Blogbeitrag von Michael Ivo Räber

Die Demokratie und ihre Experten

Unser Leben ist geprägt von dem, was anderen wissen und können. Was wir lernen, was wir wissen und können, eigenen wir uns mit Hilfe von Experten an oder wir stützen uns in unseren Urteilen, Überzeugungen und Gewohnheiten auf autoritatives Wissen von Experten.

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Ein scherzhaftes Sprichwort besagt, ein Consultant (Berater) sei jemand, der dir die Uhr vom Handgelenk nimmt und dir sagt wie spät es ist. Scherze besitzen oft ein Körnchen Wahrheit, auch dieser. Berater, oder genereller Experten, sagen uns mitunter, was wir selbst schon wissen könnten (wofür wir sie also nicht bräuchten), und sie tun dies mit einer bestimmten Absicht, die uns vielleicht verborgen bleibt. So formuliert ist dies ist natürlich eine Zuspitzung von Tatsachen.

Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass wir uns in unserem Alltag in vielen Lebensbereichen zunehmend auf das Wissen und die Autorität von sogenannten Experten stützen, gerade auch wenn es um politische Entscheidungen in westlichen Demokratien geht. Dies scheint im Widerspruch zu stehen mit einer Idealvorstellung von Demokratie, welche den Bürgerinnen und Bürgern zutraut, selbst zu regieren und das notwendige Wissen zu besitzen, informierte Entscheidungen zu fällen. Allerdings sind die politischen Realitäten in komplexen Massendemokratien so gelagert, dass Experten durchaus legitime und unverzichtbare Funktionen erfüllen. Dies wirft die Frage auf, was denn Experten in politischen Fragen genau sind (worin sie sich beispielsweise von Experten für Häuser- und Brückenbau unterscheiden) und vor allem, was sie sein sollen und was nicht.

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir zuerst bestimmen, was Experten sind, und worin der Unterschied liegt zwischen legitimen („echten“) und nur scheinbaren Experten. Von Experten erwarten wir gemeinhin, dass sie einerseits über ein spezialisiertes Wissen verfügen, über das andere nicht verfügen, und dass sie andererseits auf dieser Grundlage treffende Voraussagen oder Pläne für die Zukunft machen. Experten stehen dabei in einem asymmetrischen und ausschliessenden Verhältnis zu Laien. Sie behaupten, oder ihnen wird zugeschrieben, etwas zu wissen, was Laien nicht wissen, und sie wissen es kraft eines Prozesses, an dem diese nicht mitbeteiligt sind.

Unser Leben ist geprägt von dem, was anderen wissen und können. Was wir lernen, was wir wissen und können, eigenen wir uns mit Hilfe von Experten an oder wir stützen uns in unseren Urteilen, Überzeugungen und Gewohnheiten auf autoritatives Wissen von Experten. Dies fängt natürlich an mit der Erziehung, in Familie und Schule, wo Eltern oder Lehrpersonen Kinder anleiten. Die meisten Menschen gehen klugerweise zur Ärztin, wenn sie krank sind, weil sie sich von ihrer Expertise Heilung versprechen. Ebenso sind wir gut beraten, die Errichtung einer Brücke der Expertise von Ingenieuren und Architekten zu überlassen. Viele unserer Überzeugungen stützen sich legitimerweise auf die Verlässlichkeit von Expertenwissen, beispielsweise von wissenschaftlichen oder statistischen Erkenntnissen, oder wenn es um Wetter- oder Wirtschaftsprognosen geht.

Daneben gibt es aber jene zahlreichen scheinbaren Experten, die vielleicht über ein gewisses Mass an Wissen (oder zumindest artikulierter Erfahrung) über eine Sache verfügen, aber schlechte Prognostiker sind. Massenmedien tendieren dazu, immer häufiger solche ‚Experten’ über alles Mögliche zu befragen, und die reden dann viel, ohne letztlich viel zu sagen geschweige denn genaue Analysen oder treffsichere Voraussagen zu machen. Ein banales Beispiel: das Fernsehen traut uns nicht mehr zu, ihre Sportübertragungen auch wirklich zu verstehen, wenn uns nicht Experten das Geschehene ‚analysieren’. Das mag an den Medien liegen, die wissen, dass sich ein Interview mit einem Experten eben gut verkauft, das mag an den sogenannten Experten liegen, welche selbstverliebt kaum eine Anfrage ablehnen, und das liegt natürlich an uns Rezipienten, die wir es mittlerweile gewohnt sind, über alles und jedes eine Expertenmeinung vorgesagt zu bekommen.

Der Einfluss von Experten jeglicher Art – echter wie scheinbarer – auf unsere Lebenssphären ist also unbestritten, und während man sich in manchen Bereichen weniger bequeme Bevormundung durch Experten wünschen würde, so scheint doch ein Bereich unseres Leben davon prinzipiell unangetastet zu sein: unser politisches Leben als Bürgerinnen und Bürger eines liberal-demokratischen Lands. Dies zumindest ist ein zentrales Merkmal des Demokratieideals: das selbstbestimmte Entscheiden über Fragen des öffentlichen Lebens. Diesem Ideal steht beispielsweise das platonische Ideal entgegen, Fragen und Probleme des öffentlichen Lebens von Experten (Philosophenkönigen) kraft ihres Expertenwissens (ihrer Weisheit) entscheiden zu lassen. Dieser oder anderen Arten von ‚expertokratischen’ oder technokratischen Herrschaftsidealen fehlt die demokratische Hoffnung, dass die Bürgerinnen und Bürger über ausreichend Fähigkeiten und Wissen verfügen, um selbstbestimmt kluge Urteile zu fällen.

Freilich führt das Fachwissen von Experten in Zeiten von komplexen Massendemokratien selbst ein demokratisches Versprechen mit sich. Experten, soll Winston Churchill gesagt haben, ‚should be on tap, but not on top’ – Experten sollten der Politik verfügbar sein, selbst aber nicht herrschen. Diese Idee setzt eine Arbeitsteilung zwischen Experten und Politik voraus: Expertise kann nur dann eine Ressource für die Politik sein, wenn sie nicht selbst politisch ist und sich unabhängig von ihr entwickeln kann. Expertise hat prinzipiell das Potential, auf die Politik beschränkend und korrigierend einzuwirken als rationalisierendes, stabilisierendes Gegengewicht zur Ignoranz und Opportunität von Öffentlichkeit und politischen Eliten. Idealerweise könnte Expertenwissen so den politischen Willen aufklären; und es könnte überdies kollektives Handeln stärken, dann nämlich, wenn Experten gewissermassen als ‚Werkzeug’ für den öffentlichen oder legislativen Willen dienen, indem sie entweder Fakten- und Argumentlieferanten für den Souverän oder dessen Repräsentanten sind oder die vom demos getroffenen Entscheidungen in den technischen Details umsetzen. Es ist rational, gewisse Problemlösungen an Experten zu delegieren, da sie im Idealfall aus relativ unabhängiger Position mit den Mächtigen ‚Klartext reden’ können, und ihre Legitimität speist sich dabei primär aus einer berufsimmanenten Verpflichtung zur Wahrheitssuche gemäss den Standards ihrer jeweiligen (Forscher-)Gemeinschaft. Wir sind heute offenbar mit einer unvermeidbaren Expertenabhängigkeit konfrontiert: es ist unmöglich in komplexen Gesellschaften – und die meisten Leute sehen das ein – rationale politische Entscheidungen zu treffen ohne sich dabei auf fachkundige Beratung oder sogar Expertenentscheidungen zu verlassen. Insofern ist es zu begrüssen, wenn Politiker sich für ihre Urteile, Gesetze und Richtlinien über komplexe Sachverhalte auf Experten abstützen (beispielsweise wenn es um Klimafragen oder Fragen zur Gentechnik geht).

Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass der wachsende Einfluss von Experten auf die Politik gleichzeitig eine Bedrohung für das Demokratieideal selber darstellt. Ein zentrales Problem mit dem Einfluss von Experten auf die Politik, welches demokratische Politik zu pervertieren droht, ist die Verengung der Sphäre demokratischer Diskussion und Auseinandersetzung zugunsten eines ‚technokratischen’ Terrains. Eine andere Befürchtung im Zusammenhang der Stellung von Experten in politischen Entscheidungsstrukturen bezieht sich auf die notwendige Delegation von Problemen an Experten, die zu einer faktischen Veräusserung von Kontrolle führen kann. Dies liegt primär an der asymmetrischen Beziehung zwischen Experten und Laien. Letztere können die Urteile von Experten oft nicht wirklich nachvollziehen, sondern können einzig auf Grundlage von externen Zeichen oder Signalen über die Vertrauenswürdigkeit der Experten und ihrer Urteile selbst ein Urteil fällen. Immer dann, so die Befürchtung, wenn wir Experten Befugnisse übertragen, händigen wir ihnen damit gleichzeitig einen Teil unserer Urteilsfähigkeit aus, und wir befinden uns dann potentiell in einem Abhängigkeitsverhältnis zu den jeweiligen Experten, welches ihnen ermöglicht, nicht mehr nur „on tap“ sondern „on top“ zu sein.

Sofern die Arbeitsteilung zwischen Experten und Laien in demokratischen Entscheidungsprozessen – durch kluge Regeln und Rahmenbedingungen – genau bestimmt und eingehalten wird, lassen sich diese potentiellen Gefahren für die Demokratie eindämmen.

Die Churchill’sche Maxime, Experten ‚should be on tap, but not on top’ hat aber noch eine weitere Dimension: Weder für die Identifikation noch für die Lösung von genuin politischen Problemen in Demokratien gibt es Experten noch kann es sie geben.

Zum einen zeigen empirische Untersuchungen, dass vermeintliche ‚politische Experten’ (die als solche gehandelt werden) ziemlich schlechte Prognostiker sind.1 Personen, welche politische Trends voraussagen, ‚Think-tankers’ und politische Analysten aus unterschiedlichen Medien wurden aufgefordert, die Wahrscheinlichkeiten vorauszusagen, dass verschiedene Szenarien eintreffen oder nicht (beispielsweise ob und wann der Eiserne Vorhang fällt) – sie schnitten im Durchschnitt nicht besser oder sogar schlechter ab als gut informierte Laien.

Zum anderen, und über diesen empirischen Befund hinaus, kann es für politische Probleme per se keine Experten geben in dem Sinne wie eingangs definiert. Das liegt am Begriff des „politischen Problems“. Politische Probleme sind notwendig von einer umfassenden Allgemeinheit, für die es keine Experten geben kann. Damit ist zweierlei gemeint. Einerseits sind sie öffentlich, umstritten und betreffen dadurch prinzipiell alle Bürgerinnen und Bürger eines demos. Was ein politisches Problem ist und sein soll lässt sich nicht technokratisch verordnen, sondern erwächst einer Öffentlichkeit, in der darüber debattiert und verhandelt wird, ob und inwiefern beispielsweise zu teure Wohnungen in Städten ein Problem darstellen, das einer politischen Lösung bedarf oder nicht. Auch mögliche Lösungen für solche Probleme lassen sich nur dann an Experten delegieren, wenn es um die Ausarbeitung von Vorschlägen geht, nicht aber wenn es um deren Akzeptanz geht, denn die Akzeptanz lässt sich wiederum nicht verordnen.

Andererseits sind politische Probleme allgemein, weil sie komplex sind, weil eine zumeist grosse Unsicherheit bezüglich der Beurteilung der Voraussagekraft von Lösungsvorschlägen besteht, und weil sich unser Urteil über das Bestehen und die Lösung (bzw. deren Akzeptanz) von politischen Problemen zusammensetzt aus unterschiedlichen, oftmals nicht leicht zu vereinenden, Bausteinen: Fakten, Argumente, Werte, Befindlichkeiten, Erfahrungen und Perspektiven, Bedürfnisse, Interessen, usw. Für einzelne Bausteine mag es Experten geben (für andere eher nicht), aber es gibt keine Experten, welche alle diese Bausteine so zu Urteilen anordnen können, dass die beurteilten Probleme für den gesamten demos adäquat gestellt oder gelöst werden. Der öffentliche gegenseitige Austausch von Gründen und die Wahlurne übernehmen hier letztlich die Funktion eines „Expertenurteils“.

1 Vgl. z.B. Tetlock, Philip E. 2006. Expert Political Judgment: How Good Is It? How Can We Know?. Princeton University Press.