Matthias Roggo

Linien einer objektivistischen Ästhetik III

Die Essenz der zwei ersten Beiträge. Fortsetzung des ästhetischen Projekts als Beispiel einer historisch und kulturell verträglichen und gemässigt konservativen Art zu philosophieren.

Zurück zur Wirklichkeit ... aber warum denn? Es geht doch nur um Ästhetik. Da kann man doch virtuell aus der Luft heraus theoretisieren. Weshalb sollten wir hier die conditio humana berücksichtigen? Es geht doch nicht darum, sich dem Menschen anzunähern, sondern viel eher darum, im Markt der Eitelkeiten mit provokativen Thesen aufzutrumpfen und etwas für seine eigene Karriere zu tun, nicht wahr? Jede und jeder ist sich selbst am nächsten, besonders an heutigen betont "antikulturellen" und "antiplatonsichen" Lehranstalten, wie es zumindest mir scheint. 

Was bisher geschah

Die Überlegungen in den zwei ersten Teilen dieser intellektuellen Vorarbeit dienten - abgesehen von polemischen Vergnüglichkeiten - vornehmlich einem Ziel: durch einen Wald hohler Bäume den Weg zum Menschen und zu seiner existentiellen Wirklichkeit zurückzufinden. Dies tue ich aus einer gemässigt konservativen Haltung heraus, die ich "gemässigter Historizismus" nennen möchte, der die Evolutionstheorie seit Spencers Tagen implizit miteinschliesst. Es wäre indessen nicht in meinem Sinn, wenn man meine Beiträge in postmoderne, neolinke, grüne oder feministische Richtungen drehen möchte, auch nicht in eine neu-existentialistische oder neopragmatistische Richtung. Marx und Nietzsche sind für mich wichtige Brückenpfeiler (es entsteht eine grosse Spannweite für verschiedene Argumente), aber keineswegs parachristliche Propheten, denen man Gehorsam schuldet. Also keine intellektuellen Opfer aus ideologischen Gründen. Das sehen wir zur Genüge beiderseits des Atlantiks. Marx steht für den kollektiven Aspekt der Existenz (immer in der Menschheitsgeschichte und soziologisch relevant), während Nietzsche einem fast schon biologischen Individualismus das Wort spricht, den wir nicht in eine üble Richtung wenden wollen. Als Demokrat lasse ich auch andere Meinungen gelten, selbst wenn ich sie nicht hoch schätzen kann. So muss ich mit der Tatsache leben, dass akademische Philosophen (das Geschlecht ist dabei völlig egal) in unserer Gesellschaft ungefähr die gleiche Rolle spielen, wie Sternschnuppen am Abendhimmel - von ganz wenigen wahrgenommen, und kaum gesehen wieder erloschen. Das hat mit dem materialistischen und ideologischen Einstellung in vielen westlichen Hochschulen zu tun, die der Psychologie und den intellektuellen Bedürfnissen der Studenten keine Rechnung trägt: schale Statistiken und linke Glaubenssätze, anstatt beim Nachwuchs wilde, unkontrollierte geistige Energie freizusetzen, nicht zuletzt auch um den Charakter von jungen Menschen zu stärken (ganz ohne Indoktrination, versteht sich). Der Weg zurück zur Realität, wie gesagt. Den beschritten wir im ersten und zweiten Teil ... 

  • mit dem Begriff der Arbeit, weit entfernt an Marx und an den anthropologischen Funktionalismus angelehnt,
  • mit einem Verständnis von Objektivität, das analog zur Wissenschaft "jenseits von Gefühl und Gesinnung" liegt, aber damit nicht voreilig behauptet, Philosophie sei ab jetzt eine exakte Wissenschaft,
  • mit der Semiotik als Hilfswissenschaft, die uns erlauben soll, Kunst in eine Art Sprache zu übersetzen und so Ästhetik (in Bezug auf Kunst, Literatur und Philosophie) als einen Generationen übergreifenden Diskurs verständlich zu machen, ohne gleich in unverbindliche Sprachphilosophie abzurutschen.

Ich denke, das ist ein hoffnungsvoller Ansatz mit Zukunft. (Allen meinen Ansichten darf herzhaft widersprochen werden.) Allerdings muss ich an dieser Stelle im Sommer des Jahres 2018 eingestehen, dass ich öfters (an meinem Blog und an meinem Roman) open air arbeite und zu weit weg von meinen Büchern und von der nächsten Universitätsbibliothek in Wohlgefallen wandle. Das heisst, mir sind aufgrund biographischer Sonderheiten und Freiheiten enge Grenzen gesetzt, um mein philosophisches Programm auszuführen. Das mag wie ein Ausrede klingen, aber so ist das Leben eines freischaffenden Intellektuellen, der erfolgreich das gängige ideologische Korsett abgestreift hat, und dafür einen hohen Preis bezahlt hat. Ich darf auf bezahlte Akademiker hoffen, die mir bei der Ausarbeitung einer wirklichkeitsnahen objektivistischen Ästhetik behilflich sein können. Gute Leute, die meinen generellen Ansatz namens "gemässigter Historizismus" einigermassen verstehen und teilen können, weil sie kulturinteressiert und -beflissen sind, und nicht ausserhalb der Historie lustwandeln. Das wäre auch für die Auseinandersetzung mit Kant wünschenswert, die mich persönlich gar nicht reizt und sogar etwas abstösst (wegen der ganzen gepuderten Künstlichkeit des Unterfangens). Ich setze viel lieber bei der nächsten Generation an, die sich ebenso stark am grossen Goethe orientiert und kulturell viel besser grounded ist: Schelling, Hegel, ferner Fichte, aber sicher auch Schopenhauer. Dann geht es schnell einmal weiter zu Nietzsche und Bergson, von dort am besten zu Peirce und Whitehead, dann sind wir bereit für C. W. Morris und J. M. Lotman. Dieser Kurs bedarf eventuell der Anpassung oder der Erweiterung, vielleicht mit Teilen der Kommunikationstheorie oder so ähnlich. Aber eben, jedem das seine.

Beispiel einer sinnvollen Theoriebildung

So, nach der früher betriebenen ideologischen Katharsis "gegen Links und Aufklärung" sind wir bereit, auf kreative und wirklichkeitsnahe Art und Weise, eine Skizze der zu bauenden Theorie zu präsentieren. Wie im ersten Beitrag gesagt, wollen wir ganz nahe am Künstler, Kunstbetrieb oder Kunstprozess theoretisch verstehen, wie der schöpferische Impuls in einem soziokulturellen Kontext "von der Inspiration zur Rezeption" gehen kann. Da ich in Ethik und Politik alles auf dem Begriff des Lernens abstütze (in meinen mündlichen Ausführungen), denke ich, dass wir mit grossem Vorteil den grundlegenden Begriff der Tradition als "Generationen übergreifenden Lernprozess" (intra- und interkulturell) verstehen können und auch sollten. Das heisst, individuelle Künstler und künstlerisch-literarische Richtungen "nehmen von der Vergangenheit und geben der Zukunft", was sie aus der Tradition herausfiltern und anreichern (frei nach Bergson und Whitehead). Ergänzend dazu möchte ich den Begriff der Dialektik voll gelten lassen, denn Hegel kommt sehr nahe an die menschliche Erfahrung heran - besonders an die kollektive, halb-bewusste Erfahrung einer wachsenden Kultur. Dabei steht das übergreifende Ideal (respektive das weltliche Endziel) nicht an erster oder letzter Stelle, sondern es geht mir nur um den fruchtbaren Konflikt der Ideen - um "wilde Energie", die einer zielgerichteten Struktur harrt, die ich Studenten und Interessierten weitergeben möchte. Das scheint mir alles ziemlich ästhetisch und plausibel zu sein, deshalb fahren wir gleich mit Punkt 2 in unserer Theoriebildung fort, mit einer Umschreibung, die nicht ganz unabsichtlich an Sigmund Freud erinnert (wieder das zentrale Thema Konflikt, wie bei Hegel und Marx):

  • objektiver Punkt 1 - kultureller Lernprozess (stehen) 
  • objektiver Punkt 2 - das Individuum in der Kultur (entstehen)
  • objektiver Punkt 3 - das Neue als objektive Erscheinung (herausstehen)

Für Heidegger-Liebhaber in Deutschland und anderswo (zu denen ich mit Sicherheit nicht gehöre) habe ich die Wortreihe stehen - entstehen - herausstehen erfunden, die einigermassen gut ausdrückt, was ich im Sinne habe, nämlich weitgehende Objektivität, aber kein prinzipieller Anti-Idealismus (wegen Hegel, Coleridge und anderen). Nun, bei Punkt 2 geht es um das Individuum und seinen Umgang mit Werten, Symbolen, Bildern,  Glaubensgehalten, Materialien und Techniken, die ihm von der Tradition, oder allgemein von der "Kultur in der Geschichte" zur Verfügung gestellt werden (etwa die Sonatenform nach Haydn für das Schaffen von Mozart, Techniken und vereinzelte Innovationen im Orgelbau, neue Technologien für junge Wissenschaftler, und ähnliches mehr). Die theoretisch-praktische Achse bei Punkt 2 bildet die Polarität "Konformismus - Innovation" (oder "Antikonformismus"), um das oft übersehene Moment des Konfliktes herauszuheben. Latente und patente Konflikte - das ist, was Realisten jenseits von Gefühl und Gesinnung interessieren dürfte, wenn ich mich nicht irre. Wenn wir Aristoteles und die alten Griechen in Ehren halten, dann wissen wir, dass nicht nur das Kunstprodukt entsteht, sondern der Kunstproduzent selbst, also der Künstler in der Gesellschaft als durchaus objektive und bewertbare Erscheinung. Nach der "Anfangsphase" einer standardisierten - und deshalb relativ sterilen - Ausbildung wird der Künstler (wie immer sind alle Geschlechter gemeint) direkt mit und sogar gegen sein eigenes Schaffen lernen und wachsen: ein überaus intensives Lernerlebnis, das unmittelbar mit dem neurologischen bzw. psychologischen Phänomen der Kreativität zusammenhängt, und deshalb einen interdisziplinären Ansatz verlangt (wie immer, wenn Physik, Psychologie, Linguistik oder andere Fächer hineinspielen). Hochkomplexe Tatsachen lassen sich ohne Interdisziplinarität nicht auf nachhaltige Weise behandeln. Ein Verzicht auf Interdisziplinarität ist theoretische Quacksalberei. Ich persönlich glaube, dass Kreativität nicht als individuelles Wunder, sondern als komplexer sozialer und psychologischer Lernprozess zu verstehen ist. Das Verb "glauben" soll mich hier erstmal von dem Vorwurf der Quacksalberei schützen und lässt das Feld für alternative Auffassung offen (ganz egal, was ich von solchen halten mag).

Der theoretische Punkt 3 knüpft unmittelbar an Bergson und Whitehead an (ferner an James und Dewey) und fragt nach der Emergenz (Erscheinungen, absichtlich oder unabsichtlich) und folglich nach der objektiven Geltung des Neuen in kulturellen Angelegenheiten - in unserem Zusammenhang vor allem in den überlappenden Bereichen Kunst und Literatur.

Grenzen einer objektivistischen Ästhetik

Es scheint mir wichtig, bereits beim Design einer neuen Theorie mutmassliche Grenzen zu sichten. Wenn diese dereinst überschritten werden können, umso besser. Spontan fallen mir zwei Mauerabschnitte ein, die möglicherweise unüberwindbar sein:

  1. Kreativität,
  2. objektive Gütekriterien, 
  3. vermutlich mehr.

Der Begriff der Kreativität ist ein Stellvertreter oder ein Knotenpunkt. Kreativität ist nicht wie 'Seele' oder 'Bewusstsein' ein traditionelles und phänomenologisches Etwas, das etwas tut oder bewirkt. Kreativität ist ein Regen von Nervenimpulsen, ein Wetter, das sich in günstigen Augenblicken über Denken, Fühlen und über den ganzen Körper ergiesst. Das klingt fantasievoll esoterisch, ist aber philosophisch ernst gemeint. Ich gehe als Laie  mit einigem Selbstvertrauen davon aus, dass wir Kreativität psychologisch und neurologisch erst verstehen, wenn wir 90% der Gehirnfunktionen adäquat verstehen, das heisst - vermutlich nie, jedenfalls nicht in diesem Jahrhundert. Ich wünsche mir als freiheitlicher Demokrat mit einem sozialen Bewusstsein, dass das menschliche Gehirn ein unbekanntes Gebiet bleibt, denn die Folge eine solchen Wissens wäre Technologie, und die Folge einer solchen Technologie wäre früher oder später eine subtile und perfide High-Tech-Diktatur, vom Grosskapital und von einer gutmenschenartigen linksliberalen Ideologie untermauert und zementiert. Hier brauchen wir eine gigantische Barrikade, so dass menschliche Intelligenz nicht manipuliert oder künstlich erzeugt werden kann, um sie alsdann gegen unliebsame (sprich konservative) politische Gegner zu missbrauchen.

Dann die schwierige Sache mit den Gütekriterien. Hier sind wir erst für eine ernsthafte Diskussion bereit, wenn wir uns in einer ideologischen Katharsis von moralistischen Vorurteilen reingewaschen haben, was hier der Fall ist. Es geht nicht um "gute" und "schlechte" Menschen und Dinge im Leben, sondern um einen Standard, der so etwas wie einen "Erkenntnisfortschritt" (analog zur Wissenschaft) in künstlerischen Angelegenheiten ermöglichen soll. Nun gibt es hier aber Interferenzen, die eine objektive Begutachtung empfindlich stören:

  1. moralistische Einstellungen aufgrund einer Ideologie (für uns erledigt),
  2. der ganze Kunstmarkt, mit den Verzerrungen, welche autoritäre Staaten und reiche Geldgeber mit ihren Mitteln in den kreativen Betrieb hineinbringen,
  3. vermutlich mehr.

Das Fazit, das ich hier vorwegnehmen kann, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit so ausfallen (Irrtum nicht ausgeschlossen):

Kunst, Literatur und Philosophie sind sui generis, was nicht verhindert, dass sich die drei Tätigkeitsfelder des menschlichen Geistes überlappen. Das heisst zunächst, dass es keine interessante Analogie zur Wissenschaft gibt, wenn wir darunter beispielsweise "literarische Tätigkeit ist mehrheitlich eine wissenschaftliche Tätigkeit" verstehen wollten. Also macht es für uns keinen Sinn, von einem irgendwie gearteten "Erkenntnisprogress" zu sprechen, und auch nicht von "Wohltaten für die Gesellschaft" (i.e. sozialer Fortschritt, moderne Wissenschaftsauffassung nach F. Bacon). Eine griechische Tempelruine und die Säulen von Persepolis stehen nicht "unter" mittelalterlichen Gemäuern und Gewölben, ja nicht einmal "unter" alten Weinfässern aus dem 13. Jahrhundert. Alle praktischen und höheren Kunstobjekte haben volle Geltung und bestehen neben, mit und gegen einander. Bei der Goldschmiedekunst ist man sogar versucht zu sagen, dass die antiken Feinschmiede (Kelten, Skythen, Thraker, u.a.) geschickter waren als die modernen, wenn man die jeweiligen Arbeitstechniken ins Zentrum rückt und das nötige Geschick miteinander vergleicht (experimentelle Archäologie). So viel im dritten Teil unseres theoretischen Entwurfes. Fortsetzung folgt.


(Das ist der dritte Teil von "Linien einer objektivistischen Ästhetik". Den ersten Teil finden Sie hier. Den zweiten Teil finden Sie hier.)