Ein Text von Anna W. von Huber

Sprichst du mit mir?

Ein Essay über J.L. Austin, Jaques Derrida und die Sprache

Weißt du eigentlich

 

Weißt du eigentlich,

Wie das ist,

Wenn du mich

Nicht verstehst?

 

Weißt du eigentlich,

Wie das ist,

Wenn du mich

Nicht hörst?

 

Und warum

Hast du dich

Entschieden

Nicht zu reden?

 

Ich glaub nun

Fest daran,

Dass du auch mich

Und sonst wohl keiner

Niemals verstehen kann.

 

Selbst ich

Weiß nicht

Mehr ganz genau

Woher das Wort hier kam.

 

Und doch

Hofft´ ich schon sehr,

Dass du mit mir

Auch reden wolltest.

 

Doch du wolltest nicht,

Die Schrift die ich dir gab,

Entziffern, um mit mir

Zu reden und zu konstruieren.

 

Es war dir nicht genug.

Du hattest einen

Vorrang gesetzt.

Den ich niemals

Erreichen kann.

 

Denn meine Art,

Ist nicht gesprochen.

Sie bleibt geschrieben.

 

Dieses Gedicht wirft geradezu eine Reihe von Fragen auf. Was genau ist das Verhältnis von Schrift, der schriftlichen Form von Sprache und Sprache - wie wir sie im alltäglichen Sinne verstehen, der mündlichen Äußerung von sprachlicher Struktur? Wie stehen diese beiden Formen zueinander und welches Verhältnis nimmt dabei der Mensch, als Sprecher, als Leser, als Schöpfer der Worte ein? Was ist eigentlich der richtige Umgang mit Sprache, ob sie nun gesprochen ist oder geschrieben wurde? Gibt es in der Auseinandersetzung, in der Interpretation einen Unterschied? Kann jemand jemals die Worte dieses Dichters aus dessen Ursprung heraus verstehen? Kann der Dichter selbst zu einem späteren Zeitpunkt verstehen, was er zu diesem Zeitpunkt sagen wollte? Weiter gefragt, ist es überhaupt die Aufgabe oder das Ziel, diesen Text zu verstehen oder sollte man mehr darauf bedacht sein, ihn dem Kontext des Autors zu entreißen und immer wieder auf neue Art und Weise wiederholen, sodass man zu anderen Formen dieses Gedichtes gelangt? Gibt es genau einen Kontext, einen Ursprung woraus dieser Text geschaffen wurde?

 

In Anknüpfung dieser Fragestellungen, die sehr stark um die Gedanken Derridas kreisen, will ich mich mit Folgender im Besonderen befassen:

 

 

Gibt es in unserem gesprochenen Sprachgebrauch überhaupt ein Original, einen eindeutigen Ursprung des Ausdruckes, welches durch die Worte, in diesem Fall einer mündlich geäußerten Aussage formuliert werden kann? In kurzen Worten: Lässt sich dem was wir sagen ein eindeutiger Ursprung zuordnen?

 

 

Der französische Philosoph Jaques Derrida behauptet, dass es keinen konkreten, keinen fixierbaren Ursprung einer Aussage gibt – weder in einer schriftlichen noch in einer mündlichen Form. Er geht sogar einen Schritt weiter und behauptet, gerade weil es keinen Ursprung weder des Wortes in der Schrift, beispielsweise in diesem Gedicht noch in dem Wort eines mündlichen Ausdruckes, beispielsweise dem Ja-Wort einer Eheschließung gibt, kann auch keine Hierarchisierung von dem gesprochenen Ausdruck, gegenüber einem geschriebenen Ausdruck stattfinden. Das mündlich geäußerte Ja-Wort einer Frau, wie sie vor ihrem zukünftigen Mann steht und damit auch eine Geste präsentiert, die einige Philosophen als einen Mehrwert erachten, sagt vielleicht nicht mehr aus, als das schriftliche Zitieren. Ich denke, dass es eine andere Aussage trifft, will diese aber nicht höher oder niedriger werten. Derrida tut das nicht. Er wendet sich in dem Aufsatz: Signatur Ereignis Kontext gegen den Philosophen J.L Austin und dessen Idee einer Sprechakttheorie und damit der Idee einer grundlegenden Fixierung des gesprochenen Sprachgebrauchs gegenüber der Schrift.

 

In dem folgenden Essay, werde ich mich allerdings zunächst auf Derridas Kritik an Austins Sprechakttheorie und seine Alternative fokussieren und keine umfassende Interpretation der Sprechakttheorie von Austin geben. Dieser Essay soll zunächst eine allgemeine mögliche Antwort auf die oben genannte Fragestellung liefern und in einer Fortsetzung genauer auf das Prinzip der Sprechakttheorie im Verhältnis zu Derridas Prinzip der Dekonstruktion eingehen. Außerdem soll dieser Text eigene Gedanken meiner selbst präsentieren, die sich noch in einem allzu schönen und begeisterungsfähigen Anfangsstadium in dieser Frage befinden.

 

 

Vorab

 

Zunächst werde ich auf die Begriffe Sprache, Sprachphilosophie und Original näher eingehen, um Derridas Konzept und dessen Kritik an einer sogenannten Sprechakttheorie, welche ich zusätzlich kurz erklären werde, zu betrachten.

 

Unsere Sprache kann man ansehen als eine alte Stadt: Ein Gewimmel von Gäßchen und Plätzen, alten und neuen Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten: und diese umgeben von einer Menge von Vororten mit geraden und regelmäßigen Straßen und mit einförmigen Häusern. (Wittgenstein, PU, §18)

 

 

Sprache ist für uns Menschen so alltäglich, dass wir uns eine Welt ohne Sprache oft nicht vorstellen können. Stellen wir uns einen Alltag vor, der ohne Sprache stattfindet. Wo kauft man Brötchen ein, wenn es keine Zeichen mit der Aufschrift des Bäckers gibt? Wie kann man sich zu einer politischen Sachlage äußern, wenn man die Worte dafür nicht hat, noch Zeichen existieren? Dieses Gedankenspiel kann man auf beliebig viele Weise weiterspulen. Es zeigt sich jedenfalls, dass seine Sprachfähigkeit dem Menschen eine Erweiterung seines Horizontes und vor allem seines Denkens ermöglicht. Sprache ist ein wesentliches Zentrum der menschlichen Lebensgemeinschaft, ohne welches wir uns ein Zusammenleben kaum vorstellen können.

 

Sprache ist in ihrer Grundfassung ein Kommunikationsmedium, zur Darstellung und Weitergabe von Informationen. Dabei scheint es neben Kommunikationsmedien wie Musik oder Gestik am präzisesten und genauesten zu sein. Außerdem ist sie dem Menschen als Kommunikationsmedium genuin. Sprache kann für einige Menschen als entscheidendes Kriterium in der Unterscheidung von Mensch und Tier dienen. Vielleicht ist gerade das der Unterschied zum Tier? Der Mensch als sprachbegabtes Tier? Sprache ist, zumindest in meinem Verständnis, Mittel zu einem Austausch. Es kann in diesem Austausch an einen gesellschaftlichen und/oder kulturellen Kontext gebunden sein - muss aber nicht (wie ich es anhand Derridas Beispiel später näher erläutern werde). Dabei ist es wichtig zwischen Austausch und Verständigung (als Verstehen) zu unterscheiden. In meiner Überzeugung geht Austausch mit Sprache notwendig einher, Verständigung nicht. Man kann sich gegenseitig nicht verstehen und trotzdem wurde die Sprache in einem Austausch verwendet. Ein gutes Beispiel dafür ist der Gebrauch von unterschiedlichen Sprachsystemen, also Fremdsprachen. Wenn ich dir auf spanisch sage, dass ich einen Kuchen will, du aber kein Wort spanisch sprichst, so hast du mich nicht verstanden. Ein Austausch hat aber, durch den Gebrauch der Sprache, stattgefunden. Wenn du meinen Satz: “Quiero un pastel” aufgrund der “Sprachbarriere” nicht verstehst, so ist er doch gesprochen worden.

 

Nun lässt sich Sprache grundlegend in zwei Bereiche untergliedern:

 

 

  1. Die laute Sprache: Sprechen und Hören

  2. Die leise Sprache: Schreiben und Lesen.

 

 

Der Strukturalist Ferdinand de Saussure unterscheidet in seiner Definition von Sprache zwischen sprachlicher Struktur (kann als Schrift verstanden werden) und sprachlicher Praxis (Sprache, wie sie im Alltag, als mündliche Kommunikation verstanden wird) (Saussure, 1967).

 

Das Material der Sprache ist der Buchstabe, das Zeichen. Das Werkzeug der lauten Sprache ist das Sprechen und Hören, das Gehört-werden, also das laute Wahrnehmbare, die laute Kommunikation. Das Werkzeug der stillen Sprache ist das ruhige Lesen, die stille Kommunikation. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden einen Unterschied zwischen lauter und leiser Sprache zu kennzeichnen. Im alltäglichen nicht philosophischen Verständnis würde man wohl zwischen Sprache und Schrift unterscheiden. Doch nimmt man einen genaueren Blick auf beide Begriffe vor, so scheint diese Unterscheidung nicht zu funktionieren. Sprache ist nicht als ein Gegenüber von Schrift, sondern Schrift ist vielmehr als ein Teilbereich der Sprache zu sehen. Sprache ist ein Kommunikationsmedium, das sich in zwei Teile gliedern lässt, die gleichwertig miteinander korrelieren. Keines der beiden Teile steht meiner Überzeugung nach über dem Anderen. Jedes hat für sich eine Berechtigung und beide müssen, damit Sprache funktioniert, notwendig miteinander arbeiten. Sie ergänzen sich und sind nicht strikt voneinander zu trennen. Der Philosoph Jaques Derrida würde mir in diesem Fall wiedersprechen. Er behauptet, dass es die Schrift ist, der man Vorrang gewähren sollte. Der Philosoph J. L. Austin ist vom Gegenteiligem, vom Vorrang der gesprochenen Sprache überzeugt. Wer hat Recht? Wir werden sehen oder hören? …

 

Nun gibt es drei verschiedene Wissenschaften, die sich mit der Sprache befassen, die Sprachphilosophie, auf welche ich in meinem Essay vorranging eingehen werde, die Sprachwissenschaft und die Linguistik.

 

In der Philosophie lassen sich grundlegend zwei Strömungen festlegen, in welche auch die Traditionslinie der Sprachphilosophie unterteilt werden kann, die analytische Philosophie und die Kontinentalphilosophie. Ich erachte es allerdings problematisch bestimmte Traditionslinien, gerade wenn es um die Auseinandersetzung der Sprache innerhalb der Philosophie geht, festzulegen und zu kategorisieren. Dies liegt daran, dass diese zwangsweise oft ineinander übergehen und somit keine klaren Trennungen durchleuchten lassen. Ich werde trotzdem eine kurze Unterteilung, zum besseren Verständnis eines ersten Überblickes wagen. Ich denke, dass sich die Auseinandersetzung mit Sprache grob in drei Bereiche gliedern lässt: Die Idee einer idealen Sprache [ideal language], die Idee einer Alltagssprache [ordinary languge] und die Idee einer Sprache, die in ihrem Begriff weiter zu fassen ist als die vorherigen Theorien, ein Verständnis der Sprache, das sich mit Wahrnehmung, Zeichen und der Struktur befasst. (z.B. phänomenologisch – strukturalistische Ansätze). Der Philosoph Jaques Derrida, verfolgt die letzte Theorie der Sprache. J.L Austin gilt als entscheidender Philosoph in der Theorie der Alltagssprache. Er gewährt besonders der mündlichen Sprache, als der lauten Sprache gegenüber der leisen Sprache, Vorrang und fordert eine Fixierung eines Originals im Sprachgebrauchs. Damit stehen sich Derrida und Austin in ihren Überzeugungen gegenüber. Betrachtet man das am Anfang zitierte Gedicht, so würde Austin dem fiktiven Angesprochenen zustimmen, der vom dem fiktiven Ich fordert, sich mündlich zu äußern, weil er diese Form als die aussagekräftigere Form gegenüber der Schrift erachtet. Derrida hingegen würde grundlegend dem fiktiven Ich, zumindest in Bezug auf die Sprache nicht aber auf die Existenz und entscheidende Rolle von Autoren, vor allem in der letzten Strophe des Gedichtes zustimmen. Derrida kritisiert Austin in dreierlei Dingen:

 

 

  1. Kritik am Prinzip eines Originals in der Sprache – kann als metaphysische allgemeine Kritik aufgefasst werden (was seine gesamte Kritik an der Tradition der Sprachphilosophie wiederspiegelt)

  2. Kritik an einer Fixierung auf die laute Sprache (und aus 1. und 2. folgt die 3. Kritik)

  3. Kritik an einer Fixierung eines Originals in der lauten Sprache (was wesentlich seine Kritik an Austins Sprechakttheorie wiederspiegelt)

 

 

 

Das Wort Original heißt etwas im Ursprung, etwas in einer primären zeitlich vorrangigen Position. Ein Original ist in diesem Sinn als ein Ursprung eines Ausdruckes zu verstehen. In Bezug auf die Frage nach dem Wesen der Sprache, heißt dies, dass man davon ausgeht, etwas hinter dem sprachlichen Ausdruck zu behaupten. Dabei ist noch nicht gesagt, was dieses Dahinter sein kann. So gibt es Theorien der idealen Sprache (Antike; Platon), die in dem Dahinter eine Idee zu erkennen versuchen und Intentionalisten, die davon ausgehen, dass hinter dem sprachlichen gesprochenen Ausdruck eine bestimmte vom Sprecher abhängige Intention stecke. In beiden Ansichten jedoch gilt es, mithilfe einer bestimmen Methode, die sprachliche Aussage in ihrem Ursprung aufzusuchen, um wirklich zu verstehen. Dabei sind wir bei dem Wort des Verstehens da angelangt, wo der Kernpunkt dieser Theorien, meiner Ansicht nach liegt. Es handele sich grundlegend bei Sprache um eine Kommunikation, die auf ein Verstehen eines bestimmten Ursprunges ausgelegt ist. Die Aufgabe der Wissenschaft und Philosophie sei es nun diesen Ursprung zu erfassen.

Eine Fixierung auf ein Original einer sprachlichen Aussage, impliziert die Möglichkeit von Verstehen und Nichtverstehen und damit das Bestehen eines eigentlichen oder ursprünglichen Sinnes des Geäußerten. Nur wird sich die Frage gestellt, was genau der Ursprung des Sprachgebrauches sei und ob dieser ausschlaggebend für den Umgang mit dem Gesprochenen sein kann.

 

Dabei gibt es Theorien, die davon ausgehen, dass hinter dem gesprochenen Wort, stets eine Intention stehen muss. Das Prinzip der Intention ist zeitlich linear und notwendig an einen Kontext gebunden. Innerhalb dieser Theorie gibt es Philosophen, die darauf aufbauend behaupten, dass eine laute Sprache genau aus der Notwendigkeit einer Kontextualisierung eindeutiger zu verstehen ist, als eine leise Sprache. Da sie in den meisten Fällen, eben nicht ohne den Sprecher funktionieren kann und dadurch mithilfe einer Kontextualisierung mehr aussagen kann.

 

Denn ich glaubte dich sehen zu können, als du vor mir standst und gesprochen hast. Ich glaubte mehr zu sehen, als in deinen Gedichten, die für dich doch weit bedeutender erschienen […]

 

 

J. L. Austin (Theorie der Sprechakte)

 

Ein Beispiel dieser Theorie liefert der Philosoph J.L. Austin mit seiner Sprechakttheorie. Austin gilt dabei neben Searle als Zentrum und wegweisender Begründer der sogenannten Sprechakttheorie, gegen welche sich Derrida in einem Aufsatz explizit wendet. Grundlegend behauptet Austin in seinem Werk: How to do things with words, dass es bei Performativen eine bestimmte Intention gibt, die es zu verstehen gilt. Seine Grundthese in der Sprechakttheorie ist diejenige, dass alle Aussagen Sprechakte sind (Austin , 1962 ).

 

In the particular case of promising, as with many other performatives, it is appropriate that the person uttering the promise should have a certain intention, viz. here to keep his word. (Austin , 1962 , S. 11)

 

 

Äußerungen sind aus diesem Grunde weder richtig noch falsch, sondern vielmehr gelungen oder misslungen, sie werden verstanden oder werden nicht verstanden. Trifft jemand eine Aussage, wie Ja ich will und scheint diese Aussage nicht glaubwürdig für den Hörer zu sein, so hat man die Intention der Aussage, beispielsweise, dass die Frau oder der Mann, der diese Aussage seinem Partner gegenüber äußert, kein Interesse daran hegt zu heiraten, weil er eigentlich jemanden andere liebt, laut Austin nicht verstanden. Es ist allerdings keine falsche Aussage. Für Austin sind alle Äußerungen Sprechakte. Austin entwickelt drei Sprechakte: lokutionärer, illokutionärer und prelokutionärer Sprechakt.1 Alle Sprechakte sind zugleich als Handlungen, die die Welt verändern können, zu verstehen. Dieser Theorie einer Sprechakttheorie und Austins Idee von performativen Äußerungen soll in einer anderen fortgeschrittenen Arbeit betrachtet werden.

 

Grundlegend ist bei Austin zentral, dass er der lauten Sprache einen Vorrang gegenüber der leisen Sprache gewährt und dass er an einen Ursprung der Aussage glaubt, mit welcher der Mensch die Welt in seiner Handlung verändern wird. Doch was passiert, wenn dieser Ursprung niemals zu greifen ist oder wenn es diesen Ursprung nicht gibt? Warum ist es für uns so wichtig, etwas zu verstehen und zu begreifen, einen Sinn dahinter zu suchen? Sollten wir anstelle dessen vielleicht versuchen mit unseren Augen zu sehen und neue Symbole und Zeichen erfinden? Warum wollte das fiktive Ich überhaupt erkannt oder verstanden werden. Reicht es nicht aus, wenn wir Ideen zertreten und in einen Dialog treten?

 

Nun zu Derrida

 

 

Jedes Zeichen [signe], sprachlich oder nicht, gesprochen oder geschrieben (im geläufigen Sinn dieser Opposition), als kleine oder große Einheit, kann zitiert – in Anführungszeichen gesetzt – werden; von dort aus kann es mit jedem gegebenen Kontext brechen und auf absolut nicht sättigbare Weise unendlich viele neue Kontexte zeugen. Das heißt nicht, daß das Zeichen [marque] außerhalb eines Kontextes gilt, sondern ganz im Gegenteil, daß es nur Kontexte ohne absolutes Verankerungszentrum gibt. (Derrida, 2001, S. 32)

 

 

Derridas Einwand

 

Derrida gilt als der Begründer einer dekonstruktiven Sprachphilosophie. Für ihn gibt es keinen wesentlichen Unterschied wie man mit Sprache oder mit Schrift umzugehen hat. Er will in seiner radikalen Auffassung zeigen, dass man Schrift und Sprache in gleicher Weise dekonstruierend interpretieren soll. In seiner Philosophie orientiert sich Derrida an den Strukturalismus einerseits und damit an Saussure, bei welchem Sprache als System konventioneller Zeichen verstanden wird und andererseits an die Phänomenologie Husserls und dessen Schrift: Logische Untersuchungen.

 

Grundlegend behauptet Derrida, dass Sprache keine Materialisierung von einem übergeordneten Sinn sein kann. Sprache ist notwendig an einen Begriff gebunden. Für Derrida ist Sprache ein System. Das Verständnis des Begriffs kann so nie vollkommen stattfinden, weder vom Sprecher noch vom Leser in der Schrift, da es bereits in seiner Fertigstellung in einen fortlaufenden Prozess wandelt. Diese dynamische Begriffsbildung impliziert, dass jedes Wort zur Spur wird. Das heißt, Sprache ist in einem ständigen Prozess der Wiederholung und nicht des linearen Zeitablaufes verankert. (Derrida spricht dabei von Iterabilität) Erst wenn eine sprachliche Aussage immer und immer wieder auf verschiedene Art und Weise wiederholt wird, entsteht ihre Identität. Es gilt damit nicht mehr, dass man sie in einem linearen Zeitverständnis hinterfragen muss, um sie zu verstehen. Sie ist nicht an einen Kontext gebunden.

 

 

Dass das Feld der Mehrdeutigkeiten des Wortes „Kommunikation“ sich massiv durch die Grenzen reduzieren läßt, die man Kontext nennt, scheint sich von selbst zu verstehen. […]. (Derrida, 2001, S. 16)

 

 

Nun ist der Wert „des eigentlichen Sinns“ zweifelbar. Das heißt das Prinzip eines Originals eines Sprachgebrauches scheint zweifelbar. Die Fixierung auf das Original eines Sprachgebrauches, wie es in der Sprechakttheorie passiert, scheint nun unter Annahme einer De-Kontextualisierung hinfällig zu sein. Für Derrida nämlich bleibt ein sprachlicher Ausdruck erkennen, auch wenn wir ihn in einen anderen Kontext stellen. „Aber sind denn die Anforderungen eines Kontexts jemals absolut bestimmbar“ (Derrida, 2001, S. 17) ? Für Derrida ist es kein Mangel an Kommunikation oder ein Missverständnis, wenn der eigentliche Sinn einer Aussage durch den Aussagenden an den Gerichteten nicht übermittelt werden kann.

 

 

Ist es denn sicher, daß dem Wort Kommunikation [communication] ein einzelner, eindeutiger, streng beherrschbarer und unmittelbarer: kommunizierbarer Begriff entspricht? (Derrida, 2001, S. 15)

 

 

Es lässt sich nun zusammenfassen, dass Derrida die Schrift, also die leise Sprache der lauten Sprache vorzieht. Austin zieht, aufgrund seiner Sprechakttheorie und dem Prinzip von Aussagen als Handlungen, die laute Sprache der leisen vor. Sprache im Allgemeinen ist für Derrida kontextunabhängig und soll dazu dienen, wiederholt zu werden und in neue Kontexte gesetzt zu werden. Aus diesem Prinzip folgert Derrida, dass die Schrift kontextunabhängiger als die laute Sprache existieren kann und ihr somit hierarchisch überliegt.

 

In dem zu Beginn zitierten Gedicht also, stehe das Gedicht für sich selbst und es widerspreche beiden, dem fiktiven Ich-Erzähler und dem fiktiven Angesprochenen, denn es gehe weder um ein Verständnis der Intention des fiktiven Ich-Erzählers noch um eine Verständigung im Allgemeinen. Vielmehr wurde vom fiktiven Ich-Erzähler gefordert, das Schriftbild zu nehmen, es zu wiederholen, immer wieder zu wiederholen und zu etwas Neuem entstehen lassen. Das irgendwann vielleicht ein ganz neues Gedicht hervorbringt, das wiederrum wiederholt wird …

 

 

Abschließend

 

Ich denke, dass Derrida recht behält, wenn er eine Fokussierung der lauten Sprache gegenüber der leisen Sprache kritisiert. Zu oft, scheint es mir, sprechen wir im Alltag von Gesten und „vom eigentlich gemeinten“ in einer Aussage, indem wir psychologisch versuchen das Gegenüber zu interpretieren, indem wir versuchen in den Kopf zu blicken und um eine Intention des eigentlich Gemeinten zu erhaschen. Jemanden in die Augen zu sehen, während er sich zu einer Sache äußert, heißt nicht, dass wir ihn in seinem sprachlichen Ausdruck dadurch besser verstehen können. Es heißt nur, dass wir neben der Sprache in ein weiteres, an manchen Stellen sogar vorrangigeres Feld der Kommunikation treten: der Gestik. Einen Mehrwert sehe ich darin nicht. Es sollte auch nicht primär um die Intention gehen. Im Verhältnis zwischen Schrift und Sprache also zwischen leiser und lauter Sprache, denke ich, dass die Schrift gleichwertig neben der lauten Sprache, existieren kann und auch sollte. Sie sollten sich vielmehr miteinander verbinden, als untereinander abgewogen zu werden. Damit widerspreche ich Austin und Derrida. Und doch stimme ich letztendlich Derridas Idee einer Wiederholung des immerwährend Gleichen zu.

 

 

Sprechen sprechen sprechen…. Was passiert?

 

 

Literatur

 

Austin , J. L. (1962 ). How to do things with words . London: Oxford University Press.

Derrida, J. (2001). Limited Inc. (P. Engelmann, Ed.) Wien.

Saussure, F. (1967). Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft (2. ed.). Berlin: de Gruyter.

Wittgenstein, L. (2003). Philosophische Untersuchungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Wrana, D., Ziem, A., Reisigl, M., Nonhoff, M., & Angermuller, J. (Eds.). (2014). Diskursnetz. Wörterbuch der interdisziplinären Diskursforschung. Berlin: Suhrkamp.

 

 

1Dabei versteht Austin unter den jeweiligen Akten folgendes:

  1. Der lokutinäre Akt: „which has a meaning […]“ (Austin , 1962 , S. 120).

  2. Der illokutionäre Akt: „which has a certain force in saying something […]“ (Austin , 1962 , S. 120).

  3. Der perlokutinäre Akt: „which ist he achieving of certain effects by saying something.“ (Austin , 1962 , S. 120).