Arbeit mit Verfallsdatum

Sind Menschen ab einem bestimmten Alter für den Arbeitsmarkt unbrauchbar?

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Die Idee, dass Menschen ab einem bestimmten Alter für den Arbeitsmarkt unbrauchbar sind, ist ein Kind der zunehmend industriell geprägten Gesellschaft an der Wende zum 20. Jahrhundert. Ein prägendes und ebenso symptomatisches Ereignis ist die Fixed-Period-Kontroverse um den kanadischen Mediziner William Osler. Sie beginnt mit Themen der praktischen Philosophie: Alter und Altersdiskriminierung. Sie endet mit einem PR-Desaster.

Für jemanden, der sein Leben alten Menschen gewidmet hat, ist es mehr als erschütternd, weltweit als ihr eingeschworener Gegner dargestellt zu werden. Allen Menschen über 60, deren Geist ich unbeabsichtigt verletzt habe, möchte ich meine aufrichtige Reue ausdrücken. Die Diskussion, die meiner Rede folgte, hat mich in der Überzeugung nicht geschwächt, sondern gestärkt, dass die wahre Arbeit des Lebens vor dem 40. Lebensjahr geschieht und dass es nach dem 60. für die Welt und die Alten am besten wäre, wenn sie sich aus der Arbeit zurückzögen.“ (Osler im Vorwort zur dritten Auflage seines Buch Aequanimitas aus dem Jahr 1914).

Der heute als „Vater der modernen Medizin“ bekannte William Osler (1849-1919) stand auf dem Höhepunkt seiner akademischen Karriere, als er im Alter von 55 Jahren am 22. Februar 1905 seine Abschiedsrede an der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität hielt, um einem Ruf nach Oxford zu folgen. Der Großteil der sehr interessanten Rede geriet schnell in Vergessenheit. Doch zwei Hypothesen machten ihn auf einen Schlag der amerikanischen Öffentlichkeit bekannt [1]: Erstens seien Männer über 40 verhältnismäßig nutzlos. Nähme man alle Leistungen weg, die Männer über 40 in Literatur, Wissenschaft oder Kunst erbracht hätten, wir stünden genau dort, wo wir jetzt auch stehen. Zweitens, führte er fort, seien Männer ab 60 wirklich nutzlos. Es sei für alle am besten, wenn sie aufhören würden zu arbeiten und stattdessen in Rente gingen [5].

Doch damit nicht genug der Provokation. „Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob Anthony Trollopes Vorschlag mit Wohnheim und Chloroform ausgeführt werden sollte oder nicht, weil mir selbst kaum noch Zeit bleibt“, fuhr er in Anspielung auf dessen Roman The Fixed Period – zu Deutsch etwa festgelegter Zeitrahmen – fort. In diesem erreichen Menschen mit 67 sozusagen ihr „Verfallsdatum“. Sie werden noch für ein Jahr in einem Wohnheim untergebracht, um sich zu verabschieden und alles Notwendige zu regeln. Danach aber müssen sie Suizid – laut Osler mit Chloroform, im Roman allerdings auf andere Weise – begehen, um dem Rest der Bevölkerung nicht mehr zur Last zu fallen.

 

Zwischen Empörung und Verständnis

Mindestens 700 Zeitungsartikel erschienen mit Titeln wie „Osler empfiehlt Chloroform für 60-Jährige“ [2] oder „Männer ab 40 sind nutzlos“ [1]. To oslerize wurde als Synonym für Euthanasie benutzt. Einige Zeitungen wünschten, dass man die Oslerization doch wenigstens im US-Senat beginnen solle. Die Baltimore News empfahl ironisch den Begriff osleresque als „das Gefühl von Müdigkeit im Alter von 40“ und Osleritis als anderes Wort für Faulheit [2]. Doch neben diesen ironisierenden Kommentaren gab es auch nicht wenige Menschen, die Oslers Urteil teilten. immerhin 15% der Journalisten verteidigten seine Thesen, während 40% sie in Gänze ablehnten. Der Selbstmord, schränkten die Unterstützer meist ein, sei sicherlich ein Witz gewesen. Aber in der Sache, dass man ab 40 nicht mehr innovativ sein könne, habe er grundsätzlich recht. Ein weiteres Drittel der Reaktionen hingegen hielt Oslers Hypothesen schlichtweg für einen Witz, weil Osler für seinen Humor bekannt war und gerne bissige literarische Anspielungen in seine Vorträge einbaute [2]. Diese Sicht bestätigte er einige Tage später in einem Interview: Die Chloroform-Anspielung sei natürlich nur Spaß gewesen. Aber dass Männer ab 60 nutzlos seien, sehe er weiterhin so [4].

Seinerzeit wogen Oslers Thesen noch weit schwerer als heute. Die Idee, dass jemand nur aufgrund seines kalendarischen Alters zu arbeiten aufhören würde oder sollte, war für damalige Menschen völlig unbegreiflich. Da das Selbstwertgefühl – zumindest der Männer – in hohem Maße mit der eigenen Arbeit verbunden war, traf es sie besonders hart, wenn man ihnen die Erwerbsfähigkeit und damit einen Teil ihrer Identität absprach [4]. Kein Wunder, dass Osler noch Jahrzehnte lang als Feind alter Menschen galt [6]. Doch bei aller berechtigten Empörung: wie viele Menschen würden Oslers erster Hypothese heute zustimmen, wenn man die 40 durch eine 60 ersetzten würde? Angesichts der Schwierigkeiten, die Menschen über 50 haben, um eine neue Arbeit zu finden, scheinen sich gewisse Vorurteile zu halten. Auch die Forderung nach Alterseuthanasie klingt immer noch brutal und menschenverachtend, aber weniger wahnwitzig, wenn man ein maximales Lebensalter von 87 statt 67 zugestehen würde. Eine weichere Form der oberen Altersgrenze, das Argument der fairen Lebenszeit (engl. fair innings), ist Teil der ernsthaften philosophischen und auch politischen Debatte. Dieses besagt zwar nicht, dass Menschen ab einem bestimmten Alter sterben müssen. Allerdings sollen sie keine zusätzlichen gemeinschaftlichen Ressourcen, zum Beispiel in Form von Hüftoperationen, mehr bekommen. Denn im Sinne der Gleichheit sollen alle Ressourcen darauf verwendet werden, jedem Menschen eine faire Lebenszeit – zum Beispiel 80 Jahre – zu ermöglichen. Wenn dies gelingt, hat die Gesellschaft ihre Schuldigkeit getan. Lebensjahre darüber hinaus sind ein Luxus, der keine Priorität hat [3,7].

Auch wenn Osler seine Thesen nicht ganz ernst meinte, hallten sie noch lange nach [6]. Osler war sicherlich nicht der Grund, sondern eher ein Symptom dessen, dass die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres kalendarischen Alters im 20. Jahrhundert immer stärker zunahm. Aber wenn der „Vater der modernen Medizin“ so etwas sagt, hat das Gewicht – egal, wie viel korrigiert oder zurückgerudert wird. Sofort nach der Rede erschienen Erhebungen, die die signifikanten Beiträge und intellektuellen Spitzenleistungen von Menschen über 40 und sogar über 60 zusammentrugen [4]. Osler selbst kam übrigens auf über 600 Publikationen, die er jenseits der 40 verfasste [1]. Dennoch bestimmte das Bild des auf dem Arbeitsmarkt nutzlosen Alten für einige Jahrzehnte die westliche Welt. Erst der demografische Wandel und der liberale Antidiskriminierungsdiskurs begannen bestehende Vorurteile aufzubrechen.

 

Lehren aus der Kontroverse

Eine ihm vorgeworfene Leichtsinnigkeit lag darin, dass Osler den Menschen erzählte, was das hohe Alter für sie bedeute, ohne zu verstehen, wie sie selbst das hohe Alter empfanden. Während Ärzte nur Verfall und Krankheit sehen, stellt sich die Situation aus Sicht der Betroffenen häufig differenzierter dar [4]. Philosophisch gesprochen hätte er das Besondere, also die individuelle Lage und Selbstwahrnehmung der alten Menschen, nicht ausschließlich aus dem Allgemeinen, also medizinischen Prinzipien, herleiten sollen. Zwar ist nicht bekannt, ob Osler vor seiner Rede Menschen über 60 konsultiert hat. Wohl aber, dass er erhebliche Kritik auch aus der Reihe seiner älteren Kollegen bekam.

In der Folge entdeckte Osler weiterhin für sich selbst das Ideal des Gleichmuts, dem er in seinem auf Latein gleichnamigen Essay Aequanimitas ein Denkmal setzte. Drei Grundregeln leiten sein tägliches Leben, schreibt er: Erstens sich nicht um die Zukunft sorgen, zweitens gegenüber Patienten und Kollegen nach der Goldenen Regel leben und drittens den notwendigen Gleichmut entwickeln, um Erfolg mit Bescheidenheit, Zuneigung ohne Stolz und Trauer mit Mut zu begegnen.

Die wohl wichtigste Lehre der Kontroverse gilt aber der Wissenschaftskommunikation. Man sollte mit Informationen, die nicht ins Allgemeinwissen einfließen sollen, besser nicht “viral gehen” [2]. Osler selbst nahm sich daher für die Zukunft vor und empfahl ausdrücklich auch allen anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sich grundsätzlich nicht leichtsinnig auf die Presse einlassen. Mit dieser neu gewonnenen Vorsicht fuhr er immerhin skandalfrei durch sein weiteres akademisches Leben.

Das von ihm für andere definierte „Verfallsdatum“ fasste er allerdings für sich selbst bestenfalls als „Mindesthaltbarkeitsdatum“ auf. Bis zu seinem Tod im Alter von 70 Jahren lehrte er als Lehrstuhlinhaber in Oxford.

Alle Übersetzungen aus dem Englischen erfolgten durch den Autor.


Quellen:

[1] Ambrose, Charles T. (2019): William Osler and the “fixed period” of creativity, in: Journal of Medical Biography, Vol. 27 (4), S. 189-197.

[2] Bryan, Charles S. (2018): Osler goes viral “The Fixed Period” revisited, in: Proceedings (Baylor University Medical Center), Vol. 31 (4), S. 550-553.

[3] Harris, John (1985): The value of life. An introduction to medical ethics. Routledge. S. 87ff.

[4] Hirshbein, Laura D. (2001): William Osler and The Fixed Period: Conflicting Medical and Popular Ideas About Old Age, in: Archives of Internal Medicine, Vol. 161, S. 2074-2078.

[5] Osler, William (1914): Aequanimitas with other addresses to medical students, nurses and practitioners of medicine. 3. Auflage. London: H. K. Lewis. [Die Rede The Fixed Period beginnt auf Seite 391]

[6] White, William (1937): Re-Echoes of Sir William Osler’s “The Fixed Period”, in: Bulletin of the Institute of the History of Medicine Vol. 5, No. 10.

[7] Williams, Alan (1997): Intergenerational Equity: An Exploration of the ‘Fair Innings’ Argument, in: Health Economics 6 (2), S. 117-132.