von Willy Bierter

Ein Baum, eine Frau und ein Mann

Erstaunlich: Man kann von einem "Dreigestirn" wie einem Baum, einer Frau und einem Mann etwas lernen!

Heinz von Foerster hat ein kurzes Theaterstück geschrieben. [1] Vorhang auf. Auf der Bühne sieht man: einen Baum, eine Frau und einen Mann. Der Mann zeigt auf den Baum und sagt laut und theatralisch: „Dort steht ein Baum!“ – Darauf die Frau: „Woher weisst Du, dass dort ein Baum steht?“ – Der Mann: „Weil ich ihn sehe!“ – Darauf die Frau mit einem kleinen Lächeln: „Aha.“ Der Vorhang fällt. Was können wir aus diesem Dialog lernen?

Zu jedem Anfang gehört zunächst untrennbar eine Beobachtung bzw. ein Beobachter, und: Jeder Anfang basiert auf dem Treffen einer Unterscheidung, damit der Beobachter sehen kann, was er sieht – hier mit dem Ausruf „Dort steht ein Baum!“. Bildlich gesprochen: Der Mann schneidet ein „Etwas“ aus der Welt heraus, betrachtet es und bringt dieses „Etwas“ in Zusammenhang mit dem Begriff „Baum“. Damit haben wir eine klassische Situation mit ihrem einzigen Identitätsprinzip: Auf der einen Seite die irreflexive Identität des Objekts „Baum“ und auf der anderen Seite die „lebendige“, in sich selbst reflektierte Identität eines sich vom Objekt „Baum“ ausdrücklich absetzenden Ichs, dem Mann. Mit seiner etwas abrupten Antwort auf die Frage der Frau „Woher weisst Du, dass dort ein Baum steht?“ bekräftigt der Mann seine Weltanschauung: Es gibt für ihn nur eine Realität und eine Rationalität, d.h. ein Original und ein Spiegelbild davon (in seinem Geist). Anders gesagt: Der Mann geht davon aus, dass es eine allgemeingültige Sichtweise auf die Realität gibt, und dass er ohne jegliche Anstrengung einer empirischen Präzisierung und Verifikation beanspruchen kann, dass seine Aussage immer wahr ist, egal, was da draussen in der Welt los ist und was andere Subjekte dazu äussern mögen. Dem Mann bleibt allerdings verborgen, dass erstens Wahrheit nur als isolierter subjektiver Prozess widerspruchsfrei ist, also im Monolog, während sie sich im Dialog zwischen einem Ich und einem Du, d.h. beim Durchgang durch ein objektives Medium, zu einem Umtauschverhältnis möglicher Bewusstseinsstandpunkte entwickelt. Und zweitens, dass er nicht gleichzeitig seine Unterscheidung – den Wahrnehmungsprozess – und den Inhalt der Wahrnehmung – den „Baum“ – beobachten kann, weswegen er nicht wissen kann, dass er nicht sieht, was er nicht sieht. Mit anderen Worten: Ein Auge kann zwar Gegenstände erblicken, aber es kann den eigenen Sehprozess nicht optisch wahrnehmen. 

 

            Was ist eigentlich eine Unterscheidung? Gregory Batesons bekannte Antwort auf diese Frage lautet: Eine Unterscheidung ist etwas, das einen Unterschied macht. [2] Und George Spencer-Brown beginnt mit den schlichten Worten „Triff eine Unterscheidung“ [WB: „Draw a distinction“] [3]  einen Kalkül der Logik mit dem Anspruch, nichts weniger als eine allgemeine Theorie der Unterscheidung zu sein. Er deutet die Unterscheidung zugleich als Unterscheidung von allem anderen und Bezeichnung des Unterschieds. Doch da stossen wir auf ein Paradox, denn die eine Operation der Unterschei­dung kann nicht zugleich Unterscheidung und Bezeichnung sein. Dieses Paradox löst sich dann auf, wenn wir anerkennen, dass wir es bei Unterscheidungen mit selbstreferentiellen Operationen zu tun haben. „Leben, Bewusstsein und Kommunikation reproduzieren sich, in dem sie sich anhand selbstgesetzter und, wenn man so sagen darf, selbstverwalteter Unterscheidungen aus allem anderen ausgrenzen und von allem anderen unterscheiden.“ [4] Das Problem mit den Unterscheidungen hat Heinz von Foerster auf einen kurzen Nenner gebracht: Jede Unterscheidung hat einen blinden Fleck, und dieser blinde Fleck ist sie selbst. Die Unterscheidung kann sich nicht selbst beobachten, daher sieht sie nicht, was sie nicht sieht, und sieht auch nicht, dass sie nicht sieht, was sie nicht sieht. [5] Was damit deutlich wird: Der Umgang mit Unterscheidungen verweist methodisch auf den Umgang mit Paradoxien. Ob man damit sehr weit kommt?

 

Nun bringt die Frau als zweiter Beobachter von einem anderen Standort aus mit ihrer Frage „Woher weisst Du, dass dort ein Baum steht?“ – zumindest indirekt – eine andere mögliche Unterscheidung ins Spiel. Mit ihrem ironischen „Aha“ auf die Wiederholung der ursprünglichen Aussage des Mannes – mit der dieser lediglich zum Ausdruck bringt, dass er nach wie vor in seinem System „Eine Welt – eine Logik“ [6] verblieben ist –, macht sie ihn darauf aufmerksam, dass er von dem Baum nur weiss, weil er ihn sieht und deutet damit gleichzeitig an, dass er etwas anderes sehen würde, wenn er eine andere Unterscheidung treffen würde. Insgeheim denkt sie, welch einem „Trug“ sich der Mann doch hingibt, wenn er sich immer nur mit dem aufhält, was sich ihm als „wirklich und wahrhaftig“ aufdrängt, wo es doch vielmehr darum gehen müsste, alle Ungleichartigkeiten und Ungleichzeitigkeiten in sich zu vereinen, und er so das Spiel der Unterschiede für sich gewinnen würde.

Zwar endet das Theaterstück hier und wir vernehmen nicht, wie der Mann auf das „Aha“ der Frau reagiert. Wir können jedoch das Stück weiterspinnen und sagen: Er wird durch diese Ironie überrascht, weil er bei all seinem Wissen noch nicht weiss, dass er gar nicht anders als mit kontingenten Unterscheidungen starten kann: Es gibt keine notwendigen Unterscheidungen. Wie könnte der Mann denn auf den leisen Zwang des ironischen „Aha“ der Frau reagieren? Erstens könnte er ihn ignorieren, weiterhin auf sich selbst bezogen bleiben und in sich verharren – entweder nach den Motti „Ich weiss es einfach“ oder „Halte das Alte, scheue das Neue“. Zweitens könnte er ihm nachgeben und beginnen, seine Wahrnehmung zu überprüfen – z.B. durch einen Wechsel seiner Standorte, was ihm neue Perspektiven eröffnen und ihm erlauben würde, Entscheidungen zu treffen, die andere Umgebungen schaffen. Es wäre ein erstes Anzeichen dafür, dass sein Geist aus seiner „einfachen Beziehung auf sich“ ausbricht und er allmählich aufmerkt, dass im Übermass an Positivität keine Erfahrung möglich ist, dass der Geist erst angesichts des Anderen erwacht. Drittens könnte er seine bisherige Denkposition – das dyadische Ich-Es-Modell – verlassen, sein Denken nicht ausschliesslich auf sich selbst beziehen, sondern in einen Dialog mit der Frau, d.h. in das triadische Modell von Ich (Mann) – Du (Frau) – Es (Baum, Landschaft, ...) eintreten („Was siehst du, was ich nicht sehe“ usw.), Ich und Du endlich als gleich-gültige Reflexionszentren anerkennen. [7] Dies setzt einen Willensakt voraus, also wiederum eine Entscheidung, die einen Unterschied und damit eine neue Umgebung schafft, darin sich „Nachbarschaften“ ergeben können, bei denen beide sich verwundert an Ähnlichem wie Neuem erfreuen können. Denn immer ist es Verwunderung, wenn eintritt, wovon man nicht wissen kann, weil es keinem Bedürfnis entspricht, ausser jenem, das es selbst erst erschaffen soll. Wenn die beiden nicht auf Anhieb verstehen, was der jeweils andere zu sehen, hören, fühlen, riechen oder zu schmecken behauptet, so müssen sie wiederholen, um beharrlich und auf Umwegen doch zu verstehen versuchen: „Dass die Wiederholung gleich einem Mittel und nicht für sich selbst anzieht und im Unterschied zwischen dem Selben und dem Gleichen eine Änderung der Ansichten und des Verfahrens bewirkt.“ [8] Erst dann können beide allmählich verstehen, dass „ergriffen“ werden erst in der Absetzung vom Ich eine andere Form des Verstehens findet. Diese Form des wechselseitigen Verstehens und Verstanden-werdens „löst sich in der Klarheit auf; sie hat gewirkt; sie hat ihre Aufgabe erfüllt; sie hat gelebt.“ wie Valéry sagt. [9] Jetzt verstehen die beiden auch, dass man sich verstehen kann, indem man sich auf die Wiederholung versteht. Jede Wiederholung bedeutet eine Verschiebung in der Zeit, so dass ein Unterschied geltend gemacht werden kann, der nicht im „Ich“ und „Jetzt“ aufgehoben ist, weil er der Augenblick der Wiederholung ist. „Das wäre eine Wiederholung, die – nach Günther – den Weg der Kybernetik einschlägt, wenn sie damit beginnt, ‚sich selbst als Prozess‘ und nicht mehr ‚als Ausdruck einer ich-haft privaten, aber überall gleichen Subjektivität zu interpretieren‘. Wenn sie im Unterschied von Ich und Du ein ‚objektives, allen individuellen Ichs sowohl in gleicher Weise bekanntes als auch in gleicher Weise fremdes Modell der Subjektivität‘ annimmt. Objektiv nicht im Allgemeinen, was nur auf dasselbe hinausliefe, sondern einzeln und auch gemeinsam, wie es nur eine in gleicher Weise bekannte und fremde Umgebung sein kann.“ [10]

 

Noch eine Anmerkung zu der laut und theatralisch vorgetragenen Aussage des Mannes „Dort steht ein Baum!“: Das kommt davon, wenn alles überindividuell zu Phänomenen des menschlichen Bewusstseins, der Subjektivität erklärt, aber doch auf eine innere Einheit zusammengefasst wird – im Mittelalter war diese Einheit Gott und garantierte den einheitlichen Ursprung der vielfältigen und sich widersprechenden Erscheinungen. „In der Welt wird der Ort dieses Ursprungs vom Subjekt eingenommen. Innenwelt und Aussenwelt geben die faktisch vorhandene Differenz zwischen dem Ich und den Objekten wieder und neutralisieren sie aber auch zugleich, wenn dieses ‚Ich‘ nach Kant Gedanken in genau derselben Weise ‚hat‘, wie die Körperwelt der toten Dinge prädikative Eigenschaften aufweist und – demselben Gegenstandsbegriff verhaftet – sich logischerweise nicht unterschiedlich betätigen kann. So kommt es, dass dieses Subjekt (...) sich also nicht in Raum und Zeit verteilt, sondern immer schon das Ganze der Einteilung ist und also in die Nähe seines gottähnlichen Ursprungs gerät, wo es allgemeingültige Urteile fällen kann, die jede Verteilung des Subjekts in Raum und Zeit nur als Sekundäres, Abgeleitetes und im letzten Grunde Unwahres erscheinen lassen.“ [11] Doch der subjektiven Perspektive sind immer nur Teile, Ausschnitte zugänglich und nicht das Ganze. In der ego- und logozentrischen Perspektive des Subjekts wird die Repräsentation des Ausschnitts immer zur Einheit des imaginären Ganzen abgebildet, darunter alles immer schon inbegriffen ist.

Sobald aber das Subjekt selbst als ein solches Teil erscheint, sprengt es die Einheit der Perspektive und ist es fortan nicht mehr möglich, Teile als definite Einheiten zu betrachten. Es können nicht alle Betrachtungen gleichzeitig in eine Gesamtschau zusammengebracht werden. Das ist nur innerhalb einer Monokontextur [12] – einem zentralperspektivischen, geschlossenen, zweiwertigen logischen System – möglich, eben durch die Konstruktion der imaginären Totalität, in der das Teil in einem komplementären Verhältnis zu seinem Kontext steht und damit in einer statischen Opposition zu allen anderen Teilen dieser Totalität. Die Gleichzeitigkeit der Orte und Perspektiven ist nicht erreichbar, denn der je betretene Ort ist im Moment seines Betretenseins zusammen mit der gewählten Perspektive immer absoluter Ort bzw. absolute Perspektive. Notwendig wird die Gleichzeitigkeit mehrfacher Beschreibungen, also die äquivalente, nicht-perspektivische Standpunktpluralität, die die Beschreibungen gleichwertig auf die Orte und deren Beziehungen – auch zum Subjekt als Betrachter – verteilt, bezieht und vermittelt. Wahr-nehmen des Subjekts erschliesst die Dinge und sich selbst nurmehr durch Bewegung und Ortswechsel.

 

          „Wenn es also der Fall ist, dass ich die Bestimmung meines Seins nicht vorgegeben in der Welt finde, sondern sie erst im vielfältigen Wechselspiel entsteht, wenn das ‚ich bin' für sich allein nur die Fiktion eines angebbaren Sinnes ist, wenn also das ,ich bin' mir nur erwächst in der Gleichzeitigkeit des ich bin auch, ich bin zugleich, du bist, du bist auch, du bist zugleich, dann ist die Welt nur soweit das, was der Fall ist, wenn ich mit dir von Fall zu Fall durch die Vielheit der Orte springe. Hier ist das Springen und der Sprung im Sinne des Wortes Ursprung der Welt, und das In-der-Welt-sein eines Menschen wird ungleich sein zu dem, was es davor sein konnte. Es ist eine andere Welt, in der er sich bewegt, und er bewegt sich in der Welt nur, wenn er sich bewegt – wenn er springt.“ [13] Ein Standpunktwechsel bedeutet nicht nur das Entwerfen neuer Beziehungen, sondern immer auch einen Sprung in einen anderen Bereich, „ein rigoroser Kontextwechsel, der keine Brücke, wohl aber ein Sprung ist. Für ihn gilt, was Heidegger vom Sprung ‚von den Wissenschaften her zum Denken’ sagt: ‚Wohin es uns bringt, dort ist nicht nur die andere Seite, sondern ein völlig anderer Bereich’.“ [14] Mit dem Sprung, dem Ortswechsel, ist logische Subjektivität Dynamik, was darin zum Ausdruck kommt, dass jetzt Subjektivität nicht mehr bloss passive Kontemplation einer übermächtigen Objektwelt ist, sondern sich als Praxis, als Handlung erkennt und behauptet.

 

Wagen wir mit dem kurzen Theaterstück noch einen Ortswechsel, einen Sprung in das alte China. Dabei geht es nicht darum, den Orient dem Okzident vorzuziehen, zwei Blöcke einander gegenüberzustellen oder sie gar zu vergleichen – das würde ohnehin nur bedeuten, sich nicht von der Stelle zu bewegen, folglich sich nicht auf Neues einzulassen –, sondern darum, das altchinesische Denken als Hintergrundfolie zu nutzen, um einige unserer eigenen Denkweisen und Praktiken in einem etwas anderen Licht zu betrachten und – zumindest – eine dritte Fähigkeit zu entwickeln, nämlich auf polylogische Art und Weise Zusammenhänge anders zu erfassen: „Zum Beispiel eine Wahrheitslogik mit einer Kohärenzlogik konfrontieren, die eine durch die andere und dank der anderen überprüfen und dem Spiel ihrer Divergenz eine Bedeutung geben. Man kann durchaus sagen, dass das chinesische Denken auf diese Weise ‚instrumentalisiert‘ wird, aber zu heuristischen Zwecken, zur ‚Neubeschreibung‘. Im Grunde sind die Wahrheiten, die der Osten uns ‚lehrt‘, im Westen nicht völlig ignoriert worden, aber dieser hat sie anders angeordnet und dramatisiert. (...) Mir kommt es praktisch so vor, dass das chinesische Denken vor allem eine Methode zur Neuentdeckung und Entdramati­sierung liefern kann, wenn wir unsere Fixierungen-Begriffe aufgeben und auf einen bestimmten Narzissmus (auf der Ebene der Zivilisation) verzichten.“ [15]  

Wiederholen wir zunächst nochmals: Der Mann mit seinem Ausspruch „Dort steht ein Baum!“ widerspiegelt geradezu sinnbildlich die Grundlage des griechisch-europäischen Denkens: Es hat sich dafür entschieden, abgrenzbare-identifizierbare Gegenstände zu denken, die sich klar „vor“ dem Geist abzeichnen. Dieses „vor“ bildet die Bühne: Auf der einen Seite der „Beobachter“ (der Mann), auf der anderen Seite die „Natur“ (der Baum), die tatsächlich ausserhalb des Subjekts als Entgegen-Stehendes „Bestand hat“. Beide – der Mann und der Baum – sind radikal voneinander getrennt, als Gegenüber „gesetzt – kein Raum also für Ungeschiedenes oder Undifferenziertes. Demgegenüber hat sich das vorwiegend taoistische China dafür entschieden, das Ungeschiedene, das tao, ungeschieden zu denken. [16]

Dadurch, dass der Mann ein Objekt, den Baum, und damit auch einen Horizont fixiert, entreisst er sich selbst dem ständigen Wandel der Dinge und ihrer Umgebungen, verschliesst sich den Möglichkeiten, anders und andere Aspekte aus verschiedenen Perspektiven wahrzunehmen. Ein so (fest)gewordener Geist unterscheidet nurmehr zwischen „es ist dieses“ oder „es ist nicht dieses“, es ist „so“ oder es ist „nicht so“. Die Koexistenz der verschiedenen Sichtweisen und Perspektiven geht dabei verloren, während doch auf eben dieser Koexistenz die Kohärenz des Wirklichen beruht.

Wie könnte denn das Theaterstück in China beginnen? Vielleicht so: Der Mann ruft etwas ins Sein und gibt diesem „Etwas“ gleichzeitig einen Namen, nämlich „Baum“. Bereits hier blitzt eine erste Ahnung auf, wie die klassisch-zweiwertige Subjekt-Objekt-Beziehung mit ihrer Herrschaft des Objekts sich verwandelt, nämlich zu „Empfangendes – Empfangenes“, zu einem Verhältnis der Gastfreundschaft (des „Empfangs“) und nicht zu einem der Neutralität. Mit anderen Worten: der Begriff „Subjekt“ kann als „Gastgeber“ übersetzt werden, wobei das „Objekt“ das „Aufgenommene“ ist. „ ‚Aufnehmend‘/‚aufgenommen‘: Man sieht (...), wie sich das chinesische Sprechen-Denken nur ungern dazu hergegeben hat, die prinzipielle Trennung zwischen dem ‚Subjekt‘ und dem ‚Objekt‘, die Grundlage der Neutralität der Erkenntnis, wiederzugeben.“ [17] Dazu passend ein Zitat von Zhuangzi: „Unparteiisch und nicht Parteigänger, / vermögend und ohne etwas Besonderes, / auf entschiedene Weise ohne [etwas] Anleitendes / streben zu den Dingen ohne Zwiespalt, / nicht daran festhalten zu grübeln, / sich nicht bemühen zu erkennen, / von den Dingen nichts auswählen, / stets mit ihnen gehen ...“ [18]

Das schmunzelnde „Aha“ der Frau drückt jetzt ihre Freude darüber aus, dass der Mann beginnt, seinen Geist zu verflüssigen. Sie hatte ihm vom ältesten Buch Chinas erzählt, dem Buch der Wandlungen, und ihm erläutert, dass es sich nicht um ein Buch im eigentlichen Sinne handle, denn es baue nicht auf dem Wort auf, sondern auf zwei Strichen– je nachdem einem durchzogenen Strich (–) oder einem unterbrochenen Strich (- -), die yin (- -) und yang (–) symbolisieren. [19] Diese beiden polaren Faktoren, sich zugleich ergänzend und einander entgegenstehend, würden jedwede Realität umfassen. Spannend und aufschlussreich für ihre gemeinsame Situation seien die ersten beiden Hexagramme: Qian, das Schöpferische/das initiatorische Vermögen, das nur aus yang-Strichen gebildet das Vermögen des Himmels, und Kun, das Empfangende/das rezeptive Vermögen, das nur aus yin-Strichen gebildet das Vermögen der Erde heraufrufe. In China sei der „Himmel“ nicht das blosse Gewölbe des Firmaments, weder vergöttlicht noch abgetrennt, sondern begründe das Vertrauen in die Herausbildung und Erneuerung jeglichen Prozesses, in den das initiatorische Vermögen des „Himmels“ investiere und sich in einer Polarität mit der „Erde“ entwickle und seinen Weg gehe. Dies sei die essentielle Bedingung für die Erneuerung des Prozesses und nicht irgendein erstes Subjekt, ein Gott, ein Schöpfer oder ein Autor. Einander gegenüberstehend würden diese beiden Hexagramme so etwas wie ein zweiflügeliges Tor bilden, durch das der Prozess der Dinge unablässig hindurchgehe. Zudem würden sie die übrigen 62 Hexagramme repräsentieren, die in ihrer Folge variiert werden und das Funktionieren der Realität darstellen. Wie auch im tao würde die Dualität von yin und yang im Modus der Korrelationund nicht in dem der Differenzierung ausgedrückt, also kein Gegensatz von Subjektivem und Objektivem, vielmehr Kooperation. Für die chinesische Art des Denkens von zentraler Bedeutung sei, dass es sich einerseits nicht auf ein zu identifizierendes Objekt versteife, sondern auf einen zu verfolgenden Ablauf. Andererseits finde sich die Quelle der Erkenntnis nicht in einem Subjekt, das über bestimmte Fähigkeiten verfügt, sondern in dem Vermögen, einen Prozess fortzusetzen. Das Ideal dieser Logik des Prozesshaften sei folglich, sich niemals blockieren zu lassen. So würden sich die praktischen wie theoretischen Konsequenzen dieser beiden ersten Hexagramme eben darin zeigen, dass alle Gegensatzpaare sich auflösen oder auf andere Weise arbeiten: Anwesenheit und Abwesenheit, Leben und Tod, Subjekt und Objekt ... [20] Resümierend meinte sie, es sei keine grosse Überraschung, dass das Buch der Wandlungen keine Botschaft lehre, keine endgültigen Wahrheiten verkünde und keinen Sinn freilege, weder über das Rätsel der Welt noch das Mysterium des Lebens.

 

        „Ich ist wandelbar-erfinderisch (prozesshaft), (...) es hütet sich vor der Erreichung und Festlegung. Es ist das, wodurch Leben (Begehren, Verstand, Unruhe ...) sich immer wieder befördert und wandelt, sich sammelt, ohne zu erlahmen.“ [21]

 

Jetzt kann der Mann endlich seine Position räumen, alles und jedes, was ihm begegnet, in die Gegenüberstellung von binären Begriffspaaren – wie „Subjekt“ / „Objekt“ („an sich“ und „für sich“), „Geist“ / „Materie“, „Gott“ / „Welt“ – einzuordnen, Dualismen, von denen seine analytische „Vernunft“ sich in geradezu überschwänglicher Begeisterung derart hat mitreissen lassen, dass er die Komplexität des Zusammenhangs der Dinge dauernd verfehlte, die Gelegenheit eines Moments nicht mehr zu denken vermochte. Er kann deren Joch abschütteln und sich von ihnen befreien – und vor allem: Identität nicht als Spitze der Hierarchie von Ich und Welt, sondern als temporäre Identifikation innerhalb einer Konstellation, Identität als Verhalten und Prozess und nicht als Einheit(spol) begreifen. Mehr noch: Er ist jetzt in der Lage, sich selbst aktiv in seine Beobachtungen miteinzubeziehen, seine Beobachtungsgabe zu schärfen und dabei alle seine Sinne zu benutzen, kurz: anderes anders wahrzunehmen. Er steht nicht länger als bloss externer, unbeteiligter Beobachter in der Landschaft, sondern hat sich zu einem mitfühlenden Beteiligten gewandelt, kann sein Wahrnehmen im Sinne eines Bezüge-herstellens erkennen und nicht mehr als blosse Abbildung, diese reduktionistische Auffassung eines stützenden Rückgrats der Objektivität („es ist dies und nicht jenes“, „es ist so und nicht anders“), wo der Beobachter und seine Eigenschaften nicht in die Beschreibung seiner Beobachtungen eingehen. Jetzt denkt er nicht mehr nur über die Dinge selbst nach, sondern ebenso über seine Gedanken, in denen sich die angeblich denkunabhängigen echten Gegenstände spiegeln. Ihm ist zudem allmählich bewusst geworden, dass er immer dann Zuflucht zur Objektivität nahm, wenn ihm eine Sache zu komplex erschien, um auf Anhieb verstanden zu werden, und dass er in dieser Position nur passiver Registrator eines Abbildungsprozesses war, was ihn im Übrigen auch jeglicher Verantwortung entband.

Sein Blick ruht jetzt nicht länger auf etwas, sondern kommt und geht von einem zum anderen, besser noch: er ist zwischen ihnen. Landschaft taucht für ihn nur auf, wenn er sich in Bewegung setzt und umherschweift: Wahr-nehmen erschliesst ihm die Dinge und sich selbst nur durch Bewegung und Ortswechsel. In sich hineinlächelnd sagt er zu sich: „Ich sehe mit meinen Beinen; es sind die durch Bewegung hervorgebrachten Veränderungen des Wahrgenommen, die ich wahrnehme“. Allerdings kann er nicht alle Betrachtungen gleichzeitig in eine Gesamtschau zusammenbringen, denn die je betretenen Orte bleiben im Moment ihres Betreten-seins und der dort gewählten Perspektiven immer momentan absoluter Ort bzw. absolute Perspek­tive. Seine heraufdämmernde Einsicht: Notwendig wird die Gleichzeitigkeit mehrfacher Beschreibungen, also die äquivalente, nicht-perspektivische Standpunktpluralität, die die Beschreibungen gleichwertig auf die Orte und deren Beziehungen verteilt, bezieht und vermittelt. Dass die heterogene Gleich-Gültigkeit der vielen Orte und Perspektiven Identitäten brüchig werden lässt, kann er jetzt gelassen zur Kenntnis nehmen und vorbehaltlos akzeptieren. Wie er so die Umgebung und seine Frau betrachtet, sich an die anfängliche Debatte mit ihr erinnert, denkt er, dass sein ursprüngliches Beharren auf „Identität“ doch nur die Selbst-Illusion eines Schauspielers gewesen ist. Doch sind wir nicht alle Schauspieler, die sich der Selbst-Illusion hingeben, auf allen Bühnen der Welt sich so darzustellen, wie sie gerne sein und gesehen werden möchten?

 

Phantasieren wir noch etwas weiter: Im Mann macht sich eine Resonanz breit. Sie ist kein Echo des Selbst ist, denn ihr wohnt die Dimension des Anderen inne und bedeutet Zu­sammenklang. Der Mann bewegt sich jetzt nicht nur, er beginnt zu tanzen, anfänglich noch etwas unbeholfen, dann nimmt er die Hand der Frau und sie tanzen gemeinsam. Nicht dass sie sich programmatisch entschieden hätten, jetzt zu tanzen, nein, sie tun es einfach. Sie führen sich gegenseitig, erspüren den nächsten Schritt und verschmelzen mit den Bewegungen des anderen zu einer Wesenheit, die mit vier Augen sieht. Wirklichkeit wird zur Gemeinsamkeit – und zur Gemeinschaft. Sie drehen sich immer weiter und entfalten von jedem Ort aus nach allen Richtungen hin so etwas wie eine Circumperspektive [22] – und sehen wieder etwas Neues, gänzlich Unerwartetes. Was sich darbietet, sind Bilder von Landschaften mit ihren Dingen und Wesen, ihrem manchmal kaum wahrnehmbaren Werden, mannigfaltige Sichten – doch auch dann bleibt noch so manches verborgen. So kann ihr Sehen, aber auch ihr fragendes Denken, zurückkehren in das anfängliche „Haus der Welt“, in dem alle Dinge und Wesen werden und entwerden in einer Art gleitender Übergänge diesseits von Bejahung und Verneinung. [23] Und das Endliche kann sich in den jeweiligen Ausdruck des Unendlichen zu verwandeln beginnen, was beide veranlasst, im Einfachen und Unscheinbaren das Scheinen des Unendlichen und/oder Grenzenlosen zu sehen, zu bestaunen und zu denken.

In seinen Gesprächen mit der Frau gewann der Mann noch eine weitere Einsicht, die ihm bisher verborgen geblieben war. Er entdeckte etwas über das Wort „Erfahrung“, zwar nicht über die Erfahrungen, die er sich durch die Ausübung seines Berufs oder im Laufe des Lebens angeeignet hat oder besonderen Erlebnissen verdankt, sondern über jene Erfahrungen, die das Substrat seiner bewussten Handlungen bilden, denen er in der Regel keine Aufmerksamkeit schenkt bzw. kaum je zur Kenntnis nimmt; dies nicht allein deshalb, weil sie ihm zu nahe und zu vertraut sind, sondern weil sie sprachlich kaum auszudrücken sind.

 

         „In zwei Weisen sträubt sich Sprache verstanden zu werden. Zunächst als bezweifelbarer Zeuge, denn Sprache spricht in Sprache über sich selbst. Dann aber Sprache als ihr eigener Widersacher, denn ihre Erscheinung widerspricht ihrer Funktion. In ihrer Erscheinung ist Sprache monologisch, denotativ, beschreibend. Sie sagt, wie es ist oder wie es war. Aber in ihrer Funktion umgreift der Sprecher mit ihr dialogisch den Anderen und lädt ihn ein, das Gesagte zu deuten: es ist so, wie du’s sagst. Denn, wie es war, ist für immer verschwunden.“ [24]

 

Für Zhuangzi ist es blosse Einbildung, wenn die Menschen glauben, dass die Sprache ihnen erlaubt, die Wirklichkeit der Dinge zu erfassen. Er sieht den Grund dieses Irrtums darin: „So ist das, was man beim Anschauen sieht, nur Form und Farbe, was man beim Hören vernimmt, nur Name und Schall. Ach, dass die Weltmenschen Form und Farbe, Name und Schall für ausreichend erachten, das Ding an sich zu erkennen! Darum: ‚Der Erkennende redet nicht; der Redende erkennt nicht.‘ Die Welt aber, wie sollte die es wissen?“ [25] Die Welt vielleicht nicht, aber wir können jederzeit beobachten, wie das Vermögen des sprachlichen Ausdrückens peripher wird, wenn unsere Aufmerksamkeit auf eine sinnliche Realität – sei es ausserhalb von uns oder in uns – fokussiert ist, wie auch umgekehrt wir uns nicht mehr auf unsere Wahrnehmung konzentrieren können, wenn wir über etwas sprechen. Das ist übrigens auch Wittgenstein aufgefallen: „Während ich einen Gegenstand sehe, kann ich ihn mir nicht vorstellen“, [26] und umgekehrt: „Wenn wir uns etwas vorstellen, beobachten wir nicht.“ [27] Ebenso schreibt Valéry in seinen Cahiers: „Was ich denke, stört das, was ich sehe – und umgekehrt.“ [28] Wir können eben nicht gleichzeitig einen Bewusstseinsinhalt und den Bewusstseinsprozess beobachten. Mehr Klarheit über den Sprung in einen anderen Bereich ist nur zu haben, wenn wir deutlich zwischen Bewusstseinsinhalten und Bewusstseinsprozessen unterscheiden. Man kann zwar seine Bewusstseinsinhalte positiv-sprachlich darstellen und ausdrücken, aber eben nicht den Bewusstseinsprozess. Damit stecken wir in einem Dilemma: zum einen lässt sich der Bewusstseinsprozess positiv-sprachlich nicht definieren – Sprache ist ein sequentieller Prozess und damit auch das sprachlich-inhaltliche Denken –, zum anderen können wir unsere innere Gewissheit, dass wir denken, nicht einfach negieren. Der Ausweg: Wir müssen eben den prinzipiell selbstreflexiven Charakter des Bewusstseins und des Denkens zur Kenntnis nehmen!

 

Im Dialog mit seiner Frau hat der Mann zum einen gelernt, dass in einer auf sich selbst bezogenen Reflexion, das persönliche Ich lediglich als passives Objekt erscheint, auf das er seine aktive Aufmerksamkeit richtet. Lenkt sich aber der Blick seines Ichs auf ein Du, so findet er nicht bloss ein Ding vor, sondern begegnet erneut einer Form von Subjektivität, die ihm jedoch ausschliesslich als Willensereignis beobacht- und begreifbar bleibt. Zum anderen hat er von ihr eine grundlegende Lektion gelernt: er muss in sich selbst seinen Ort im Geschehen des Wahrnehmens und Erkennens finden. Erst mit der Einbeziehung seines Ortes im Prozess des Erkennens kann er auch einen Standpunkt eines „Ausserhalb-in-sich“ einnehmen, was ihm ermöglicht, sowohl sein Wahrnehmen und Denken gleichsam in einem inneren „Spiegel“ zu reflektieren, zu überprüfen und zu beurteilen, als auch die Aussagen seiner Frau aufzunehmen, zu würdigen und dabei seine Situation mitzubedenken (z.B. „Ich kann jetzt aufgreifen, was Du mir mitteilst, was Du siehst, was ich vorher nicht gesehen habe“; „Was ich verdecke, ent-deckst Du und was Du ver-deckst, entdecke ich – in diesem Zusammenspiel entgründen wir unsere Welt und ihr Spiel“; „Als Ich bin ich Du und versetze mich modal in deine Situation ohne mich meiner Existenz als Ich entheben zu müssen. Wer garantiert mir sonst meinen Weg zurück zu mir, wenn ich mich voll und ganz mit dir vermische? Auch wenn ich ganz bei dir bin, verliere ich mich nicht in dir. Die Orte bleiben geschieden, ihre Verschiedenheit ermöglicht überhaupt erst unser Wechselspiel“; ... usw.). Diese Lektion hat ihm eine bewegliche Intelligenz beschert. Sie besitzt die inhärente Eigenschaft, aus einer Tätigkeit, der sie sich widmet, gewissermassen „hinausspringen“ und Standpunktwechsel vornehmen zu können. Sprünge bzw. Standpunktwechsel bedeuten Änderungen der Denkabsichten. Jetzt kann nicht mehr nur das objektiv gegebene Sein eines Gegenstandes reflektiert, sondern – allerdings zeitlich verschoben – ebenso der Prozess der Reflexion selbst zum Thema gemacht werden. Dass selbstreflexives Denken anderes Denken als Du-Subjektivität anerkennt, ist ihm selbstverständlich geworden – wenn auch um den Preis, dass man das vermeintlich sichere Terrain der klassisch-zweiwertigen Seinslehre mit ihrem gnadenlosen Western-Duell des Ja-oder-Nein, des Entweder-Oder verlassen muss, weil sich das zweiwertige Verhältnis von Subjekt und Objekt in einer Vielzahl von die Grundstrukturen des Seins betreffenden Orten abspielt, die nicht miteinander zur Deckung gebracht werden können. Spätestens jetzt ist er bei der Selbst(rück)bezüglichkeit angekommen, nämlich einer Bewegung zwischen dem Gegenstand der Beschreibung und dem Beschreibungsverfahren, einer Bewegung, die aber nicht im Muster des Kreises zu verstehen ist, der bekanntlich Anfang und Ende in sich selbst ist, sondern Selbst(rück)bezüglichkeit als chiastische Figur [29], die nicht in sich selbst, sondern auf Umwegen zu ihrem Anfang zurückkehrt.

 

[1]   Foerster, Heinz von, und Pörksen, Bernhard: „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker“, Heidelberg 2016, S. 24

[2]   Bateson, Gregory: „Ökologie des Geistes: Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven“, Frankfurt am Main 1981

[3]   Spencer-Brown, George: „Laws of Form”, Toronto et al. 1973, S. 3

[4]   Baecker, Dirk: „Die Kunst der Unterscheidungen“, in: „Im Netz der Systeme“, hrsg. von Ars Electronica (Linz), Berlin 1990, S. 17

[5]   von Foerster, Heinz: „Sicht und Einsicht“, Wiesbaden 1985, S. 26 und verstreut

[6]   Kaehr, Rudolf: „Weltentwurf durch Sprache – Diamond-Strategien – Buch des Wandels“, in: www.vordenker.de (Edition Sommer 2017, J. Paul, Hrsg.) – URL: http://www.vordenker.de/rk/rk_Diamond-Strategies_Weltentwurf-durch-Sprache_1997.pdf, S. 137 f.

[7]   Bierter, Willy: „Wege eines Wanderers im Morgengrauen. Auf den Spuren Gotthard Günthers in transklassischen Denk-Landschaften“, Books on Demand, Norderstedt 2018, insbes. Kap 6: „Die Triade Ich - Du - Es“, S. 91 f.; vgl. auch Bierter, Willy: „Denk-Wege – Gotthard Günthers Geburtsarbeit an einem neuen Format von Menschsein“, in: https://www.philosophie.ch/artikel/2018/denk-wege-gotthard-guenthers-geburtsarbeit-an-einem-neuen-format-von-menschsein, September 2018

[8]    Meyer, Eva: „Der Unterschied, der eine Umgebung schafft: Kybernetik, Psychoanalyse, Feminismus“, Wien 1990, S. 9

[9]   Valéry, Paul: „Zur Theorie der Dichtkunst“, Frankfurt 1962

[10] Meyer, Eva: a.a.O., S. 12

[11] Meyer, Eva: „Die Autobiographie der Schrift“, Frankfurt am Main 1989, S. 32

[12] Die Aussagenlogik mit ihren zwei Wahrheitswerten ist das logische Modell einer isolierten Monokontextur ohne Umgebung. Monokontexturales Denken kann, da egologisch fundiert, immer nur je eine Denkweise leben.

[13] Grochowiak, Klaus, Castella Joachim: „Der Chiasmus von Täter und Opfer“, in: MultiMind 12/1996

[14] Meyer, Eva: a.a.O., S. 28

[15] Jousset, Philippe: „Wie man dem Subjekt aus dem Weg geht oder sich von ihm befreit“, in: „Kontroverse über China“, Berlin 2008, S. 62 f.

[16] Jullien, François: „Das grosse Bild hat keine Form“, München 2005, S. 58

[17] Jullien, François: „Vom Sein zum Leben“, Berlin 2018, S. 265

[18] Zhuangzi: hrsg. v. Guo Qingfan: „Xiaozheng Zhuangzi jushi“, Taipei 1962, 2 Bde., Kap. 33

[19] Im späten 17. Jahrhundert erfand der Mathematiker und Naturphilosoph Gottfried Wilhelm Leibniz den binären Code von 0 und 1, auf dessen Grundlage heute digitale Computer operieren. In seinem Buch „Explication de l’Arithmétique Binaire“ wies er darauf hin, dass die Chinesen bereits vor tausenden von Jahren einen Code verwendet haben, der auf demselben binären Prinzip beruht: statt 0 und 1 hätten sie gebrochene und ungebrochene Linien verwendet, aber das Prinzip sei dasselbe.

[20] Jullien, François: „Das grosse Bild hat keine Form“, München 2005, S. 46

[21] Jullien, François: „Schattenseiten: Vom Bösen oder Negativen“, Zürich – Berlin 2005, S. 190

[22] Tsujimura, Koichi: „Über Yü-chiens Landschaftsbild ‚In die ferne Bucht kommen Segelboote zurück’“, in: Ohashi, Ryosuke (Hrsg.): „Die Philosophie der Kyoto-Schule“, Freiburg/München 1990, S. 455 f.

[23] Merleau-Ponty, Maurice: „Das Sichtbare und das Unsichtbare“, München 1986, S. 138

[24] von Foerster, Heinz: „Wahrnehmen wahrnehmen“, in: Ars Electronica (Hrsg.): „Philosophien der neuen Technologie“, Berlin 1989, S. 39

[25] Dschuang Dsi: „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“, Köln 1986, Kapitel XIII, Abschnitt 10, S. 153

[26] Wittgenstein, Ludwig: „Werkausgabe“, Frankfurt a.M. 1984, Band 8, Zettel, S. 420, § 621

[27] Wittgenstein, Ludwig: a.a.O., S. 423, § 632

[28] Valéry, Paul: „Cahiers“, Paris 1973, Bd. 1, S. 795

[29] Der Chiasmus ist die ikonisch nach dem griechischen Buchstaben „Chi“ benannte parallele Überkreuzstellung antithetischer Wörter oder Satzglieder, und vereinigt die Gleichzeitigkeit von Gegenläufigkeit und wechselseitiger Bedingtheit. Durch Vermittlung von Öffnen und Schliessen, Bewahren und Austauschen, ständiges Wenden und Umkehren wird so etwas wie Werden und Bewegung aufrechterhalten. Ein Beispiel: „Der Anfang wird zum Ende (A) – das Ende wird zum Anfang (B)“. Man kann leicht einsehen, dass jede Rückkehr zum „echten“ Ausgangspunkt unmöglich ist. Denn durch die Verschiebung von „A“ nach „B“ und anschliessend die Umkehrung von „B“ nach „A“ entsteht ein „Vorher“ und ein „Nachher“, also sowohl eine Verzeitlichung als auch eine Verräumlichung des Aussage-Schemas, und lässt das Zusammenwirken von Anfang und Ende in einem neuen Licht erscheinen.