Matthias Roggo

Gewalt, Religionen und die menschliche Psyche

Die Gefahren der Aufklärung, der neue Mensch, der nicht kommt, und wie wir die Freiheit verlieren, wenn wir uns nicht besser kennen lernen.

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Auftakt

Wenn wir in der online Britannica virtuell in den dort angebotenen Quiz unter der Rubrik "Weltgeschichte" blättern, stossen wir auf ein Quiz mit dem Titel "Religion, Gewalt und Krieg" (auf Englisch). (1) Genau das soll unser Thema sein! Was alles im Alten Testament geschieht (siehe in der katholische Bibel), oder die einzige bewaffnete Auseinandersetzung, die im Koran erwähnt wird. Das ist historisch und menschlich höchst interessant. Mein Argument ist grundsätzlich, dass Menschen zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten "einander ähnlich" sind, wenn auch nicht gleich. Das mag banal klingen, ist jedoch eine ziemlich anspruchsvolle Haltung, denn darin liegt die moralische Forderung verborgen, so etwas wie intellektuelle Empathie zu üben, also zu versuchen, uns hier auf der begrenzten europäischen Halbinsel uns selbst mit fremden Augen anzuschauen, anstatt uns selbst auf traditionelle Art ins Zentrum des Universums zu stellen.

Von Alexander zu Napoleon

Wenn wir mit Alexanders sagenhaftem Pferd zurückreiten und den weiten Bogen von Persien zum Abendland spannen - also vom persischen Monotheismus über die Levante zum nachrömischen Christentum in Europa - dann fällt auf, dass viele Machthaber und militärische Führer brutal und masslos handeln konnten (angefangen bei Alexander von Mazedonien selbst), oder dass Grausamkeit zumindest geduldet wurde. So war der persische Grosskönig grossmütig zu den Juden im Exil, aber äussert grausam zu den besiegten Babyloniern. Es gibt im Zoroastrismus meines Wissens keine Legitimation für eine solche Anwendung von Gewalt (nach einem Aufstand zahlreiche Kreuzigungen, wie später die Römer). Im Alten Testament entspricht das dem weiteren Plan Gottes. Vergleichbare Gewaltanwendungen sehen wir bei den abrahamitischen Religionen, wobei Macht und Einfluss der antiken Juden bescheiden waren, was heisst, dass Kriegsverbrechen mehrheitlich unter christlicher und muslimischer Herrschaft begangen wurden (was hier nicht bestritten wird).

Die Sunniten versuchten mehrfach, Konstantinopel einzunehmen. Bevor ihnen das im 15. Jahrhundert endlich gelang, wurde die Stadt auf brutalste Art von Christen eingenommen, mit allem, was man sich denken kann und ich hier nicht auszumalen brauche (auf dem Weg zum letzten Kreuzzug). Auch die Verfolgung und Diffamierung der ägyptischen Gelehrten und der orientalischen Christen - seien es Arianer, Manichäer oder Nestorianer - durch Glaubensgenossen mit anderem Dogma kannte kaum Grenzen. Es ist allgemein meine Überzeugung oder meine intuition, dass die gewaltsame Ausschaltung der Arianer verzögert und indirekt das Bedürfnis nach einem anderen, mehr traditionell östlichen Zugang zum Propheten Jesus begründete und den Boden für die rasche Ausbreitung von Muhammads neuer religiöser Bewegung vorbereitete. Jedenfalls besetzt die Theologie (und die Christologie), wie sie im Koran unschwer erkannt werden kann, genau jene Position, die es theoretisch zu besetzen galt. Logisch und präzis. Ein christlicher Philosoph, der nebenbei Historiker und insgeheim Astrologe war, hätte das exakt voraussagen können. In den Legenden rund um den Propheten Muhammad hat das ein Mönch in Syrien getan, was vermutlich einer so gearteten Tatsache entspricht, wobei man bei solchen Narrativen immer vorsichtig sein muss. (Auch die geographische Lage des weiteren Arabiens zwischen Ostrom und Persien ist aufschlussreich.) Religionen sind Vieles, nicht nur das, was uns Linksintellektuelle wie die zum Glück nicht mehr aktuellen "New Atheists" mehr oder weniger direkt sagen wollten: "Religionen produzieren böse Menschen, deshalb ist es gut und gerecht, wenn wir in muslimischen Ländern Kriege beginnen oder unterstützen." Eine absolut unakzeptable Haltung, die wir am besten ganz vergessen wollen. Antireligion als neue Religion, das ganze mit internationaler Xenophobie angereichert - nicht gerade ein leuchtendes Beispiel westlicher Bildung und Intelligenz. Versuchen wir stattdessen, das religiöse Phänomen adäquat und mit dem nötigen Respekt zu beschreiben. Religionen sind Aspekte funktionsfähiger Hierarchien (einander ähnliche patriarchalischen Gesellschaften auf der Basis der Familie). In solchen Hierarchien wird die Ordnung bei weitem nicht nur durch Gewalt und Unterdrückung aufrechterhalten, sondern viel mehr durch "rechte Belehrung" und gewisse Erklärungsmodi unter den Kuppeln von Sitte und Gesetz.  Diese Denk- und Erklärungsweisen sind durchaus rational. Die Idee der Dankbarkeit bei Juden und Muslimen: "Gott hat euch alles gegeben. Also sollt ihr dankbar sein, Demut üben und Gott täglich dienen" ist durchaus eine rationale Aussage und sozial wirksam. Religionen und soziale Hierarchien sind Ergebnisse der Geschichte und der menschlichen Rationalität (mehrheitlich der männlichen Rationalität, objektiv historisch betrachtet). Allerdings ist "rational" nicht ein Synonym von "friedfertig" oder "widerspruchsfrei". Was historisch ist, ist nicht abstrakt, sondern gelebt. Hoffen und Leiden sind gelebte Wirklichkeit. Ebenso Versuch und Irrtum. Gelebte Wirklichkeit sollte dialektisch interpretiert werden, nicht als Illustration mathematischer Logik.

Ein kurzes Interludium: Schweizer kämpften an vielen Fronten. Abgesehen von den Schweizer Kontingenten in der napoleonischen Armee (an der Seite der Kroaten) kämpften sage und schreibe 6000 Schweizer auf der Seite der Unionisten im Amerikanischen Bürgerkrieg (der erste und hoffentlich der letzte). Schweizer, die zum Islam konvertiert haben, kämpften offenbar auch in der Ottomanischen Armee (mindestens einer, vermutlich mehr als einer). Wenn wir den Artikel "Ottoman wars in Europe" in der Wikipedia öffnen, sehen wir, dass die eine Hälfte von Budapest im Grossen Türkenkrieg unter einem konvertierten Schweizer von der Heiligen Liga zurückerobert wurde (anno 1686). Eine ganz erstaunliche Tatsache aus Schweizer Sicht. Man möchte gerne mehr darüber erfahren. Bleiben wir bei der türkischen Geschichte!

Die zweite Brücke über den Bosporus (1988) wurde nach Sultan Mehmet II benannt: die "Eroberer-Sultan-Mehmet-Brücke" auf Türkisch. (2) Mehmet II (bis 1485) war ein fähiger und gebildeter Herrscher, aber er war auch ungeduldig und grausam in seinen Entscheidungen. Die Eroberung von Bosnien ging so unglaublich leicht und schnell vor sich, dass der Weg nach Italien offen schien. Aber das hat nicht sollen sein. Mehmet II war der vorletzte Eroberer, der versuchte, das Römische Reich unter der wehenden roten Flagge der Ottomanen wiedererstehen zu lassen (wenn wir die strategisch und logistisch unfähigen italienischen Faschisten ausklammern). Das "grosse Spiel" (meine ausgeliehene Bezeichnung) der arabischen Muslime bestand früher darin, ganz gezielt dem Nachfolgeprojekt des Römischen Reiches (Byzanz) möglichst viele Provinzen abzunehmen und ehemalige römische Provinzen in Nordafrika und in Europa dem neuen östlichen Grossreich anzugliedern, inklusive Frankreich. (3) Das führte muslimische Reiter im 8. Jahrhundert recht nahe an die heutige Schweizer Grenze, was man sich einmal bewusst machen kann. Die Osmanen / Ottomanen haben das alte imperialistische Programm sozusagen zur militärischen, politischen und kulturellen Vollendung gebracht ("Osmanische Renaissance" in Kunst und Architektur, Ausstrahlung bis nach Indien). Der letzte Eroberer mit einer vergleichbaren "neurömischen" Idee war ein säkularer Christ aus Korsika namens Napoleon Bonaparte - auf seine Art auch fähig und nicht gerade harmlos in den Augen seiner Feinde. Im Unterschied zur Machtentfaltung der Ottomanen unter Mehmet II waren Macht und Einfluss Napoleons jedoch begrenzt - er wurde 1815 nicht ganz ohne Mühe besiegt.

Durchschnittliche Juden und Christen hassen einander nicht, wenn es auch auf beiden Seiten Stereotypen geben mag, was normal ist. Muslime dachten nicht primär an Religion und Missionierung (und schon gar nicht an "Rasse"), wenn sie Juden und Christen wegen Landnahme entlang der levantinischen Küste konfrontierten (der historische Konfliktgrund seit vielen Jahrhunderten), sondern in den Kategorien der Politik, der Diplomatie, des Krieges, auch der Beute, die lockte: "Schaut her! Diese nutzlosen Europäer kommen mit ihren Schiffen und wollen uns die Küste wegnehmen. Wenn sie dort ihre falschen Königreiche errichten, müssen wir damit rechnen, dass sie früher oder später landeinwärts expandieren. Nun, wir können sie besiegen, das ist kein Problem, aber ..." Klar, wie vermutet werden kann, haben Muslime Christen als hinterwäldlerisch, "halbheidnisch" und einfach als unglaubliche Schwächlinge betrachtet, aber Europäern sind Vorurteile ja auch nicht gerade fremd: Spanier in Lateinamerika, Engländer in Ostamerika, Briten in Indien, Russen im Kaukasus und in Kamtschatka, Deutsche in Ostafrika, Engländer und Niederländer in Südafrika und weitere Kolonialmächte (alle davon Christen, was nichts zur Sache tut). In der Lehre der originalen Muslime ist es ganz klar, dass es im grossen dialektischen Dreischritt bis zum Jüngsten Gericht und dem darauf folgenden Reich Gottes (gewissermassen das Ende der Geschichte) drei monotheistische Religionen gibt, deshalb die prophetische Idee und der Versuch einer Ökumene (zu Medina). Auch hat Muhammad im Koran einem seiner Schreiber diktiert, dass die Juden das auserwählte Volk seien, auch dass Gott den Juden das Land Israel geschenkt habe, genau wie es in jüdischen Schriften steht. Juden wissen das, und Christen teilen diese Meinung voll und ganz. Das Gesagte soll uns vor Augen führen, dass Menschen Menschen sind. Menschen handeln klug und interessant - wenn auch zu allen Zeiten voll von Widersprüchen und Ungerechtigkeit -, dass Menschen keiner Missionierung, politischer Gehirnwäsche, neuzeitlicher "Aufklärung" bedürfen, und schon gar keiner sozialistischen Revolution, um richtig Mensch zu sein; weiter, dass hohe Kulturen und Religionen, produktive und innovative Handelsregionen und mächtige Reiche scheinbar aus dem Nichts aufsteigen und dereinst wieder in der Versenkung verschwinden. Die uninformierte populäre Notion, dass "sehr böse" Menschen einander jahrzehntelang mit Leid, Angst und mit enormem finanziellen und logistischen Aufwand bekämpfen (also ihre ganze Wirtschaft und Gesellschaft über den Haufen werfen), nur weil drei Religionen in der exakten Interpretation von Jesus und Maria differieren (in der Vergangenheit ein Anliegen im Mittelmeergebiet und weiter nördlich), und weil es Konkurrenz um Ressourcen und Territorien gibt, ergibt insgesamt keinen richtigen Sinn, ausser wir setzen Territorialstreite zu Land und zu Wasser an die erste Stelle und verstehen Konflikte primär aus diesem Blickwinkel. Dann sieht die Sache schon anders aus.

Gerade die Geschichte des Islams zeigt, dass mittelalterliche Gesellschaften oft tolerant waren, wenn es um politisch harmlose Häresien und Sekten ging (wie die Drusen im Libanon; man vergleiche mit heutigen, teils befremdliche Sekten in den USA und in Afrika), wenn es auch in Persien, Zentralasien und im Mittelmeerraum gute und schlechte Zeiten gab. Auch der Westen hat erfreuliche historische Episoden vorzuweisen. Das bedeutende Königreich Polen-Litauen im ausgehenden Mittelalter - eigentlich ein katholisches Imperium - zeichnete sich ebenfalls durch Talent, Klugheit, Toleranz und Tüchtigkeit aus. Juden und Muslime lebten friedlich nebeneinander unter kluger katholischer Herrschaft (vielleicht vergleichbar mit dem heutigen Krypto-Imperium Russland, ein halber Kontinent mit einer hohen Prozentzahl an Muslimen und vielen russifizierten Ethnien). Polen-Litauen muss an dieser Stelle als christliches Beispiel mit aller Deutlichkeit hervorgehoben werden. Niemand hat im 15. Jahrhundert auf die Deutsche Reformation und auf die Französische Revolution gewartet. Wirklich niemand. Auch brauchte es kein Amerika. Menschen der Vergangenheit schauten nicht so vorwärts, wie wir rückwärts schauen. Ja, sie schauten auch nicht so vorwärts, wie wir in die Zukunft blicken. Wir sind nicht sie.

Jetzt wird uns langsam bewusst, dass Menschen Jahrhunderte vor der Französischen Revolution nicht "ganz anders" und "relativ primitiv" waren; sie waren keine Blinden, die in der Dunkelheit wandelten. Und wir merken, dass das Verhältnis der monotheistischen Religionen untereinander ein vielschichtiges, fruchtbares und widersprüchliches ist - insgesamt ein lehrreiches und faszinierendes Kapitel der Geistesgeschichte, wichtig für unser Selbstverständnis als westliche Menschen. Der Genius der Menschheit leuchtet überall hervor. Leider ist auch die Grausamkeit des Menschen omnipräsent, angefangen bei häuslicher Gewalt. Versuchen wir nun, etwas über Krieg zu sagen.

Das Thema Krieg ist aus ethisch-philosophischer Sicht äusserst schwierig. Die Adjektive "legal", "gerecht" und "notwendig" scheinen alle problematisch und in Bezug auf Krieg dialektisch unlösbar. Auf einer anderen Ebene gehören Hass, Unverständnis, Desinteresse, Staatsraison, Propaganda, Exploitation und bewaffnete Konflikte zur menschlichen Realität, wie ich nicht oft genug wiederholen muss. Was ich hier anbieten kann, ist der Anfang einer Diskussion, nicht ein Handbuch für Frieden und Gerechtigkeit, und schon gar nicht für einen Frieden, der mit "gerechtem Krieg" erzwungen wird. Bevor ich eine Analogie anbiete, berühre ich ein Thema, das für das begrenzte Bewusstsein des Westens indikativ ist. Angenommen, wir sind überzeugt, dass ein Krieg in einer anderen Weltregion Fortschritt bringt, und dass "Fortschritt" ein perfektes Synonym zu "westliche Welt" ist. Zwei Wörter, die genau das Gleiche sagen, so wird wieder und wieder gesagt (von uns). Auch wenn wir das gerne glauben: Wir sind niemandem überlegen. Wir haben mehr Technologie. Das ist die Substanz unserer Überlegenheit. Damit hat es sich. Wir brauchen keine Gewalt zu exportieren oder zu provozieren. Es gibt kein demokratisches Mandat dafür. Da muss sich in unseren Gesellschaften etwas drastisch ändern. Das ist allererste Priorität. (4)

Texttreue ist eine religiöse Notwendigkeit

Anstatt im Sinne der Aufklärung verständnislos und herablassend über andere Kulturen, diverse Religionen und religiöse Menschen zu sprechen, sollten wir uns zuerst auf uns selbst besinnen und in unserem Tun und Sagen etwas mehr Demut und Dankbarkeit walten lassen, selbst wenn das unangenehm und "unmodern" anmutet. Ich werde im folgenden eine Verteidigung von heiligen Texten seit der Zeit der alten Perser unternehmen. Dabei geht es nicht um meine persönlichen Interessen als Individuum (die Sonne dreht sich nicht um mich), sondern um das Interesse an anderen Menschen, und um Würde und Respekt. Das zu diesem Zweck von mir gewählte Verb "überlesen" hat zwei oder drei Bedeutungen: "überlesen" im Sinne von "zu viel lesen", also gewissen Sätzen zu viel Gewicht beimessen, oder sie aus dem argumentativen Zusammenhang herauslösen, während ... Ja, das wäre dann schon die zweite Bedeutung von "überlesen": genau die Stellen in heiligen Texten nicht zur Kenntnis nehmen, die unseren weltlichen Zielen oder egoistischen Wünschen nicht entsprechen. Das ist in der Tat ein modisches und sehr "modernes" Verfahren, das sowohl Christen als auch Muslime gerne anwenden. Pick dir einige wenigen Stellen heraus, die dir gefallen, oder die deinem Unterfangen Legitimation verleihen! So einfach geht das. (Vielleicht verhält es sich bei vielen Juden im Westen nicht anders.) Eine dritte, etwas forcierte Bedeutung von "überlesen" könnte analog zum Verb "überfahren" als einen Akt verstanden werden, bei dem die ursprüngliche Aussage aus ihrem historischen, moralischen und theologischen Bedeutungszusammenhang herausgelöst und gleichsam mit einer neuen Bedeutung - einer fremden Lesart - "überfahren" wird. Anders gesagt werden Aussagen, die uns gerade nicht in den Kram passen, denen wir aber nicht ausweichen können, kurzerhand umgedeutet, mystifiziert oder instrumentalisiert. (5)

Religionen, die als Grundlage heilige Texte "haben" oder verwenden, bedürfen einer religiösen "literarischen Ethik", die es erlaubt, den Gehalt dieser Schriften in ihrer Fülle zu manifestieren, ohne gezielte Erziehungsmassnahmen, die den Gläubigen sagt, was ein guter Baum und was ein schlechter Baum ist, und wie ein Irrtum bezüglich Bäumen von den erwähnten "richtigen Leuten" bestraft werden kann, obwohl der Fall in der Textgrundlage nicht klar ist (mein Beispiel). Zur besagten literarischen Ethik gehört vor allem die Textintegrität, vielleicht ergänzt durch sekundär wichtige Begleittexte, welche allerdings zu relativieren sind (Versionen, Kommentare, Apokryphen, Lebensgeschichten). Textintegrität des Haupttextes heisst Zugang zu ganzen überlieferten Texten, ohne das Lesen und Verstehen im Interesse einer Elite zu steuern (das Verb überlesen im dreifachen Sinne). Philosophisch und theologisch gedeutet soll ein kohärentes Denken, Fühlen und Glauben ermöglicht werden, was als Dreieinheit dem Individuum in der Gemeinschaft eine gewisse Sicherheit und Erfüllung geben kann, was sich gewiss nicht nur auf Männer beschränkt. Deshalb gibt es überhaupt Religionen auf der Welt. Es sei zugestanden, dass sich eine geoffenbarte Religion nicht in jedem Jahrhundert neu erfinden lässt. Eine Religion würde so völlig ihre Glaubwürdigkeit verlieren. Dennoch möchte ich einen modernen Zusatz zur religiösen literarischen Ethik vorschlagen, der darin besteht, dass intelligente und konstruktive Lesarten der Texte zugelassen werden, und zwar genau als private Meinungen ohne negative Konsequenzen für die Gelehrten. Das ist weitgehend der Fall, schon nur deshalb, weil die Texte historisch und philologisch so gut aufgearbeitet sind, dass es gar keinen grossen Spielraum für exotische Interpretationen gibt.

Neben der Textintegrität und der besagten literarischen Ethik benötigen wir eine psychologisch positive Haltung, die durchaus kritisch sein darf, aber nicht den Weg der Diskriminierung beschreiten darf, in welche Richtung auch immer. Seien wir nun restlos gläubig oder das genaue Gegenteil davon - anders gesinnte Menschen sozial und politisch zu benachteiligen muss eine rote Linie sein, an der sich alle an einer Debatte beteiligten Gemeinschaften orientieren. Wir sollten lernen, das Leben zu bejahen, und Frieden mit unserer Vergangenheit zu schliessen. Auch müssen wir die Angst vor der Zukunft in Zaum und unsere negativen Gefühle unter Kontrolle halten. Respekt und Disziplin - das ist, was uns fehlt, und ein wenig Demut. (Man verzeihe diese direkten Sätze.) Das wäre grob gesagt ein pluralistisches humanistisches Programm, dass nicht von der Linken vereinnahmt ist, sondern authentisch "menschlich" ist und deshalb vielfältig, widersprüchlich und bereichernd.

Alle Glaubensformen sind an sich legitim

Der Glaube an die Aufklärung, an die "einzigartige moderne europäische Kultur", an die "westliche Vorreiterrolle in Sachen Fortschritt und allem andern auch", an das Christentum und dessen moderner Auslegung als "Privatbesitz" westlicher Menschen, und an die "allgemeine und unanfechtbare Überlegeneit des Westens" und was es da noch alles in unserem Interesse gibt, ist als solcher legitim - als rationaler Glaube auf der Grundlage eines exklusiven Selbstbezugs (der uns implizit Vorrechte einräumen soll, wie das dann praktisch weitergeht). Nicht weil eine solche eurozentrische Einstellung eine objektive Wissenschaft darstellt, oder weil der Selbstbezug des Westens das einzig Richtige auf der Welt ist, sondern einfach als eine Form des Glaubens und der Überzeugung, mehr oder weniger rational, oder umgekehrt gesagt: mehr oder weniger ideologisch. (An dieser Stelle überspringe ich einige Bemerkungen zur Aufklärung und deren negativen Auswirkungen aus einem praktischen Grund.)

Selbst glaube ich übrigens auch an etwas, nämlich an die Worte Kafkas: "(...) übte es auf den Reisenden doch den Eindruck einer historischen Erinnerung aus, und er fühlte die Macht früherer Zeiten." Genau das: die Macht der Vergangenheit. Das Gedächtnis der Gattung. Auch dies: wir sind Reisende in der Zeit. (6)

Die apodiktische Behauptung, "absolut nur" auf dem Weg der Aufklärung - oder auf dem doppelten Weg von Protestantismus und Aufklärung - Fortschritt in verschiedenen Bereichen erzielen zu können, ist eine These, die sich weder verifizieren noch falsifizieren lässt. Denn alternative Geschichte kann nicht durchgespielt werden. Wenn man Aufklärung als Glaube oder als "Auftrag" nimmt, um die Menschheit zu retten, dann ist das in einem ganz bestimmten Sinn legitim - eben als moderner religiöser Glaube. Mir scheint es indessen klar, dass christliche und islamische Hochkulturen rund um das Mittelmeer - mit allen damit verbundenen Verbindungen, Widersprüchen und Konflikten - weder von der Schweizer Demokratie, noch von der kapitalistischen Wirtschaftsform, und sicher nicht von Lessings, Rousseaus und Lassalles Werken abhängen, wenn ich das so schief formulieren darf. Das soziokulturelle Bindemittel in Europa war zunächst der christliche Glaube, und im Süden und Osten des Mittelmeeres der Islam (an zweiter Stelle kamen die Sprachen Latein und Arabisch und deren gesprochenen Dialekte, und vergessen wir den internationalen Handel nicht). Das Fundament des Abendlandes von der späten Antike bis zu unserem materialistisch-hedonistischen Zeitalter ist das Beispiel Jesu, anders gesagt: christliche Werte. Das ist das A und O der historischen und philosophischen Weisheit. Wer diesen Schlüssel in der Hand hält, dem eröffnet sich Europa. Dabei geht es nicht um den Glauben an das Christentum. Es ist hier von einer historischen Tatsache die Rede. Es gibt niemanden und nichts, das mit der Stellung der Figur oder des Symbols "Jesus" konkurrieren könnte. Und was heute besonders wichtig ist, und was gerade "moderne" und "aufgeklärte" Protestanten bis heute weitgehend verleugnen: der Sohn der Maria verbindet die christliche Welt mit der islamischen Welt (auch durch die Marienverehrung), und darüber hinaus die bedingungslose Gottesergebenheit Abrahams (die biblisch abgeleitete Bedeutung von "Islam" und "Muslim"). Wenn Abraham im Westen ein unbekannter Fremder ist, dann sind auch Muslime Fremde (auch orthodoxe Juden). Wer Europa versteht, glaubt nicht mehr an Utopien und deren Helden. Jeder Staat und jede Wirtschaft kommen irgendwann an ihre Grenzen - und jeder Glaube, sei er nun alt oder neu. Wenn wir dies einmal einsehen, sollten wir unsere Urteile bezüglich unserer Kultur und deren Stellung in der Menschheitsgeschichte revidieren - und ja, sagen wir ruhig das Wort: in mancherlei Hinsicht relativieren. 

Allgemein bin ich der Ansicht, dass Konflikte mit Individuen und Gesellschaften zu tun haben, nur nicht in einem eurozentrischen Sinn, indem man sagt, wir seien die Guten und die anderen seien die Schlechten, und wir hätten deshalb mehr Rechte, unsere Kriege seit Vietnam seien gut und gerecht, usw. Religionen, Ideologien, Territorien und Wirtschaftsinteressen waren sicher Faktoren in Geschichte und Gegenwart, aber das Individuum ist nicht nur ein Effekt von Makrostrukturen. Konflikte bilden sich in der Seele ab, und die Seele befindet sich selbst in einem ständigen Kampf um Prioritäten, Illusionen, Ängste und ums eigene Gewissen. Ich möchte deshalb meine Meditation zum Abgrund der menschlichen Existenz so abschliessen:

Die Ursache für Verbrechen aller Art ist die menschliche Seele mit ihren abgrundtiefen Widersprüchen, und davon ausgehend die irreversiblen gesellschaftlichen Verwerfungen, bei denen lediglich die Akteure wechseln, nicht aber die Interessenkonflikte an der Basis. Das eine ist mit dem anderen verbunden.

Dabei geht es nicht um Schuld. Vielmehr geht es um die Widersprüche und Schwächen der menschlichen Natur. Das Tier, das sich wie ein Gott gebärdet. Gesetz und Sitte. Es gibt keinen anderen Weg. Sitte und Gesetz. Entweder sind wir für oder gegen Robespierre, für oder gegen Trotzki, für oder gegen das Risiko der Freiheit. Es gibt auf lange Sicht keinen Mittelweg. Wir müssen uns entscheiden. Genau jetzt, im 21. Jahrhundert. Hohle Phrasen werden uns nicht schützen. Imperfekte Freiheit oder perfekte Unfreiheit. Fünf Wörter und ein grosses Fragezeichen.

Coda

Abgesehen von englischen Geistesgrössen wie Carlyle, Wells und C. S. Lewis haben Goethe, Hegel, Rückert, der Schweizer Schriftsteller John Knittel und die bedeutenden Islamwissenschaftler Fritz Meier (Basel, bis 1998) und Annemarie Schimmel (Bonn, bis 2003) den Islam authentisch "von innen her" verstanden, ohne selbst diesem Glauben zu folgen. Solche weltoffenen Menschen sollten unsere Helden sein. Eine kritische Würdigung ist also auch bei Religionen möglich, sofern nicht eine unüberwindliche Abneigung das verhindert. (Wie gesagt, Antipathie und Hass sind ein Teil der psychologischen Wirklichkeit.) In allen Religionen gibt es Unsicherheiten bezüglich Form und Inhalt überlieferter Text, in allen Kulturen gibt es Vorurteile, Gegensätze, Ausnutzung, Fortschritt und Rückschritt, Privilegien für Männer, Kriminalität und Krieg, Gutes und Schlechtes, und der unglückselige Drang zu Missionieren beschränken sich gewiss nicht nur auf den religiösen Bereich. Westliche Menschen haben zuweilen Mühe, dies zuzugestehen.

Dieser Beitrag berührt Bereiche der Ethik, Kultur, Politik, Ideologie und Bildung. In der Analyse müssen wir künstlich trennen was im Gesamtpaket geliefert wird. Religiöse Menschen sind im Recht - nennen wir diesmal Hindus -, wenn sie sagen, dass religiöse Überzeugungen den ganzen Unterschied machen. Wie der politisch konservative Rabbi Weisberg in Amerika einmal in einem Video sagte: "Wir verlieren unsere Republik weil wir Gott verloren haben." Es ist nicht notwendig, sich zu einem bestimmten Glauben zu bekennen, um unsere Kultur zu retten. Als erster Schritt der gesellschaftlichen Genesung würde die Anerkennung der Leistungen der Vergangenheit vorerst einmal genügen, denn so liesse sich wenigstens das Bildungsniveau wieder anheben: verschiedene Kulturen, Religionen, Philosophien, Synkretismen, verschiedene Arten von Theorien (nicht nur linke anschuldigende Wissenschaft), und die Gründerväter der amerikanischen und schweizerischen Föderationen haben auch noch ihren Platz . Diese absolut fähigen Männer waren von der Aufklärung beeinflusst, das stimmt, aber nicht in einem utopischen, ideologischen, egalitaristischen, bildungsfeindlichen, religionsfeindlichen und anarchistischen Sinn - die heissen Winde, die zum Sozialismus führen. "Die Menschen sind gleich vor Gott und vor dem Gesetz." Das ist die Grundidee, die uns über Wasser hält. Wenn wir diesen Satz revolutionär zertrümmern, dann erscheint krass der Irrtum, der dereinst zum Untergang des Westens führen könnte: Alle Menschen sind gleich, sprich: sollen gleich sein. Wir, die einzige Partei der Wahrheit und des Fortschritts, werden uns sofort darum kümmern! Das ist das Ende. Das muss nicht sein. Zurück zu den Büchern!

 

(1) www.britannica.com/quiz/ religion-violence-and-war-quiz

(2) https://istanbul-tourist- information.com/en/experience- istanbul/the-bridges-of- istanbul/fatih-sultan-mehmet- bridge

(3) Die vereinten Araber und ihre Alliierten übernahmen im Osten das ganze Perserreich, waren also ungemein schnell und erfolgreich verglichen mit den alten Römern, welche später noch den Kreuzrittern als Vorbild galten. Besser wäre gewesen, vom Feind in der Wüste zu lernen, und zwar so schnell wie der Wind.

(4) Im Jahre 2021 haben westliche Mächte in verschiedenen Angelegenheiten China und Russland Krieg angedroht - Kriege, die niemand will, und die der Westen niemals gewinnen würde. So viel zu unserer moralischen und intellektuellen Überlegenheit. Es sieht in der Tat nicht gut aus.

(5) Als kleines Experiment - und als Auflockerung - kann man sich einen schottischen Wetterbericht vornehmen und zwei alternative Statements daraus konstruieren: eines mit Wind und Regen, das andere mit einigen Aufhellungen und etwas wärmeren Temperaturen am Nachmittag. Wenn wir unser Bündel von Vorurteilen hegen und pflegen und ein Land absolut nicht mögen, dann werfen wir die Hände über den Kopf zusammen und rufen in die Welt hinaus: "Schaut doch, jetzt haben die schon wieder Wind und Regen!" Wenn wir jedoch aus besagtem Land stammen, und vielleicht sogar stolz darauf sind, werden wir die positiven Seiten der Wettervorhersage betonen (auf jeden Fall das Touristenamt wird das tun). Das ist alles typisch menschlich und im Endeffekt eigentlich unvermeidbar. Dem Wetter in Schottland wird es wohl gleichgültig sein. 

(6) Es geht im Text um ein Teehaus. Ich benutze die alte Ausgabe meines Vaters, die ich neulich in einem Antiquariat in Prag wiedergesehen habe (Fischer 1953). Die wiedergegebenen Worte finden sich gegen Ende der Geschichte "In der Strafkolonie" (1914/18). Ich verwende andernorts ein Zitat von Michael Moorcock zu "reisen in der Zeit" (der Fantasy-Autor).