas Stabiles. Sie bestehen ein Stück weit durch die Zeit hindurch. So kann ich morgen den Kleiderschrank wieder öffnen. Rechts dürfte dann vermutlich immer noch ein Anzug hängen, und dieser Anzug wäre derselbe wie der, den ich eben betrachtet habe. Und auch wenn ich nicht in den Kleiderschrank schaue, ist dort der Anzug, ausser jemand hat ihn aus dem Schrank genommen. So wenigstens denken wir über Dinge. Prozesse können zwar auch eine Weile dauern, aber ihr Dauern muss nicht darin bestehen, dass eine bestimmte materielle Grundlage fortbesteht. Ein Feuerwerk zum Beispiel besteht darin, dass nacheinander viele Raketen abgebrannt werden.

Damit weiss ich nun immerhin, dass die Bläue meines Anzugs kein Ding ist. Vermutlich ist auch das Loch in der Hose kein Ding, sondern eine Eigenschaft der Hose. Aber ich weiss noch immer nicht, wie viele Dinge sich auf dem Bügel rechts im Kleiderschrank befinden.

Wenn wir nochmal an die Reinigung denken, dann gibt es vielleicht irgendwo Kleingedrucktes, aus dem hervorgeht, was dort als Kleidungsstück zählt. Aber eine andere Reinigung könnte ein ähnliches Angebot machen und dabei anders zählen als die erste Reinigung. Natürlich kann man nicht mit dem Spruch „Drei Stücke für 15 Franken“ werben und dann Löcher zählen. Insofern werden die Zählweisen der Reinigungen bestimmte Gemeinsamkeiten aufweisen. Aber ein Stück weit können sie sich schon unterscheiden, ohne dass wir sagen könnten, die eine oder andere Reinigung müsse etwas falsch machen.

Wie wir Kleidungsstücke zählen, ist also manchmal eine Sache von Entscheidungen oder auch von Konventionen. Das gilt noch mehr für Dinge im Allgemeinen. Für bestimmte Lebensbereiche, in bestimmten Lebenskontexten kann man Regeln formulieren, wie wir Dinge zählen. Diese Regeln gelten aber nicht mehr in anderen Kontexten. Manchmal gibt es sogar für einen Lebensbereich unterschiedliche Konventionen, wie das Beispiel der beiden Reinigungen zeigt. Die Aussage, wir besässen in Europa pro Kopf etwa 10.000 Dinge, muss auch auf einer Entscheidung beruhen, auf eine ganz bestimmte Weise zu zählen.

Aber haben wir es hier wirklich nur mit Entscheidungen und Konventionen zu tun? Natürlich zählen wir im Alltag mal so und mal so, könnte man einwenden, aber letztlich muss es doch eine ultimative Wahrheit darüber geben, wie viele Dinge sich in der Welt befinden. Dazu müssen wir vielleicht den Alltag mit seinen Anzügen und Reinigungen verlassen und uns wissenschaftlichen Erkenntnissen zuwenden.

So wissen wir zum Beispiel, dass sich die materiellen Gegenstände, mit denen wir es im Alltag zu tun haben, teilen lassen. Sie setzen sich aus materiellen Teilen zusammen. Diese lassen sich meist weiter teilen. In der Physik versucht man daher, die kleinsten Bestandteile aller Materie zu identifizieren. Heute gelten z.B. Quarks und Elektronen als Elementarteilchen, also als kleinste Gegenstände, aus denen sich die anderen materiellen Gegenstände zusammensetzen. Sollten wir daher nicht einfach sagen, nur die Elementarteilchen seien wirklich Dinge? Wäre es nicht höchst wissenschaftlich und objektiv, wenn wir nur noch Elementarteilchen zusammenzählen würden, um eine Anzahl von Dingen zu bestimmen? Ausserdem würde uns das natürlich reicher machen. Jeder von uns würde dann eine gigantische Zahl von Dingen besitzen. Die Zahl meiner Siebensachen hätte mindestens 25 Nullen: 10.000.000.000.000.000.000.000.000 Dinge könnte ich mein eigen nennen.

Aber auch dieser Vorschlag ist mit Schwierigkeiten verbunden. Ein Problem ist, dass wir gar nicht so recht wissen, ob die sog. Elementarteilchen in Wirklichkeit nicht weiter teilbar sind. Vielleicht entdecken die Physikerinnen und Physiker eines Tages, dass auch die Quarks aus noch kleineren Teilchen zusammengesetzt sind. Und gibt es überhaupt allerkleinste Teilchen, aus denen alles aufgebaut ist? Könnte es nicht sein, dass sich immer noch kleinere Teilchen finden lassen, aus denen die bisher angeblich kleinsten Teilchen zusammengesetzt sind? Immanuel Kant untersuchte diese Frage und gelangte zur Auffassung, dass wir die Frage niemals beantworten können. Die Antwort müsse für uns immer unbestimmt bleiben.

Ein anderes Problem besteht darin, dass einige der kleinsten Teilchen, die wir heute kennen, nämlich die Quarks, nur in bestimmten Kombinationen mehrerer Quarks vorkommen. Isolierte Quarks hat man bisher nicht nachweisen können. Aber warum sollten wir Dinge in unsere Zählung aufnehmen, die immer nur im Kombipack auftreten?

Schliesslich ist auch noch fraglich, ob die kleinsten Teilchen, welche die heutige Physik annimmt, überhaupt den Bedingungen für Dinge genügen, die wir oben aufgestellt haben. So werden Elektronen und Quarks ja im Rahmen der berühmt-berüchtigten Quantenmechanik beschrieben. Dabei ordnet man z.B. einem Elektron eine Wellenfunktion zu. Diese erstreckt sich aber im Prinzip über den gesamten Raum. Eine klare Grenze zwischen Innen und Aussen des Elektrons scheint es dann nicht mehr zu geben. Wenigstens müsste man durch eine genauere Interpretation der Quantenmechanik herausfinden, ob die Elektronen noch Dinge im althergebrachten Sinne sind.

Die Frage, wie viele materielle Gegenstände es gibt, kann man also nicht so einfach unter Rekurs auf die heutige Physik beantworten. Die Physik gibt uns sicher neue Möglichkeiten, Dinge zu zählen, aber ob das zu einer ultimativen physikalisch motivierten „Volkszählung“ aller Dinge führt, ist unklar. Allgemeiner gilt: Die Fragen, welchen Kriterien Dinge genügen müssen und wie viele Dinge es gibt, sind nicht Gegenstand einer modernen Einzelwissenschaft. Jede Disziplin hat ihre eigene Weise, die Gegenstände zu betrachten und zu zählen, die sie interessieren. Für eine übergreifende Perspektive braucht es die Philosophie. Jemand, der prominent über Dinge und ihre Anzahl nachgedacht hat, ist der amerikanische Philosoph Peter van Inwagen. 1990 erschien sein Buch „Material Beings“. Van Inwagen vertritt darin eine sehr eigenartige Ansicht. Ihr zufolge sind Jacken, Hosen und Schränke nicht wirklich Dinge. Im sichtbaren Bereich gehören für den Philosophen nur Lebewesen zu den Dingen.

Ich schliesse den Kleiderschrank. Ich weiss nicht, wie viele Dinge ich habe. Ich weiss nicht einmal so recht, wie viele Kleidungsstücke sich auf dem Bügel ganz rechts befinden. Aber ich bin reicher geworden. Nicht um ca. 10.000.000.000.000.000.000.000.000 Quarks und Elektronen, über die ich mir vorher nie Gedanken gemacht hatte. Sondern reicher um eine Erkenntnis: Was mir gehört, allgemeiner: was es gibt, kann ich aus ganz unterschiedlichen Perspektiven in den Blick nehmen. Reicher bin ich auch um neue Perspektiven selbst geworden, mit denen ich die Dinge der Welt betrachten und zählen kann. Und ich weiss nun, dass selbst mein Kleiderschrank philosophische Fragen birgt. Philosophie fängt im Alltag an.