Blogbeitrag von Dr. Susanne Schmetkamp

Ästhetische Erfahrung und die Rolle der Emotionen

Warum schauen wir Filme? Lesen Bücher? Diskutieren wir heftig über das jüngst erlebte Theaterstück? Ärgern uns über die aktuelle Ausstellung?

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Kunst bewegt uns, berührt uns, regt uns auf, lässt uns kalt oder, wenn wir Glück haben: Verändert unser Leben. Aber wie, in welcher Weise und warum eigentlich? Dies ist nicht (nur) eine psychologische, soziologische oder kulturwissenschaftliche Frage, sondern auch eine philosophische: Was bedeutet die ästhetische Erfahrung, wie sieht sie aus und welche Rolle spielt sie für die Ethik, unsere Moral oder unser Verständnis vom guten Leben?

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In meiner Forschung befasse ich mich unter anderem damit, wie wir emotional auf Kunst, insbesondere Filme reagieren und was diese Reaktionen für unser Selbst- und Weltverständnis bedeuten. Damit schlage ich einen Bogen von der Ästhetik zur Ethik. Schwerpunkt meiner Forschung sind Filme. Das hat den gesellschaftlichen Grund, dass Filme einen zentralen Stellenwert in unserer Kultur und unserem Leben haben. Das hat aber auch den Grund, dass der Film innerhalb der zeitgenössischen Philosophie eher ein Randgebiet darstellt – trotz der hohen Bedeutung in unserer Gesellschaft. Hier gibt es also noch einiges, philosophisch zu untersuchen.

Für meine Forschung ist es wichtig, zu klären, was es heisst, dass wir mit Stimmungen, Emotionen und körperlichen Reaktionen auf Film reagieren. Ich konzentriere mich dabei auf den narrativen, fiktiven Film. Zum Beispiel nimmt die Perspektiveneinnahme mit fiktiven Charakteren eine grosse Rolle in unserer Involvierung bei einem Spielfilm ein. Dabei sind empathische Reaktionen des Nachvollzugs der Emotionen und Handlungen anderer im Spiel, aber auch tiefe Mitgefühle, die wir mit Figuren haben können, von denen wir doch eigentlich wissen, dass sie nicht existieren. Besonders wichtig ist es für mich, zu klären, was wir unter einer Perspektive und einer Perspektiveneinnahme zu verstehen haben. Die amerikanischen Philosophen Richard Rorty und Martha Nussbaum gehen – wie einige andere auch – davon aus, dass Kunst oder insbesondere Literatur unseren Horizont erweitert und uns letztlich auch zu besseren Menschen macht, indem sie uns neue Perspektiven offeriert, unseren Blickwinkel ändern lässt und andere, neue Lebensweisen kennen lässt. Diese Empathie ist für Nussbaum zum Beispiel der Schlüssel zu einer Toleranz der Anderen, hat also explizit ethische und politische Implikationen. Es muss aber geklärt werden, was es überhaupt heisst, eine Perspektive zu haben und eine andere einzunehmen und daraus etwas Neues über sich selbst und die Welt zu erfahren.

Dieses philosophische Thema hat sehr viel mit unserem alltäglichen Leben zu tun, schliesslich schauen wohl die meisten von uns häufig Filme, fühlen sich von diesen angezogen, und zwar nicht nur aus Unterhaltungsgründen. Wir diskutieren angeregt über Film oder, wie aktuell, über Fernsehserien: Gerade die neuen Serien wie Breaking Bad, The Wire, Mad Men prägen unser Alltagsleben inzwischen so sehr, dass es auffällt, wenn man keine dieser Serien kennt. Eine Frage, die mich dabei mit und zusätzlich zur Perspektiveneinnahme beschäftigt, ist daher die, warum diese Serien einen so starken Sog auf uns haben: Es ist die neue Art des Erzählens, der lange Bogen dieser Serien, der es uns erlaubt, über einen sehr langen Zeitraum Zeuge oder sogar Begleiter fiktiver „Leben“ zu sein, wie es sonst nur epische Romane verstanden haben.

Meine Forschung ist interdisziplinär ausgerichtet, philosophische Ästhetik und Ethik treffen mit Film- und Kulturwissenschaften zusammen. Spannend (und alltagstauglich) ist aber auch, dass man über Filme und die emotionale Einbindung mit fast allen Menschen diskutieren kann, ohne dass sie notwendig Philosophen sein müssen.

 

Über die Autorin

Beitrag von Dr. Susanne Schmetkamp, Universität Basel