Blogbeitrag von Prof. Dr. Jan Slaby

Don’t believe the Hype: Warum Empathie überschätzt ist

Empathie ist in aller Munde. Einfühlung, soziale Kompetenz, das Agieren im Team, die evolutionären Grundlagen des Sozialverhaltens, Spiegelneurone – alle Zutaten für ein Modethema sind hier versammelt.

Der Beitrag ist ein leicht veränderter Wiederabdruck aus der Zeitschrift "Philanthropie und Stiftung" (Organ der Deutschen Universitätsstiftung, DUS) 1/2014, S. 8/9

Insbesondere ist Empathie seit gut einem Jahrzehnt ein boomendes Forschungsfeld in Psychologie, Neurowissenschaft, Verhaltensforschung und Philosophie. In populärwissenschaftlichen Schriften – zum Beispiel von Frans de Waal, Jeremy Rifkin oder Roman Krznaric – wird Empathie gar zur großen Hoffnung der Menschheit stilisiert: The Age of Empathy (de Waal). Die Empathie sei ein biologisch grundlegendes pro-soziales Vermögen, auf das sich eine naturalistische Morallehre gründen lasse und dem bei der künftigen Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens unbedingt Rechnung zu tragen sei.

Auch unabhängig von den grotesken Übertreibungen der Relevanz und der Reichweite von Empathie in diesen populären Manifesten ist das in den letzten Jahren zur Herrschaft gelangte Verständnis von Empathie problematisch. Angenommen wird, Empathie sei ein kognitiv-emotives Hinein-Fühlen und Hinein-Denken in eine andere Person derart, dass ich mir bewusst vorstelle, die andere Person zu sein (Perspektivwechsel), wobei ich zugleich weiterhin davon ausgehe, dass ich nicht die andere Person bin, dass also keine Verschmelzung der Perspektiven statt findet (im Sinne von Einsfühlung statt Einfühlung). Auf der Grundlage dieses Perspektivwechsels soll es mir dann – nicht zuletzt dank der bemerkenswerten „Spiegelneuronen“ – gelingen, die mentalen Zustände der anderen Person im eigenen Geist, also gleichsam „offline“, zu simulieren. So sei es möglich, dass ich in einem nahezu wörtlichen Sinne fühlen (denken, hoffen, imaginieren...) kann, was mein Gegenüber fühlt (denkt, hofft, imaginiert...). Bin ich mit diesem mentalen Manöver erfolgreich, so weiß ich aus eigener Erfahrung und mit größtmöglicher Evidenz, was im Anderen vorgeht.

Aus dem vielen, was an diesem Verständnis von Empathie problematisch ist, stechen zwei Aspekte besonders hervor. Erstens handelt es sich um eine grundlegende Verkennung der Rolle des Handlungsvermögens als Dreh- und Angelpunkt des menschlichen Geistes. Zweitens geht diese Sichtweise auf Empathie mit einer eklatanten Fehlbeschreibung dessen einher, was tatsächlich geschieht, wenn sich Personen begegnen und verstehen.

Beginnen wir mit dem Handlungsvermögen. Die Tatsache, dass Personen Akteure sind – handelnde Wesen – hat gewichtige Konsequenzen für ein angemessenes Verständnis des menschlichen Geistes. Was etwas unscharf als der „menschliche Geist“ bezeichnet wird, ist nicht ein Bereich passiv erzeugter und sodann fixierter Inhalte, so, als ob etwa Gedanken, Gefühle, Vorstellungen und dergleichen auf einer Art inneren Bühne aufträten und sich als stabile Gegebenheiten beschreiben, abbilden oder simulieren ließen. Entscheidend ist vielmehr ein Moment von Aktivität, der Vollzugscharakter des Mentalen. Denken, Wahrnehmen, Imaginieren, Erinnern, Entscheiden – ja selbst das Fühlen – sind allesamt etwas, das wir jeweils aktiv vollziehen; etwas, dessen Hervorbringung, Verlauf und situationsadäquate Modulation nur als Aktivität angemessen beschrieben ist. Natürlich gibt es auch den Fall, dass uns ein Gedanke in Form eines spontanen Einfalls lediglich „zustößt“ oder uns ein Gefühl „überkommt“ – entscheidend ist jedoch immer, was zugleich damit und in der Folge geschieht: wie wir mentale Inhalte jeweils erfassen, aufnehmen, modifizieren oder auch abdrängen – wie wir einen Gedanken fortsetzen oder abbrechen, wie wir ein Gefühl entweder zulassen, es verstärken, es abschwächen oder aktiv zu unterdrücken versuchen. Es kommt darauf an, dass wir als Akteure auf grundlegende Weise bestimmen, was wir denken, fühlen, wahrnehmen, entscheiden. Ohne diese Aktivitätsinstanz wären wir einem unpersönlichen Geschehen in uns ausgeliefert – passiver Spielball einer uns fremden Dynamik.

Just dieses entscheidende Handlungsmoment wird aber vom herrschenden Verständnis der Empathie völlig ausgeblendet. Man kann sich das verdeutlichen an dem nicht ungewöhnlichen Fall, dass unser Gegenüber sich charakterlich und affektiv deutlich von uns unterscheidet, etwa nervös und aufbrausend ist oder furchtsam und schreckhaft, während wir die Gelassenheit in Person sind. Wie sollen wir es angesichts dieser Differenzen anstellen, uns mental in die Schuhe des Anderen als des anderen zu versetzen? Wie können wir den charakterlichen oder emotionalen Unterschieden während der empathischen Begegnung Rechnung tragen? Wir müssten uns die fremden Charaktereigenschaften sehr konkret ausmalen und dann versuchen, die Welt durch die Brille des Anderen zu sehen. Ist das möglich? Abgesehen von Profis des method acting dürfte es für die meisten von uns schwierig sein, das eigene Erleben so umzupolen, dass in ihm plötzlich charakterfremde Gefühlslagen den Ton angeben. Nun sind es aber just diese Gefühlslagen – typische Stimmungen und Hintergrundgefühle, die ein individuelles Temperament ausmachen –, welche die Handlungsinstanz im Zentrum der mentalen Perspektive einer Person zentral prägen. Eine von Grund auf furchtsame, schreckhafte Person sieht, denkt, entscheidet und agiert anders als ein vor Coolness und Selbstvertrauen Strotzender. Wie soll ich da jemals die mentale Handlungsinstanz eines Anderen realistisch simulieren? Just dasjenige, an dem sich von Fall zu Fall bemisst, wie eine Person konkret auf etwas reagiert, wie sie denkt, fühlt und entscheidet – eben das je individuell ausgeprägte Handlungsvermögen – entzieht sich der Simulation. Die Gefühlslage des anderen kann daher nur in einer objektivierenden Einstellung antizipiert werden.

Weil diese unvertretbare Handlungsinstanz nicht simuliert werden kann, bleibt der um Einfühlung bemühten Person nichts anderes übrig, als ihr eigenes Handlungsvermögen zur Grundlage des Simulationsversuchs zu machen, so dass am Ende doch nur solche mentalen Zustände herauskommen, die weitgehend den eigenen Gedanken und Gefühlen entsprechen, nicht denen des Anderen. Wir haben es hier mit einer Verfehlung von großer Tragweite zu tun. Allzu leicht verkennen wir die entscheidende Rolle des je individuell ausgerichteten Handlungsvermögens und operieren statt dessen mit quasi-mechanistischen Begriffen, so, als ob sich mentale Zustände wie Spielmarken einsetzen und variieren ließen, ganz gleich, in welcher Person sie gerade auftreten. Empathie, verstanden als kognitive Simulation, vergegenständlicht die andere Person. Just die lebendige Vollzugsdynamik, das Aktivitätsmoment, das unvertretbare Moment der Entscheidung über den weiteren Verlauf meines mentalen Lebens kann nicht simuliert werden. Das Handlungsvermögen ist der blinde Fleck der Empathie.

Überlegen wir uns abschließend, wann interpersonales Verstehen gelingt. Wann ist es besonders wahrscheinlich, dass wir eine andere Person verstehen – wann wissen wir wirklich, „was mit ihr los ist“? Oft geschieht dies dann, wenn wir uns gemeinsam für eine Sache einsetzen, gemeinsam etwas tun, ein Ziel verfolgen. Das Verstehen des Anderen stellt sich im Zuge einer gelingenden kooperativen Aktivität fast von selbst ein. Je inniger das Zusammenwirken der Interaktionspartner, desto sicherer wird der jeweilige Sinn dafür, was mit dem Anderen gerade los ist – wie er sich angesichts von etwas fühlt, wie er sich in der Umgebung orientiert, was er zu tun im Begriff ist. All das funktioniert unmittelbar und nahezu anstrengungslos im Rahmen des gemeinsamen Handelns – von einem inquisitorischen Eindringen in ein verborgenes „Innenleben“ kann hingegen keine Rede sein. Die wichtigste Einsicht in diesem Bereich ist tatsächlich nahezu banal: Es geht gar nicht um die Erschließung eines privaten „Geistes“, sondern um das Miteinandersein bei einer gemeinsamen Sache in der Welt – bei etwas, worum es uns gemeinsam geht. Wenn diese Formulierungen wie ein Themenwechsel erscheinen, so ist dieser Eindruck nicht ganz falsch. Denn genau darum geht es: Empathie – im Sinne des kognitiven Perspektivwechsels mit mentaler Simulation – ist nicht der Weg, auf dem sich das Verstehen einer anderen Person vollzieht. Wir sind soziale Wesen, die sich im gemeinsamen Handeln mühelos aufeinander einspielen und aufeinander einlassen und die daher auch kein besonderes mentales Vermögen brauchen, um dann, wenn es darauf ankommt, zu wissen, woran wir miteinander sind.

Der Hype um Empathie als Perspektivwechsel droht sehr gründlich zu verschleiern, was zwischen Menschen, die sich verstehen, wirklich abläuft.

 

Über den Autor

Beitrag von Prof. Dr. Jan Slaby, Freie Universität Berlin, Institut für Philosophie