Blogbeitrag von Dr. Joanna Miest

Der gestresste Fisch und die Philosophie

Die Philosophie und insbesondere die Ethik sind für uns Biologen ein wichtiger Bestandteil unserer Forschung.

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Die Biologin Dr. Joanna Miest vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel (D) berichtet, welche Rolle die Philosophie in Ihrem Berufsalltag spielt.

Die Philosophie und insbesondere die Ethik sind für uns Biologen ein wichtiger Bestandteil unserer Forschung. Am auffälligsten begegnet sie uns wohl in Form einer Ethikkommision, die dafür sorgt, dass wir ethisch mit den Versuchstieren oder Probanden umgehen. Dabei kann die Philosophie unsere Forschung sehr bereichern.

Ich forsche im Bereich der artgerechten Tierhaltung in der Aquakultur. Jahrhunderte lang wurde der Fisch als nicht-sentient angesehen, da er „kein Gehirn für Schmerzen“ besitzt. 2012 wurden von der Eidgenössischen Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH) zwei Gutachten veröffentlicht. Das eine von dem Biologen Helmut Segner, das andere von dem Philosophen Markus Wild. Beide kommen unabhängig zu dem Schluss, dass Fische durchaus Schmerzen empfinden können und das wir diese Leidensfähigkeit in unserem Umgang mit den Fischen berücksichtigen müssen. Viel zu wenig ist jedoch bisher darüber bekannt was eine artgerechte Haltung und Tötung in der Aquakultur bedeutet. Als Biologin ist meine Herangehensweise sehr Messungs- und Datenorientiert. Wie kann ich Wohlergehen messen? Wie beeinflusst der Gesundheitszustand das Wohlbefinden? Was verursacht Stress? Wie kann ich Stress vermindern? Schauen wir jedoch etwas abseits der messbaren Physiologie finden wir uns im Diskurs mit den Philosophen wieder. Wie definieren wir Wohlergehen und was bedeutet Wohlergehen für einen Fisch? Was ist mit dem Wohlergehen von Wirbellosen (Invertebraten) wie Muscheln, Garnelen und Krebsen? Dies sind alles Fragen, die weder der Biologe noch der Philosoph alleine beantworten können.

Durch meine Forschung und die anderer Biologen hoffen wir Parameter zu entwickeln mit denen wir das Wohlergehen von Fischen bestimmen können und Protokolle zu etablieren, die das Leid der Tiere verringern. Wie ein ethischer Umgang mit Fischen in Aquakulturen auszusehen hat, bedarf jedoch einer Diskussion von Biologen und Philosophen.

 

Über die Autorin

Beitrag von Dr. Joanna Miest, Wissenschaftlerin im Bereich Marine Ökologie, Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (GEOMAR)