Ein Text von Anna W. von Huber

Bambus gezähmte Elemente

Was bleibt, wenn unser Ich festgehalten nicht festzuhalten ist? 

I. Marta: Die traurig Wütende

 

Wenn es entgleitet, weil der Ort an dem wir uns trafen vorüber ist, sich umgewandelt hat und nun zerfallend erstaubt – durch die Geschichte seine Trümmer zu neuem historischem Aufstieg verleitet? Was können wir noch sehen? Was wollen wir erzählen, wenn wir uns Wände mit Farben in unsere Köpfe erbauen müssen, weil sie vertrieben wurden von unseren Vorfahren und von der Zeit?

Wie könnt ihr daraus hochkultivierte Namen erbauen? Auf den Trümmern eurer Geschichte. Auf den Ruinen. Wie könnt ihr Ruinen zu Gedenkstätten ernennen und manche zertrümmern lassen? Wie könnt ihr euren Kindern Geschichten erzählen, in Scharen mit diesen in jugendlichem Alter in Tagesausflügen vereisen, wenn ihr die Geschichten dahinter nicht kennt und sie abgestumpft von Geschichtsbüchern treuer Autoren weiter ablest?

Wenn ihr den Ursprung der Gebäude nicht benennen könnt? Wenn ihr nicht wisst, was war und was sein wird? Und warum kümmert ihr euch nur um Ruinen aus vergangener Zeit? Was ist mit all den Ruinen, die zerbombt heute in gerade diesem Augenblick entstanden? Was ist mit den unzähligen Geschichten, die darauf warten gehört zu werden, aber kein Glück hatten, weil sich für ihre Erzähler niemand interessiert?

Weil sie noch leben? Weil sie ihre Wahrheit kennen? Weil sie erzählen können, was passierte und ihr die Geschichte nicht neu schreiben könnt?

Was passiert mit diesen Gebäuden, wenn ihre Angehörigen verstorben sind? Beginnen wir dann darüber zu berichten? In Scharen die Orte der Vergangenheit zu erkunden, um uns und unserer Hochkultur ein neues Denkmal zu setzen uns damit auf die Schulter klopfen?

 

[Notiz der Autorin: Dieser Aufsatz wird im IG- Farbenhaus der Goethe- Universität Frankfurt verfasst. Ich fühle mich erdrückt. Ich fühle mich klein und schwach. Vielleicht sollte ich ein anderes Gebäude aufsuchen. Vielleicht sollte ich in die Natur gehen und die Weite ersuchen. Vielleicht muss ich es aushalten, hier zu sitzen, eingekesselt von übertrumpfenden Mauern, die ihre Geschichte in mein Ohr schreien so laut, dass ich jede Nacht mit einem Tinnitus einschlafe und doch am Morgen vom Schweigen der anderen zurückgeworfen werde, dorthin wo ich eigentlich niemals sein will-  Ich will hier nicht sein, Ich will hier nicht sein - bis das Schreien erneut beginnt...]

 

Wenn ich zurückdenke, an die Zeit der Gemeinsamkeit, steigt in mir ein Gefühl auf, dass das Wir sich zu schreitenden Ruinen entwickelte.

 

II. Georg: Der nachdenkliche Philosoph

Die Philosophie der Ruine unter Berücksichtigung einer Philosophie des Raumes.

Was wissen wir eigentlich über das Wort Ruine? Was erdenken wir uns in unserer strukturierten manipulierten Kommunikation, wenn Ruine zum Vorschein tritt?

Eine Ruine ist etwas Altes. Etwas Verlorenes. So jedenfalls sehen wir sie vor unseren täglichen Augen. Ruine als Zeichen der Geschichte. Als Zeichen der Macht, der Schwäche. Sie ist Etwas, das in seiner ursprünglichen Verfasstheit nicht mehr vorhanden ist, weil es sich in eine zerstörerische Art und Weise in einem kurzen Moment verändert hatte und nun in seinem Gerüst vorzufinden ist. Als Gerüst ist sie für den Menschen höchst interessant. Was zeigt es? Das Gerüst von uns selbst? Der letzte Bruchteil an Hoffnung, der versucht daran festzuklammern, um nicht verloren zu gehen, um weiter zu leben, dem Sterblichen zu entgehen, wie es die Hoffnung von Platon verlangt? Doch von was überlebt es und was überlebt? Was bleibt an Gebäuden, was man Ruinen nennt? Was bleibt, wenn Etwas festgehalten, nicht festzuhalten ist, der Unendlichkeit verleitet? Was bleibt dann noch?

Ruinen können eine Hilfe sein, um in diesem Leben einen Alltag zu schaffen, der dem Menschen aufzeigt, wie er agierend sich verhält und wie er sich verändern kann, indem er achtsam, also mit einer langsamen sehenden Haltung, dem Leben entgegentritt.

Der Drang des Menschen sich selbst nicht nur zu finden in den Resten der Geschichte, sondern sich selbst immer wieder neu zu bestaunen, auf ein Podest zu setzen, zeigt sich in dieser Heroisierung von Ruinen als Zeichen unserer Hochkultur. Dabei, wenn man versucht ist, langsam zu sehen, zeigt sich mehr als das. Vielleicht ist es das Mehr, nicht das Höhere, was bleibt, wenn das Äußere entgleitet. Ich zitiere dabei ein Gedicht, einer unbekannten Autorin. Es wird nun offengelassen wen, außer Sophia, das lyrische Ich anspricht. Darüber lohnt es sich einen anderen Text an anderer Stelle zu verfassen, hier nur so viel:

 

Oh, du traurige Sophia!

 Hoch auf einem schwarzen Sockel,

den dir dein verborgener Teil erbaute.

Hoch über allem ragend,

nimmst du schweigend deine Haltung ein,

die Welt von oben ertragend

anmutig achtsam und immerzu fein.

 

Unter dir die Leichtigkeit der Freude,

sie soll aus deinen Augen schwinden.

Du glaubst, dass ich das hier vergeude,

drum wirst du hier Verdorbenes erfinden.

 

Die Traurigkeit in deinen Augen,

sie verleiht dir Flügel der Einsamkeit.

Sie zwingt dich alles Einfache zu rauben.

Und schenkt dir Worte der Beredsamkeit.

 

Du willst sie wie deine Muse behalten.

Sie soll deinen Körper dir entführen.

Willst alles um dich mit Worten verwalten,

verlangst den Untergang zu Spüren.

 

Dein Kopf scheint dir ein freier Mann zu sein.

Doch hängt er nicht an deinem Sockel fest?

Dein Kopf scheint dir ein freier Mann zu sein,

doch ist er nicht auf deinen Händen aufgelegt?

 

Wie kann das sein?

Ein Ausdruck der Verbundenheit?

Ein Ausdruck der dir nicht

lieb gewonnenen Gemeinsamkeit?

 

Der Mensch ist dir die größte Last.

Du willst ihn neu erschaffen,

während du das Leben hier verpasst,

willst nichts an ihm belassen.

 

Doch wer erbaute dir die Höhe deiner Macht, 

den Raum, den Blick den du von oben hier erfährst,

den doch zugleich dein Kopf nicht mehr bewacht,

während du mit ihm das Leben lieber lehrst?

 

Er und du ihr wisst es stets in hohem Grade,

doch wollt ihr es vergessen.

Heimlich erkennt ihr eure missliche Lage,

noch tönt ihr „Wer wollt sich an Niederem bemessen?“

 

Du bist so stark und fest entschlossen.

Du zerstörest das Werden

und hast mit dem Sein eine neue Welt ergossen.

Der Ursprung dieser Welt musste sterben.

 

Nun umrahmen dich sieben

Bambus gezähmte Elemente dieser Welt.

Sie umrahmen einen von dir erschaffenen,

durch dich lebenden Denker –Held.

 

Und doch ich bitte dich:

Verbinde dich mit diesen Elementen

auf der gleichen Höhe dieser Welt.

Blicke in die Welt hinaus:

 

von oben bedacht,

von unten erwacht.

 

 

III. Luisé: Die Autorin als Kritikerin

 

Ich kann nicht belehren, will es nicht. Doch das, was ich kann, ist das zu zeigen, was mich zu tiefst bewegt, was mich verändert hat, was meine subjektive Wahrheit ins Wanken brachte, mir neue Perspektiven gibt, mir neue Rhythmen schenkt, um gemeinsam miteinander einen objektiven Tanz zu erarbeiten.

 

„Splitter

 

Mein Vater bewahrt, rein der Erinnerung halber,

neben seinem Herzen noch einen kleinen Splitter

vom Krieg der Achtzigerjahre auf...“ (43)

 

 Kadhem Khanjar, Dieses Land gehört auch. Deutsche Übersetzung: Sandra Hetzl. Mikrotext: Berlin 2019, 1. Auflage,

E-Book: ISBN ISBN 978-3-944543-88-8, 3000 Seiten auf dem Smartphone, 8, 99 Euro.

Taschenbuch: ISBN 978-3-944543-87-1, 136 Seiten, 14,99 Euro. 

https://www.mikrotext.de/book/kadhem-khanjar-dieses-land-gehoert-euch-gedichte/

 

 

Das Gedicht, im Ganzen nachzulesen in Kadhem Khanars Gedichteband, handelt von Erinnerung.

Kadhem Khanjar schreibt und spricht auf den Ruinen des Jetzt. In Anbetracht der Zeit durchfährt ein Wirbel meine Glieder. Wie Hoch und Tief es wird. Ruinen der Vergangenheit stehen in diesem Bild neben Ruinen der Gegenwart. Ruinen der Geschichte, neben Ruinen der heutigen Zerstörung, Ruinen von heute Morgen, von heute Mittag. Kadhem Khanjars Gedichteband, Dieses Land gehört euch, auf Deutsch 2019 bei Mikrotext erschienen, ist in diesem Fall eine Empfehlung für all diejenigen, die versucht sind Ruinen als Mehr denn als historische Denkmäler zu betrachten.

Dieser Aufsatz dient zur eigenen Denkanregung, geschrieben aus drei verschiedenen kurzen perspektivischen Eindrücken. Eindrücken einer wütenden Frau, die verzweifelnd Fragen stellt und die Antworten nicht finden kann, einer denkenden Person, die aus einer objektiven Perspektive versucht zu verstehen, zu analysieren und das Ganze sehen will und von einer Perspektive, die zeigen will, was es gibt, was man sehen und hören und lesen kann, um sich der Thematik der Ruinen zu widmen. All das zusammen soll dazu dienen, eigene neue Perspektiven zu finden und Neues gemeinsam zu erfahren und zu hinterfragen, warum und ob Ruinen uns unsere eigene Hässlichkeit zeigen und uns, bei richtigem Umgang damit helfen können mit weit geöffneten Augen uns und unsere Geschichte zu betrachten.