von Doreen Grusenick

Logik, Wissen, Wissenschaft

– oder über das Sein und Nicht-Sein

„Zu sagen nämlich, das Seiende sei nicht oder das Nicht-Seiende sei, ist falsch, dagegen zu sagen, das Seiende sei und das Nicht-Seiende sei nicht, ist wahr. Wer also ein Sein oder Nicht-Sein prädiziert, muss Wahres oder Falsches aussprechen.“

Was Aristoteles in seiner Metaphysik schreibt, klingt logisch: Er sagt, dass es Wahrheit gibt, da es Seiendes und Nicht-Seiendes gibt. Mithin meint er zu wissen, was wahr ist, weil es nämlich wahr „ist“, und was falsch ist, weil es eben nicht „ist“.

Doch wie genau gelangen wir zu wahren Schlussfolgerungen über die Welt? Was ist Wahrheit? Und worin gründet die Autorität wissenschaftlichen Wissens? Derlei Fragen sind seit jeher von zentraler Bedeutung für die Philosophie der Logik, des Wissens und der Wissenschaften. Es sind Fragen nach Wesen und Rationalität unserer Erkenntnisweise, mithin der Metaphysik und Epistemologie, aber auch Wissenschafts-, Sprach-, Religions- oder auch Moralphilosophie. Überdies sind sie nicht nur philosophisch relevant, sondern finden auch praktische Anwendungen in der Robotik, der Netzwerksicherheit, zur Erforschung sozialer Verhaltensweisen bis hin zur Politikberatung.

Der Themenblog „Logik, Wissen, Wissenschaft“ möchten einerseits Informationen zur Erschließung und Durchdringung epistemisch relevanter und angrenzender Problemfelder liefern. Zum anderen stellt er begriffliche und argumentative Werkzeuge für eine fundierte Bewertung derselben bereit, nicht zuletzt vor dem Hintergrund moderner Gesellschaften, pluraler Wert- und Normenvorstellungen sowie demokratischer Entscheidungs- und Handlungsprozesse.

Was also genau finden Sie hier nebst Sein und Nicht-Sein? Hier ein kleiner Ausblick:

Logik

Die philosophische Logik (griech. logos: Wort, Satz, Rede, auch Vernunft) versteht sich als Lehre von den formalen Regeln des gültigen Schließens und Werkzeug philosophischen Argumentierens. Sie nimmt ihren historischen Ausgangspunkt in der Syllogistik (griech. syllogismos: Zusammenrechnen, logischer Schluss) des Aristoteles und hat in der Moderne wesentliche Erweiterungen durch Frege, Russell und andere PhilosophInnen erfahren.

Im Gegensatz zur Psychologie des Denkens zielt sie weniger auf eine Beschreibung des tatsächlichen Denkverlaufs als vielmehr auf allgemeine Prinzipien des wahrheitsorientierten Schlussfolgerns. Im Zentrum stehen deshalb Fragen der Gültigkeit von Argumenten und ihren Folgerungen.

Zwei gewissermaßen gegenläufige Folgen sind: Die Logik ist einerseits universell, weil sie inhaltsunabhängige Wahrheiten anstrebt, andererseits trivial, weil sie nur Selbstverständliches aussagt. Wittgenstein sagt daher: „Alle Sätze der Logik sagen aber dasselbe. Nämlich nichts.“ Wahrheit und Seiendes wären demnach also gerade nicht identisch.

Aristoteles gilt aber dennoch als Vater der Logik. Die Formen gültigen Schließens behandelt er unter dem Titel „Syllogistik“. Ein sehr bekannter Syllogismus lautet:

Alle Säugetiere sind Vierfüßer.

Alle Menschen sind Säugetiere.

Also sind alle Menschen Vierfüßer.

 

Formal ausgedrückt z.B.:

Alle S sind V.                (Obersatz/ 1. Prämisse P1)

Alle M sind S.               (Untersatz/ 2. Prämisse P2)

Also: Alle M sind V.      (Schlussfolgerung/ Konklusion C)

Das Beispiel zeigt, dass zwischen Gültigkeit einer Beweisführung und der Richtigkeit einer Schlussfolgerung unterschieden werden muss: Ist mindestens eine Prämisse falsch (hier P1), kann der Schluss eines an sich formal gültigen Beweises falsch werden. Folglich hängt die logische Gültigkeit einer Schlussfolgerung wesentlich von der Form und nicht vom Inhalt ab; Logik abstrahiert von jeglichem Inhalt. Als logisch richtig wird dann diejenige Beziehung zwischen Prämissen und Schlussfolgerung angesehen, bei der wahre Prämissen zu wahren Schlussfolgerungen führen.

Andererseits muss ein Sprechen, um logisch – im Sinne von vernünftig – zu sein, nicht unbedingt den formalen Regeln einer mathematisierten Wissenschaft folgen. Vernünftiges Sprechen umfasst z.B. auch das Begründen im Alltag. Die Logik steht daher vor dem Rätsel, auch unsere Alltagserfahrungen verständlich zu machen. Sie ist deshalb eine Norm, die selbst philosophisch reflektiert werden muss.

Einzelne Themenfelder der Logik sind z.B.: induktives und deduktives Schließen; Prädikatenlogik; Aussagenlogik; mehrwertige Logik; Modallogik; deontische Logik.

Wissen

Ob ein Gegenstand zudem tatsächlich existiert, ist auch eine Frage von Wahrnehmung und Erfahrung. Denn Logik kann zwar wahre Schlussfolgerungen, aber noch kein Wissen über die Welt liefern.

Ausgangspunkt philosophischer Analysen von Wissen ist die Annahme, dass sich ein Ausdruck wie „wissen, dass“ in bestimmte Eigenschaften aufschlüsseln und mehr oder weniger abstrakt rekonstruieren lässt. So wird Wissen seit Platon traditionell aufgefasst als: „S weiß, dass p“, wobei „S“ für das Subjekt steht, dass etwas weiß, und „p“ für den propositionalen Wissensinhalt, über den S verfügt. Wissen ist lässt sich dann durch drei Bedingungen rekonstruieren:

(i) Überzeugungsbedingung: S muss über eine Meinung verfügen, denn eine Behauptung, die S selbst nicht besitzt, kann auch nicht Teil seines Wissens sein.

(ii) Wahrheitsbedingung: S muss über wahre Überzeugungen verfügen, denn falsche Überzeugungen können nicht gewusst werden.

(iii) Rechtfertigungsbedingung: S muss gute Gründe für seine Meinung haben, denn andernfalls könnte es bloß Zufall sein, dass S an p glaubt.

Wissen ist demnach dreifach bedingt zu verstehen: S weiß, dass p dann, und nur dann, wenn S an p glaubt, p wahr ist, und S gute Gründe hat, an p zu glauben. Wissen ist also wahre gerechtfertigte Meinung.

Neue Ansätze gehen aber davon aus, dass Rechtfertigung nicht allein dadurch gegeben ist, dass ein Subjekt gute Gründe hat, mithin Evidenz vorliegt. Rechtfertigung sei vielmehr gebunden an eine hohe objektive Wahrscheinlichkeit dafür, dass diese Gründe auch tatsächlich wahr sind und Zufall ausgeschlossen wird. Die Suche nach einer weiteren Bedingung für Wissen ist unter dem Gettier-Problem bekannt.

Nun haben Überzeugungen aber bekanntlich viele Quellen, vor allem psychologische. Dazu gehören: Wünsche, emotionale Bedürfnisse, Vorurteile und Neigungen. Dass Überzeugungen – selbst wenn sie wahr sind – derartigen Quellen entspringen, reicht allerdings noch nicht zur Qualifizierung als Wissen aus. Denn wahre Überzeugungen müssen aus Quellen entspringen, die wir aus guten Gründen für zuverlässig halten. Kandidaten könnten etwa sein: Sinneswahrnehmung, Introspektion, Gedächtnis, Intuition oder auch Zeugenaussagen.

Wir halten zwar gewöhnlich unsere Sinneswahrnehmung für zuverlässig. Aber wie können wir wissen, dass sie zuverlässig und nicht beispielsweise Halluzination sind? Es scheint als könnten wir nur Wissen darüber erlangen, dass unsere Sinneswahrnehmung zuverlässig ist, indem wir z.B. unser Gedächtnis befragen. Aber sollte ich meinem Gedächtnis immer trauen? Falls ja, dann braucht es auch dafür eine Begründung, die plausibel macht, warum mein Gedächtnis zuverlässig ist. Es scheint also, dass es keine nicht-zirkuläre Rechtfertigung der Zuverlässigkeit der eigenen Sinneswahrnehmung gibt.

Die Fragestellungen zum Thema Wissen umfassen z.B.:

  • Was ist Wissen seinem Wesen nach?
  • Was sind notwendige und hinreichende Bedingungen für Wissen?
  • Welchen (internen oder externen) Quellen entspringt Wissen?
  • Wo liegen die Grenzen unseres Wissens?
  • Wodurch werden gerechtfertigte Überzeugungen tatsächlich gerechtfertigt?

Wissenschaft

Von wissenschaftlichen Aussagen wird gewöhnlich behauptet, dass sie wahre Aussagen über die Welt machen. Chemie, Physik, Mathematik sind nicht allein mit den Sinnen zu erfassen; Zahlen und Rechnungen sind keine Frage des Riechens, Schmeckens oder Tastens. Andererseits kommt man mit logischem Argumentieren, Beweisen und Mathematisieren allein auch nicht weit.

Dass Wissenschaft zu wahren Aussagen über die Welt kommt, wird daher gemeinhin mit zuverlässigen Methoden wie dem systematischen Beobachten und Experimentieren begründet, die zu objektiv gültigen Ergebnissen führen. Dies geht einher mit der Annahme, dass wissenschaftliche Behauptungen nicht durch persönliche Interessen, Werteurteile oder gesellschaftliche Vorurteile beeinflusst sind oder sein sollten. Objektivität gilt damit häufig als Ideal der wissenschaftlichen Forschung und Rechtfertigung der Autorität wissenschaftlichen Wissens.

Die Debatten in der Philosophie der Wissenschaften drehen sich also nicht allein um Logik oder Sinneswahrnehmung, sondern auch Objektivität, Bestätigung wahrer Aussagen, Induktionsproblem, Theoriewandel, wissenschaftlicher Fortschritt, Realismus, Experiment, Erklärungen, Modelle, Werte und andere Fragen, wie sie paradigmatisch für das wissenschaftliche Streben nach Wissen sind, z.B.:

  • metaphysisch (Seinsweise betreffend): Was ist Wissenschaft/Objektivität/ein Experiment/eine Theorie/wissenschaftlicher Fortschritt etc.?
  • epistemisch (Erkenntnisweise betreffend): Wie gelangen wir zu wissenschaftlichen Erkenntnissen mithilfe von Experimenten/Modellen/Theorien/Erklärungen etc.?

Darüber hinaus integriert die Philosophie der Wissenschaften wissenssoziologische, wissenschaftsgeschichtliche und nicht zuletzt auch wissenschaftsethische Fragestellungen.

Zudem gibt es heute bereichsspezifische Philosophien, die sich auf die Reflexion einer bestimmten Fachwissenschaft spezialisiert haben:

  • Philosophie der Physik
  • Philosophie der Biologie
  • Philosophie der Mathematik
  • Philosophie der Psychologie
  • Philosophie der Sozialwissenschaften etc.

 

Fazit: Die Frage, was „ist“ und was "nicht ist“ und wie wir zu wahren Aussagen über die Welt gelangen, bleibt zwar integraler Bestandteil der Philosophie der Logik, des Wissens und der Wissenschaften. Es geht allerdings auch um wesentlich mehr, mehr als „Sein“ und „Nicht-Sein“. Seit Aristoteles hat sich in der Philosophie sehr viel getan. Das ist Grund und Anlass genug, die Bereiche Logik, Wissen und Wissenschaften hier zu würdigen.

 

Welche der hier aufgeworfenen Fragen haben Sie sich bereits gestellt und was ist dabei herausgekommen? Schreiben Sie uns!

 

 

Lektürehinweise:

  • Aristoteles, Metaphysik.
  • Chalmers, A.F. (2007): Wege der Wissenschaft: Einführung in die Wissenschaftstheorie. Springer-Verlag.
  • Hoyningen-Huene, P. (2013): Systematicity: The Nature of Science. Oxford: University Press.
  • Ichikawa, J.J. & Steup, M. (2001/2017): "The Analysis of Knowledge", The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2017 Ed.), E.N. Zalta (ed.), URL = <https://plato.stanford.edu/archives/fall2017/entries/knowledge-analysis/>.
  • Lohse, S. & Reydon, T.A.C. (2017): Grundriss Wissenschaftsphilosophie: Die Philosophien der Einzelwissenschaften. Hamburg: Felix Meiner Verlag.
  • Platon: Theaitetos.
  • Rehfus, W.D. (Hg.) (2003): Handwörterbuch Philosophie. 1. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht [auch online: URL = <http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/>].
  • Steup, M., "Epistemology", The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2017 Ed.), E.N. Zalta (ed.), URL = <https://plato.stanford.edu/archives/fall2017/entries/epistemology/>.
  • Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus.
  • „Was ist für Sie Philosophie?“, Kurzvortrag von Dr. Schulthess sowie Prof. Dr. Glock (Professoren der Theoretischen Philosophie der UZH) am Philosophischen Seminar der UZH.