Blogbeitrag von Martin Finger

Freiheit oder Unfreiheit

Ob ein Grundeinkommen beschränkend oder befreiend wirken wird hängt davon ab, wie es im Detail realisiert wird.

Liebe Interessierte am Grundeinkommen,

durch meine Beschäftigung mit dem Thema Grundeinkommen wurde mir immer klarer, dass die Diskussion über die möglichen Folgen eines Grundeinkommens vor allem von einem geprägt sind: Von den persönlichen Vorstellungen der Menschen darüber wie unsere Gesellschaft funktioniert und wie unsere Gesellschaft funktionieren dürfe, solle oder müsse. Dadurch wird es verständlich, dass dem Grundeinkommen sowohl die Wirkung zugesagt wird, es würde unser Leben in ein paradiesisches verwandeln, als auch zum Erleben der Hölle auf Erden führe.

Diese Sichtweisen verhindern es, zu einer viel grundlegenderen Frage in der Diskussion zu kommen, die da ist:
Soll die Grundlage unserer Gesellschaft Freiheit oder Unfreiheit sein?

Bevor Sie antworten: „Natürlich auf Freiheit, deswegen doch das Grundeinkommen.“, möchte ich Ihnen meine Sichtweise erklären. Für mich ist ein Grundeinkommen nicht automatisch mit Freiheit verbunden. Wenn ich Freiheit sage meine ich eine absolute, individuelle und unteilbare Freiheit des einzelnen Menschen. Freiheit in einzelne Aspekte aufzuteilen und von Freiheit von etwas oder Freiheit zu etwas zu sprechen bedeutet, die Freiheit zu zersplittern und damit verhandelbar zu machen. Die Freiheit bleibt vollständig, unabhängig davon, ob ein Mensch in der Lage und in der Situation ist, diese auszuleben. Eine freie Gemeinschaft kann nur funktionieren, wenn mit der persönlichen Freiheit ebenso die vollständige Verantwortung für das eigene Leben übernommen wird. Durch Verantwortung findet die persönliche Freiheit ihre Grenze in der persönlichen Freiheit des Anderen. Entbindet man den Menschen von dieser Verantwortung, nimmt seine Freiheit Schaden. In der Folge erleidet auch die Gemeinschaft einen Schaden, weil Menschen die Folgen fremder Handlungen tragen müssen.

Ob ein Grundeinkommen beschränkend oder befreiend wirken wird hängt davon ab, wie es im Detail realisiert wird. Aus meiner Sicht würde ein Grundeinkommen welches mich zwänge, Andere gegen meinen Willen zu unterstützen, dazu führen, dass jeder Mensch zum Sklaven aller Anderen würde. So wünschenswert soziale Absicherung sein mag, bedeutet eine unfreiwillige Teilnahme, dass die Befürworter dessen in letzter Konsequenz den Einsatz von Zwang und Gewalt billigen. Dieses steht im Widerspruch zur Behauptung, das Grundeinkommen würde Freiheit ermöglichen. Es ist ein Trugschluss zu glauben, der Wegfall zur Notwendigkeit einer Erwerbsarbeit könne Freiheit geben, wenn gleichzeitig die Finanzierung des Grundeinkommens auferlegt wird.

Um das Grundeinkommen mit der Freiheit zu vereinen, habe ich ein Modell entwickelt, in welchem die Teilnahme freiwillig ist. Ein Grundeinkommen muss nicht finanziert werden, sondern bedarf der Waren zur Befriedigung der grundlegenden Bedürfnisse. Wir sind heute daran gewöhnt, dass der Zugang zu Waren über Geld geregelt ist. Über Geld und dessen Regeln denken wir kaum nach. Oftmals ist nicht einmal bekannt, wie Geld heute funktioniert. Mein Modell eines freiwilligen Grundeinkommens erfolgt über die Einführung einer komplementären Währung mit dem Namen Credere. Ebenso freiwillig in der Verwendung wie der WIR. Übertragen auf die Schweiz (1 Euro = 1 Credere = 1,2 Schweizer Franken) würde es so funktionieren: Jeder Schweizer, welcher sich für die Teilnahme am freiwilligen Grundeinkommen entscheidet, würde monatlich einen Betrag von 100 Credere erhalten. Je mehr Menschen sich für eine Teilnahme entscheiden, umso höher wird der monatliche Betrag. Nimmt die Hälfte der Schweizer teil, also ca. 4 Millionen, würde der Betrag bei 500 Credere liegen. Entscheiden sich alle Schweizer dafür, würde jeder monatlich 1.000 Credere erhalten, was einer Kaufkraft von ca. 1.200 CHF entspräche. Um die Geldmenge zu begrenzen, werden monatlich 1% bzw. 12% pro Jahr wieder zerstört. Damit existiert jede Geldeinheit nur für 100 Monate, bevor sie wieder verschwindet. In dieser Zeitspanne kann das Geld verwendet werden, um Bedürfnisbefriedigungen zu entlohnen. Wer Bedürfnisse von vielen Menschen erfüllt hat mehr Geld, um seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.

Ich selbst arbeite daran, diese freiwillige Lösung umzusetzen. Es ist aus meiner Sicht ein einfacherer Weg, als eine politische Entscheidung durchzusetzen, welche auch diejenigen zur Teilnahme zwänge, welche kein Grundeinkommen wollen. Mit der freiwilligen Variante können die Befürworter zeigen, ob es funktioniert. Skeptiker müssen nicht vorab überzeugt oder überredet werden. Wenn das Grundeinkommen auf freiwilliger Basis in der eigenen erlebten Gesellschaft funktioniert, werden Skeptiker viel leichter überzeugt werden können als durch jedes Argument oder Feldversuche, deren Übertragbarkeit auf die eigene Lebenswirklichkeit immer Ungewissheit beinhaltet.

Für die Einführung von Credere suche ich wissenschaftliche Unterstützung, um z. B. mittels Umfragen herauszufinden, in welchem Umfang Credere das Leben und die Vorstellungen von Menschen verändert. Mögliche Aspekte sind:
• Wie vertrauen sich Menschen untereinander?
• Welche sozialen Kontakte bestehen?
• Welcher Arbeit oder welchen Aktivitäten geht jemand nach?
• Welches Menschenbild ist vorhanden?
• Welche Bedürfnisse sind erfüllt oder unerfüllt?
• Wie sieht die eigene Lebensplanung aus?

Sicher gibt es noch viele weitere Aspekte die sich anzuschauen lohnen, um im Rückblick sehen zu können, wie ein Grundeinkommen unser Leben und unsere Vorstellungen verändert hat. Wer mein Projekt gerne wissenschaftlich begleiten möchte erreicht mich über kontakt@martinfinger.de. Ebenso freue ich mich über Austausch mit Interessierten die gerne mehr erfahren oder an der Umsetzung mitwirken wollen. Sehr gerne stehe ich für Vorträge und Diskussionen zur Verfügung. Weiterführende Informationen finden Sie unter http://credere.eu.

Ich bedanke mich für Ihr Interesse und wünsche eine Zukunft in Freiheit.

 

Über den Autor

Beitrag von Martin Finger, www.martinfinger.de