Tierethik und Gedankenexperimente

Ist es schlimmer, ein glückliches Tier zu töten, als ein unglückliches?

Wie viel mal muss man eine Kuh streicheln, bevor man ihr ethisch korrekt den Hals aufschneiden darf? Wie viele Tage muss ein Kalb bei der Mutter bleiben können, bevor es ethisch korrekt von der Mutter getrennt werden darf?

Ein Gedankenexperiment

 

Stell dir vor, du kommst in eine Situation hinein, in der du ein Schwein töten musst. In dieser Situation hast du zwei Möglichkeiten: Du kannst entweder ein Schwein töten, das glücklich und gesund ist. Oder du kannst ein anderes Schwein töten, das unglücklich ist und leidet. Welches Schwein würdest du töten? Das glückliche oder das unglückliche?

 

 

 

Philosophinnen und Philosophen stellen solche und ähnliche Gedankenexperimente auf, um die Frage zu klären, was wir mit Tieren tun dürfen oder wie wir mit ihnen umgehen sollen. Der Bereich der Philosophie, der sich mit solchen Fragen auseinandersetzt, nennt sich Tierethik.

 

Was spricht dafür, im Gedankenexperiment das unglückliche Schwein zu töten? Man könnte eine Unterscheidung machen zwischen einem Leben, das lebenswert ist und einem Leben, das nicht lebenswert ist. Ein Leben, das nicht lebenswert ist, könnte eines eines sein, dass voll von Leid, Schmerzen und Qualen ist, eines, das niemand freiwillig leben möchte und der Tod bei einem solchen Leben eine Erlösung darstellt. Wenn man nun, aus welchen Gründen auch immer, ein Leben beenden muss, dann jenes, welches weniger lebenswert ist und im Falle des Gedankenexperiments wäre es das Leben des Schweins, das unglücklich ist und leidet.

 

 

Ein zweites Gedankenexperiment

 

Stell dir vor, dir wird von zwei Bauern Fleisch angeboten. Der eine sagt, dass er immer nur Fleisch von Schweinen verkauft, die sehr unglücklich waren und sehr viel gelitten haben. Der andere sagt, dass er nur Fleisch von Schweinen verkauft, die sehr glücklich waren und nie gelitten haben. Wenn du Fleisch kaufen müsstest, von welchem Bauern würdest du es kaufen?

 

 

Dieses zweite Gedankenexperiment ist in gewisser Hinsicht ähnlich zum ersten Gedankenexperiment, denn auch hier geht es schlussendlich um das Töten von glücklichen und unglücklichen Schweinen. Wenn man beim ersten Gedankenexperiment dafür war, das unglückliche Schwein zu töten, müsste man nicht konsequenterweise beim zweiten Gedankenexperiment das Fleisch von unglücklichen Schweinen kaufen? Genau hier wird es interessant: Verschiedene Fleisch-Produkte sind mit der Werbung versehen, dass das vorliegende Fleisch von Tieren kommt, die ein gutes und glückliches Leben hatten. Aber wenn es stimmen sollte, dass das Fleisch von Tieren kommt, die ein gutes und glückliches Leben hatten, wäre das nicht ein Grund mehr, genau dieses Fleisch nicht zu kaufen?

 

 

Die Position des „Welfarism“

 

Warum sind verschiedene Fleisch-Produkte mit der Werbung versehen, dass sie Fleisch von Tieren enthalten, die ein gutes und glückliches Leben hatten? Hinter einer solchen Werbung steckt möglicherweise eine Ansicht oder Position, die man als „Welfarism“ bezeichnen kann. Die Position des „Welfarism“ besagt, dass die Nutzung von Tieren zwar erlaubt ist, wie zum Beispiel das Essen von Tieren, das Trinken von deren Körperflüssigkeiten oder das Tragen von deren Haut, aber fordert, dass Tiere gut gehalten werden und ein gutes Leben haben müssen. Anhänger dieser Position setzen sich für die Verbesserung der Behandlung und Lebenszustände von Nutztiere ein, zum Beispiel, dass Hühner und Schweine auch mal an die frische Luft gehen können oder dass ein Kalb ein paar Tage mit der Mutter verbringen und die Milch ihrer Mutter trinken kann, bevor sie getrennt werden und das Kalb separat von der Mutter gemästet und geschlachtet wird. Diese Position wird manchmal „Welfarism“ (Welfare ist das englische Wort für „Wohlfahrt“ oder „Wohlergehen“) genannt, weil bei dieser Position das Wohlergehen des Tieres im Zentrum steht.

 

 

Ist der „Welfarism“ im Grunde genommen widersprüchlich?

 

Eine Kritik am „Welfarism“ lautet, dass sie im Grunde genommen widersprüchlich ist. Auf der einen Seite stellt sie das Wohlergehen des Tieres ins Zentrum und sagt:

 

Ich will, dass es diesem Tier gut geht“.

 

Auf der anderen Seite will sie das Tier nutzen und sagt:

 

Ich will, dass man diesem Tier den Hals aufschneidet.“

 

Kann man gleichzeitig wollen, dass es einem Tier gut gehen soll und dass man demselben Tier den Hals aufschneiden soll?

 

 

Die Position des „Abolitionism“

 

Was wäre eine Alternative zur Position des „Welfarism“? Eine andere Position besagt, dass die Nutzung von Tieren nicht erlaubt ist und fordert, dass wir unseren Lebensstil so anpassen, dass Tiere gar nicht erst geschlachtet oder ausgebeutet werden müssen. Diese Position kann mit der „Abolitionism“-Bewegung (Abolitionism ist das englische Wort für „Abschaffung“) in England und Nordamerika verglichen werden, die nicht nur die Verbesserung der Behandlung und Lebenszustände von Sklaven gefordert hat, sondern die Abschaffung der Sklaverei überhaupt. Laut der „Abolitionism“-Bewegung ist das Problem nicht nur, dass Sklaven schlecht behandelt, geschlagen oder ausgebeutet werden, sondern, dass Menschen lediglich als Waren oder Maschinen betrachtet werden. Ganz ähnlich argumentieren die Anhänger dieser Position, dass das Problem nicht nur ist, dass Tiere schlecht behandelt oder ausgebeutet werden, sondern, dass Tiere lediglich als Waren oder Maschinen betrachtet werden.

 

Interessant wäre hier zu fragen, wie sich ein Anhänger der Position des „Abolitionism“ im zweiten Gedankenexperiment entscheiden würde.