Essaywettbewerb - Der digitale Mensch

Entfremdung und Einsamkeit

Joël Bartholets Essay für den nationalen Essaywettbewerb 2020

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Die Digitalisierung entfremdet uns, weil wir einsam sind. Dieser Essay ist ein Versuch herauszufinden, was ein Individuum ist und ob Probleme entstehen, wenn sich Individuen in Zeiten der Digitalisierung widerfinden. Ich kann bereits vorwegnehmen, dass es ein Entfremdungsprozess ist, aber gehen wir näher darauf ein.

Das starke Wort «Entfremdung» stammt von Blaise Pascal. Ich verstehe darunter etwas, was einen vom Ursprünglichen Sein wegbringt. Das Wort wird aktiv verwendet, wir werden nicht entfremdet, sondern entfremden uns von etwas. Realisiert man die Entfremdung, die lange Zeit unbemerkt blieb, fallen wir in einen Schockzustand. Ich erkläre mir vielerlei Volkskrankheiten, allen voran die Depression, durch den Entfremdungsprozess. Bei der Entfremdung wäre es eigentlich präziser von einer «Flucht» zu sprechen, denn man flieht davor sich genauer mit dem eigenen Leben zu beschäftigen. Man schiebt es vor sich hin oder man verdrängt es und sucht stattdessen die Ablenkung. Es ist bis zu einem gewissen Grad normal, denn man kann nicht den ganzen Tag in tiefe Kontemplation versinken. Dennoch muss man sich hin und wieder den grossen Fragen des Leben stellen. Ignoriert man diese existenziellen Probleme, so überrollen sie einen urplötzlich.

Ich möchte dem Leser ein klassisches Beispiel geben: Der gestresste, vielbeschäftigte Geschäftsmann lebt von Meeting zu Meeting und verschiebt die Zeit in der er Alleine oder mit echten Freunden Zeit verbringen kann. Er denkt nur an Zahlen und Geschäftsberichte, und ist am Abend selbst zum Beten zu müde. Dann stirbt seine Tochter völlig unverhofft in einem tragischen Autounfall.

Nach dem ersten Schock, schleichen sie sich in ihm hoch, diese Fragen. Warum gerade ich? Wo ist jetzt meine liebe Tochter bloss? Bin ich ein schlechter Vater? Warum nur können so schreckliche Dinge geschehen? Was geschieht bloss nach dem Tod? Der Vater verfällt im schlimmsten Fall selber in eine Depression. Was wir daraus lernen ist, dass das Leben überwältigend sein kann, aber wenn man sich nur hin und wieder Zeit nimmt und sich mit dem Leben an und für sich beschäftigt, ist man zumindest nicht mehr überrascht, wenn einen das Leben mal wieder erschrickt.

Man mahle sich nur mal aus, wenn sich die gesamte Gesellschaft entfremdet. Das würde eine globale Existenzkrise bedeuten.

Die Digitalisierung entfremdet uns natürlich nicht direkt. Die Technik ist meist nicht das Problem, es ist nur die Frage wie man von ihr vernünftig Gebrauch macht. Meine Absicht ist es auch nicht den Fortschritt und die Forschung zu dämonisieren, im Gegenteil. Ich schätze all die Errungenschaften, gerade in der Medizin, ungemein. In diesem Essay will ich aber auf mögliche Gefahren in einer Zukunft aufzeigen, die nicht optimal verläuft. Ich richte mich sozusagen an das Bild einer dystopischen Zukunft. Heute kann man jedoch bereits sehen, wie die Digitalisierung die Ablenkung und somit die Entfremdung fördert. Wir suchen nach Fluchtmöglichkeiten und die Digitalisierung serviert uns diese auf dem Silbertablett. Ich kann heute den ganzen Tag mit Kollegen chatten oder mich mit Musik, Netflix oder Sportclips zudröhnen. Bis zu einem gewissen Grad ist es normal, dass der Mensch es nicht zu lange mit sich selbst aushält, dass ihn seine Gedanken verrückt machen und dass er daher in eine Alternative Welt abtauchen muss. Romane gab es schon sehr viel länger als das Internet. Die Intensivierung durch das Internet könnte aber zum Problem werden, wenn die Digitalisierung im selben Tempo voranschreitet.

Ich will mich nun dem Individuum zuwenden, welches sich entfremdet. Was ist das genau, ein Individuum? Ich frage nicht, was wir heute darunter verstehen, sondern was es ist. Ich denke ein Individuum zeichnet sich durch seine hoffnungslose Einsamkeit aus. Sie ist es auch vor der es sich hauptsächlich entfremdet, aber dazu später mehr. Diese fundamentale Einsamkeit lässt sich in mehreren Beobachtungen beweisen. Einerseits kommen wir aus ihr und gehen in sie zurück. Was ich damit meine ist die Geburt und den Tod. Aus der Perspektive des Leben befindet sich vor und nach dem Leben keinerlei Zweisamkeit. Ein Gläubiger würde einwenden, im Jenseits treffe man auch bekannte Seelen wieder, doch der Prozess des Sterbens bleibt ein einsamer.

Niemand hilft uns da durch, wir müssen diesen letzten Weg alleine gehen.

Die Tatsache, dass wir alleine sterben beweist unsere grundlegende Einsamkeit.

Wären wir nämlich nicht Individuen, sondern eine Einheit, dann stürben wir alle gleichzeitig.

Die Realität ist aber, wir sind nicht alle eins, sondern nur ein grosser Haufen Verschiedener.

Wir könnten theoretisch alleine leben, was nicht heisst wir sollten dies tun, aber es beweist, dass uns nichts notwendigerweise aneinander bindet. Die Einsamkeit lässt sich in einem Gedankenexperiment beweisen. Das Gefühl von Verbundenheit entsteht ja dadurch, dass ich mein Leben mit jemandem teile, ergo Zeit mit ihm verbringen oder ihm etwas von mir zu erzählen. Wir werden aber unser Leben niemals zu hundert Prozent teilen können, denn damit ginge ich in die andere Person über, ich wäre dann sie oder sie ich, wie auch immer. Ein neues Individuum wäre entstanden, welches sich denselben Problemen gegenübergestellt sieht. Das Individuum ist also einsam.

Was bedeutet dies für unsere sozialen Kontakte, ist die nächste logische Frage, denn wir spüren doch häufig eine innere Verbundenheit zu anderen, oder auch ein starkes Zweisamkeits-Gefühl.

Handelt es sich hierbei um Illusion? Nein, mitnichten! Die Einsamkeit und unsere zwischenmenschlichen Begegnungen sind eng miteinander verwoben. Das eigentlich Paradoxe und Widersprüchliche einer menschlichen Interaktion entsteht, weil es eigentlich ein Wunder ist, dass wir andere, ebenfalls einsame Wesen, trotz unserer Einsamkeit treffen können.

Das Geheimnisvolle, Unerklärliche, was in jeder Beziehung mitschwingt, wird von der Einsamkeit erschaffen. Gewissermassen gibt die Einsamkeit unseren Kontakten einen tieferen Wert.

In einer Analogie formuliert: Siamesische Zwillinge sind auch nicht freudig überrascht, einander endlich einmal wiederzusehen, zumindest nicht so wie ich mich über das Wiedersehen mit einem alten Kumpel freue. Das Unverfügbare Moment einer Begegnung ist also entscheidend und ohne die Einsamkeit wäre dies nicht denkbar. Allerdings manifestiert sich diese Einsamkeit und diese Unverfügbarkeit nur in einer körperlichen Welt. Es bedingt Raum und Zeit um Einsam zu sein.

Denn in einer Sphäre bestehend aus Geistigem kann man sich Einsamkeit schwer denken.

In einer Welt in der andere Menschen bereits lange Tod sein können oder noch nicht mal geboren, in der man sich nur körperlich begegnen kann und die Freundin möglicherweise auf einem anderen Kontinenten studiert, verspüren wir unsere Einsamkeit. Mir ist bewusst, dass sich eine nicht körperliche Welt schwer denken lässt, wenn man ein körperliches Wesen ist, aber dennoch sehe ich eine starke Verbindung zwischen Einsamkeit und Körperlichkeit. Wir können uns ja nur in Raum und Zeit verloren fühlen, so nehmen wir unsere Welt schliesslich wahr, und auch die Einsamkeit ist Teil dieser Welt. Der springende Punkt ist, wenn Einsamkeit und Körperlichkeit zusammenhängen, dann gibt es auch eine Verbundenheit zwischen unseren sozialen Kontakten und Körperlichkeit, denn ich habe ja bereits erklärt, weshalb die Einsamkeit unsere Kontakte zu dem machen was sie sind.

Was ich daraus schliesse ist, dass soziale Kontakte leibhaftig sein müssen um würdig zu sein, alles andere wäre unaufrichtig.

Das Internet bringt eine enorm verführerische Kraft mit sich, weil es in gewissen Punkten das Prinzip des einsamen Individuums untergräbt. Das Internet ist die Verbundenheit pur, es ist das Wesen des Internets, Server miteinander zu verbinden, Accounts und die Menschen dahinter zu «connecten». Daraus folgt nicht, dass wir im Internet unsere Einsamkeit ablegen, aber zumindest wird uns dies vorgegaukelt. Wir erhoffen uns Verbundenheit im Internet, während wir in Wirklichkeit genauso einsam sind wie wir es ohne Internet wären. Heute kann ich meine Freunde sozusagen den ganzen Tag in der Hosentasche mittragen und ich kann mit der zuvor erwähnten Freundin, die auf einem anderen Kontinent lebt, skypen. An dieser Stelle haltet sich noch alles im Rahmen.

Die Digitalisierung trachtet aber, wenn wir nicht aufpassen, danach alles zu ersetzen was sie kann. Ich habe bereits festgehalten, dass ich von einem dystopischen Zukunftsbild ausgehe.

Denn die Gefahr sehe ich erst, wenn die digitale Technologie versuchen sollte unsere sozialen Kontakte zu ersetzen. Ich halte dagegen, dass man niemals die online Begegnung vor die Echte stellen sollte, wenn man die Wahl hat. Ausserdem müssen wir alles daransetzen in dieser Hinsicht immer die Wahl zu haben. Die Corona-Krise verdeutlichte ziemlich gut was ich meine. Viele fühlten sich vom Homeoffice ermattet, weil einem die leibhaftige Begegnung fehlte, weil wir tief in uns wissen, dass wir während der Facetime-Sitzung nur in einen Laptop starren und nicht einem Menschen in die Augen schauen. Das liegt an der Einsamkeit, die unbedingt vorhanden sein muss um wahrhaftig zwischenmenschliches hervorzubringen. Ich kann natürlich über die Technik mit einem Freund abmachen, die Technik ist nicht nur negativ, aber je mehr die Technik zur Normalität wird, desto mehr muss man sich bewusst machen, dass sie nicht im Stande ist die Realität zu ersetzen.

Das Leibhaftige einer Begegnung ist über das Internet nicht gegeben und somit findet die Begegnung nicht zwischen zwei einsamen Individuen statt, sondern zwischen zwei verbundenen Accounts, hinter denen zwar reale, einsame Menschen stecken, aber sie sind nicht in der Lage die Einsamkeit des a

Anderen wahrzunehmen. Das ist aber entscheidend für die Begegnung. Wenn ich sage, dass die Einsamkeit der Begegnung ihren Wert verleiht, muss diese Einsamkeit von beiden gespürt werden können, oder mit anderen Worten: Ich muss anwesend sein, ich muss dem Gegenüber die Würde erweisen, durch Raum und Zeit zu reisen für ihn.

Die Digitalisierung entfremdet uns von dem was wir sind, sie ermöglicht zumindest die Flucht in die Gedankenlosigkeit, weg von der Auseinandersetzung mit existenziellen Ängsten. Ausserdem auch weg davon, sich mit der Einsamkeit auseinanderzusetzen. Man sieht, die Probleme gehen Hand in Hand. Halte ich es nicht mehr mit mir selbst und meinen Gedanken aus und setze ich mich einer totalen Ablenkung aus, werde ich auch Beziehungen nicht mehr richtig einschätzen können. Ich bin dann nicht mehr in der Lage im Wechselspiel aus «Zeit teilen» und «Zeit für sich haben» zu leben. Ich vergesse den Wert der echten Begegnung und fürchte mich vor dem echten Alleinsein.

Wir müssen uns vor Augen führen, dass wir einsam sind, einander gerade deswegen brauchen und zwar ausserhalb der Meta-Welt des Internets. Wir müssen uns auch ins Bewusstsein rufen, dass man die eigenen Gedanken nicht abwürgen sollte, nicht unterdrücken sollte, sondern öfters in sich zu lauschen und Zeit mit sich zu verbringen. Wir müssen uns Ankerpunkte setzen, in denen wir uns sozusagen erden, in denen wir bodenständig werden und realisieren können, dass alles was wir suchen neben dem Laptop liegt und nicht in ihm. Klar er ist ein nützliches Gerät, aber er wird uns gerade deswegen vielleicht keine unserer Fragen beantworten können und auch niemals eine echte Beziehung ermöglichen.

Nach dem bisher geschriebenen glaube ich nicht, dass die Digitalisierung das Wesen des Individuums grundlegend ändert. Sie bringt aber die Herausforderung mit sich, dass wir die Pflege der wichtigsten Dinge im Leben vergessen könnten: Die Beziehungen mit anderen und die Beziehung mit dem Ich. Mein Plädoyer ist also, die Einsamkeit alleine oder in Zweisamkeit durchzustehen und sich mit dem Leben alleine oder mit Freunden auseinandersetzen, was auch immer sich daraus ergibt, es ist um ein vielfaches wertvoller, als eine Handlung am Computer.