Blogbeitrag von Fanny Hanselmann

3. Rang Essaywettbewerb "Menschenwürde"

Der Essaywettbewerb Menschenwürde von Philosophie.ch richtete sich an 15-21-jährige, um philosophisches Denken bei Jugendlichen zu fördern. Der Einsendeschluss war der 15. Juni 2014.

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Ist es eine Verletzung der Menschenwürde jemandem heutzutage zu sagen, dass man ihn liebt?


Die Beatles waren der Meinung, sie ist alles, was wir brauchen, Harry und Sally suchen sie auf höchst amüsante Weise 90 Minuten lang auf der Leinwand und laut MCDonalds empfinden wir sie alle, wenn wir an die Burger und Pommes des Weltkonzerns denken. Liebe! Doch was bedeutet sie heutzutage wirklich?
Shakespeare sagte einmal: „Sprich leise, wenn du über die Liebe sprichst!“   Doch heutzutage scheint zu gelten, wer lauter schreit, liebt am meisten. Sie sagen: „Ich liebe dich“ und auch hier sei zu beachten, ganz wichtig: je  lauter und öfter, desto besser.  Als wäre Liebe eine Reklameaktion. Sag zwei Mal „ich liebe dich“ und das 3. Mal gibt es umsonst oder hol dir gleich eine Stempelkarte und bei zehn erfolgreich absolvierten „Beziehungen“ gibt’s das Abchecker-Abzeichen des Jahres. Inwiefern kann man heutzutage ein Liebesgeständnis noch ernstnehmen, wenn jeder gleich jeden liebt, aber keiner den anderen braucht? Hat unsere Generation einen riesen Fortschritt in Richtung Nächstenliebe gemacht oder gebrauchen wir den Ausdruck einfach zu inflationär? Und eine womöglich noch essentiellere Frage lautet: Was sind die Ursachen dieses Trends? Jene Entwicklung hat sicher nicht an einem Tag stattgefunden, sondern ist ein multikausaler und langjähriger Prozess. Erstens leben wir in einer Zeit, in der Liebe nicht sofort Hochzeit oder eine gemeinsame Wohnung bedeutet, sondern lediglich die Tatsache, dass man positive Gefühle für den anderen hegt.  Zweitens wird uns durch Werbung, Filme und Reality-Soaps, in denen irgendwelche Z-Promis, sich im Fernsehen das Ja-Wort geben, suggeriert, Liebe sei ein Begriff dessen Verwendung und Gebrauch keinerlei Vorsicht und Bedacht bedürfe. Jedoch  sind dies nur zweitrangige Gründe. Ein wesentlicher Punkt ist, dass wir in einer Überflussgesellschaft leben. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es alles gibt, was das Konsumherz begehrt und noch deutlich mehr. Fast jeder, der es sich leisten kann, ertrinkt im Luxus und doch wird ihm eingeredet, er brauche noch mehr davon, um glücklich zu sein. Das Motto lautet überall: Greller, lauter, impulsiver. Was hat das Konsumverhalten und der turbulente Alltag unserer Zeit mit dem inflationären Gebrauch des Wortes Liebe zu tun? Es ist die Austauschbarkeit der Dinge gepaart mit der Sensationsgeilheit ihrer Besitzer. Leise Töne, nette Gesten oder eine einfache Umarmung werden übertönt von kitschigen Liebeserklärungen, die man inzwischen auf jeder zweiten Facebook-Profilseite liest, überschattet von überdimensional großen Plüschteddybären, auf denen „I love you“ steht und zur Seite gedrängt von übertrieben inszenierten Promi-Beziehungen à la Kim Kardashian und Kanye West, die durch ihre Reality-Show alle an ihrer „Liebe“ teilhaben lassen.
Früher war vielleicht das Motto, wer nicht laut genug schreit, wird überhört. Inzwischen reicht es nicht mehr einfach nur laut zu sein und so werden die Leute, was die Zurschaustellung ihrer Liebe angeht, immer lächerlicher und geschmackloser. Und auf einmal reden 14-jährige Teenies von unendlicher Liebe, wobei auch dieses Wort an Bedeutung verliert, wenn man bedenkt, dass ihnen der Matheunterricht meist genauso unendlich vorkommt, benutzen Floskel wie: „Ohne dich kann und will ich nicht mehr leben!“, als sei eine pathologische Symbiose zweier Menschen etwas Erstrebenswertes und reden von gemeinsamen Kindern und Hochzeit, als wären wir in Afghanistan, wo Kinderbräute noch legal sind. Und alles nur, um gehört zu werden? Alles nur, um beachtet zu werden? Alles nur, um überhaupt erst einmal wahrgenommen zu werden? Weil wir  in einer Welt, oder zumindest in einer Gesellschaft leben, in der ein einfaches „Ich liebe dich“, das trotz seiner unspektakulären Art eine so tiefe und starke Bedeutung hat, keine Wirkung mehr zeigt?
Vielleicht liegt es ja lediglich daran, dass die meisten von uns einfach komplett unterschiedliche Definitionen von diesem doch so existentiellen und allgegenwärtigen Gefühl haben. Wie soll man lernen, das Wort Liebe mit Bedacht und Respekt zu benutzen, wenn wir von SMS voller H.D.G.D.L´s ( Hab dich ganz doll lieb) und Kusssmylies und Interviews von Paris Hilton, die sie standesgemäß jedes Mal mit einem quietschigen und euphorischen „I love you!!!“ abschließt, überschüttet werden. Scheitert unser Verständnis von Liebe also nur an der Definition? Ist es eine Fehlinterpretation der Situation von einer Menschenrechtsverletzung zu sprechen, wenn jemand „Ich liebe dich“ sagt? Hierzu benötigt es einen gewissen Kontext! Kant unterschied zwischen Preis und Würde. Alles was ein Äquivalent besitzt, also durch ein Gegenstück ersetzbar ist, hat einen Preis. Was jedoch über dies hinaus geht, also einen unmessbaren Wert hat und somit unersetzbar ist, besitzt eine Würde. Aus dieser Überlegung Kants geht auch der erste Paragraph unseres Grundgesetztes hervor. Dieser lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ Betrachtet man nun den Sachverhalt, dass das Wort Liebe in unserer Gesellschaft vorwiegend in der jüngsten Generation sehr häufig inflationär und ohne Vorsicht gebraucht wird, kommt man zu der Schlussfolgerung, die „Geliebten“ seien austauschbar, da jeder sofort jeden liebt und der „Auserkorene“ meist doch sehr schnell wechselt. Nun besitzt laut Kant alles was austauschbar ist, keine Würde mehr, sondern nur einen Preis. Dies würde bedeuten, dass der inflationäre und unbedachte Gebrauch der magischen drei Worte, nicht nur äußerst infantil und aufmerksamkeitssuchend wäre, sondern schlicht und ergreifend eine Verletzung der Menschenwürde!
Doch ist unsere Gesellschaft wirklich so verkommen oder gibt es noch Hoffnung? Sind wir uns womöglich sehr wohl im Klaren, was Liebe bedeutet und genau das macht uns solche Angst? Versuchen wir die Bedeutsamkeit dieses Wortes durch das ständige Widerholen von Liebesgeständnissen und das übertriebene Zurschaustellen unserer „Gefühle“ vielleicht unbewusst zu entwerten, um uns selbst die Angst vor seiner Bedeutung zu nehmen? Wenn das Objekt der Begierde austauschbar ist, fällt es schließlich nicht so schwer zu begehren, da man ja noch genug Alternativen hat. Ist dieser Trend also gar keine „Menschenrechtsverletzung“, sondern einfach nur ein gut getarnter Selbstschutz? Nun gibt es noch einen weiteren Faktor, den ich für ausschlaggebend halte. Liebe bedeutet immer ein Stück weit Projektion der eigenen Wünsche und Hoffnungen, sowie der eigenen Ängste auf den Partner, als auch eine gewisse Identifikation mit jenem. Wir sehen, gerade am Anfang einer neuen Liebe, viel von uns selbst im anderen. Verliebtsein bedeutet also sich selbst im anderen zu spiegeln und genau dieses Vertraute erweckt in uns das Gefühl von Liebe. Wirkliche Liebe ist jedoch, was über das Ich, welches wir im Partner erkennen und unsere projizierten Sehnsüchte hinausgeht.  Ist der schnelle und oft zu frühe Griff in die Romantik-Trickkiste also vor allem an uns selber gerichtet? Ist das, was wir dem anderen sagen, nicht doch für uns selbst bestimmt? Wir sagen „Ich liebe dich“ und meinen vielleicht „Ich liebe es, in dir mich SELBST zu sehen“. Wir sagen „ Ohne dich kann ich nicht mehr leben“ und meinen „Die Vorstellung alleine zu sein, macht mir Angst und ich bin froh jemanden gefunden zu haben, mit dem ICH mich weniger einsam fühle.“ Wir sagen „ Du bedeutest Alles für mich!“ und meinen „So wie du Alles für mich bist, möchte ich Alles für dich sein und möchte, dass du MIR das Gefühl gibst, dass ICH für einen Menschen unersetzbar bin!“
Oder löst Liebe eine so große Faszination in uns aus, gerade weil wir sie und das, was sie in uns auslöst nicht erklären können. Handelt deshalb jedes zweite Lied von ihr? Kommt sie deshalb selbst in Actionfilmen, wie „The fast and the furious“ vor? Spielt deshalb die Werbung so unheimlich gern mit ihren Verheißungen? Gebrauchen wir ihren Namen deshalb so häufig, dass es sogar schon inflationär ist? Weil wir sie nicht absolut definieren können, nicht absolut erklären können, nicht absolut analysieren können? Sie allgegenwärtig ist und trotzdem nicht greifbar? Wir leben in einer Welt der Fakten, in einer Gesellschaft, die sich der Wissenschaft verschrieben hat, voller Wissenschaftler, die jeden noch so kleinen Teil unseres Körpers und seiner Umwelt im Mikroskop betrachten. Und die Liebe ist eine der wenigen, die all der Logik und Rationalität trotzt. So sehr wir sie auch analysieren und erforschen, wir werden ihr Geheimnis niemals erfahren. Denn sie ist  wie eine unlösbare Gleichung, wie die Unendlichkeit des Universums oder ein Kreis, ohne Anfang und ohne Ende. Sie ist einfach da. Wie Erich Fried einmal sagte:
„Es ist Unsinn, sagt die Vernunft.
Es ist Unglück, sagt die Berechnung.
Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst.
Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht.
Es ist lächerlich, sagt der Stolz.
Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht.
Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.“

 

Über die Autorin

Fanny Hanselmann, 18 Jahre alt, aus Stuttgart