Blogbeitrag von Jana Cuperová Bochet

Gut unterwegs dank des kategorischen Imperativs

Dank des kategorischen Imperativs navigieren wir sicher durchs Leben, sehr wohl wissend, wie man Gutes von Bösem unterscheidet.

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Wer würde schon nicht gerne von sich sagen wollen, dass er richtig lebt? In seinem 1785 erschienenen und in seiner Bedeutung bis heute herausragenden Buch Die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten entwirft Immanuel Kant ein System, das den Menschen bei moralischen Fragestellungen eine Orientierungshilfe leisten sollte. Kants Entwurf gründet gänzlich auf den Prinzipien der Vernunft, denn, wie Kant betont, kann man sich bei moralischen Fragen schwerlich von der praktischen Erfahrung leiten lassen. Vielmehr sei die Aneinanderreihung der Ereignisse im Laufe des menschlichen Lebens vom Zufall bestimmt und daher tauge die Erfahrung nicht als eine Wissensquelle bei Beantwortung dieser Art von Fragen. Da würde so manche Grossmutter, die stets gerne auf den Schatz ihrer langen Lebenserfahrung verweist, wenn sie ihre Enkel belehrt, Kant widersprechen. Denn, woran soll sich der Mensch orientieren, wenn schon nicht an der (eigenen) Lebenserfahrung?

Dank Kants System, das a priori begründet ist, kann man auch ohne Erfahrung eine Standortbestimmung in Bezug auf moralische Fragen vornehmen und folglich die richtige Entscheidung treffen. Die Zauberformel, die Kant in seinem Buch vorstellt, heisst der kategorische Imperativ:

"Was ich also zu tun habe, damit mein Wollen sittlich gut sei, dazu brauche ich gar keine weit ausholende Scharfsinnigkeit. Unerfahren in der Ansehung des Weltlaufs, unfähig, auf alle sich ereignenden Vorfälle desselben gefasst zu sein, frage ich mich nur: Kannst du auch wollen, dass deine Maxime ein allgemeines Gesetz werde? Mit diesem Kompasse in der Hand in allen vorkommenden Fällen sehr gut Bescheid wissend, zu unterscheiden, was gut, was böse ist [...], was man zu tun habe, um ehrlich und gut, ja sogar um weise und tugendhaft zu sein."1

Im obigen Zitat stellt Kant die Grundformel des kategorischen Imperativs vor, wonach man stets nur nach derjenigen Maxime handeln soll, durch die man auch wollen kann, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. Indem Kant den kategorischen Imperativ mit einem Kompass vergleicht, hebt er sehr anschaulich seine wichtigsten Eigenschaften hervor und zugleich beantwortet er folgende Fragen: Was leistet dieses moralische Werkzeug? Wohin führt uns der kategorische Imperativ?

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Dank des kategorischen Imperativs navigieren wir sicher durchs Leben, sehr wohl wissend, wie man Gutes von Bösem unterscheidet. Die Nadel des Kompasses könnte man mit unserem Verstand vergleichen, mithilfe dessen wir uns verschiedene Optionen vorstellen. Der kategorische Imperativ (K. I.) ist dort angesiedelt, wo gewöhnlich bei einem Kompass der Norden, beziehungsweise die magnetische Nordrichtung ist. Von dieser Nordrichtung aus werden alle anderen Richtungen bestimmt, das heisst auch die moralischen Richtungen im Leben eines Menschen werden in Abhängigkeit vom kategorischen Imperativ bewertet, zumindest, wenn es nach Kant gehen sollte.

Warum nimmt gerade der kategorische Imperativ bei Kant eine solch prominente Stellung ein? Als Menschen sind wir laut Kant moralisch defizitäre Wesen, die nicht imstande sind, von sich aus das Gute zu wollen. Aus diesem Grund brauchen wir Imperative, allen voran den kategorischen Imperativ, der das höchste moralische Prinzip verkörpert. In der Regel lassen sich die Menschen bei ihren Handlungen von verschiedenen Motiven leiten, sei es ein persönlicher Beweggrund, die Aussicht auf einen Vorteil oder eine Neigung zu etwas, kurzum wir handeln moralisch richtig, solange es für uns vorteilhaft oder angenehm ist. Genau an diesem Punkt setzt der kategorische Imperativ an. Ungeachtet der kurzfristigen Nachteile solle man sich Kant zufolge stets von dem oben formulierten Prinzip leiten lassen. Was bedeutet es konkret? Man solle auch dann nach dem kategorischen Imperativ handeln, wenn man keine direkten Vorteile erfährt oder keine Neigung (mehr) zu einer Handlung verspürt. Denn moralische Handlungen – Kant nennt sie Handlungen aus Pflicht – werden nicht ausgeführt, damit man Gutes oder einen Vorteil erfährt. Vielmehr konstituiert man durch diese Art von Handlungen Gutes. Im Alltag stehen hingegen zwei folgende Motive im Vordergrund: Erstens tut man Gutes nur solange, wie es für einen selber vom Vorteil ist oder solange die Neigung hierzu anhält. Zweitens hofft man insgeheim, dass die Handlung letztendlich Gutes bewirkt. Nehmen wir als Beispiel die Wohltätigkeit: Oftmals übt man diese aus, weil man sich von seinem Mitgefühl leiten lässt. Die Neigung als Beweggrund ist an nicht schlecht, doch sie sollte laut Kant nicht als eigentliche moralische Motivation dienen. Wohl nur sehr wenige Menschen betreiben Wohltätigkeit auch dann, wenn es ihnen keine offensichtlichen Vorteile bringt. Doch damit nicht genug: Kants Anspruch an uns geht noch weiter. Eigentlich erwarten wir alle, dass wir durch eine gute Tat etwas Gutes bewirken. Doch dies ist nicht im Sinne des kategorischen Imperativs: Denn nicht das Resultat unserer Handlung, sondern das moralische Gesetz, nach dem wir handeln, soll unseren Willen leiten. Auch ist jede Handlung, die nach diesem Gesetz erfolgt, als gut anzusehen. Die Anforderungen, die der kategorische Imperativ an den Menschen stellt, sind sehr hoch und man ertappt sich bei der Frage, ob es vielleicht nicht milder ginge. Doch ein Präzisionsinstrument wie der zuvor erwähnte Kompass, arbeitet nun mal mit minimen Abweichungen, sonst würde er nichts taugen. Unbeirrbar, so wie die Kompassnadel zum magnetischen Norden zeigt, weist uns der kategorische Imperativ die Richtung bei unseren Handlungen.

1 Kant Grundlegung 403, 5ff

 

Über die Autorin

Beitrag von Jana Cuperová Bochet, MA, Bibliothekarin mbA und Hilfsassistentin, Universität Zürich, Philosophisches Seminar, Bibliothek