Ein Beitrag von Lisa Kwasny

Der Tod als freie Entscheidung

Gedanken über den Freitod und das gute menschliche Leben

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Überlebenstrieb. Mit aller Kraft halten wir uns am Leben fest, wenn dieses bedroht wird. Wir überstehen schwierigste Verhältnisse, Hunger, Durst und psychische Belastungen, Krieg, persönliche Krisen. Wir gehen bis zum äussersten, um uns selbst zu erhalten, denn ohne Leben bleibt nichts von uns, jedenfalls nichts auf dieser Erde. Menschen mögen an die unsterbliche Seele glauben, an ein Leben nach dem Tod, doch in bedrohlichen Situationen versuchen auch sie meist, nicht zu sterben. Menschen möchten leben. Manchmal um jeden Preis.

Umso krasser erscheinen uns Geschichten von Menschen, die freiwillig sterben. In der christlich sozialisierten Welt ist Selbstmord immer noch tabuisiert. Die christliche Lehre, dass nur Gott das Recht habe, zu entscheiden, wann das eigene Leben endet wird, hat immer noch Einfluss auf unser Denken, wenn auch nicht mehr so explizit. Dass diese Einstellung kulturell geprägt ist zeigt sich, wenn wir zum Beispiel an den rituellen Selbstmord der Samurai denken. Mit der Säkularisierung hat sich auch in der christlich sozialisierten Welt der Blick auf Selbstmord geändert, das Tabu ist nicht mehr so stark, wie es zu früheren Zeiten war. Doch das Thema bleibt heiss diskutiert. Die Idee dieses Textes ist eine Auseinandersetzung mit dem Thema Selbstmord. Es geht nicht darum, Selbstmord grundsätzlich zu normalisieren.

 

Was genau ist das menschliche Leben? Was braucht es, um menschlich zu leben? Der Essenzialismus versucht, die Essenz des menschlichen Lebens zu definieren. Er wird kritisiert, weil viele Versuche, das ursprünglich Menschliche zu definieren, zu einer stark kulturell geprägten Definition des Menschen geführt haben. Zudem sind solche Versuche gefährlich, wenn sie von Menschen gemacht werden, die anderen ihre Menschlichkeit absprechen wollen. Wenn man z.B. einen Menschen als denkendes Wesen definiert und dies ausschliesslich meint, dann wird gewissen Menschen mit Beeinträchtigung die Menschlichkeit abgesprochen. Doch das muss nicht heissen, dass es unmöglich ist, essenzielle Merkmale von menschlichem Leben zu definieren. Martha Nussbaum hat es probiert und in gutem Wissen um die Schwierigkeit eine «dicke [starke] vage Theorie des Guten» (Nussbaum 1998: 207) erstellt, worin sie die «elementaren menschlichen Funktionsfähigkeiten» (ebd.: 214 f.) definiert hat. Ihre Theorie soll als Basis für die Diskussion um Selbstmord dienen.

Auf der ersten Ebene dieser Theorie des Guten fasst Nussbaum die wichtigen Bestandteile des menschlichen Lebens zusammen. Erster Punkt auf dieser Liste ist die Sterblichkeit. Nussbaum schreibt, dass das Wissen um die eigene Sterblichkeit grundlegend für den Menschen sei. Alle Menschen würden eine Abneigung gegen den Tod haben und der Tod würde Schmerz und Angst auslösen (vgl. ebd.: 209). Weitere Bestandteile des menschlichen Lebens, die Nussbaum nennt, sind der menschliche Körper inkl. Hunger, Durst, Bewegung, Sexualität u.v.m, kognitive Fähigkeit, frühkindliche Entwicklung, praktische Vernunft, soziale Zugehörigkeit, Beziehungen zu anderen Lebewesen und zur Natur, Humor und Spiel, Vereinzelung und starke Vereinzelung (vgl. ebd.: 209 ff.). Alle diese Bestandteile des menschlichen Lebens würden zu einer «Minimalkonzeption des Guten» (ebd.: 212) beitragen, wobei negative Erfahrungen wie Hunger oder Durst nicht gänzlich abgeschafft werden sollen, da sie zur Identität des Menschen dazugehörten (vgl. 212 f.). Trotzdem ergäben sich normative Folgen daraus. Diese Liste wird in einem weiteren Schritt fortgeführt. Die «elementaren menschlichen Funktionsfähigkeiten» sind der Wille und das Recht, das Leben zu Ende zu leben, Gesundheit, Schmerzvermeidung und das Erleben von Lust, der Besitz und die Benutzung der fünf Sinne, der Phantasie und des logischen Denkens, Bindungen zu anderen Lebewesen, vor allem Menschen, die eigene Auffassung des Guten und damit zusammenhängend die eigene Lebensplanung, ein soziales Umfeld, Anteilnahme an Beziehungen und Umwelt, Erholung, und das Leben des eigenen Lebens (vgl. ebd.: 214 f.). Laut Nussbaum führen Menschen, denen es an diesen Fähigkeiten mangelt, ein weniger gutes Leben, als diese Menschen, welche alle Fähigkeiten dieser Liste besitzen (vgl. ebd.: 215). Trotzdem wird diesen Menschen nicht das Recht auf Leben oder Menschlichkeit abgesprochen. Laut Nussbaum gibt es eine moralische Verpflichtung, die Erfüllung dieser Funktionsfähigkeiten zu ermöglichen.

 

Martha Nussbaum folgend ist der Überlebenstrieb also für ein menschliches Leben grundlegend. Unserer Intuition folgend schützen wir uns und andere davor, zu sterben. Durch Nussbaum wurde sogar gezeigt, dass wir moralisch verpflichtet sind, zumindest andere zu schützen. Es gibt Gründe dafür und dagegen, dass wir uns selbst gegenüber verpflichtet sind, uns selbst zu schützen. Doch dass wir andere schützen sollen, ist nicht nur strafgesetzlich geregelt, sondern auch in unserem Denken und Handeln internalisiert. Wenn uns ein Mensch in unserem näheren Umfeld in einem vertraulichen Gespräch mitteilt, dass er oder sie sich umbringen möchte, würden nur die Wenigsten sagen: «Nun das ist deine freie Entscheidung, tu, was du für richtig hältst». Die meisten Menschen würden versuchen, die Person davon abzuhalten, sich umzubringen und zwar oft dadurch, dass versucht wird zu zeigen, dass das Leben doch lebenswert ist. Alles, was unser Leben gut macht, ist also Grund, zu leben. Deshalb hat Nussbaum ihre Theorie auch die «Minimalkonzeption des guten menschlichen Lebens» genannt. Weil sie das Minimum benennt, welches die Menschlichkeit sichert. In diesen Gedanken spielt auch der Begriff der Menschenwürde mit. Es geht darum, ein Leben in Würde sicherzustellen.

Wir glauben, verpflichtet zu sein, jemanden davor zu schützen, ein Leben, welches potentiell gut werden könnte, vorzeitig zu beenden. Ich sage potentiell gut, denn für die Person mit einem Todeswunsch erscheint das Leben aktuell nicht gut. Egal, wie das Leben von aussen betrachtet aussieht, ob existentielle Bedrohungen, Geldsorgen, Liebeskummer oder eine Depression der Grund für den Todeswunsch sind; die Person mit diesem Wunsch betrachtet ihr eigenes Leben als nicht mehr lebenswert. Warum schützen wir diese Person dann davor, sich umzubringen? Wir sagen, diese Person sei nicht zurechnungsfähig, denn sie wünscht sich etwas, was grundsätzlich lebensfeindlich ist. Ein Mensch, der sich selbst sein Leben wortwörtlich nehmen möchte, scheint uns nicht rational zu handeln. Und natürlich haben wir die Hoffnung, dass dieser Mensch irgendwann wieder ein gutes Leben führen kann.

Meistens ist der Selbstmord wirklich nicht rational und die Menschen, die sich umbringen möchten, nicht zurechnungsfähig. Menschen mit Selbstmordgedanken sehen sich selbst in einem Loch, woraus es scheinbar keinen Ausweg gibt. Doch Therapie und Unterstützung können diesen Menschen helfen, den Ausweg wieder zu erkennen und Kraft zu sammeln, um diesen zu erreichen. Dies ist natürlich immer anzustreben. Nur ist es nicht immer möglich, einen Ausweg zu finden. Was, wenn diese Person ihr eigenes Leben über eine längere Zeitdauer nicht mehr als lebenswert betrachtet? Was, wenn diese Person wirklich nicht mehr leben will? Haben wir dann noch das Recht, diese Person von einem Selbstmord abzuhalten? Und gibt es nicht Umstände, durch welche ein Selbstmord rational und selbstbestimmt wird?

 

In dieser Diskussion konfligieren zwei moralische Prinzipien; das Prinzip, Leben zu erhalten und das Prinzip, über das eigene Leben zu entscheiden. Da das Prinzip, Leben zu erhalten, weitaus grundlegender ist als die eigene Lebensplanung, wird das erste Prinzip meist über das zweite gestellt. Daraus folgt auch, dass wir uns moralisch verpflichtet sehen, einen Menschen davon abzuhalten, sich umzubringen. Doch möglicherweise gibt es Situationen, in welchen diese Verpflichtung wegfällt. Dieses Szenario soll an einem realen Beispiel aufgezeigt werden.

 

Vor einem Jahr hat sich Anna-Lisa das Leben genommen. Ihrem Tod geht eine 14-jährige Leidensgeschichte voraus. Nach einem Burnout bekommt Anna-Lisa Angststörungen. Sie traut sich teilweise kaum auf die Strasse, bleibt vor allem zuhause. In verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen versucht sie, die Angststörungen zu überwinden. Sie bleiben, 14 Jahre lang. In manchen Zeiten geht es besser, Anna-Lisa und ihr Partner gehen in die Ferien. Dann geht es wieder bergab. Bis Anna-Lisa sich entscheidet, mit Exit zu gehen. Ein Gutachter kommt, vor anderen Menschen reisst sich Anna-Lisa immer sehr zusammen und wirkt fast gesund, der Gutachter befindet sie als zu wenig leidend, dass sie Exit in Anspruch nehmen könnte. Doch Anna-Lisa verlässt ihr Zuhause kaum noch, sie kann nicht mehr alleine sein. Wenn ihr Partner ins Konzert will, muss er zu einer abgemachten Zeit zuhause sein. Das Paar will gemeinsam in die Ferien und muss sofort wieder nach Hause, Anna-Lisa hat Angst. Sie geniesst das Leben nicht mehr. Dinge, die ihr früher guttaten, sind heute eine Qual, ihr Leben nur noch anstrengend. Sie will nicht mehr Musik hören, ihre Spaziergänge werden immer kürzer, im Bett lesen ist jeweils noch ein ein kleiner Lichtblick. Auch die Besuche der erwachsenen Kinder und einiger weniger Freundinnen können sie jeweils nur kurz erfreuen und werden deshalb immer seltener.

Sie will nicht mehr. Ein befreundeter Arzt kennt ihre Leidensgeschichte, er ist auch Gutachter bei Exit. Er sieht, dass Anna-Lisa nicht mehr leben will und verspricht, ihr professionell zu helfen. Sie teilt ihre Entscheidung ihren Kindern mit, der Ehemann unterstützt sie seit Anfang an. Seit der Termin feststeht, ist Anna-Lisa beruhigt, ihr Entschluss ist gut überlegt und gefestigt. Die Familie frühstückt ein letztes Mal zusammen und dann stirbt Anna-Lisa, aus freier Entscheidung.

 

Das spezielle an psychischen Krankheiten ist, dass sie so schwer fassbar sind. Wenn eine Person Krebs im Endstadium hat, ist der Tod voraussehbar. Nicht so bei einer Depression oder einer Angststörung. Da bleibt immer der Gedanke «wurde wirklich alles versucht?». Die Hoffnung, dass Elisa doch noch irgendwann ein gutes Leben hätte führen können, lässt uns oft schwer akzeptieren, dass sie sich willentlich das Leben nahm. Und doch; es scheint einen Punkt zu geben, wo der Selbstmord die Fronten wechselt, von etwas, was es zu verhindern gilt, weil es als krankhafte Anwandlung gesehen wird, zu einem Akt des freien Willens. Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden und wiederhole mich deshalb. In vielen Fällen erscheint der Selbstmord letzter Ausweg aus einer Situation, welche nicht gänzlich ausweglos ist. Auf einen Selbstmord folgt viel Leid und Schmerz für die Hinterbliebenen und es ist auf jeden Fall wichtig, Menschen vom Selbstmord abzuhalten. Doch interessant ist, dass irgendwann der Punkt kommt, wo Selbstmord nicht mehr «nur» krankhaft ist, nicht Symptom einer Krankheit, sondern die Erlösung davon. Wie ist dies zu legitimieren?

 

Der Wille zu Leben ist nach Martha Nussbaum Teil des menschlichen Lebens. Menschen, die nicht mehr leben wollen, fehle ein wichtiger Teil der guten Menschlichkeit. Das bedeutet nicht, dass nach Nussbaum Menschen, die nicht mehr leben möchten, ihre Menschlichkeit und die damit verbundenen Rechte abgesprochen werden dürfen. Es bedeutet aber, dass Menschen, die nicht mehr leben wollen, dies aus dem Gefühl heraus, kein gutes menschliches Leben zu führen, tun. Menschen, die nicht mehr leben wollen, betrachten ihr Leben als nicht mehr lebenswert. Die Gründe dafür sind bekanntlich mannigfaltig. Wenn diese Menschen ihr Leben aufgrund einer psychischen Erkrankung als nicht mehr lebenswert betrachten, ist die Hoffnung – oft berechtigt – dass ihr Leben mit der Heilung der Krankheit wieder lebenswert scheint. Doch was, wenn es keine Aussicht auf Heilung gibt?

 

Es ist diese fehlende Aussicht auf Heilung – die fehlende Aussicht auf ein gutes Leben - die den Tod als Alternative in Betracht ziehen lässt. Wenn ein Mensch am Punkt steht, dass er sein eigenes Leben nicht mehr als lebenswert empfindet, weil das Leiden zu gross ist und das Leben so beeinträchtigt ist, dass es subjektiv nicht mehr als «gut» bewertet wird, dann wird der Selbstmord subjektiv als die letzte Lösung wahrgenommen. In einigen Fällen ist Selbstmord keine Lösung und die Menschen sind nach überstandener Krise froh, sich nicht das Leben genommen zu haben. In anderen Fällen ist Selbstmord jedoch Produkt einer genauen Überlegung und für diese Personen tatsächlich eine Erlösung von langem Leiden. Wenn dieser Selbstmord genau überlegt ist und nicht im Affekt geschieht, ist er auch nicht Folge fehlender Zurechnungsfähigkeit, sondern Teil des selbstbestimmten und auch des würdevollen Lebens. Dies zu akzeptieren, fällt vor allem den Angehörigen, aber auch der Gesellschaft, oft schwer. Und genau deshalb scheint es wichtig, mehr über den selbstbestimmten Tod zu sprechen.


Literatur:

Martha C. Nussbaum (1998): Menschliches Tun und soziale Gerechtigkeit, in: H. Steinfath (Hg.) Was ist ein gutes Leben? Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 196-234. Englisches Original: 1992.