von Ruth Rebecca Tietjen, Universität Tübingen

Die Idee der Universität

In den vergangenen fünfzehn Jahren hat sich Universität – Lehre, Forschung und Verwaltung – entscheidend verändert: Bologna-Reformen, wachsende Drittmittelfinanzierung und Exzellenzinitiative sind in Deutschland einige der zentralen Stichworte. Dennoch krankt der gegenwärtige Diskurs über Universität an zwei Übeln...

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Die Frage nach der Idee der Universität, also danach, was Universität ist respektive sein sollte, welche Aufgabe oder Funktion Universität hat, ist von besonderer Dringlichkeit: Für uns als Mitglieder der Institution Universität – gemeint sind hier sowohl Studierende als auch wissenschaftliches und nicht-wissenschaftliches Personal – ist sie bedeutsam, weil wir immer schon zur Verwirklichung einer bestimmten Idee von Universität mit beitragen, nicht nur in unserem hochschulpolitischen Engagement, sondern auch in den Entscheidungen, die wir alltäglich im universitären Raum treffen, und in der Art und Weise, wie wir uns alltäglich im universitären Raum verhalten. Wenn Sie zum Beispiel als Student_in an einem Seminar teilnehmen: Schweigen Sie oder beteiligen Sie sich an der Diskussion? Wenn Sie das Gefühl haben, Seminarsitzungen brächten Ihnen nichts: Sehen Sie die Schuld bei sich selbst oder bei anderen und inwiefern versuchen Sie, etwas daran zu ändern? Wenn Sie es nicht schaffen, sich auf eine Seminarsitzung vorzubereiten: Haben Sie ein schlechtes Gewissen oder nicht? Und falls ja, wem gegenüber: gegenüber sich selbst, der Lehrperson, Ihren Kommiliton_innen, Ihren Eltern, der Gesellschaft? Wir sind in unserem Verhalten einerseits Individuum, verkörpern andererseits aber auch eine bestimmte Rolle – etwa die Rolle von Studierenden oder Lehrenden – und indem wir diese Rolle in bestimmter Art und Weise ausfüllen, repräsentieren wir auch immer schon eine bestimmte Idee von Universität. Wollen wir dies in einer verantwortlichen Art und Weise tun – und das ist eine Forderung, die wir an jedes Mitglied der Institution Universität stellen können – so sind wir gefordert, kritisch zur Frage nach der Idee der Universität Stellung zu beziehen. Aber auch als Mitglieder der Gesellschaft, unabhängig davon, ob wir selbst am universitären Betrieb beteiligt waren oder sind, können und sollten wir danach fragen, welche Rolle Universität in unserer Gesellschaft spielen sollte: Soll Universität bilden oder ausbilden? In welchem Maße soll universitäre Forschung externen Ansprüchen genügen? Inwiefern ist Universität extern Rechenschaft pflichtig? Etc.

In den vergangenen fünfzehn Jahren hat sich Universität – Lehre, Forschung und Verwaltung – entscheidend verändert: Bologna-Reformen, wachsende Drittmittelfinanzierung und Exzellenzinitiative sind in Deutschland einige der zentralen Stichworte. Dennoch krankt der gegenwärtige Diskurs über Universität an zwei Übeln:[1] Zum einen ist er nicht grundlegend genug: Die einen berufen sich auf Effizienz, Wirtschaftlichkeit und internationale Konkurrenzfähigkeit, ohne diese Maßstäbe selbst als frag- und kritikwürdig zu problematisieren. Die anderen rekurrieren auf die Humboldt’sche Idee von Universität – die Einheit von Forschung und Lehre, die Freiheit der Wissenschaften, die Einheit der Wissenschaften und Bildung durch Wissenschaft – vernachlässigen dabei aber die Tatsache, dass sich die Rahmenbedingungen universitärer Praxis in den letzten zweihundert Jahren eben doch auch – und zwar glücklicher Weise – verändert haben. Zum anderen ist der Diskurs nicht selbstkritisch genug: Immer wieder hört man Klagen über die Generation gegenwärtiger Studierender oder Promovierender, ohne dass diese selbst gesellschaftlich vernehmbar oder universitätspolitisch wirksam zu Wort kämen oder gehört würden. Dies zeigt sich in universitätspolitischen Strukturen wie etwa der mangelnden universitätspolitischen Repräsentation von Promovierenden, es zeigt sich in der öffentlichen Debatte, in der häufig Professoren, seltener wissenschaftliche Mitarbeiter_innen und noch seltener Studierende, Promovierende oder nicht-wissenschaftliches Personal zu Wort kommen respektive sich zu Wort melden, und es zeigt sich in unserem individuellen Umgang mit denjenigen Menschen, die uns alltäglich im universitären Raum begegnen und von denen wir allzu häufig zu wissen glauben, was ihre Bedürfnisse und Ansprüche sind, ohne sie gefragt und in ihren Antworten ernst genommen zu haben. So besteht die Gefahr, dass der Diskurs, in welchem auf inhaltlicher Ebene häufig kritisiert wird, dass das moderne Universitätswesen unmündige Subjekte hervorbringe, selbst implizit, durch die Art und Weise wie er geführt wird, ebenjene Strukturen repräsentiert und reproduziert, die er auf inhaltlicher Ebene kritisiert und Menschen zu sprachlosen und unmündigen Subjekten macht.

Universität sollte ein Raum sein, der es erlaubt, einen Diskurs unter Gleichen zu führen, der ebenso existenziell wie bedingungslos ist, einen Diskurs über Themen von gesellschaftlicher Relevanz – wie beispielsweise die Frage nach der Idee der Universität. Die Herausforderung besteht dabei darin, dass wir diejenigen idealen Diskursbedingungen, für die wir inhaltlich eintreten, als bereits gegeben annehmen müssen, um eben hierdurch ein Stück weit zu ihrer Verwirklichung beizutragen. Andernfalls laufen wir Gefahr, die Strukturen zu reproduzieren, die wir eigentlich kritisieren. Dabei sind wir als Einzelne ebenso gefordert wie das System Universität als Ganzes, da Universitätskritik immer gleichermaßen System- wie auch Selbstkritik sein muss. Obwohl wir Strukturen und Muster des Denkens, Sprechens und Handelns immer auch ein Stück weit ausgesetzt sind und ihnen ohnmächtig gegenüber stehen, bringen wir sie gleichzeitig durch unser eigenes Denken, Sprechen und Handeln selbst mit hervor. In diesem Sinne sollten wir Universität als einen utopischen Raum verstehen, einen Raum den wir nicht nur daran messen, inwiefern er eine hochwertige Ausbildung und Forschung gewährleistet, sondern auch daran, zu welcher Art von Menschen er seine Mitglieder macht.

[1]           Obwohl ich zwei Semester an Schweizer Universitäten verbracht habe, bin ich mit dem universitätspolitischen Diskurs in der Schweiz nicht hinreichend vertraut, sodass meine Kritik in erster Linie den deutschen Diskurs betrifft.