Buchveröffentlichung

Zivilisationsdämmerung

Zur abendlichen Verdämmerung der "zweiten Schöpfung", der faustisch-abendländischen Hochkultur. 

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Erst mit der einbrechenden Dämmerung beginnt die Eule der Minerva ihren Flug. Frühestens wenn die Sonne untergeht und die Dunkelheit ihr schwarzes Gewand allmählich über alles auszubreiten beginnt, erhebt "Minerva" – die Göttin der Weisheit – ihr Haupt und kann die Vernunft vielleicht etwas erkennen und auf den Begriff bringen, erst wenn es mit diesem Etwas allmählich zu Ende geht, wenn in Hegels Worten "eine Gestalt des Lebens alt geworden" ist. Im dämmrigen Licht, wenn die Konturen verblassen und der Tag sich dem Ende zuneigt, überblicken wir ihn – in welcher Stimmung auch immer – in seiner Gesamtheit und stellen fest: das Tageswerk ist vollbracht, das Dossier des Tages kann geschlossen werden. Ob wir durch alles, was geschehen und zum Fall geworden ist, gelassen hindurchblicken und wie einst Gott sagen können "es war gut"? 

Wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir die Wahl haben, uns entweder von der eigenen Schöpfung – unserem vorausgegangenen Willen – hilflos treiben zu lassen oder uns mit einem "zweiten" Willen gegen sie zu verhalten. Letzteres würde bedeuten, Handlungen zu produzieren, die sich  nicht mehr primär auf die von Gott geschaffene natürliche Seinswelt beziehen, sondern auf unsere eigenen früheren Handlungen und die ihnen zugrundeliegene Handlungsfähigkeit. Mit anderen Worten: der Mensch müsste in eine historische Situation hineinwachsen, die von ihm prinzipiell ein iteratives Handeln auf die von ihm geschaffene gesellschaftlich-technische Welt verlangt. Werden unsere Handlungen aber Handlungen auf frühere Handlungen, so haben wir grundsätzlich keine metaphysischen bzw. objektiven Maßstäbe zur Beurteilung unserer Situation mehr. Damit ist der Mensch wieder auf sich selbst verwiesen uns muss sich mit seinen eigenen Reflexionsprozessen und dem Problem ihrer Bändigung auseinandersetzen. Mehr noch: wenn es wahr ist, dass wir uns in einem Transformations- und qualitativen Umbruchprozess befinden, dann schliesst das auch einen umfassenden Identitätswechsel des bisherigen Menschseins, einen Wandel im metaphysisch-kulturellen Verständnis von "Menschsein", unsere "Selbstdefition" von "Mensch" mit ein. 

 

Das Buch "Zivilisationsdämmerung" ist erschienen im Frankfurter Literaturverlag, Weimarer Schiller-Presse, Offenbach 2021 – siehe auch https://www.willybierter.com