Ein Blogbeitrag von Swantje Martach

Corona als Geteilter Visconte: eine knappe Ontologie des Virus

Ein objekt-orientiert-ontologischer Ansatz,

angewandt auf das aktuell-akute Zeitgeschehen

Möchte man erforschen was etwas ist, also eine Ontologie eines bestimmten Dings, Phänomens, Objekts erstellen, so gibt es laut Graham Harman zwei Annäherungsweisen. Die eine, die er „undermining“ nennt, ist geleitet von der Frage: Woraus besteht das Ding? Und die andere namens „overmining“ fragt: Was tut das Ding? Kombiniert man beide Wissensarten, so gelangt man zufolge Harman zu einer Antwort auf die Frage: Was ist dieses Ding, das ich erforschen möchte? (siehe Harman 2016, 7-13). Wir wollen uns nun mit beiden Fragen in Hinsicht auf das Corona-Virus (mit „Corona“ ist hier die volksmündliche Bezeichnung von Covid-19 gemeint, obgleich dieser Begriff streng genommen eigentlich eine Gruppe von Viren umfasst) konfrontieren, das bereits (metaphorisch gesprochen) in aller Munde ist und die täglichen Nachrichten so ausdauernd beherrscht wie selten ein Geschehnis.  

 

Woraus besteht Corona? Phänomenologisch betrachtet besteht Corona aus Symptomen wie Husten, Fieber, Halsschmerzen, Atembeschwerden, Schwächegefühl. Doch diese Symptome teilt sich Corona mit einigen anderen ihrer Grippe-Schwestern. D.h. diese Symptome sind nicht idiosynkratisch für Corona. Anders formuliert lässt sich, auch wenn die Mehrzahl der eben genannten Symptome aufritt, nicht mit Klarheit sagen, ob Corona vorhanden ist. Genauso gut möglich ist auch, dass wir es in solchen Fällen nicht mit Corona, sondern mit einer anderen Grippe bzw. teils auch einer einfachen Erkältung zu tun haben. Fakt ist also, dass es anhand der Symptome nicht möglich ist, sich dem Phänomen des Coronavirus anzunähern. Wir können phänomenologisch nicht begreifen, ob Corona vorliegt oder nicht, was das philosophische Interesse an Corona nur steigern sollte. Wenn der Einzelne, der Bürger anhand seines eigenen Körperempfindens bzw. seiner Beobachtung Anderer mit dem bloßen Auge nicht in der Lage ist Corona zu begreifen, so liegt der Ausweg aus diesem Rätsel über die Medizin, ihre Instrumente und Praktiken nahe. 

Bei ihrem knappen Verfahren bedient sich die Medizin eines einzelnen Phänomens, das Corona zugeschrieben wird, nämlich dem Fieber. Vielerorts (etwa an Bahnsteigen, Flughäfen, Grenzübergängen) wird mit einem Thermometer einfach Fieber gemessen. Wer Temperatur hat, darf nicht einsteigen, seine Reise nicht fortsetzen, wird zurückgewiesen. Allerdings ist es bei Corona wie bei den meisten Krankheiten so, dass sie sich bei unterschiedlichen Menschen auf unterschiedliche Weise manifestiert. Die einen macht Corona fiebrig, die anderen haben Corona ohne Fieber, und wieder andere haben Fieber aber kein Corona. Daher fallen nicht nur Corona-Patienten ohne Fieber durch das Sieb dieses Schnelltests, sondern jener macht auch eine Reihe an Menschen zu Corona-Verdächtigen, die gar keine entsprechenden Patienten sind. Das knappe Verfahren ist also zu aller erst einmal ein Gleichmacher von Menschen die durch Corona fiebrig sind und Menschen die aus anderen Gründen Fieber haben. Fieber an sich ist eine einfache Abwehr-Reaktion des Körpers, der sich erhitzt um nicht nur Corona sondern Viren jeglicher Art zu bekämpfen. Somit lässt das Fieber-Thermometer nicht zu Corona ausfindig zu machen. 

Da dies der Medizin durchaus bewusst ist, wurde kurzerhand ein genauerer Test entwickelt, der jedoch nur auf die angewandt wird, die beim Schnelltest positiv auf ihre Fiebrigkeit getestet worden sind und/oder sonstige Corona zugeschriebene Merkmale aufweisen. Ziel dieses erweiterten Testverfahrens ist es also in erster Linie die Getesteten zu spalten in Menschen mit Symptomen aber ohne Corona und Menschen mit Symptomen und mit Corona. Der Test, von dem hier die Rede ist, beruft sich auf die Annahme, dass das Coronavirus unter dem Mikroskop in der DNA der Testperson entlarvt werden kann. Doch was ist unter dem Mikroskop genau zu sehen? Ein Grippevirus einer neuen Art, dem wir den Namen „Corona“ gegeben haben. Jedoch ist es allgemein bekannt, dass die Wintergrippe jedes Jahr in einer neuen Form auftritt. Einige lassen sich dagegen im Spätherbst impfen — in dem Wissen, dass sie sich einer entsprechenden Impfung im nächsten Spätherbst wieder unterziehen müssen. Denn das Grippevirus mutiert jedes Jahr. Das muss es, um uns überhaupt erneut erkranken lassen zu können, denn an die Viren des Vorjahrs hat sich unser Immunsystem bereits angepasst. Was also unterm Mikroskop ersichtlich wird ist ein neues Virus, das insofern nicht neu ist, als dass es jedes Jahr in einer neuen Form auftritt. Oder wie es Wolfgang Wodarg treffend formuliert: „Es ist nichts neues, dass es ein neues Coronavirus gibt“ (Wodarg 2020, 6:37).

Hinzu kommt, dass der DNA-Test, und das darf nicht vergessen werden, kein geprüftes Verfahren ist. Wenn normalerweise ein Test entwickelt wird, bedarf es einer Vielzahl an Probanden, Paper, und Peer-Reviews, bis er das Attribut „valide“ erhält. Bei dem Test, der derzeit angewandt wird, handelt es sich jedoch um einen sog. „In-House“ Test, d.h. um ein Verfahren das innerhalb eines Hauses, nämlich der Charité Berlin, entwickelt und kurzerhand abgenickt worden ist. Daher kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob der Test wirklich auch das misst was er vorgibt zu messen (siehe Wodarg 2020, 20:17). 

Fakt ist also, dass es keinen validierten Test gibt, der es zulassen würde das Phänomen des Coronavirus zu erfassen. Was wir haben ist einen nicht geprüften Test, der eine bestimmte Grippe-Mutation erfasst. Doch ob die Corona-Grippe „aus der Reihe tanzt“, etwa besonders ansteckend ist, mehr Infizierte hervorbringt, oder gar tödlicher ist als andere Grippen, das lässt sich nur durch einen Vergleich über die Zeit, d.h. mit Grippen anderer Jahre feststellen. Die Zahl der Grippe-Infizierten und Toten ist jedoch unvollständig über die letzten Jahre erfasst, denn ihnen galt nicht das gesonderte Interesse von Medizin und Volk, was auch ein Grund dafür ist, dass wohl nur ein fragmentarischer Prozentsatz der Grippe-Infizierten den Weg zum Arzt auf sich nahm. Von den Zahlen die jedoch vorliegen ist auch laut Charité bisher keine Abweichung zu erkennen, weshalb letztere davon ausgeht, dass, wenn Corona keine Aufmerksamkeit geschenkt würde, “nicht klar ist, ob diese zusätzlichen Todesfälle gesamtgesellschaftlich überhaupt bemerkt werden [würden]“ (siehe Charité 2020). 

So drängt sich die zehnte Mediziner-Regel in Shem’s berühmtem House of God auf: „Wenn Du keine Temperatur misst, stellst Du auch kein Fieber fest.“ (siehe Shem 2007, wie auch zitiert von der Süddeutschen Zeitung in einem Beitrag, dessen Überschrift sich nicht mit seinem Inhalt deckt, siehe Bartens 2020). Wandelt man eine allgemein bekannte Redensart etwas ab, so heißt das so viel wie: Wer misst, der findet. Und wer nicht misst, der findet nicht, stellt keine Krankheit fest. Mit Annemarie Mol zu sagen, dass erst die Messung die Krankheit hervorbringt (siehe Mol 2002, z.B. vii, wie auch von Harman zitiert, siehe Harman 2016, 23) liegt hier nahe. Und selbst wenn eine Krankheit auch ohne Messung (also phenomenologisch) vorhanden ist, kann mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht festgestellt werden, ob diese die gesellschaftliche Aufmerksamkeit tatsächlich verdient, die sie derzeit erhält. 

Zusammengefasst ist es also weder phänomenologisch noch medizinisch (bisher) möglich zu sagen: „Es gibt ein besonders aggressives und gefährliches Grippe-Phänomen namens Corona“. Das Sein von Corona kann also im undermining-Ansatz nicht validiert werden. 

 

Daher wollen wir uns nun dem overmining-Ansatz zuwenden und fragen: Was tut Corona? Corona tut eine ganze Menge. Corona spaltet Menschen grob in nur zwei Gruppen: „Infizierte“ und „Nicht-Infizierte“. Im Gegensatz zu herkömmlichen Gliederungen, wie etwa der Schwarz-versus-Weiß-Malerei der Apartheid, ist diese Unterteilung jedoch in höchstem Maße temporär. Denn während es wohl noch keinem Menschen gelungen ist von weiß zu schwarz oder schwarz zu weiß (ausgenommen vielleicht Michael Jackson, und abgesehen von der politischen Korrektheit dieser zu Hilfe genommenen Begrifflichkeiten) zu mutieren, kann jeder heute Nicht-Infizierte morgen schon ein Infizierter sein.

Durch die zeitliche Verzögerung von etwa einem Tag, die es benötigt um das entwendete DNA-Material im Labor auszuwerten, ist es sogar möglich, dass ich im Moment des Erhalts meiner negativen Corona-Ergebnisse, was mich als Nicht-Infizierter so stark authentifiziert wie gerade kein anderes Mittel (nicht einmal ein völlig gesundes Auftreten, bei dem es dennoch möglich ist dass ich Corona in mir trage und es nur (noch) nicht ausbricht), bereits infiziert bin. Corona bewirkt ein Wandel von Identitäten zu Identizifierungen, von starren Adjektiven zu fluktuierenden Attributen, was mitunter sicherlich zur entstehenden Panik beiträgt.

Corona bringt die Trennwände zwischen dem Ich und dem Anderen ins Wanken. Es ist gut möglich, dass ich diese Trennwände bisher ganz klar vor Augen hatte: Ich bin eben ich, und alle Anderen sind eben die Anderen. Genauso gut möglich ist es jedoch, dass ich bisher nie darüber nachgedacht habe, jene Rollenverteilung noch nie definieren musste, denn ich war ja stets frei aus der Gesellschaft der einen in die Gesellschaft der anderen zu treten, oder gar für einen Moment aus der Gesellschaft hinauszutreten und nur für mich zu sein. 

Während wir es gewohnt sind die Freiheit zu haben einfach davonzulaufen (was in Zeiten von Tinder ein zunehmendes soziales Problem darstellt) bewirkt Corona bereits durch Kita- und Schulschließungen sowie HomeOffice-Verordnungen, dass bspw. Kernfamilien näher zusammenrücken. Corona verschiebt also den Fokus vom Äußeren zum Häuslichen. Mit wem ich zusammenrücke wird nun Teil meines Ichs — ein Prozess, der sich durch eine potenzielle Quarantäne nur steigern könnte, handelt es sich hier ja um ein Zurückziehen und Abschirmen einer gesonderten Gruppe von Menschen von der Außenwelt, also dem Anderen. 

Mit wem ich wähle meine Quarantäne zu verbringen wird dann zur essentiellen Frage. Hält es eine frische Beziehung aus, wenn man wochenlang nicht aus der Tür treten darf? Hängt in der WG bald der Haussegen schief? Bin ich daher doch lieber alleine, d.h. bleibe ich bei meinem traditionellen Ich? Oder suche ich gar wieder das Nest meiner Eltern auf, um diese Zeit nicht alleine durchstehen zu müssen? Ein Abwägen findet statt, durch das ein Trennen zwischen dem Ich der Quarantäne(-Gruppe) und dem Anderen all jener, mit denen ich eben nicht die Quarantäne verbringe (und verbringen möchte), vollzogen wird. Final wird Corona sicherlich die ein oder andere Trennung zwischen Paaren bewirken, ebenso wie es zum ein oder anderen spontanen Heiratsantrag aufgrund eines erfolgreichen Meisterns dieser Krise führen wird. 

Habe ich mich nun für ein kollektives Quarantäne-Ich entschieden, so bleibt dieses erweiterte Ich so lange intakt (und wird gar durch etwaige Praktiken wie der Hausgemeinschaft zugute kommende „Hamsterkäufe“ gestärkt) bis das Virus in meine „Ich-Zone“ eindringt. Ist Corona erst einmal in meiner WG bzw. Kernfamilie angekommen, werden die Rollen von Ich und Andere neu definiert. Schon durch den Verdacht einer Infizierung wird der Betroffene zum Anderen, und die noch nicht Infizierten, auch wenn es sich dabei nur um noch nicht als infiziert Identifizierte handelt, rücken im gemeinsamen Ich zum einen näher zusammen. Zum anderen wird dieses kollektive Ich, das bereits einen Knacks bekommen hat, nun sicherlich tiefgreifender heimgesucht von Zweifeln an seiner Integrität, die nur so lange weiter besteht, bis der Nächste als infiziert identifiziert wird. 

Werde dann ich selbst infiziert, d.h. wird mein „Kern-Selbst“ als infiziert identifiziert, so verändert sich auf einen Schlag drastisch die Verteilung von Ich und Andere: Alle anderen Infizierten werden zum Teil meines Ichs; während Freunde, Familie, Mitbewohner, d.h. alle die ich es bisher gewohnt war als mit mir verbunden anzusehen, als „Andere“ abgesondert werden. Jene Anderen sind dann die Glücklichen, die Noch-nicht-Infizierten, zu denen ich mich nie wieder zugehörig fühlen darf. Auch dann nicht bzw. nur teilweise, wenn ich Corona überlebt habe und mich zu den bisher hierzulande noch zahlenmäßig geringfügigen Nicht-mehr-Infizierten zählen darf. 

Zum einen klafft zwischen jenen beiden Gruppen ein Loch, denn die einen haben das durchlebt und gemeistert von denen die anderen (per definitionem: bisher) nur angstvoll träumen, das sich die anderen nur bedingt vorstellen können. So werden die Nicht-mehr-Infizierten zu einer Art Zeitzeugen erster Reihe, während die Noch-nicht-Infizieren die Geschehnisse allein aus zweiter Reihe, d.h. als Zuschauer erlebt haben, und auch nur als solche postum zu Worte kommen dürfen werden. Zum anderen jedoch vereint beide Gruppen, dass sie sich körperlich als kräftig und daher gesund genug ansehen können um dem Coronavirus zu trotzen. Es tut ihnen nichts, kann ihnen nichts, wodurch sie sich gemeinsam von denjenigen abgrenzen, denen Corona etwas tut. Auf diese Weise kann die Selbstwahrnehmung stattfinden — bis hin zu dem Punkt, an dem ich erneut als infiziert identifiziert werde, und der Kampf von Neuem beginnt. 

Außerdem bewirkt Corona einen Fokus auf das eigene Ich, die eigene Gesundheit. In diesem Sinne passt Corona nur allzu gut in den eh schon ausgeprägten Individualismus unserer zeitgenössischen westlichen Kultur, der sich durch jenes Virus wohlmöglich nur noch verstärkt. Von der Sorge getrieben sich selbst in der eigenen Nicht-Infiziertheit zu erhalten, bzw. zumindest sich selbst vor den Anderen als infiziert zu identifizieren um dann noch einen kurzen selbstbestimmten Handlungsmoment zu haben, fühlen gerade Millionen von Menschen jeden Morgen in sich hinein: Bin ich noch gesund, oder doch schon krank? Merke ich schon erste Anzeichen? Hat es nun auch mich getroffen? Ein simples Räuspern wird verdächtig, ebenso wie ein bspw. durch Hausstaub hervorgerufenes Kitzeln in der Nase. 

Die neue Grußformel „Bleib(en Sie) gesund!“ hat sich im Schriftverkehr unter Emails genauso schnell gemogelt wie in das Mündliche. So etwas kennt man sonst nur aus fiktiven Romanen, etwa wenn bei Morton Rhue’s Welle alle Verbündeten zum Gruß eine eben solche Naturerscheinung gestikulierend nachbilden. Jedoch zeigt ein genauerer Blick auf die Formulierung selbst, dass es sich hierbei nicht um ein einfaches Wünschen von Gesundheit, vergleichbar mit einem lapidaren „Alles Gute“ handelt. Vielmehr ist hier die Rede von einem Bleiben, einem Erhalten der eigenen Gesundheit, welches („in solch schweren Zeiten“) müßig erscheint. Dahinter glaubt ein mancher ein „noch so lange wie möglich“, gar ein „bevor es auch den letzten noch trifft“ schimmern zu sehen. Dadurch zielt diese Grußformel eben nicht auf Gesundheit, sondern unweigerlich auf Krankheit als das Phänomen, welches sich zwar am anderen Ende, jedoch auf demselben Spektrum wie Gesundheit befindet. 

Ob sich dieser Gruß etablieren und uns auch dann noch erhalten bleiben wird wenn Corona schon längst passé ist, das wird sich zeigen. Vielleicht erleben wir hier gerade eine zeitgenössische Prägung und Bildung von Kultur, so intensiv und unverzögert wie schon lange nicht mehr. Falls ja, wird Corona auch dann, wenn ein Impfstoff gegen sie gefunden oder sie auf sonstige Weise eingedämmt bis gar ausgemerzt worden ist, bei jeder zwischenmenschlichen Begegnung wieder aufflammen. Sie wird nachhallen, als eine Warnung, ein Gewahrwerden, fast schon wie das „Memento Mori“ der Romantik. 

Die soeben aufgezählten sind nur einige der vielen bereits getätigten und möglicherweise noch anstehenden Taten von Corona. Sicherlich teilt sich dieses tatkräftige Virus seine einzelnen Wirkungen mit manch anderen Phänomenen. Doch in genau dieser Ansammlung und der daraus resultierenden Wucht ist Corona gerade idiosynkratisch. 

 

Was ist also Corona? Die dargelegten ontologischen Untersuchungen des Coronavirus ergeben, dass wir bisher kaum sagen können woraus Corona besteht, weshalb jenes Virus im undermining-Ansatz fast schon inexistent erscheint. Doch auch wenn sie in ihrem phänomenologischen wie medizinischen Sein nicht greifbar ist, zeigt der overmining-Ansatz, dass Corona in dem was sie tut äußerst existent ist. Anders formuliert, auch wenn Corona sich final als medizinisch inexistent, also als keine wirklich neue Virusneuheit erweisen sollte (ein Ergebnis dessen Erhalt sich sicherlich diverse Lobbies in den Weg stellen würden); in ihren Taten ist sie bereits heute in gesteigertem Maße existent. Corona erscheint demzufolge wie Italo Calvino’s geteilter Visconte, der nicht nur trotz, sondern gerade aufgrund seiner ihn erzürnenden Geteiltheit nur umso wütender um sich schlägt. 

Und genau da, in ihrem Bewirken, liegt Corona in der Hand eines jeden einzelnen. Welchen Schaden wir Corona anrichten lassen, d.h. ob wir zulassen, dass Corona hierzulande bewirkt, dass Menschen aufgrund der Ergebnisse eines nicht getesteten Tests gewaltvoll zur Isolation gezwungen werden, wie es in anderen Ländern (wohlgemerkt auch nur durch die Lupe bestimmter Medien) beobachtet werden kann, oder ob wir aus Corona ein beispielloses Beispiel an Unterstützung, Sanftmut und Zuversicht machen, das kann uns kein medizinischer Test vorschreiben. 

Was Corona ist, ist nämlich eine Frage der Perspektive. Damit meine ich keineswegs, dass Corona nur in uns, als eine Vorstellung oder Einstellung vorhanden ist. Als Perspektive verstehe ich vielmehr mit Deleuze eben nicht das, was sich mit dem Subjekt verändert, d.h. das abhängig vom Subjekt ist, sondern die Bedingung, unter der das Subjekt etwas begreift, von der also sowohl das Subjekt als auch sein (Untersuchungs-)Objekt abhängig sind (siehe Deleuze 2014, 20). Ich sehe es daher heute als die Aufgabe der Philosophie aufmerksam zu machen auf die Importanz und Handlungsfähigkeit des „Apparats" (ein Foucaultsches Konstrukt dessen sich bereits Neumaterialistin Barad bemächtigt hat, siehe bspw. Barad 2007, 63), dessen sich Corona bedient und in das wir bereits tief verflochten sind. Ein erster Schritt in diese Richtung gibt der soeben realisierte ontologische Ansatz vor zu sein.