Rundgang Wahrheit 9/12

Die Erfahrung des Denkens – Warum es schlecht ist, sich selbst (nicht) zu widersprechen

Wer darauf aufmerksam gemacht wird, sich gerade zu widersprechen, akzeptiert dies in der Regel als Hinweis auf ein Problem.

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Man nimmt die Feststellung zum Anlass, über die Bücher zu gehen und seine Argumentation zu überdenken. Wenn wir etwas behaupten, akzeptieren wir nämlich implizit, dass wir dies erstens auf ernsthafte Weise tun, also meinen, was wir sagen; deshalb stellt der Selbstwiderspruch ein wirkliches Problem dar. Zweitens sind wir bereit, unsere Behauptungen bei Widerrede gemäß unseren Möglichkeiten zu verteidigen. Und drittens verpflichten wir uns, logische Schlussfolgerungen aus den Behauptungen anzuerkennen als etwas, was in ihnen enthalten ist. Es gehört zum Sprachspiel des Behauptens, dass wir uns auf diese Verpflichtungen einlassen müssen. Eine Behauptung ist also ein nicht leichthin geäußerter Satz mit einem Wahrheitsanspruch und bestimmten Implikationen, für den man einsteht, weil es um etwas geht. Sich selbst zu widersprechen ist in dieser Perspektive ein Makel, den es zu beheben gilt. Deshalb ist die Möglichkeit, auf Widersprüche hinweisen zu können, ein unter Umständen mächtiges Mittel der Kritik, um Diskussionen voranzubringen und Sachverhalte zu klären. Ein Stück weit gibt es den Machtlosen Macht, denn die Diskurse der Mächtigen und die mächtigen Diskurse, wollen sie den Anschein des Diskursiven aufrechterhalten, können sich eben auch nicht über die genannten Verpflichtungen hinwegsetzen. Wer behauptend sich zu behaupten vermag, kann sich mit den Mitteln der Logik und dem Pochen auf Konsistenz ein Stück Freiheit erkämpfen.

«Früher hast du aber etwas anderes gesagt!» kann jemand zu hören bekommen, dessen Ansichten sich im Verlauf des Lebens geändert haben. Hier ist es weniger klar, ob mit dem Hinweis auf den Selbstwiderspruch eine Kritik oder ein Kompliment verbunden ist. Ja, es ist noch nicht einmal klar, ob tatsächlich ein Selbstwiderspruch vorliegt, da sich mit der Person jenes Selbst verändert hat, das den Selbstwiderspruch konstituieren würde. Je mehr man sich selbst ein Anderer geworden ist, desto eher wird man einen Widerspruch feststellen; dieser hat aber den Charakter einer Meinungsverschiedenheit zwischen zwei Personen. Wo der Hinweis ein Kompliment darstellt, steht im Hintergrund die Vorstellung einer Entwicklung: Wir haben uns verändert, sind nicht nur älter, sondern auch «reifer» oder «angepasster» geworden (oder mit welchen Attribute man diese Verschiebung sonst bezeichnen will), und deshalb haben wir andere Ansichten. Das Sich-Widersprechen erscheint in dieser Perspektive als Zeichen eines Fortschritts oder zumindest einer Veränderung. Muss dieser Hinweis auf eine zeitliche Dimension im Konzept des Selbstwiderspruchs Anlass sein, noch einmal auf die obige Analyse der Behauptungsstruktur zurückzukommen? Ich meine, ja.

Der Selbstwiderspruch hat in der Geschichte der Philosophie nicht nur ein negatives Image. Um nur vier Beispiele zu nennen: Die Aporien der Selbstwidersprüchlichkeit, in die Sokrates viele seiner Gesprächspartner führt, sind Zeichen einer sich vollziehenden Denkbewegung, die mehr darüber aussagt, wie die Dinge tatsächlich beschaffen sind, als dies eine widerspruchsfreie Sicht vermöchte.

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Die docta ignorantia des Nikolaus von Kues – «Die gelehrte Unwissenheit» (um 1440) trägt den Widerspruch schon im Titel – offenbart eine Denkhaltung, die allein es ermöglichen soll, sich der paradoxen coïncidentia oppositorum (dem Zusammenfallen der Gegensätze, als das Gott bestimmt wird) zu näheren. Berühmt ist auch Hegels Notiz aus seinem Wastebook: «Ein geflickter Strumpf [ist] besser als ein zerrissener; nicht so das Selbstbewusstsein» (1803-1806). Für Hegel stellt die Negation, als Selbstzerrissenheit und Sich-Selbst-Widersprechen, geradezu der Motor des Philosophierens dar; er befördert eine Bewegung, die sein ganzes Werk durchzieht. Der Selbstwiderspruch ist in dieser Perspektive das, was uns im Denken weiterbringt – vorausgesetzt, er wird, um über ihn hinauszudenken, nicht nur festgestellt, sondern kontrolliert produktiv gemacht. Oder, noch radikaler, weil auch die Idee der kontrollierten Beherrschbarkeit, die das Denken auf ein Ziel hinführt, noch negiert wird, bei Adorno: In seiner sog. negativen Dialektik können die Widersprüche, in denen wir uns im Denken verheddern, Symptome sein von gesellschaftlichen Widersprüchen, in denen wir objektiv in unseren Lebensvollzügen stecken, ohne dass wir es immer merken würden. Klarheit und vollständige Klärung von Widersprüchen, die wir von unserem Gegenüber fordern, liefen demgemäß immer auch Gefahr, Aufforderungen zu windigen Alternativen und Vereinfachungen zu sein und Antworten auf falsch gestellte Fragen zu produzieren.

Was heißt das nun für eine Philosophie, die den Anspruch hat, im Alltag relevant zu sein? Es ist ein Zeichen intellektueller Redlichkeit, Widersprüche in der eigenen Argumentation ernst zu nehmen und nach Konsistenz zu streben. Das ist allerdings, vor allem wegen der dritten der eingangs genannten Eigenschaften, nicht immer leicht. Zur Konsistenz im eigenen Denken gehört ja auch, dass man überblickt, was aus dem, was man behauptet, folgt – direkt und vor allem auch indirekt. Konsistenz ist aber kein Selbstzweck, kann sie doch auf ganz unterschiedlichen Niveaus zustande kommen; auch Ideologien können in gewissem Sinne konsistent sein. Manchmal ist Widerspruchsfreiheit Ausdruck davon, dass man bestimmte Fragen oder Argumente nicht wahrnimmt oder nicht zulässt oder Voraussetzungen allzu leichtfertig akzeptiert hat. Wenn der Preis, den man für diese Art von Konsistenz bezahlt, zu hoch wird, wird sie ihrerseits Ausdruck einer Unredlichkeit anderer Art. Deshalb: Es geht darum, Inkonsistenzen so ernst wie möglich zu nehmen, aber sich nicht von Anfang an festzulegen, wofür sie Symptome sind. Die Diskurse der Macht zu kritisieren kann darin bestehen, dass man auf deren Widersprüchlichkeiten verweist und Konsistenz einfordert. Es kann aber auch darin bestehen, darauf zu insistieren, dass ihre Konsistenz einen zu hohen Preis fordert und dass Fragen, die gestellt werden müssten, und Unterscheidungen, die nötig wären, unterschlagen werden. Zu wissen, wann das eine und wann das andere gefordert ist, ist Ausdruck dessen, was man die Erfahrung des Denkens nennen könnte.

 

Über den Autor

Beitrag von Prof. Dr. Jürg Berthold, Titularprofessor Universität Zürich, Philosophisches Seminar