Blogbeitrag von Fiona Dillier

Metaethik und Evolution

Wir alle sehen uns regelmässig mit ethischen Fragen konfrontiert, geraten in Situationen, in denen wir unsicher sind, wie wir handeln sollen.

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Zum Beispiel ist es nicht ohne Weiteres klar, ob man ein Versprechen in jeder Situation einhalten muss. So betrachtet, ist die Moral also ein alltägliches Phänomen. Daneben ist sie aber auch gemeinsamer Forschungsgegenstand verschiedener akademischer Disziplinen: Die Evolutionsbiologie versucht unter Anderem herauszufinden, wann in der Entwicklungsgeschichte der Menschen die ersten moralischen Regeln entstanden sind. Denn wenn wir wissen, warum unsere Vorfahren irgendwann einmal angefangen haben, moralische Urteile zu fällen, können wir vielleicht auch etwas über das Wesen der Moral ganz allgemein lernen. Gleichzeitig gibt es mit der Meta-Ethik auch eine philosophische Disziplin, welche die ganz grundlegenden Eigenschaften der Moral erforscht. Während nämlich die Ethik danach fragt, ob eine bestimmte Handlung moralisch richtig oder falsch ist – ob wir also z.B. jedes Versprechen einhalten müssen - wird in der Meta-Ethik untersucht, warum dem so ist: Was ist beispielsweise verantwortlich für die Wahrheit des Satzes „Man darf kein Versprechen brechen, nur weil man keine Lust hat, es einzuhalten“? Gibt es irgendeine objektive moralische Tatsache, die für den Wahrheitswert verantwortlich ist, so ähnlich wie die draussen scheinende Sonne den Satz „Es ist schönes Wetter“ wahr macht?

Lässt sich die Moral durch die Evolution erklären?

Die philosophische Position, gemäss welcher es diese objektiven moralischen Tatsachen gibt, wird als „moralischer Realismus“ bezeichnet. Demnach werden in der Ethik, genau wie in anderen wissenschaftlichen Disziplinen auch, Entdeckungen gemacht. Oben genannte Frage nach der unbedingten Verpflichtung, Versprechungen einzuhalten, hat demnach eine von uns Menschen unabhängige, richtige Antwort, die wir einfach noch finden müssen. Diese Ansicht verfügt über eine gewisse intuitive Plausibilität – schliesslich möchten wir doch sagen können, dass gewisse Handlungen schlicht und einfach falsch sind. Das moralische Verbot, andere Menschen zu foltern etwa, beansprucht nach der Meinung Vieler zu Recht eine objektive Gültigkeit. Andererseits stützen sich aber manche Philosophinnen und Philosophen auf Forschungsergebnisse aus Disziplinen wie der Evolutionsbiologie, um diese Auffassung der Moral zu untergraben. Philip Kitcher glaubt beispielsweise, dass in der Ethik keine Entdeckungen gemacht werden, sondern vielmehr Erfindungen. Eine angemessene Haltung gegenüber der Moral nimmt derjenige ein, der diese als eine Art Werkzeug betrachte. Nach Kitcher ist die Moral in erster Linie eine Sozialtechnologie, welche unsere Vorfahren erfunden haben, um ihr Zusammenleben zu erleichtern: Er geht davon aus, dass die ersten Menschen zwar bereits über die Fähigkeit zu altruistischen Reaktionen verfügten – etwa im Kontext von Mutter-Kind-Beziehungen. Aber dieses Altruismus-Vermögen sei eben zu beschränkt gewesen, um ein stabiles Zusammenleben zu ermöglichen. In dieser Ausgangslage, so Kitcher, hätten sich mit der Zeit erste moralische Regeln etabliert (Kitcher 2011). Weshalb zeigt nun diese evolutionäre Erklärung der Moral, dass wir aufhören sollten, an die Existenz moralischer Wahrheiten zu glauben? Kitchers Argument dafür verläuft etwa folgendermassen: Die beste Erklärung der Moral, die wir gegenwärtig haben, stützt sich auf die Forschungsergebnisse aus der Naturwissenschaft. Sie kommt ohne die Annahme aus, dass es irgendwelche objektiven moralischen Tatsachen gebe. Deshalb sind diese schlicht überflüssig geworden: Wir brauchen keine moralischen Wahrheiten um zu erklären, weshalb wir Menschen moralische Urteile fällen. Folglich, so Kitcher, sollten wir auch nicht länger glauben, dass es solche seltsamen Dinge gibt.

Ist die beste Erklärung gut genug?

Eine Kritikerin würde nun aber einwenden, dass eine Erklärung, wie sie Kitcher vorbringt, nicht ausreiche. Diese sei letztendlich nur eine hübsche Geschichte, eine „just-so-story“(1). Kitcher wertet zwar eine Vielzahl an Daten der verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen aus und konstruiert auf deren Grundlage eine plausible Erklärung der Moral. Alternative, abweichende Erklärungen für die Entstehung und Entwicklung der ersten Regeln bis hin zu dem komplexen Konglomerat aus Wertvorstellungen, Normen, Handlungsgewohnheiten und moralischen Emotionen, das wir heute kennen, kann er damit nicht ausschliessen. Der moralische Realist William FitzPatrick sieht sich angesichts von Kitchers Geschichte der Moral in keiner Weise gezwungen, seine bisherige meta-ethische Position aufzugeben, denn – so sein Vorwurf – wir haben derzeit schlicht zu wenig Wissen darüber, wie genau sich die Moral entwickelte, um moralisch realistische Vorstellungen zu widerlegen. Solange wir jedoch nur eine mögliche Erklärung hätten, seien wir nicht gezwungen, von genannter meta-ethischer Vorstellung abzurücken – gezeigt werden müsste stattdessen, dass Kitcher die einzige richtige Erklärung bietet (FitzPatrick 2012).

Wer trägt die Argumentationslast?

Welche Schlüsse lassen nun die evolutionsbiologischen Indizien zu über das Wesen der Moral? Es scheint, dass die beiden Positionen, wie sie anhand von Kitcher und FitzPatrick kontrastiert wurden, den relevanten Forschungsergebnissen ganz unterschiedliche Funktionen zuschreiben: FitzPatrick verweist darauf, dass diese nicht genügen, um seine Überzeugung zweifelsfrei zu widerlegen, dass er also weiterhin berechtigt sei, an die Existenz moralischer Tatsachen zu glauben. Kitcher ist hingegen der Ansicht, dass dank seiner Erklärung der Moral gar kein Grund mehr bestehe, eine solche Überzeugung überhaupt erst zu bilden. Solange die evolutionsbiologische Erklärung erstens plausibel sei und zweitens keine moralischen Phänomene unerklärt lasse, reicht dies für ihn aus. Dieser Unterschied lässt sich auch mit dem Begriff der Argumentationslast beschreiben: Ähnlich wie vor Gericht können wir auch hier fragen, wer eigentlich die Position der Verteidigerin einnehmen kann und wer als Ankläger in der Pflicht steht, seine Ansichten zwingend zu begründen. Die Untersuchung des Einflusses der Evolutionsbiologie auf die Meta-Ethik weist darauf hin, wie komplex die Zusammenhänge zwischen zwei Dimensionen unsere alltäglichen Lebens sind: Wir sind ständig mit wissenschaftlichen Ergebnissen unterschiedlichster Art konfrontiert und, dass wir als Menschen eine evolutionäre Geschichte haben, ist mittlerweile Teil unseres Selbstverständnisses. Andererseits navigieren wir uns auch anhand unserer moralischen Urteile durch den Alltag. Wie das Eine mit dem Anderen zusammenhängt, erweist sich als schwierige philosophische Frage.


 

(1) Der Begriff „just-so-story“ wurde von Gould und Lewontin (1979) eingeführt. Gould und Lewontin bezeichnen damit die Praxis, Adaptions-Geschichten allzu schnell als Erklärung dafür zu akzeptieren, weshalb heute ein bestimmtes biologisches Merkmal auftritt, ohne alternative (nicht-adaptive) Erklärungen in Betracht zu ziehen.

Literatur

Gould, S. J. und Lewontin, R. C. (1979): The Spandrels of San Marco and the Panglossian Paradigm: a Critique of the Adaptationist Programme. Proceedings of the Royal Society of London. Series B, Biological Sciences, Bd. 205 (116), S. 581 – 598.

FitzPatrick, W. (2014). Debunking Evolutionary Debunking of Ethical Realism. Philosophical Studies, 172, S. 883 – 904.

Kitcher, P. (2011). The Ethical Project. Cambridge, MA: Harvard University Press.

 

Über die Autorin

Beitrag von Fiona Dillier, studierende Philosophin in Bern