Ein Beitrag von Journal21.ch

Glauben und Wissen - Teil 2

In «Auch eine Geschichte der Philosophie» spannt Jürgen Habermas den Bogen von den Anfängen menschlicher Kultur bis zur Gegenwart. Im Kern geht es darum, moralisches Sollen denkerisch zu fassen.

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Der zweite Band setzt ein mit Luther – für eine Philosophiegeschichte im engeren Sinn wäre das erklärungsbedürftig; für Habermas’ Projekt einer Genealogie des Verhältnisses von Glauben und Wissen ist es das selbstverständlich nicht. Vielmehr kommt dem Reformator hier sogar eine entscheidende Rolle zu. Er steht mitten in einer Transformationsdynamik. Territorialstaaten, Kapitalismus, Weltwirtschaft und Kolonialismus bilden sich heraus. Ferner rütteln Humanismus, Devotio moderna (neue Frömmigkeit, eine mystisch geprägte kirchliche Erneuerungsbewegung) und soziale Unruhen an der ständischen Gesellschaft. Die Konfessionsspaltung treibt indessen die Säkularisierung der Staatsgewalt voran. 

Die aus der neuen Lektüre des Römerbriefs gewonnene Lehre von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade führt bei Luther zu keiner harmonischen Versöhnung. Vielmehr hegt er einen tiefen anthropologischen Pessimismus. Für ihn unterliegt der Mensch einem unbezähmbaren Drang zum Bösen, seine Natur ist zutiefst korrumpiert. Deshalb ist das Sündenbewusstsein unabdingbare Voraussetzung des Glaubens. Im Ablassstreit geht es im Kern um die Unausweichlichkeit dieses mentalitätsprägenden Bewusstseins. 

Was nach Luthers Verständnis die Gläubigen rettet, sind nicht materielle oder moralische Leistungen, sondern eine Verinnerlichung, die das Individuum in eine lebenslange Beziehung zu Gott stellt. Dadurch verliert die Kirche ihre Verfügungsgewalt über das persönliche Heil. Luther entwickelt seine Theologie aus der Sicht des Gläubigen, der Gott als Einzelner gegenübersteht. Sie ist primär Kreuzestheologie und entkoppelt den Glauben radikal vom scholastischen Wissen. Glaube ist hier eine Sache des Vertrauens, nicht des Wissens. 

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