von Dr. Dr. Nadia Mazouz, ETH Zürich

Dissens zur Moral des Krieges

Seit dem Mittelalter hat sich eine Theorietradition etabliert, die unter dem Titel „Theorie des gerechten Krieges“ moralische Beurteilungen von Kriegen anleitet.

·

Seit dem Mittelalter hat sich eine Theorietradition etabliert, die unter dem Titel „Theorie des gerechten Krieges“ moralische Beurteilungen von Kriegen anleitet. Walzer ist mit „Just and Unjust Wars“ (1977) die zeitgenössisch paradigmatische Formulierung dieser Theorie gelungen, weshalb sie oft als traditionelle Theorie bezeichnet wird. Kriege gelten demnach als schlecht und prinzipiell moralisch falsch; allerdings können sie zur Abwehr bestimmten Unrechts moralisch richtig – oder gerecht – sein. Dies sehen Realismus und Pazifismus anders. Ersterer bestreitet, dass Kriege überhaupt moralisch zu bewerten sind; letzterer, dass es moralisch legitime Kriege geben könnte. In der heutigen philosophischen Debatte wird vielfach behauptet, dass die Theorie des gerechten Krieges für uns alle zustimmungsfähig ist. Walzer sprach gar von einem „Triumph der Theorie des Gerechten Krieges“. Diese Diagnose aber ist durchaus fraglich. Das kann man eigentlich schon an der Verbreitung von Realismus und Pazifismus sehen.

Innerhalb der Gegenwartsphilosophie hat sich in jüngerer Zeit eine weitere Kritikrichtung etabliert, die eine veränderte, revisionistische Theorie gerechter Kriege vertritt – ihr bekanntester Vertreter ist sicherlich McMahan. Diese hat die traditionelle Theorie erheblich in die Defensive gebracht; sie wird inzwischen von sehr vielen Moralphilosophen befürwortet.

Die traditionelle Theorie sieht vor, dass Kriege zweifach zu beurteilen sind: im Blick auf die Gerechtigkeit des Krieges, d.h. der Entscheidung zum Krieg (mit dem gebräuchlichen lateinischen Titel: Ius ad bellum) sowie auf die Gerechtigkeit im Krieg, d.h. der Kriegsführung (Ius in bello). Dabei werden die beiden Ius als voneinander unabhängig gefasst: es gibt Kriege, in denen gerechte Ziele verfolgt werden, die aber mit illegitimen Mitteln geführt werden, und umgekehrt.

Die zentralen Regeln ad bellum sind: gerechter Kriegsgrund, legitime politische Autorität und Verhältnismäßigkeit. Die Verteidigung vor Aggressionen gegen die politische Souveränität oder territorialer Integrität wird allein als gerechter Kriegsgrund akzeptiert. Die wichtigsten Regeln in bello sind die Diskriminierung sowie die Verhältnismäßigkeit. Erstere besagt, dass Kombattanten legitime Ziele von Gewalt sind, nicht aber Nicht-Kombattanten. Nicht-Kombattanten dürfen gemäß einer abgewandelten Theorie des doppelten Effekts, als Nebeneffekt erlaubter Kriegshandlungen getötet werden: wenn Kombattanten auch erhöhte Risiken auf sich nehmen, um Nicht-Kombattanten zu schonen. Aus der Unabhängigkeit der beiden Ius folgt der gleiche Status aller Kombattanten im Krieg: allen kommt ein gleiches Recht zu töten zu.

Warum haben Kombattanten ein Recht zu töten – unabhängig davon, ob sie in einem gerechten Krieg kämpfen? Walzers Antwort: Sie haben sich zu gefährlichen Instrumenten ihrer politischen Gemeinschaft machen lassen. Weil sie Gewalt ausüben, stellen sie eine Gefahr für andere dar; weil sie Instrumente sind, haben sie sich nicht dafür zu verantworten, ob der Krieg gerecht ist. Walzer zufolge ist eine weitergehende moraltheoretische Fundierung dieser Antwort nicht möglich – die Moralphilosophie sei zutiefst strittig und keine Besserung in Sicht – weshalb er „unser aller“ wohlüberlegte Beurteilungen von Kriegen heranzieht, die s.E. zu einem Konsens über die zugrundliegenden moralischen Regeln führen. Dies stimmt offenbar nicht, da die Revisionisten Einspruch einlegen.

Die Revisionisten vertreten gleichlautende Regeln wie Walzer – sie deuten jedoch einige völlig anders. Gerecht ist McMahan zufolge die Verteidigung gegen Angriffe auf individuelle Grundrechte. Und Kombattanten wird ein asymmetrischer Status zugeschrieben: Nur gerechte Kombattanten – die für die Partei mit einem gerechten Kriegsgrund kämpfen – dürfen ungerechte Kombattanten töten, umgekehrt aber nicht. Da auch Nicht-Kombattanten mitunter für Verletzungen von Grundrechten verantwortlich sind, wären diese konsequenterweise legitime Ziele kriegerischer Gewalt. McMahan vertritt dies als prinzipielle Regel, schwächt sie aber mit pragmatischen Gründen ab: Es ist meist unmöglich, solche Verantwortung klar zuzuweisen u.ä,. Auch die moralische Verurteilung ungerechter Kombattanten wird relativiert: Typischerweise wissen diese nicht, dass ihre politische Führung aus ungerechten Gründen kämpft, handeln sie unter Zwängen u.ä.. Um Abhilfe zu schaffen, schlägt McMahan eine institutionelle Neuerung vor: eine weltweit agierende Expertenkommission aus Philosophen und Völkerrechtlern, welche unparteilich über Kriegsgründe informiert.

Methodisch verwendet McMahan eine einfache Vorwärtsargumentation: Verteidigung begründet – wie schon Walzer zugestanden hat – asymmetrische Rechte. Speziell ist s.E. intuitiv: Defensive Gewalt darf angewendet werden gegen Personen, die für ungerechtfertigte Angriffe auf Grundrechte Verantwortung tragen – sofern dies notwendig und verhältnismäßig ist. Der traditionelle gleiche Status der Kombattanten ist als falsch erwiesen, also auch der dualistische Kanon.

Betrachtet man die über die Jahrhunderte verfassten Texte zum Gerechten Krieg genauer, lässt sich feststellen, dass die dort formulierten Regeln zum gerechten Krieg teils erheblich von Walzers abweichen – so sind sie nicht dualistisch – ja sie stimmen sogar weitgehend mit denjenigen von McMahan überein. Zudem ist die Walzersche Herangehensweise an die Begründungsproblematik offenbar nicht traditionell: Die christlichen und naturrechtlichen Theorien sehen eine moralische Fundierung vor. Die Namensgebung für die Theoriestränge: traditionell versus revisionistisch, ist mithin fragwürdig – das spielt in der Sache keine Rolle, theoriepolitisch aber ist die Frage, wer den David-gegen-Goliath-Bonus bekommt, nicht ganz unwichtig.

Der Dissens zwischen den Theoriesträngen betrifft die grundlegende Moral des Krieges. McMahan nimmt wie erwähnt, ad hoc Anpassungen vor, um seine Regeln an die übliche Beurteilungspraxis anzuschließen. Man könnte sich also zufriedengeben: Die Philosophen streiten sich, aber sie kommen doch zu einvernehmlichen Regeln. Doch dieser Vorschlag zur Versöhnung greift zu kurz: Die konkreten Empfehlungen unterscheiden sich vielfach, etwa darin, welche Veränderung politischer Institutionen befürwortet werden – Walzer sieht die Stärkung eines weltweiten öffentlichen Diskurses vor, McMahan eine Expertenkommission. Oder in ihrer Bewertung von humanitären Interventionen, welche für Walzer ausnahmsweise genehmigt sind, jedoch McMahan als paradigmatisch gerechte Kriege erscheinen.

Ein weiteres Problem liegt darin, dass derzeit neue Formen des Krieges aufkommen, die aus Sicht von Walzer abzulehnen, aus Sicht von McMahan zu begrüßen sind. Ich denke etwa an das gezielte Töten, ohne Rücksicht auf den Kombattantenstatus; die abgeschwächte Souveränität durch die Schutzverantwortung („R2P“); die vermehrt vorkommende Rechtfertigung für Kriege des „regime change“. Das heißt: Es ist dringend, den Dissens über die Moral des Krieges weiter aufzuklären.

Literatur:

McMahan, J. (2009): Killing in War. Oxford.

Orend, B. (2005): “War”. In: Stanford Encyclopedia of Philosophy. URL=<http://plato.stanford.edu/entries/war/>.

Rodin, D. und H. Shue (Hg.) (2008): Jus and Unjust Warriors. The Moral and Legal Status of Soldiers. New York.

Walzer, M. (2006): Just and Unjust Wars. A Moral Argument with Historical Illustrations (orig. 1977). New York.