Ein Beitrag von Jan Kerkmann

George Berkeleys epistemologischer Gottesbeweis

1. Einleitung

 

Wohl kein Philosoph der Neuzeit wurde so häufig und derart gründlich missverstanden wie George Berkeley (1685-1753). Wenn die geläufigen Vorurteile, wonach Berkeley ein Solipsist, subjektiver Idealist, Konstruktivist und/oder Skeptiker sei, überwunden sind, scheint sich die Philosophie des irischen Bischofs mit wenigen Federstrichen nachzeichnen zu lassen. Erst ein tieferer Blick offenbart die Reichhaltigkeit seines Denkens. In diesem Beitrag soll zunächst Berkeleys epistemologischer Gottesbeweis nachvollzogen werden. Abschließend werden drei Modelle vorgestellt, welche die Beziehung zwischen dem göttlichen Geist, den Archetypen der Sinnesideen und dem perzipierenden Subjekt ausloten sollen.

 

Berkeleys Theologie ist insofern höchst originell, als er auf keinen der üblichen Wege zurückgreift, um das Dasein Gottes zu beweisen. So findet sich bei ihm kein ontologischer Gottesbeweis oder der Beweis Gottes aus der Idee der Vollkommenheit, wie ihn Descartes konzipiert. Anders als bei Descartes, wird Gott von Seiten Berkeleys nicht nach einem universalen Zweifelsprozess eingeschaltet, um die Objektivität der Außenwelt zu garantieren. Vielmehr schließt Berkeley anhand der nicht bezweifelbaren Gewissheit der sinnlich wahrgenommenen Dinge auf einen ordnungsinitiierenden Urheber.

 

2. Berkeleys Unterscheidung zwischen den Sinnesideen und den Vorstellungsideen

Für Berkeleys Gottesbeweis ist zuvorderst die Unterscheidung zwischen Sinnes- und Vorstellungsideen von fundamentaler Bedeutung. Die Sinnesideen sind beständig, regelmäßig und lebhaft. In ihrer Wahrnehmung erfahren wir uns als rezeptiv, begrenzt und inaktiv. Demgegenüber erweisen sich die Vorstellungsideen (die Ideen der Ideen) als unverbunden und weniger intensiv. Vorstellungsideen sind in ihrem Ursprung dadurch klassifiziert, von dem menschlichen Willen, d.i. die Spontaneität und Aktivität des Geistes, gebildete Ideen zu sein. Der endliche Geist kann dabei einerseits auf Erinnerungen an partikulare Sinnesideen zurückgreifen und diese in mimetischer Weise konfigurieren. Andererseits ist es nach Berkeley auch möglich, einzelne Merkmale von Ideenbündeln/Vorstellungskomplexen gesondert zu betrachten und sie mit Eigenschaften früher wahrgenommener Gegenstände zu kombinieren.

 

3. Berkeleys Argumentation für die Passivität der Ideen

Berkeley betont, dass der menschliche Geist in der sinnlichen Wahrnehmung passiv ist, weil er die wahrgenommenen Ideenbündel (= Gegenstände) nicht selbst erschaffen kann. Per Analogieschluss folgert Berkeley, dass auch die anderen finiten Geister nicht in der Lage sind, Sinnesideen zu generieren. Die faktische Gegebenheit einzelner Sinnesideen indiziert notwendigerweise die Frage nach einer Ursache der Vorstellungen. Die erste und naheliegende Deutungsoption besteht darin, ein Ursache-Wirkungs-Verhältnis zwischen den sinnlich wahrnehmbaren Gegenständen anzunehmen. Im §25 seiner Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis destabilisiert Berkeley diese Interpretationsmöglichkeit, indem er darauf hinweist, dass sich in den perzipierten Objekten keine zustandsverändernde Kraft registrieren lasse. Eine zweite Schematisierung der Provenienz der Sinnesideen könnte anhand der von Locke profilierten Unterscheidung zwischen den primären und sekundären Qualitäten gewonnen werden. In den §§ 911 der Prinzipien erbringt Berkeley jedoch den stichhaltigen Nachweis, dass die primären Qualitäten wie Ausdehnung und Bewegung entweder innerhalb eines Geistes existieren müssen oder abstrakte, nicht verifizierbare Ideen repräsentieren.

 

Der Bedeutungsumfang der Inaktivität ist nicht allein auf die genannten primären Qualitäten anzuwenden, sondern erstreckt sich auch auf die als Träger der Ausdehnung konzipierte Materie sowie auf das Ding an sich, sofern es als Grund der Erscheinungen betrachtet wird. Berkeleys wesentliche Frage im §8 der Prinzipien lautet, ob die postulierten Urbilder oder externen Dinge, als deren Abbilder die Sinnesideen gefasst werden, selbst wahrnehmbar sind. Wenn sie als wahrnehmbar definiert werden, sind sie Ideen, die als solche nicht unabhängig von einem Geist subsistieren können. Werden sie hingegen als schlechthin unperzipierbare Instanzen eingeführt, enthüllt sich die vermeintliche Ursache der Sinnesideen als ein beschreibungstranszendentes Nichts. Da Berkeley also die Existenz geistesunabhängiger Wesenheiten mit triftigen Argumenten ausschließt, wird die Annahme unabweislich, dass allein ein nicht-menschlicher Geist als Ursache für die Sinnesideen figurieren kann.

 

4. Die Unabhängigkeit der Sinnesideen und das allgegenwärtige Bewusstsein

Im zweiten Dialog zwischen Hylas und Philonous leitet Berkeley seinen Gottesbeweis im methodischen Rekurs auf die kritische Selbstbetrachtung der Machtfülle des endlichen Individuums ein. Der Einzelne kann die Bedeutung von Aktivität nur anhand seiner empfundenen Willenstätigkeit verstehen, durch die er unmittelbar Leibbewegungen generiert oder Vorstellungsideen bildet. In den Augenblicken, in denen das eigene Willensvermögen nicht aktualisiert wird, bringt das Individuum folglich nicht selbst etwas hervor. Weil es in diesen Momenten nichtsdestotrotz Wirkungen – die das endliche Subjekt anhand des äußerlichen Affiziertseins durch Sinnesideen erfährt – perzipiert, muss es zwangsläufig auch verursachende Willenstätigkeiten geben. Dergestalt gelangt das reflektierende Subjekt einerseits zu der Einsicht, dass die wahrgenommenen Dinge unabhängig von ihm und allen verwandten Perzeptionsakteuren sind, weswegen sie von einem unendlich machtvollen Willen produziert werden müssen. Die Dinge können aber andererseits nur dann in den Phasen ihres Nichtwahrgenommenwerdens durch menschliche Geister existieren – und sie müssen in diesem Modus existieren können, wenn sie das Kriterium der unbestreitbaren Unabhängigkeit erfüllen sollen – sofern sie durch den Verstand eines ubiquitären, ewigen Bewusstseins erkannt werden. Dieses Wesen, dessen Geist sich aus einem alles Seiende erkennenden Verstand und alle Sinnesideen hervorrufenden Willen zusammensetzt, ist Gott.

5. Der göttliche Geist und der archetypische Gegenstand

5. 1. Statisch-holistische Interpretation: Die unermessliche Mannigfaltigkeit der Urbilder im göttlichen Geist

 

In dieser Interpretation wird der Begriff des „Urbildes“ nahezu wörtlich verstanden. Dem göttlichen Geist inhäriert jeder Gegenstand in seiner vollständigen Bestimmtheit. Gott erkennt den einzelnen Vorstellungskomplex in der Fülle aller seiner Prädikate, die sich widerspruchslos miteinander ergänzen.

 

5. 2. Dynamisch-idealistische Interpretation: Der göttliche Geist als Mitteilungsinstanz aller gewesenen, gegenwärtigen und künftigen Wahrnehmungen

 

Die zweite Option stützt sich vornehmlich auf Berkeleys Hauptsatz „esse est percipi“. Gemäß der zweiten Auslegung ist in dem göttlichen Geist keineswegs der umfassend bestimmte, in seinen Spezifikationen eindeutig und endgültig fixierte Gegenstand präsent. Stattdessen äußert sich die göttliche Allwissenheit (Verstand) mitsamt der Allmacht (Wille) darin, alle Partikularideen, die durch endliche Subjekte wahrgenommen wurden, aktuell wahrgenommen werden oder zukünftig wahrgenommene sein werden, entsprechend freizusetzen.

 

5. 3. Empiristisch-ideenbasierte Interpretation: Gott als Konstitutionsgrund der Naturgesetze

 

In der dritten Deutung wird intendiert, Berkeleys Philosophie ohne das Postulat der göttlichen Existenz im Sinne einer personalen, unendlich weisen Allmacht zu rekonstruieren. Das Einzige, was im Hinblick auf die alltägliche Erfahrung mit Sicherheit behauptet werden kann, ist, dass sich die Sinnesideen in wiederkehrenden Verknüpfungen darbieten. Wenn also keine in den Dingen selbst waltende Kausalität als legitime Erklärung dieser Ordnung fungieren kann, muss ein übersinnliches Etwas angenommen werden, das die Ideen in einer Weise organisiert, die sich als Naturgesetzlichkeit auffassen lässt.