Matthias Roggo

Linien einer objektivistischen Ästhetik VI

Der Mensch ist ein geborener Impressionist. Ausserwissenschaftliches Denken funktioniert nicht digital. Zeichen und Kommunikation. Die notwendige Illusion der persönlichen Autonomie.

·

Objektiv und objektivistisch

Wie schon früher gesehen nennt sich mein Ansatz "objektivistisch" weil meines Erachtens das subjektive Empfinden der diversen Kunstbeteiligten zweitranging ist. Mir schwebt dabei eine Wörterbuchdefinition vor, also der Gegenbegriff zu "subjektivistisch". An dieser Stelle darf ich klarstellen, dass ich kein Follower der Rand-Schule bin. Es gab dieses Jahr eine grosse Ayn-Rand-Konferenz nur 200 km von meinem Standort entfernt, aber ich habe auf eine Teilnahme bewusst verzichtet, was nicht heisst, dass ich gleich ein Gegner von Ayn Rand bin. Objektiv sind die Phänomene, objektivistisch ist das komplexe Gesamtphänomen, so mein Grundgedanke. Welches sind die Schichten der Objektiviät, die manchmal mit Freiheit und subjektiver Selbstentscheidung vermengt werden? Es kommen mir drei Aspekte in den Sinn: 

(a) der soziokulturelle Rahmen (nicht subjektiv) 

(b) die Kommunikation auf Basis von verbalen / nonverbalen Zeichen (nicht subjektiv) 

(c) das derzeitige Inventar an künstlerischen / literarischen Produkten von "unbeliebt" und "unbedeutend" durch das ganze Panoptikum hindurch zu "beliebt" und "bedeutend" (alles nicht subjektiv), die Architektur immer mit eingeschlossen. 

Mit etwas Bösartigkeit könnte man mir einen "nicht-marxistischen Kollektivismus" vorwerfen - eine Position, die ich auch bis zu einem gewissen Grad vertrete. Meine subjektive Einstellung kann "konservativ und leicht pessimistisch" genannt werden. Ich stelle das empfangende, reflexive Individuum dem "kommunikativen Kollektiv" (Wolfgang Sohst) gegenüber und denke dabei mit gewisser Distanz an Whiteheads elementare Wahrnehmungstheorie von 1927. Das reflexive Individuum tut zunächst nichts Äusserliches. Es fühlt sich selbst, beobachtet, es erinnert sich, lernt, ahmt nach, erkennt Möglichkeiten, leidet. Es legt in kurzer Zeit einen weiten Weg zurück, bevor es sich an einer Entwicklung produktiv beteiligen kann. Das Individuum glaubt fest an seine Freiheit und vielleicht an seine Berufung, und dieser Glaube kann als rational und notwendig betrachtet werden, nicht aber als "objektiv vorhanden", wie ich meine. Freiheit in Körper und Geist ist eine "enge Angelegenheit" mit wenig Luft - eigentlich ein Privileg, wenn wir uns nicht auf das Prinzip beschränken. Das heisst, es gibt davon weit weniger, als erhofft und angenommen. Die grosse Freiheit ist eine notwendige Illusion, aber nicht unbedingt die richtige Grundlage für eine wirklichkeitsnahe Theorie. Die grosse Sehnsucht bringt uns der Wahrheit nicht näher, so enttäuschend das für viele Progressive in Europa und Amerika auch klingen mag. Freiheit ist das, was als "Rest" aus der Dialektik zwischen Individuum und Gesellschaft am Boden "liegen bleibt" und ergriffen werden kann, wenn von einer starken Persönlichkeit der richtige Zeitpunkt erkannt und genutzt wird. Ich betrachte diese Auffassung als realistisch, als eine solide Sichtweise jenseits der unerfüllbaren Prätensionen von Aufklärung und Moderne, die heutzutage aggressiv und ohne zu Erröten vom Neomarxismus vertreten werden ("kultureller Marxismus" nach J. B. Peterson, teilweise als Selbstfindungsschema, auch als Ersatzreligion).

Nun könnte man mir vorwerfen, dass mein objektivistisches Totum (the total art process) ein theoretisches Postulat ist, welches empirisch nicht eingeholt werden kann. Es zeigt sich also die Ironie, dass ein Antikantianer wie ich plötzlich ein gigantisches "Ding and sich" in den Raum stellt, das als Füllung die Löcher in der Wand verbergen soll (die Lücken in der Theorie). Diese Kritik muss ich mir gefallen lassen. Nur sehe ich keine Alternative zum Objektivismus, also zu einer antisubjektivistischen Position, bei er es um Transaktionen in einem weiteren Rahmen geht. Der kulturelle Selektions- und Transmissionsmechanismus kann auf individualistischer Basis nicht verstanden werden.  Hier muss ich noch folgende theoretische Vorannahme ansprechen: Ich bin der Überzeugung, dass theoretische Gegensätze wie subjektv vs. objektiv, oder relativ vs. absolut nicht wirklich Gegensätze darstellen. Vielmehr sehe ich darin eine Schichtung von Prioritäten und Perspektiven. Ich bin vermutlich nicht der einzige, der das so sieht.

Wenn man solche Bezeichnungen nicht zu eng nimmt, betrachte ich mich immer noch als einen Prozessphilosophen mit einer gewissen Affinität zur Phänomenologie und zu Hegels Dialektik. Dem Kantianismus und Pragmatismus stehe ich recht kritisch gegenüber, obwohl ich mich für den Amerikanischen Pragmatismus interessiere und auch nicht abgeneigt bin, zuweilen Fichte und Cassirer zu berücksichtigen (in Zusammenhang mit Kant). Im Bereich der politischen Philosophie bin ich ein Realist und Antimarxist und handle konsequent danach. Diese Offenheit schuldet heutzutage jeder / jede Schreibende ihren Lesern, ebenso ein Lehrender den ihm / ihr untergeordneten Studenten, die wenig Vorwissen mitbringen, und manchmal auch wenig Motiviation.

 

Der semiotische Ansatz

In diesem Abschnitt soll es ganz allgemein um Zeichen gehen, und wie sie unser gesellschaftlich bedingtes Bewusstsein informieren. Es geht mir nicht um eine alternative Zeichentheorie, sondern um die Bedeutung von Zeichen in einer Kultur. Mit meinen Beispielen werde ich auch die philosophische Semantik streifen (Bedeutungen in einem Kontext). Zunächst kondensiere ich die ganze Sache und gelange dann im Hinblick auf Geistesprodukte zu Metaphern.

Ein Kode (Zuweisungsmodus) ist eine Relation, bei der auf konventionelle (also erlernbare) Art zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem vermittelt wird (Signifikant und Signifikat). Es gibt auch natürliche oder spontane Reaktionen auf Zeichen, etwa auf  optische oder akustische Zeichen (Signale) unter Tieren, unter Menschen, oder zwischen Mensch und Tier. Verbale und non-verbale Zeichen, Symbole, und was uns besonders interessiert: Metaphern.

Ein Zeichen ist signifikante Form. Was heisst das? Damit will ich sagen, dass künstliche Zeichen als Formen verwendet werden, denen man aufgrund des geltenden Kodes Inhalt zuweist. Inhalt kann sein Assoziationen oder Verhaltensregeln einschliesslich Warnungen / Drohungen. 

Bei natürlichen Zeichen (Signale, psychosomatische Regungen) wird nicht verlangt, dass ein wahrnehmender Organismus Form und Inhalt assoziert, denn die Reaktion geschieht instinktiv (vielleicht mit einem Anteil von Lernen). Dieses quasi-dualistische Verständnis liesse sich auch mit der einfachen Perzeption vergleichen. Wenn ich irgendwo dort einen Baum sehe, dann erkenne ich zunächst eine Form, die im Definitionsbereich von "Baum" liegt. Erst im zweiten Anlauf achte ich auf Einzelheiten, bin mir bewusst, wo und wie der Baum lebt, welche Baumart das sein könnte, dessen Alter, usw. (Beispiel entlehnt von Morris Cohen). Der Baum als solcher ist als Erscheinung kein Zeichen, weil es keinen intersubjektiven Kode gibt, der mir sagt: "Achtung! Baum! Bremsen!" Diese Reaktion kann in bestimmten Situationen als quasi-instinktiv angesehen werden, gehört aber nicht zur erkennenden Wahrnehmung. Auch wenn ich einen Baum umarmen möchte, kann das ebenfalls nicht als Zeichenreaktion gelten. Es gibt vielleicht eine Mode, aber keinen festen Kode, der mich auffordert: "Baum! Umarmen! Jetzt!" Freilich sind Moden, Werte und Ängste auch kulturabhängig, selbst wenn man als "Resttier" noch über ausreichend "Restinstinkt" verfügt, um eine Gefahr oder eine Torheit zu vermeiden. Aber für eine Zeichenrelation bedarf es eines "Schleiers", eines "Geheimnisses", wenn man so sagen kann. Das Geheimnis wird gelüftet, wenn wir lernen, den geltenden Kode anzuwenden. Bei einem Baum oder einem Gewitter reagieren wir eher spontan. Nun, prinzipiell betrachtet könnte Zeus oder Gott mit einem Blitz etwas androhen, das Priester vielleicht rechtzeitig entschlüsseln und abwenden könnten: "Wenn wir jetzt nicht sofort zehn Stiere rituell opfern, wird der Hügel gepalten, und unsere Festung bricht in sich zusammen." So etwas ist möglich, allerdings müsste man dabei sehen, dass wir hier menschliche (Zeichen-) Verhältnisse an den Himmel projizieren, denn warnen oder Furcht einflössen ist ein menschlicher Akt, nicht ein meteorologischer Fakt. Ein Kode ist keine stellvertretende Sprache für eine absolute Gewissheit (etwa religiöser Art), aber das Verwenden und Verstehen eines Kodes (und dessen historische Herkunft) sind ganz und gar objektive Tatsachen, die mit Subjektivität herzlich wenig zu tun haben. Jede menschliche Erfindung und jede einzelne und gemeinsame Erfahrung ist ein objektives Datum in der Geschichte, ganz egal, wie es moralisch bewertet wird. Solange es eine Spur von Erinnerung gibt, ist etwas für uns wirklich, daseiend.

 

Metaphern, oder wenn der Mensch im Schnittpunkt steht

Wir kommen nun zur Wirkung von Metaphern, oder besser gesagt, zum Wesen des menschlichen Denkens zwischen Konvention und natürlichem Zwang (Naturzustand und Zivilisation). (1) Geist und Kultur finden in Geschichte und Gesellschaft statt. Die Feinauflösung dieser Schichten und Risse wären soziokulturell geformte Individuen ("Intellekte", scholastisch ausgedrückt). Alles, was in Betracht gezogen werden kann - selbst das vermeintlich Unmögliche - geschieht in einem menschlichen Intellekt, der ein Aspekt eines sozialen Tieres mit Sprache ist (frei nach Aristoteles). Die Wirkung von Metaphern ist gewissermassen ein Einfärben der Bedeutungen in einem Satz als Teil eines weiteren sprachlichen, emotionalen und materialen Kontextes. Eine Metapher ist eine Art symbolischer Vergleich, und nicht nur das: Metaphern transportieren Werte und sind insofern emotionale Vektoren. Im Alltag wird keine genaue Trennung zwischen Metaphern und Vergleichen gemacht. Sätze wie "Männer sind wie Kinder" oder "Kinder sind Plaggeister" werden als gleichartig aufgefasst. Genau besehen ist das letztere eine Metapher (Kinder sind nicht wirklich irgendwelche Geister) und das erste ein Vergleich: Nimm einen Mann und ein Kind, und man wird sehen, dass sie in gewisser Hinsicht genau gleich sind (was so nicht stimmt). Nun, diese Unterscheidung ist für uns unerheblich; sie ist eher literarischer Art. Hier geht es um das Bewusstsein, dass der Mensch / die Menschheit an der Schnittstelle von Natur und Kultur steht. Alles überlappt und überlagert sich irgendwie, und alles geht durch das menschliche Gehirn. Kultur wird so ein Aspekt der Natur, und Natur wird ein Aspekt der Kultur. Ein gutes Beispiel wäre der Satz "Der Mensch ist eine Maschine" (siehe weiter unten). Da ich mich für das Verhalten und die Verbreitung von Wölfen interessiere, wähle ich zunächst folgendes Beispiel: 

 

"Der Mensch ist ein Wolf."

                   -  Der Mensch ist ein Wolf (ist schlecht).

                   + Der Mensch ist ein Wolf (ist gut).

 

Die Konvention verlangt von uns Konventionalisten, die negative Deutung zu favorisieren und die andere zu verurteilen. Wissenschaftlich wissen wir seit den 70er Jahren, dass der Wolf zwar nicht genetisch, aber vom Verhalten her dem Menschen ziemlich ähnlich ist (was ganz erstaunlich ist, denn bei Raubkatzen verhält es sich genau umgekehrt). Deshalb würde eine inzwischen grosse Minderheit von Wolfliebhabern den Satz bewusst gegen den Strich (also positiv) verstanden haben wollen. Das wäre dann die revisionistische Meinung gegen die konventionelle (die es vielleicht zu überwinden gilt). Wiederholen wir dieses Spielchen, aber diesmal setzen wir bei unser Spezies an:

 

"Der Mensch ist ein Wolf."

                  -  Der Mensch (ist schlecht) ist ein Wolf.

                  + Der Mensch (ist gut) ist ein Wolf.

 

Nochmals das Gleiche, aber von der (fehlenden) Güte des Menschen aus gedacht. Der Wolf ist so gut / so schlecht wie der Mensch (vorhin war es umgekehrt). Ob wir jetzt den ersten oder den zweiten Ansatz ins Auge fassen, jedesmal ist es so, dass ein Term als "gut" oder "schlecht" gefühlt und gewertet wird, was sich dann auf den zweiten Term überträgt. Die Konnotation färbt gleichsam auf den anderen Term ab. Somit wird der Wolf bis zu einem gewissen Grad "menschlich" und der Mensch "wölfisch", was doch interessant ist. (2) Anders gesagt, haben wir hier nicht ein synthetisches Urteil zusammengesetzt aus zwei Gliedern, das entweder wahr oder falsch ist. Nein, so funktioniert Kultur nicht. Es ergibt sich in unserem Bewusstsein eine Art verschwommenes Gesamtbild, bevölkert von Menschen, Wölfen und der Idee des Guten (oder des Schlechten). Wenn wir überraschenderweise "Der Mensch ist ein Wolf (ist gut)" denken und fühlen, dann machen wir offensichtlich die Inferenz: Wenn der Mensch in wichtiger Hinsicht wolfartig ist, und Wölfe gut sind, dann ist der Mensch auch gut (ein Syllogismus). Das wäre einmal die Geschichte mit dem Wolf. Nehmen wir ein etwas anders gelagertes Beispiel, den wahren Fall jenes Computerspiels, das einen Titel trägt, der direkt aus H. P. Lovecrafts Feder stammen könnte: The Vanishing of Ethan Carter (2013):

 

Die Landschaft mit Bergen und Wäldern befindet sich in Polen.

Die polnische Landschaft ist im Computerspiel.

Die Landschaft im Computerspiel ist in Polen.

 

Jetzt können wir beinahe spüren, dass wir mit einem Fuss in der wirklichen, mit dem anderen in der (wirklichkeitsnahen) virtuellen Welt stehen. Wir kriegen eine starke Ahnung von etwas Hybriden, ein Gesamtbild hervorgebracht durch den Spiegel neuer Medien, etwas, das unser Bewusstsein prägt ... und sich in der Nacht vielleicht in unsere Träume schleicht. Der virtuelle Fussweg hinauf zum verlassenen Haus ist beinahe identisch mit dem Fussweg in der freien Natur, der für die Graphiker des Spiels in Westpolen fotografiert wurde. Wenn wir diese Ähnlichkeit einmal erlebt haben, können wir uns dieser Assoziation nicht mehr erwehren. Sie kommt zu uns wie etwas, das wir einmal gelernt haben, oder stärker gesprochen: etwas, das uns mittlerweile bestimmt, das wir nicht vergessen können. Wir haben quasi eine Bewusstseinserweiterung vorgenommen (eine minimale, aber dennoch). Diese marginale Bewusstseinserweiterung über Generationen, Gesellschaften und Jahrhunderte hinweg ist das, was wir "Kultur" nennen. Es ist der Mensch in der Kultur, der die Natur mit einem X erweitert (ich ändere die Kunst-Gleichung von Arno Holz ab): Kultur = Natur + X

Das Plus meint allgemein, was Zivilisation bedeutet: "Kultur" oder "Zivilisation" bedeutet, dass der Mensch etwas von der Natur wegnimmt, und dieses mit Wissen und Arbeit zu etwas anderem umwandelt. Das Umgewandelte fügt er zur Wirklichkeit hinzu, wenn man so sagen kann. Eigentlich würden wir oben eher ein Minus erwarten. Beides geht, aber ich möchte bei diesem Argument eher das Hinzufügen menschlicher Werke betonen als einen Verlust von Rohmaterial. So weit so gut. Aber was hat das näher mit Kunst und Semiotik zu schaffen? Die Antwort ist im Prinzip analog zu den Beispielen mit dem Wolf und dem Computerspiel. Freilich gelangen wir hier in schwieriges Gelände. Deshalb wähle ich im Zusammenhang mit der Verwendng von Zeichen Kommunikation als Ausgangspunkt: Kultur / Zivilisation basierend auf Kommunikation, die Gesellschaft zu einem gewissen Zeitpunkt als kommunikatives Kollektiv. Wenn gemeinsam etwas vollbracht werden soll, bedarf es der Sprache (verbale Zeichen, verdeutlicht mit Gesten). Ein Mammut lässt sich ohne koordinierte Handlung nicht töten und gemeinsam bearbeiten und schon gar nicht transportieren. Kommunikation gibt es in der Natur und in der Kultur. 

Menschliche Kommunikation ist komplex und beruht auf Zeichen und Zeichenkodes. Die Reaktionen auf Zeichen sind meist erlernt und nur selten spontan (instinktiv). Menschen verständigen und koordinieren sich mehrheitlich über Sprache. Sprache ist nicht alles, aber Sprache ist viel. Die lebendige Sprache (akustische und graphische Zeichen mit Ordnung und Bedeutung) bestimmt, wie wir über die Welt denken, wie wir handeln, und wie wir das Geschehene nachträglich bewerten und einordnen. Zeichen sind / ermöglichen die Struktur einer sozialen Organisation über Generationen hinweg. (3) 

Abgesehen von Zeichen und deren Funktion gehe ich von einem primitiven Modell aus, das in diesem Text nicht zum Tragen kommt. Es gibt soziale Aktivität mit und ohne Vektor. Mit "Vektor" meine ich Zielgerichtetheit, was in meiner Vorstellung bedeutet, dass eine genügend starke soziale Gruppe das Steuer übernehmen und dem konfusen Sprechen und Handeln in der Gesellschaft eine Richtung geben kann. Das ist meine Alternative zum bekannten Opferdiskurs des Neomarxismus, der wieder mehr in Mode ist. Chaos und Ordnung, wenn man so will, aber abseits einer ethischen Skala des Guten und Bösen (weil das ein anderes Thema ist). Es geht nicht primär um Unterdrückung, sondern um Einfluss und Kontrolle, und so etwas wie Kontrolle wird durch intellektuelle und materielle Steuermechanismen hergestellt, was nicht marxistisch zu interpretieren ist, sondern soziologisch und zeichentheoretisch (ganze Diskurse werden durch Zeichensysteme geformt und durch Assoziationen eingefärbt), und dies wenn möglich ohne politische Ideologie. Das Ganze ist auch auf den Kunstbetrieb anwendbar. Das Erfolgreiche ist nicht unbedingt das Massgebende oder das Beste; es kann auch das Resultat einer günstigen Konstellation sein. 

 

Die Maschinerie des Kunstbetriebs

Bevor ich auf den Untertitel dieses Abschnitts eingehe, möchte ich nochmals ein Beispel bringen, in der Art der Beispiele oben.

 

"Der Mensch ist eine Maschine."

                    - Der Mensch ist eine Maschine (ist schlecht).

                    + Der Mensch ist eine Maschine (ist gut).

 

Was bedeutet das? Einerseits bedeutet das wieder, dass etwas in gewisser Hinsicht "in" etwas anderem ist. Zudem wird bei diesem Beispiel deutlicher als zuvor, dass ein herrschendes Paradigma (Kultur, Wissenschaft, Ideologie - wohl ein Mix davon, und auch psychologische Faktoren) die Sätze gleichsam einfärbt und  das ganze Urteil dorthin lenkt, wo es die Tradition, die Anhänger eines wissenschaftlichen Paradigmas, oder einer erhofften "sozialistischen Revolution" gerne haben möchten. Auf eine theoretische Ebene gehoben sagen wir: Die Mensch-Theorie ist in gewisser Hinsicht "in" der Maschinen-Theorie vorhanden, oder umgekehrt. Wenn mechanische Systeme dem Paradigma entsprechen, dann würden wir das ungefähr so denken. Wenn dagegen lebende Systeme das Paradigma sind, würden wir die Sache umkehren: Die Maschinen-Theorie ist in gewisser Hinsicht "in" der Mensch-Theorie drinnen. Dies weniger schematisch und allgemeiner ausgedrückt: Die Mechanik ist ein Aspekt des Lebens, was impliziert, dass unsere technischen und anderen Errungenschaften quasi Nachahmungen der Natur sind (im anderen Fall ist die Natur ein Supermechanismus). 

Alles, was der Mensch mit Arbeit in die Welt bringt, ist im weiteren Sinne "Kultur", so auch die Wissenschaften und deren Anwendungen. Wenn wir, wie allgemein üblich, "Kultur" im engeren Sinne verwenden, können wir damit die Wissenschaft ausschliessen (auch Recht, Wirtschaft, Technologie usw.) und eine Dichotomie skizzieren. Vielleicht erinnert man sich an die Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften, wenn man folgendes liest: Wissenschaft arbeitet mit Hypothesen, die Kultur mit Metaphern, wobei das eine das andere nicht ausschliesst. Der Austausch von Gedanken und Gefühlen geschieht über tradierte und erlernte Zeichensysteme, oder über überlappende Schemata, wie man auch sagen könnte. Die Sphäre sämtlicher kognitiver Typen, psychosomatischer Reaktionsmuster und psychischer Archetypen bilden das, was man üblicherweise "Kultur" oder "Zivilisation" nennt. Kapital, Privatbesitz und materielle Kultur sind die materiellen Bedingungen einer Gesellschaftsordnung. Sie sind nicht primär, nicht sekundär, sondern interlokutär (wie ich sage). Brückenköpfe für kulturelle und zivilisatorische Leistungen. Die Brücken, die da gebaut werden, sind überpersönlich, streifen die Gegenwart und reichen von der Vergangenheit in die Zukunft.

Das Ganze hört sich an wie eine riesige Maschine, die einmal gut, ein andermal weniger gut funktioniert. Wo gibt es da noch Platz für Gefühle, für Geschmack, für sensible Seelen, oder umgekehrt, für Provokateure? Wie deutlich wird, gehe ich hohen Ansprüchen, "guten Menschen" und der Idee des Schönen möglichst aus dem Weg. Ich folge also eher Nietzsche als Platon. Warum? Erstens, weil ich nicht in einen moralischen Diskurs abgleiten will (deshalb meine antilinke Polemik überall). Zweitens, weil ich der Auffassung bin, dass soziale Tatsachen bestimmend sind, sie sind quasi das tragende Gerüst historischer Ereignisse und die äussere Bedingung für individuelle Biographien. Kann man denn einen solchen "superobjektiven Kunstholismus" (wie ein Kritiker mockierend sagen könnte)  überhaupt noch "Ästhetik" nennen? Ja und nein, es kommt eben darauf an, was man unter "Ästhetik" verstehen möchte. Wo bevorzugt von Subjektivität, moralischen Imperativen und psychischer Gesundheit gesprochen wird, werde ich mich gerne einer Meinung enthalten und mich mit etwas anderem beschäftigen. Wie an anderer Stelle angedeutet, sehe ich, dass eine linke aufklärerische Haltung letztlich dazu führt, Gut und Böse voneinander zu unterscheiden, letztlich auch "gute" von "schlechten" Menschen. Das lehne ich ab. Plakativ bediene ich mich gerne eines markanten Beispiels, um dem idealistischen Gutmenschentum etwas Konkretes entgegen zu setzen: Der Marquis de Sade mag psychisch nicht ganz gesund gewesen sein, aber er war bestimmt kein schlechter (oder ungebildeter) Mann. Das heisst, dessen sexuelle Fantasien und Beschreibungen sind kein Mass für Wert und Wirkung seiner Werke. Entweder hat ein historisches Ereignis (im Grenzfall kann das eine überragende Person sein) eine Wirkung oder nicht. Wenn diese der Fall ist, dann ist anzunehmen, dass besagtes Ereignis "werthaft" ist, also für das Vorhandensein oder Fehlen einer Wertvorstellung steht (Beispiel: Besonnenheit oder "vernünftig handeln"). Wir können nicht ernsthaft sagen, dass der antike Forscher namens P im ersten Perserreich bedeutend für das Thema Q war, wenn wir von P heute kaum etwas wissen und auch nichts mehr erfahren können. Es kommt also nicht darauf an, was wir mögen, was wir ablehnen, wie wir den Diskurs steuern möchten, und was wir aus moralischen Gründen auf den Sockel heben möchten (oder umgekehrt). Es kommt alleine auf die Wirkung einer kulturellen Leistung an. Dabei sind subjektive Regungen in individuellen Seelen durchaus ein "Nebeneffekt". Wir lesen, hören und bewundern nicht, was wir autonom und souverän aus dem Fundus der Kulturgeschichte fischen, sondern was via sozialer Institutionen an uns förmlich herangetragen wird. Vielleicht wäre der mittelalterliche Schriftseller S mein idealer geistiger Begleiter, aber S ist vorläufig in Vergessenehit geraten - zu dumm für mich, also werde ich mich vielleicht mit T oder R anfreunden und dessen Werke als "wertvoll" und "geniessbar" ansehen. Ich passe mich also an, selbst wenn mir das nicht immer busst ist. Klar, das Individuum ist als Einzelperson wichtig für die Gesellschaft, aber zunächst ist das Individuum ein Produkt der Umtände, ganz und gar nicht der Meister seines Schicksals (wenn wir von einem Mann sprechen). Ich denke, dass sich diese Position verteidigen lässt, aber sie lässt sich auch zugunsten einer gängigen Auffassung von "Ästhetik" angreifen. Das Leben ist widersprüchlich, und es verbergen sich viele Ironien darin. So kann ich denn sagen, dass es eine Ironie ist, wenn ich diesen Beitrag mit dieser subjektiven Festellung beschliesse: Vielleicht ist eine Theorie auch eine Frage des Geschmacks.


(1) Ich erinnere mich, dass wir in einem Seminar mit Herrn Prof. A. Graeser (mein Doktorvater an der Universität Bern) von Max Black gesprochen haben, weiss aber den genauen Kontext nicht mehr. Im Folgenden konvergiert meine Darstellung eingermassen mit dem, was Black in den 60er Jahren zu Metaphern geschrieben hat.

(2) Der Anti-Werwolf - ein neues Märchen würde der Konvention völlig zuwider laufen: Der gute Wolf verwandelt sich bei hellem Sonnenschein in einen bösen Menschen. Und doch würden alle Leser diese verkehrte Werwolf-Story als Satire erkennen und sich dabei amüsieren. Das Vergnügen zeigt, dass die Konvention nicht durchbrochen wird.

(3) Syntax und Semantik: akustische Zeichen mit Ordnung und Bedeutung, also anders als in der Tierwelt, weil ein Lernprozess vorausgesetzt wird.