Blogbeitrag von Dr. Sebastian Muders

Gutes Leben & selbstbestimmte Wahl (1/2)

1. Teil: Wille oder Wert? – Zwei Zugänge zum guten Leben

Anhand welcher Merkmale lässt sich bestimmen, ob wir ein gutes Leben führen? Bei vielen philosophischen Fragestellungen stehen sich als Antwort auf diese Frage Ansichten gegenüber, die mit dem Etikett „subjektivistisch“ oder „objektivistisch“ belegt werden; so auch in der Debatte um das gute Leben.

Subjektivisten weisen Wünschen, Begierden und anderen Wollenszuständen die entscheidende Rolle bei der Bestimmung des guten Lebens zu: Wir führen dann ein gutes Leben, einfach wenn wir tun dürfen, was wir tun wollen. Für den Objektivisten stehen dagegen alle möglichen Arten von „Gütern“ im Vordergrund: Wir führen dann ein gutes Leben, wenn wir gesund bleiben, unsere Freundschaften pflegen, einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen, uns moralisch anständig verhalten und so fort.

Das Standard-Argument gegen Wollens-Theorien verweist darauf, dass bestimmte Dinge, sie mögen auch noch so sehr gewollt werden, ihrem Empfänger kein gutes Leben verschaffen können: Der sich mit Alkohol bewusst zugrunde richtende Edel-Clochard scheint ein eher trauriges Leben zu führen. Das Standard-Argument gegen Güter-Theorien stört sich an deren quasi-autoritativen Charakter: Darf ich nicht selbst entscheiden, was mein Leben gut macht? Und gibt es nicht unübersichtlich viele Weisen, ein gutes Leben zu führen, so dass bereits die Vorstellung absurd ist, hierzu ließen sich für alle verbindliche Festlegungen treffen?

Nun begegnet die jeweilige Gegenseite derlei Argumenten in der Regel einfach dadurch, dass sie Stärken der Mitbewerber in ihre Ansicht mit aufnimmt: Wollens-Theorien statten ihr Wollen mit mehr Verbindlichkeit aus und versichern, dass nicht irgendwelche Wünsche den Ausschlag geben, sondern nur aufgeklärte und authentische, mithin wahrhaft frei gewählte. Umgekehrt legen sich Güter-Theorien ein weniger streng wirkendes Gesicht zu, indem sie ihre Güterbasis vergrößern – besteht am Ende nicht auch für unseren Edel-Clochard noch Hoffnung? – und gleichzeitig variabler gestalten: Nicht die Summe aller, sondern nur einige Güter müssen jeweils erworben werden, um ein gutes Leben zu führen; welche und wie viele – das darf jeder selbst wählen. Für beide Kandidaten gilt kurzum: Die selbstbestimmte Entscheidung macht’s.

Sind jetzt aber beide Positionen nicht quasi ununterscheidbar miteinander verwoben? Wer hätte denn auch bestreiten wollen, dass unsere freie Entscheidung mit über Wohl oder Wehe unseres Lebens entscheidet? Entlarvt sich die zuvor so groß entworfene Konfrontation zwischen „Subjektivismus“ und „Objektivismus“ also mit ein wenig Nachdenken bereits als Sturm im Wasserglas?

Nicht ganz. Denn die Rolle der freien Entscheidung fällt bei näherem Hinsehen doch deutlich verschieden aus. Wollens-Theorien setzen bei aller Authentizität, Auf- und Abgeklärtheit des Wünschenden auf die Güte schaffende Kraft seiner Entscheidung: Ohne Wunsch kein legitimes Gut. Güter-Theorien sehen in eben derselben Entscheidung lediglich das aktive Freilegen vorhandener Lebenspfade, deren Geeignetheit zum Beschreiten bereits vorab feststeht: Ohne Gut kein legitimer Wunsch.

Dieser Unterschied setzt freilich voraus, dass sich auf Seiten der Wollens-Freunde eine aufgeklärte Entscheidung nicht als diejenige herausstellt, die auf ein unabhängig davon bestehendes Lebens-Gut ausgerichtet ist; und dass die Güter-Verteidiger ihre Basis an werthaltigen Lebensalternativen nicht so weit verbreitern, dass im Grunde jedwede Kombination an Lebenszielen gestattet wird und nur noch auf die erlösende Freigabe durch einen Entscheider harrt. Gegeben dieser Begrenzung im Theoriebau: Welche Ansicht hat die besseren Aussichten, unser Streben nach einem guten Leben korrekt wiederzugeben?

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