Von Jana Bochet, Junior Assistant Lehrstuhl politische Philosophie, Universität Zürich

Ein Politikum auf zwei Rädern

Ende 2012 hat der Zürcher Stadtrat den Masterplan Velo vorgestellt, ein vielversprechendes und überaus kühnes Projekt, dank dem das Radfahren in der Limmatstadt zu einer Alltagsangelegenheit für Jung und Alt werden sollte. Zwar wurde der Masterplan Velo Ende 2013 vom Gemeinderat verabschiedet, doch ein Rahmenkredit für seine Umsetzung wurde nicht bewilligt.

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Ende 2012 hat der Zürcher Stadtrat den Masterplan Velo vorgestellt, ein vielversprechendes und überaus kühnes Projekt, dank dem das Radfahren in der Limmatstadt zu einer Alltagsangelegenheit für Jung und Alt werden sollte. Zwar wurde der Masterplan Velo Ende 2013 vom Gemeinderat verabschiedet, doch ein Rahmenkredit für seine Umsetzung wurde nicht bewilligt. Der Masterplan läuft also höchstens im Leerlauf und bei der aktuellen Verkehrssituation bleibt das wohl auch so. Seit über zehn Jahren fahre ich täglich mit dem Fahrrad durch die Stadt und es braucht manchmal viel Mut (um nicht zu sagen Übermut), wenn man sich trotz fehlender oder schlecht konzipierter Velowege von seinem Vorhaben nicht abbringen lässt. Zürich verfügt leider über kein systematisch ausgebautes Velonetz, auf dem die Menschen sicher von einem Stadtende ans andere gelangen würden. Zwar verweist man beim Bau der Velowege wiederholt auf fehlende Finanzen, doch diese sind nur die Folge bestimmter Überlegungen und Entscheidungen. Im Grunde mangelt es am politischen Willen für die Bereitstellung von Mitteln und Ressourcen – in Form von Geld oder Platz – für Velowege. Anderseits diktieren Themen wie Gesundheit, Sicherheit im öffentlichen Raum und Umweltschutz den politischen Diskurs, sei es aus der ökonomischen, ethischen oder ökologischen Perspektive. Wir sollen mehr von all diesen Gütern anstreben, wird uns andauernd gesagt, denn es sei gut, wenn die Stadt grün, sauber und ihre Einwohner gesund sind. Wo es jedoch auf die konkrete Umsetzung ankommt, da handeln die Politiker und Verantwortlichen geradezu kontradiktorisch zu ihren guten Vorsätzen. Es scheint, als ob die Lösung zu einfach wäre, daher zögert man sie lieber aus. Plädiert man – wie zum Beispiel bei der Gesundheitsförderung der Stadt Zürich – für mehr Sport und einen gesunden Lebensstil für alle Altersgruppen, tut man dennoch so gut wie nichts, um die Bewegung der Bevölkerung anzukurbeln. Im Gegenteil – man kommt jenen, die sich im Stadtverkehr aus eigener Kraft bewegen wollen, nicht mal entgegen. Wichtige Verkehrsadern und –achsen wie Limmatquai, Bahnhofstrasse, Bellevue oder Central sind auch für einen erfahrenen Velofahrer ein Spiessrutenlauf. Eine Freundin hat mich neulich um Rat gefragt, wie sie am Limmatquai fahren soll, wenn das Tram von hinten kommt und sie nicht schnell genug ist. Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort, denn allem Anschein nach haben es sich gar die Strassenplaner nicht so genau überlegt. Zwar ist dieses Jahr am 14. Juni ein kleines Wunder geschehen und das Stimmvolk hat die Veloinitiative und den dazugehörigen Gegenvorschlag angenommen. Konkret bedeutet es, dass die zweite Variante (also der Gegenvorschlag) mit einem Rahmenkredit von 120 Millionen Franken umgesetzt wird. Nun hat man – zumindest theoretisch – immerhin das nötige Kleingeld für den Bau von Radwegen. Ob mit dieser Summe tatsächlich der Ausbau des ersehnten Velonetzes realisiert werden kann, ist noch offen. Der öffentliche Raum ist zweifelsohne eine Ressource, um die ein erbitterter Kampf herrscht. Dennoch geht die Stadt mit dem verfügbaren Raum nicht effizient genug um, schliesslich ist das Autofahren in Zürich keine Ausnahme, sondern vielmehr eine Regel, obwohl ein Autofahrer viel mehr Platz einnimmt, als alle anderen Verkehrsteilnehmer. Von der Umweltverschmutzung, Lärmverursachung und anderen negativen Aspekten ganz zu schweigen. Dagegen sind Velofahrer eine Spezies, die es so gesehen noch nicht gibt, zumindest wenn es um ihre Berücksichtigung in der offiziellen Raum- und Strassenplanung geht. Dies ist insofern irreführend, als man aus dem nicht vorhandenen Raum für Velowege auf die Nichtberechtigung der Velofahrer als Verkehrsteilnehmer schliesst. Der Velofahrer ist kein Fussgänger mehr, doch ein Autofahrer ist er auch nicht. Er befindet sich zurzeit – wortwörtlich – in einem Leerraum, der sich dann und wann ergibt, wenn die Strasse gerade breit genug für eine Velospur ist. Doch alsbald verschwindet diese wie von Zauberhand und die Autos drängen einen allzu gerne zum Randstein – im Zürcher Stadtdschungel behält der Stärkere die Oberhand. Radelt man durch Metropolen wie Berlin oder Paris, stellt man mit Verblüffung fest, dass es hier deutlich einfacher ist, auf zwei Rädern vorwärts zu kommen als zu Hause. Sogar auf New Yorks vielspurigen und stark befahrenen Strassen fühlt man sich selten von den Autos bedrängt und kommt sicher vorwärts, so paradox es klingen mag. Hingegen wird in Zürich über Velowege vorderhand nur gesprochen, anstatt sie endlich umzusetzen. Warum gibt es in anderen Ländern, die sich doch offenbar andauernd in finanziellen Schwierigkeiten befinden, dennoch Raum und Geld für Velowege, wo doch in der reichen Schweiz die finanziellen Mittel dafür vorhanden wären? Man denkt viel über solche Sachen nach, während man im Ausland als Feriengast das erstaunlich gut ausgebaute Velonetz nutzt. Länder wie Belgien oder Holland führen einem in seiner Konsequenz zu Ende gedachtes Velofahren vor Augen. Offensichtlich haben die Menschen an diesen Orten die Vorteile des Radfahrens bereits entdeckt und jetzt machen sie einen alltäglichen Gebrauch davon. Sogar so sehr, dass man sich als Fussgänger verloren vorkommt, wo doch alle einem davonradeln. Nur in Zürich scheint es ein gut gehütetes Geheimnis zu sein, warum Velofahren von Vorteil für alle (ja, alle – sogar Autofahrer und Fussgänger) sein sollte. Natürlich ist Zürich nicht ganz flach und es werden nie alle Stadtbewohner zu Velofahrern, doch es gibt viele Quartiere, für die ein Veloweg wohl die beste und schnellste Art der Verbindung wäre. Stattdessen werden die paar Hügel, die man in der Stadt hat, politisch grosszügig ausgespielt, um die Einwohner davon zu überzeugen, dass Zürich keine Radfahrerstadt sein kann, sprich es braucht keine Velowege. Demnach sei es sinnvoller, andauernd zu Fuss zu laufen, auf Tram oder Bus zu warten, kurzum sich den Tag lang nach einem fremden Fahrplan zu richten, ganz zu schweigen von der Trägheit, die einen am Ende des Tages packt, denn das Laufen macht müde. Der öffentliche Verkehr funktioniert zwar vorbildlich und ist in jeder Hinsicht besser als ein eigenes Auto, doch man bleibt nach wie vor passiv: Zur Tram- oder Busstation laufen, warten, einsteigen, absitzen, aussteigen und wieder laufen. Hingegen erfasst man beim Velofahren die Welt als ein nie endendes Kontinuum; das Sichtfeld erweitert sich fortlaufend. Keine Türen und Wände, keine Fensterrahmen, die einem den Bildausschnitt vorgeben. Man bewegt sich so gut es geht frei durch den Raum, mit einem Tempo, das man weitgehend selber bestimmt und das alles aus eigener Kraft. Ist das Rad einmal gekauft, kostet der Alltagsgebrauch fast kein Geld mehr. Die geschmeidige, beinahe geräuschlose Bewegung der Räder auf dem Boden schont die Gelenke, Ohren und Lunge, die Einkaufstasche kann man im Velokörbchen abstellen, während man bequem von Tür zu Tür fährt. Man könnte sagen, dass das Leben um eine ganze Dimension reicher wird. Es mag banal erscheinen, doch der ästhetische Aspekt des Velofahrens ist nicht zu unterschätzen und er bereichert das Leben auf eine ganz schöne Art. Blättert man in dem erwähnten Masterplan Velo durch, fällt einem auf, dass ein beträchtlicher Teil dieses Programms die Motivierung der Bevölkerung zum Velofahren war, also etwas, was man eigentlich nicht direkt durch finanzielle Mittel erreichen kann. Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, warum viele Zürcher solch eine Abneigung zum Fahrrad haben. Verkörpert doch das Velo, wie man das Rad liebevoll hierzulande nennt, viele so gerne angepriesene Schweizer Tugenden: An erster Stelle Disziplin und Ausdauer, dann Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein und nicht zuletzt die Effizienz. Sogar die Bürgerlichen und die Volksparteien müssten das Velo lieben, steckt doch ein kleiner Stück Selbstbestimmung und Unabhängigkeit darin. Dennoch wird es wohl noch eine kleine Ewigkeit dauern, bis für uns Velofahrer bessere Zeiten anbrechen werden.