Blogbeitrag von Catherine Buchmüller-Codoni, Universität Fribourg

Mehrsprachigkeit: Hindernis oder Chance für die Demokratie?

Wir haben die Vorstellung, ein demokratischer Staat habe eine oder ein paar wenige Amtssprachen. Die Europäische Union ist mit 24 Amtssprachen der Sonderfall, der uns zwingt danach zu fragen, wie viele Sprachen Demokratie verträgt.

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Wir haben die Vorstellung, ein demokratischer Staat habe eine oder ein paar wenige Amtssprachen. Die Europäische Union ist mit 24 Amtssprachen der Sonderfall, der uns zwingt danach zu fragen, wie viele Sprachen Demokratie verträgt.

In der EU bestimmen die Mitgliedstaaten, in welche Sprachen für sie übersetzt werden soll, gewöhnlich sind es die Landessprachen. Da aber jede der 24 Sprachen in 23 andere übersetzt werden muss, greift man auf ein Relaissystem zurück. Aus allen Sprachen wird in eine der sechs Relaissprachen übersetzt und aus diesen in die Zielsprachen. Dies spart Kosten und Aufwand.1 Aber EU-Parlamentarier kleiner Sprachgemeinschaften müssen länger auf Übersetzungen warten als Sprecher der Relaissprachen Englisch oder Französisch. Auch sind Übersetzungsfehler Ursache von Missverständnissen. In Debatten im Parlament entstehen durch das Dolmetschen Pausen und Abgeordnete können sich nicht spontan äussern. Eine Sprache erscheint daher billiger, effizienter und fairer, denn sie gewährleistet gleiche Vorbereitungszeiten und direkte Interventionen während Debatten.2 Dabei ist Englisch als verbreitetste Fremdsprache innerhalb der EU die erste Wahl.3

Die EU hält aber an der Mehrsprachigkeit fest. Die Mitglieder sollen ihre Bürger zum Erlernen von Fremdsprachen motivieren und so den Zusammenhalt der EU stärken.4 Die Gegner meinen, Menschen würden dazu genötigt, Sprachen zu lernen, die sie nicht brauchten, da auf dem Arbeitsmarkt nur Englisch zählt.5 Englisch scheint die Wahl der Bürger selbst zu sein, da es die am häufigsten erlernte Fremdsprache ist. Es würde alles vereinfachen und den Zusammenhalt der EU ebenfalls stärken. Darf man aber davon ausgehen, dass alle Bürger und Abgeordneten6 die Möglichkeit haben, das Englische soweit zu vertiefen, dass sie komplexe Sachverhalte, wie sie auf EU-Ebene verhandelt werden, diskutieren können?

Die EU unterliegt demokratischen Prinzipien. Jeder Bürger hat das Recht zu wählen und sich zur Wahl zu stellen.7 Es verbietet sich, diese Rechte an das Bildungsniveau des einzelnen zu knüpfen.8 Nicht englischsprechende Abgeordnete könnten in einem englischsprachigen Umfeld die Interessen ihrer Wähler nicht wahrnehmen. Einzelne schlagen vor, ELF (Englisch als lingua franca) zu entwickeln, eine vereinfachte Form des Standardenglischen, die auf EU-Ebene gesprochen werden und das Sprachenlernen erleichtern soll.9 Ob diese Sprache, Kritiker nennen sie spöttisch BSE (Bad Simple English)10, der Komplexität der EU-Inhalte genügen würde, darf bezweifelt werden.

Wären aber die Folgen der Einführung einer lingua franca für die EU, die unter dem Ruf leidet, ein elitäres Gebilde zu sein, zu verkraften? Umfragen und die Beteiligung an Europawahlen zeigen, dass sich die Bürger kaum für die EU interessieren, oft gar nicht sehen, inwieweit sie solche Entscheidungen betreffen.11 Solange in ihrer Sprache Informationen zur Verfügung stehen und die Abgeordneten ihr Mandat wahrnehmen können, besteht die Hoffnung, dass die Bürger mit der Zeit ins europäische politische Leben hineinfinden. Die Mehrsprachigkeit könnte diesen Prozess fördern. Durch das Bemühen, sich in der Sprache des Gegenübers auszudrücken, signalisiert man dem Anderen Anerkennung für seine Muttersprache und persönliche Wertschätzung. Ebenso ist Sprachenlernen auch ein Erlernen anderer Denkweisen und kultureller Eigenheiten, was das gegenseitige Verständnis fördert. Selbst wenn Englisch die wichtigste Fremdsprache ist, heisst das nicht, dass sich das Lernen weiterer Fremdsprachen erübrigt. Selbstverständlich können bei Übersetzungen Missverständnisse entstehen, aber auch der Austausch von Nichtmuttersprachlern in Englisch ist diesbezüglich problematisch.

Kommen wir noch einmal auf den Abgeordneten zurück. Respektiert man die demokratischen Prinzipien, muss für den gewählten Volksvertreter die Arbeit möglich sein und zwar in der Sprache, die seine übliche „politische“ Sprache auf nationalstaatlicher Ebene ist. Auch die Bürger müssen Zugang zu Dokumenten und Informationen in der Sprache haben, in der sie gewöhnlich politisch aktiv sind. Sie zum Gebrauch einer Fremdsprache zu zwingen, wäre angesichts ihrer prekären Beziehung zur EU fatal. Die demokratischen Prinzipien der EU können hier zum finalen Stolperstein werden, da sie in der Sprachendebatte oft unwissentlich in Frage gestellt werden. Demokratie funktioniert nur, wenn die Bürger sich beteiligen – sie haben die Macht, die Demokratie durch Rückzug aus dem politischen Leben zu Fall zu bringen. Die Einbindung der Sprachen kann für die Beziehung der Bürger zur EU entscheidend sein. Eine Sprachenreduktion könnte sie zum endgültigen Rückzug aus dem System EU bewegen.

Nichtsdestotrotz müssen die Probleme des Übersetzungsapparats gelöst werden. Das „Marktmodell“ ist ein vielversprechender Ansatz. Die politischen Akteure bestimmen selbst, wann sie Dolmetscher brauchen. So können Personal und Infrastruktur entlastet und Kosten gespart werden.12 Da dieses Modell auf Freiwilligkeit beruht, ist es mit dem demokratischen Prinzip vereinbar.13


Literatur:

A new Framework Strategy for Multilingualism, Communication from the Commission to the Council, the European Parliament, the European Economic and Social Committee and the Committee of the Regions, COM (2005) 596 final (Nov. 22, 2005), S. 1-30.

Buchmüller-Codoni, Catherine, „Democracy and Linguistic Justice in the European Union“, in: Living Reviews in Democracy, November 2012, http://democracy.livingreviews.org/index.php/lrd/index.

European Parliament 2015. „Multilingualism in the European Parliament“. http://www.europarl.europa.eu/aboutparliament/en/20150201PVL00013/Multilingualism (zuletzt konsultiert am 20. Juni 2015).

Haller, Max, Die Europäische Integration als Elitenprozess. Das Ende eines Traums?, Wiesbaden, Verlag für Sozialwissenschaften 2009.

House, Juliane, „English as Lingua Franca in Europe today“, in: Guus Extra und Durk Gorter (Hrsg.), Multilingual Europe. Facts and Policies, Berlin, Mouton de Gruyter 2008, S. 63-85.

Kraus, Peter A., Europäische Öffentlichkeit und Sprachpolitik, Frankfurt, Campus 2004.

Lölke, Dirk, „Die Handhabung der Sprachenvielfalt im Bereich des Rates der Europäischen Union“, in: Roswitha Fischer (Hrsg.), Herausforderungen der Sprachenvielfalt in der Europäischen Union. Beiträge und Diskussionen vom Symposium am 20./21. April 2006 an der Universität Regensburg, Baden-Baden, Nomos 2007, S. 66-71.

Longman, Chris, „English as Lingua Franca: A Challenge to the Doctrine of Multilingualism“, in: Dario Castiglione und Chris Longman (Hrsg.), The Language Question in Europe and Diverse Societies: Political, Legal, and Social Perspectives, Oxford, Hart 2007, S. 185-215.

Lüdi, Georges, „Braucht Europa eine Lingua franca?“, in: Roswitha Fischer (Hrsg.), Herausforderungen der Sprachenvielfalt in der Europäischen Union. Beiträge und Diskussionen vom Symposium am 20./21. April 2006 an der Universität Regensburg, Baden-Baden, Nomos 2007, S. 128-148.

Stickel, Gerhard, „Eigene und fremde Sprachen im vielsprachigen Europa“, in: Konrad Ehlich und Venanz Schubert (Hrsg.), Sprachen und Sprachenpolitik in Europa, Tübingen, Stauffenburg 2002, S. 15-32.

The Charter of Fundamental Rights of the Union, 2004 O.J. (C310): 41-54.

Van Els, Theo, „Multilingualism in the European Union“, in: International Journal of Applied Linguistics 15/3, 2005, S. 263-281.

Van Parijs, Philippe, „Linguistic Justice for Europe, Belgium and the World“, in: Bart Raymaekers (Hrsg.), Lectures for the XXIst Century, 2008, S. 13-36.

Wright, Sue, „Language Rights, Democracy and the European Union“, in: Jane Freeland und Donna Patrick (Hrsg.), Language Rights and Language Survival: Sociolinguistic and Sociocultural Perspectives, Manchester, St. Jerome 2004, S. 219-242.

1 European Parliament 2015.
2 Übersetzungs- und Dolmetscherarbeit und Kosten diskutieren Wright 2004; Kraus 2004; Van Els 2005; House 2008.
3 Zahlen in Longman 2007; Van Parijs 2008; House 2008.
4 Vgl. A new Framework Strategy for Multilingualism 2005.
5 Vgl. Longman 2007; vgl. House 2008.

6 Da es hier um die demokratischen Aspekte geht, sind nur Akteure wie Bürger und die von ihnen gewählten Vertreter von Interesse. Angestellte der EU spielen keine Rolle.

7 Vgl. The Charter of Fundamental Rights of the Union 2004, Artikel II-99.
8 Vgl. European Parliament 2015.
9 Vgl. House 2008; Betrachtung dazu und zum Begriff der lingua franca in Lüdi 2007.
10 Vgl. Stickel 2002.
11 Vgl. Kraus 2004; vgl. Haller 2009.
12 Vgl. Lölke 2007.
13 Weitere Aspekte und ausführlichere Gedanken zum Thema in Buchmüller-Codoni 2012.