Blogbeitrag von Prof. Andreas Brenner

Ich und mein Selfie

Die Begriffe von Subjekt und Selbst sind mit Recht philosophisch hoch aufgeladen, haben sie doch eine große Bedeutung zum Verständnis und zur Strukturierung unseres Alltags.

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Die Begriffe von Subjekt und Selbst sind mit Recht philosophisch hoch aufgeladen, haben sie doch eine große Bedeutung zum Verständnis und zur Strukturierung unseres Alltags. Wer sich als Subjekt oder Selbst anerkennt, verfügt in diesem Sinne über Selbstbewusstsein und ist damit auch zu allen anderen Leistungen, die hieran anschließen, in der Lage: Er oder sie kann also Aussagen über "sich selbst" machen und kann auch an ihn oder sie gerichtete Ansprüche richtig zuschreiben und handlungswirksam umsetzen. Letzteres geschieht beispielsweise, wenn jemand Verantwortung übernimmt. Dass Verantwortung die zentrale Kategorie des Selbst ist, macht besonders die Vorstellung von Selbstverantwortung deutlich. Es leuchtet ein, dass eine weitgehend deregulierte Gesellschaft, in der traditionelle Moral-Autoritäten  an Einfluss verloren haben, in besonderem Maße durch Selbstverantwortung zusammen gehalten wird.

Self-portrait by the depicted Macaca nigra female

Self-portrait by the depicted Macaca nigra female

Die Entwicklung des Selbst und das bedeutet auch die Vorstellung, welche Menschen vom Selbst im Allgemeinen und ihrem Selbst im Besonderen haben, kann demnach geradezu als Gradmesser der Verbindlichkeit einer Gesellschaft genommen werden. Daher könnte das nahezu epidemische Interesse, welches seit Kurzem vermeintlich dem Selbst entgegengebracht wird, als Barometer der atmosphärischen Befindlichkeit der Gesellschaft dienen, die Rede ist von der gigantischen Selfie-Produktion.

Was bedeutet es, dass Menschen sich in einem bisher nicht gekannten Masse für ihr eigenes Konterfei interessieren? Ist es die pure Lust an der Selbstdarstellung mit entsprechender Selbstvermarktung? und: welchen Bezug zum Selbst hat das Selfie? Und wenn das Selfie als immerhin kleines Selbst betrachtet werden kann, ist es interessant zu  erfahren, inwiefern es als Referenzpunkt dienen kann. In diesem Zusammenhang kommt auch besondere Bedeutung der dem Selfie eigenen Möglichkeit der Selbst-Geschöpflichkeit zu.

Was also wird aus uns selbst werden und wie werden wir miteinander leben, wenn wir zwar weiterhin in der Auseinandersetzung mit einem Gegenüber entstehen, dieses Gegenüber aber nicht mehr personaler, sondern technischer Natur ist, wenn wir nicht länger in das Gegenüber anderer Augen blicken, sondern in das einer Kamera? Wird diese dann zum Alter ego? Fragen dieser Art fordern die Philosophie heraus; in ihrer Beantwortung wird die Philosophie nicht nur ihre Kompetenz zur Analyse ihrer Zeit stärken, sondern auch und vor allem einen Beitrag zum Aufbau eines autonomen Selbst-Konzepts leisten.

 

Über den Autor

Beitrag von Prof. Andreas Brenner, Titularprofessor Universität Basel und Dozent für Philosophie Fachhochschule Nordwestschweiz