Matthias Roggo

Linien einer objektivistischen Ästhetik II

Die westliche Philosophie steckt seit 1800 mit einem Fuss in der subjektivistischen Falle. Ein Gebiet wie Ästhetik kann Alternativen aufzeigen. Nichts ist einfach. Eine Vorarbeit.

Wenn wir einen Versuch im Bereich Ästhetik und Kunsttheorie wagen, dann ist damit nicht nur der Bereich der Kunst in Geschichte und Gegenwart abgedeckt, sondern wir berühren Fragen nach dem Wissen, der Wirklichkeit und letztlich auch nach dem Sinn des Lebens. Alles, was uns angeht und alles, was uns beschäftigt, ist wie ein weit gespanntes Netz zwischen den psychischen Erfahrungszentren (Individuen in der Geschichte), das sehr empfindlich auf Berührung reagiert. Wenn wir das Netz im ästhetischen Bereich ganz leicht antippen, beginnen die weiter davon entfernten Bereiche mitzuschwingen. Es ist beinahe so wie mit dem Beispiel des Schmetterlings in der Chaostheorie - übrigens eine Theorie, die in der Metaphysik meines Wissens seltsam vernachlässigt wurde. Wenn wir in der Ästhetik interessante und pertinente Aussagen treffen können (wer weiss, vielleicht gelingt uns das), dann lassen sich diese vermutlich für andere Abschnitte des philosophiehistorischen Netzes adaptieren: Metaphysik, Erkenntnistheorie, Sozialphilosophie, Religionsphilosophie u. a. Ich bin der unmassgeblichen Meinung, dass das allgemeine Bild des Menschen und der Existenz auf Erden einer Klärung bedarf. Es fällt mir schwer, bunten Thesen über Schmetterlinge zu folgen, die vorgeben, etwas über die Flügelspannweite von Geiern aussagen zu können. Der Weg zurück in die menschliche Realität sehe ich ungefähr so vor mir: mit Aristoteles (Rettung der Phänomene), Nietzsche (Wille und Tragik des Lebens) und Marx (soziale und ideologische Konflikte). Obwohl nicht konservativ, habe ich das bestimmte Gefühl, dass die drei Buchreligionen "trotz allem" viel näher an die menschliche Erfahrung heranreichen als aufklärerische Besserwisserei und linkes Moralisieren, das heute zum guten Ton gehört.  Lächerlich. Man mag das alles heftig bestreiten, und ich warte gerne auf "überzeugt optimistische" Gegenargumente bezüglich "guten" und "schlechten" Menschen (die partout nicht verstehen wollen und die man zum Glück zwingen muss). Wie dem auch sei, ohne Zugriff auf die eher unerfreuliche menschliche Wirklichkeit macht für mich auch eine ästhetische Theorie keinen Sinn. Denn "gute" und "schlechte" Kunst (oder Literatur) ist kein theoretisches Verdikt, sondern ein modisches, ideologisches, und nicht zuletzt auch ein wirtschaftliches, ohne tieferen theoretischen Wert, ausser dieser kann auf anderem Weg aufgezeigt werden. 

Jenseits von Gefühl und Gesinnung

Alle was der Mensch nicht kennt, ist der Mensch ... Es liegt in der Natur der Wissenschaft (seit Demokrit und Aristoteles), intersubjektiv zu kommunizieren, dabei aber objektiv zu intendieren. Wenn der Professor im Sommersemester 2002 den Studenten sagt: "Ich möchte heute mit dem Thema Kreativität fortfahren und werde versuchen, mit ein wenig Imagination die wichtigsten Punkte auf eine Reihe zu bringen", dann heisst das nicht (i) dass der Herr Professor bezüglich der Materie "subjektiv" ist, oder (ii) dass die Studenten in Wirklichkeit nur die Psyche des Professors "lernen". Das heisst auch nicht, (iii) dass die Motivation der Teilnehmer irgendwie die Pros und Contras steuert, denn diese existieren als Denkformen auch, wenn Teilnehmer klar eine von zwei Position beziehen. Wenn ich "dafür" bin, verschwindet "dagegen" nicht automatisch (ausser in Diktaturen und Pöbeldemokratien, letztere wieder aktuell, vielleicht Aristoteles und Nietzsche zu Ehren). Weiter bedeutet (iv) eine falsche Darstellung der (sagen wir) authentischen marxistischen Theorie, oder von Herbert Spencers grosser Leistung zu seiner Zeit (nach Hegel) nicht, dass Herr Professor "subjektiv" und voreingenommen ist, sondern es bedeutet zunächst nur, dass er sich mit der Materie nicht lange genug auseinandergesetzt hat. Arbeit und Intellekt sind die Kriterien, nicht Gefühl und Gesinnung. Ob und wie Gefühl und Gesinnung hineinspielen, soll die Studenten in unserem Beispiel nicht bekümmern, sofern sie nicht selbst davon betroffen sind. Die Studenten informieren sich im Idealfall selbst und finden gemeinsam heraus, dass Herr oder Frau Professor ziemlich schlecht informiert ist oder noch besser - dass da jemand bei der Dissertation geschummelt hat und bei Fragen von Lernenden im Hörsaal ins Schlittern gerät. That's it. Kein Grund zur Aufregung.

Nochmals zur Wissenschaft allgemein: Es liegt in der Natur der Sache, Psychisches zu Nicht-Psychischem zu reduzieren. In der Psychologie wird nicht selten Innerpsychisches (Patient) mit Ausserpsychischem (pathogene Bedingungen) korreliert oder gar reduziert, wenn der Patient gewissermassen als "unschuldig" und heilbar gilt. In der angelsächsischen Philosophie war es seit dem Amerikanischen Pragmatismus Mode, alles irgendwie gelten zu lassen und die Sachen entsprechend zu relativieren: Religion bleibt zwar irgendwie "subjektiv" (psychologisch), aber sie hat über die Jahrhunderte doch irgendeinen einen Nutzen (auf persönlicher Ebene oder auch gesellschaftlich). Wenn die Wissenschaft mit leeren Kategorien (oder Sammelkategorien, teilweise ideologisch) wie "Bewusstsein", "Kreativität" oder "Willensfreiheit" nicht weiter kommt, muss halt der Pragmatismus der Philosophie einspringen und erklären, dass die besagten wissenschaftlichen Nebelgebiete "nicht reduzierbar" sind (Prof. Mark Rowlands war ein Vertreter des Nichtreduktionismus, in The Nature of Consciousness, 2001). Gleiches für andere Nebelgebiete unter der Schädeldecke. Philosophische Postulate und Verdikte haben tatsächlich nur eine Funktion (recht uninteressant für Wissenschaftler), nämlich, den akademischen Diskurs zu standardisieren und steuerbar zu machen, was sich auf die politisch einseitige Selektion des Lehrpersonals auswirkt. Die Vereinfachung läuft darauf hinaus, Nicht-Experten (nämlich Philosophen, wie immer männliche, weibliche und andere Versionen davon) zu ermächtigen, Urteile von Experten zu fällen, also aufgrund von Vorurteilen oder falschen Voraussetzungen die philosophische Diskussion weiterzuführen, was wiederum mit Konkurrenz und Karrieremöglichkeiten an Hochschulen zu tun hat (und mit dem durchschnittlichen Talent aller Beteiligten, rein statistisch gemeint). Das merken Studenten spätestens im dritten Studienjahr, und dann beginnt schon die Auswahl zwischen den Konformen und den Originalen. Es ist klar, wer von beiden Typen die Universität früher verlassen wird (und was das langfristig für die westliche Gesellschaft bedeutet). Vor den beiden Weltkriegen war das anders, ganz anders. 

Also, wenn der Mensch sich im Spiegel anschaut, dann sieht er oder sie zwar etwas Existentes und "Richtiges", aber die wissenschaftlich relevanten - teils unbekannten - Bedingungen innerhalb und ausserhalb von Subjekten bleiben unsichtbar. Deshalb ist die Losung "Geist erkennt Geist" falsch, oder zumindest sehr unzureichend. In einer Arbeit zu Demokrit - übrigens ein Held der Wissenschaft - schrieb ich einmal "Materie erkennt Materie", und das ist ebenso richtig wie die Haltung mit dem geistigen Erkennen. Hier liegt auch die Wurzel meines Antikantianismus und meiner Ablehnung von simplistischen aufklärerischen Postulaten vom guten, erleuchteten Menschenkindern, von der mütterlichen Natur, auch vom väterlichen Gott, der uns menschliche Vernunftsprotze einfach so gewähren lässt (eine Art New Age Bewegung des 18. Jahrhunderts, meine ich), vom ausweichenden religiösen laissez-faire einmal ganz zu schweigen. Die Behauptung, es liesse sich kraft menschlicher Intelligenz präzis sagen, was menschliche Intelligenz denn wirklich sei und vermöge, ist philosophische Kraftmeierei im Rokokogewand. Der menschliche Intellekt kann sich bei seiner Denkarbeit nicht selbst beobachten, genau so wenig, wie sich das menschliche Hirn gleichsam "von aussen" betrachten kann (Beispiel von Bergson). Wenn wir auf kantianische Art und Weise sagen, die "noch nicht bewussten" Sinneseindrücke werden nach Kategorien A, B, C und D geordnet, dann sagen wir damit nicht viel mehr, als dass uns Gegenstände "man weiss nicht wie" entgegentreten (oder wir ihnen), und wir diese nach pragmatischen Kriterien (zunächst Zeit und Raum) in Diskurs und Transaktionen einfliessen lassen. Dass heisst für mich, dass der Kantianismus nur in einer verwässerten Form von Pragmatismus überlebensfähig ist, wobei der Pragmatismus an sich auch nicht befriedigend ist. James und Deweys Arbeiten zu Religion und anderen Themen haben indessen den Vorteil, dass da eine echte Bemühung vorliegt, etwas "wirklich" zu verstehen (um den vagen Begriff der Erfahrung zentriert, anstatt weg-zu-katalogisieren und weg-zu-schematisieren). Es ist meines Erachtens dennoch so, dass kein einziger amerikanischer Pragmatist einem Nietzsche oder einem Bergson das Wasser reichen kann (am ehesten noch G. H. Mead, wenn man ihn unbedingt als Pragmatisten ansehen will). Beide haben klar erkannt, dass sich Kant in eine skeptizistische Sackgasse hineinmanövriert hat: keine echte Alternative zu Platon und Aristoteles, ein reaktionäres protestantisches Ansinnen, eine Pathologie des westlichen Denkens, die 200 Jahre später zur Zersetzung der akademischen Philosophie führen wird - und indirekt zu einer Bildungsarmut in vermeintlichen Informations- und Wissensgesellschaften. Da will man plötzlich von nichts mehr wissen, weil alles Kulturelle und Historische auf einmal "uninteressant" geworden ist - und sowieso alles relativ und menschlich gefärbt ist -, und behauptet im gleichen Atemzug, dass man da eine exakte, hochwissenschaftliche, "analytische" Wissenschaft betreibe oder gerade neu erfunden habe. Einfach lächerlich, aber leider noch nicht als schlechter Witz erkannt. 

Dennoch eine Provokation an mich selbst gerichtet, um meine Motivation aufzuzeigen: Was soll dieses ganze Gelaber von Wirklichkeit und Objektivität, und gerade in Kunst und Literatur? Nun, wer Kunst sagt, sagt Mensch, und wer Mensch sagt, sagt vieles ... Dann ist nicht einzusehen, weshalb der Mensch einerseits ein Objekt des Denkens sein kann, andererseits gleich wieder im Sumpf des Subjektivismus untergehen soll, nur weil das menschliche Gehirn komplexer ist als der Aufbau eines Palmblattes. Komplexität behindert oder verbietet Objektivität nicht. Es liegt in der Natur der menschlichen Sache, dass die Wissenschaft eine Entdeckungsreise vom Bekannten ins Unbekannte ist (frei nach Spencer und Hartmann). Die Reise ist real, die Reisenden nicht weniger, und das Unbekannte "da vorne" muss sich nicht direkt manifestieren, um der nützlichen Hypothese der "mutmasslichen Existenz" standzuhalten. Beweise laufen oft auf negativen oder indirekten Schienen, und einige Hypothesen lassen sich nicht einfach wegargumentieren. Das beliebte moralistische Argument etwa, dass da glaubensstark verkündet, es gebe die menschliche Misere nur, weil es dort irgendwo unglaublich "schlechte Menschen" gebe, eliminiert die Tatsache keineswegs, dass Menschen arg begrenzte und fehlbare Kreaturen sind, die es eben nicht auf die Reihe bringen, glücklich und rational zu sein. Es fehlt an globaler Willenskraft und weltumspannendem Organisationstalent, modisch und internationalistisch ausgedrückt. Hier erkennt man, dass Marx und Engels einen echten Fortschritt für die Gesellschaftskritik bedeuten. Selbst wenn die beiden Männer singuläre deutsch-viktorianische Denker waren (mit den entsprechende Grenzen und Widersprüchen), so laden sie doch die Schuld der Geschichte nicht auf "schlechte" Menschen oder "schlechte" Religionen oder was es auch immer Schlechtes in der Welt geben mag, sondern sie verstehen die Historie ganz richtig als eine Art griechische Tragödie, welche die Emanzipation vom "mechanischen" historischen Schicksal ankündigt (Monopole und materialistische Ethik der Reichen, Klassenkampf, endliche Befreiung analog zum Christentum). Analog dazu kann es nicht "gute" und "schlechte" Kunst von "guten" und "schlechten" Menschen oder Systemen geben. Eine solche Position wäre "präemptiv religiös", wie ich es als weltlicher Ethiker nennen würde. Sozialistischer Realismus oder sowjetischer Funktionalismus (Architektur) sind nicht per se "schlecht" und "uninteressant", nur weil gemütlichen Bürgern auf dem (vermutlich chinesischen) Sofa die Tragik des 20. Jahrhunderts nicht behagt. So sind die drei Lettischen Schützen (1970) in rotem Granit vor dem Okkupationsmuseum in Riga immer noch ein ganz beachtliches Kunstwerk, auch wenn man ganz und gar kein Bewunderer dieser mobilen Kampfeinheit und ihrer bolschewistischen Freunde ist. Ebensowenig sind nicht alle Leninstatuen als "entartete Kunst" zu verdammen, denn einige davon sind durchaus gelungene Kunstwerke in einem realistischen Stil (freilich mit ideologischem Innenleben, aber das ist bei farbenprächtigen Napoleons in Öl auch nicht anders). Es gibt übrigens auch gelungene Porträts von Wladimir Putin, die in Russland die Zeit überdauern werden. Ein gemütlicher Gutmensch mag aus ideologischen Gründen erbauliche Suppendosen von Andy Warhol einem geschichtsträchtigen Porträt des autokratischen russischen Präsidenten vorziehen, aber eben - Gemütlichkeit und Gutmenschentum sind für Ästhetik und Kunstgeschichte keine brauchbaren Orientierungen oder Kriterien. Frau Prof. Elena Ermolaeva aus Russland hat mir vor ein paar Jahren geholfen, diesen höheren Standpunkt einzunehmen, indem sie sowjetische Kunst zunächst einfach Kunst sein lässt, die sich deuten und verstehen lässt. Objektivismus bedeutet für mich die völlige Verbannung von Werturteilen selbst dann, wenn sich Werturteile gleichsam aufdrängen (etwa, wenn es um die Plage des Antisemitismus geht). Werturteile sind völlig zu eliminieren, oder dann ernsthaft zu reflektieren, etwa in Psychologie oder Soziologie, und abhängig davon auch in der Philosophie. Werturteile bezogen auf Geschmack oder Ideologie haben keinen Platz in einer objektivistischen Theorie, sei es nun Ethik, Ästhetik, Erkenntnistheorie oder Metaphysik. Deshalb würde ich im Vorlesungssaal fordern, dass das unglückliche Paar "Gefühl und Gesinnung" aus Diskursen zu isolieren sei, sofern Gefühl und Gesinnung nicht als definierte Gegenstände der beiden komplementären Disziplinen der Psychologie, der Individualpsychologie und der diese gleichsam umgebenden Sozialpsychologie, geführt werden. (Vielleicht könnte man als Ausgleich in der Freizeit turbulente "moralizing meetings" anbieten, wo sich übereifrige Studenten und Lehrende moralisch abreagieren können.) Das Rezept gegen billiges Psychologisieren und Moralisieren ist die Anwendung und Weiterentwicklung der Psychologie selbst. Aber auch hier sehe ich persönlich die Psychologie nur auf Grundlage von Soziologie und Ethnologie, so wie Wirtschaft und Politik. Fast alles hängt von den gesellschaftlichen Bedingungen ab, von dem, was vom antiken Schicksalsgedanken übrig geblieben. Die Sozialpsychologie ist demnach eine theoretische Brücke vom Individuum zur wechselwirkenden Bezugsgruppe, also von Psychologie zu Soziologie, respektive Ethnologie (schnell gesagt "der Mensch in der Kultur"). 

Allgemein geht es mir darum, nach den Luftbildern der Aufklärung und den modernen Predigern der Menschlichkeit wieder den Weg in die menschliche Realität zurückzufinden, also einem philosophischen Naturalismus das Wort zu sprechen. Wirtschaft und Politik sind sicher wichtig, aber meine Grundorientierung ist durchwegs "kulturell", worunter ich ganz genau "Soziologie plus Ethnologie" verstehe. Die Semiotik nach C. W. Morris und J. M. Lotman ist ein Schema, um kulturelle Mechanismen darzustellen und auf eine abstrakte Weise zu verstehen. Aber das Fleisch am Knochen ist soziologischer und ethnologischer Natur. Die Hierarchien, die das Individuum beschränken und "verwenden". Ich glaube, dass Wirtschaft und Politik am besten verstanden werden, wenn wir sie quasi "von aussen" als Gesellschaftserscheinungen auffassen. Das "von aussen" ist freilich nicht naiv (als "rein" und "neutral" wie be Kant) gemeint, sondern einfach eine kurze und verständliche Sprechweise, die ich hier benutzen möchte. Man mag meine Auffassungen kritisieren, ganz klar. Wenn man das tut, darf man mich gerne auf Fehler aufmerksam machen, wenn denn von mir grundsätzliche Fehleinschätzungen gemacht wurde. Man benutze dazu bitte die angegebene E-Mail-Adresse.

Das Subjekt als Teil der Objektivität

Der grosse Descartes forderte die Antwort eines anderen bedeutenden Franzosen heraus. In der Tat schrieb Maine de Biran, dass Descartes allgemein Recht habe, aber dass das factum brutum der Widerstand "von etwas" sei, das es tatsächlich gebe (meine Worte). Damit ist der Grundstein für Peirce's Zweitheit gelegt und die überflüssige Diskussion zu Kants "Ding an sich" erledigt (eine theoretische Leerstelle, etwa wie Gott und der Dämon bei Descartes, Anleihen bei der christlichen Mythologie). Es erstaunt nicht, dass "Widerstand" wieder mit der grossen aristotelischen Tradition seit den Tagen des Meisters verbunden ist, wie könnte es auch anders sein (so auch das Konzept der Funktion).

Kräfte und Kategorien erklären absolut nichts, aber Grundmuster wie "Funktion", "Widerstand" (Grenzen) "Effekt" (Nutzen) oder wertneutral "Fähigkeit" (Performanz) scheinen den sekulären Erfahrungstatsachen der Menschheit ganz gut zu entsprechen. Es ist übrigens ein Irrtum, zu meinen, Aristoteles hätte da ähnlich wie Kant, Peirce oder Whitehead versucht, kulturelle und natürliche Phänomene irgendwie mit Kategorien abzufertigen. (Peirce und Whitehead fühlten sich aufgrund gängiger akademischer Diskurse und Wertungen verpflichtet, irgendwie an Kant anzuknüpfen, was durchaus nicht nötig gewesen wäre. Konvergenzen hätten sich auch so ergeben.) Aristoteles ging es immer um komplementäre Vorgänge, um ein Auf und Ab. Der vorgeschnittene Marmorblock verliert so viel an seiner (theoretischen) Substanz als die dorische Säule an deren Substanz im Arbeitsprozess gewinnt. Der Künstler und Handwerker realisiert dabei sein Potential bestehend aus praktischen Wissen und Talent (im Verhältnis 9:1, wie Haydn, Mozart und Beethoven sehr gut wussten) und steckt gleichsam Kraft und Wissen in den Gegenstand seiner Arbeit. Kräfte und Kategorien haben null "Erklärungskraft", ein System von Kategorien erklärt mehr, wer oder was sich hinter der Theorie verbirgt, und wie er oder sie intellektuell geformt wurden und sich entsprechend gebärden (biologisch  determiniert und in der Kultur konditioniert). Spinoza und Leibniz, zum Beispiel, oder Schelling und Hegel, oder Bergson und Whitehead, oder auch Bradley und McTaggart, in den Jahrhunderten seit Descartes' Wirken. Alles ist in ein weiteres Netz eingebunden.

Es ist klar, dass es so etwas wie Subjektivität, Motivation und (stets eingeschränkte) persönliche Freiheit gibt. Nur geht es in einem intersubjektiven Diskurs zwischen verschiedenen Individuen aus verschiedenen Gruppen und Gemeinschaften nicht um Gefühl und Gesinnung, sondern um Gelingen und Scheitern. Wenn schlechte Absichten unerwartet willkommene Folgen haben, dann um so besser. Alles hat zwei Seiten, sei es nun in der Psyche oder in der Welt, die wir als real annehmen dürfen, ohne den letzten Beweis dafür erbringen zu können oder auch nur zu wollen. Stärke und Schwäche, Gelingen und Scheitern, Weisheit und Kurzsichtigkeit ... nicht als moralische Kategorien gefasst drücken diese Paare "werken" und "das Werk" aus (nach Aristoteles), weiter "Wirkungen" oder Konsequenzen. Die kreativen und destruktiven Interaktionen Mensch/Natur und Mensch/Kultur gründen auf Bedürfnissen und entsprechend auf Arbeit. Die Bedürfnisse mögen teilweise subjektiv sein, die geleistete Arbeit ist es nicht. Das ist der springende Punkt. Kunst ist Leben, aber zuerst ist Kunst einmal Arbeit. Ich benutzte im letzen Beitrag auch das Begriffspaar Handlungbedarf / Handlungsfähigkeit zum Guten oder zum Schlechten, wie immer in menschlichen Belangen. 

Ob wir nun von Wissenschaft oder von Erfahrung sprechen: ohne Reduktion auf Nicht-Psychisches, Nicht-Einfaches, Nicht-Bewusstes und Nicht-Tröstendes lassen sich nicht ernsthaft wissenschaftliche Positionen vergleichen und debattieren. Ohne Reduktion keine Wissenschaft. Es gibt dennoch interessante Phänomene im Graubereich zwischen Wissen und Glauben. Eine unvollständige Reduktion führt zu ideologisch durchtränkten Halbdebatten, wie etwa jene um den Klimawandel (wo so gesprochen wird, als wäre die Oberfläche der Erde klimatisch ähnlich einzuschätzen wie jene des Mars). Der populäre Schriftsteller Michael Crichton hatte vollkommen Recht, als er vor mehr als zwanzig Jahren sagte, dass Wissenschaft aufhört Wissenschaft zu sein, wenn sie zu einer Ersatzreligion hochstilisiert wird (gleiches für die heutige Politik). Es ist durchaus so, dass Philosophie sui generis ist, also weder ganz Literatur, ganz Kunst oder ganz Wissenschaft, ja manchmal nicht einmal "ganz Philosophie" (beispielsweise zu meiner Studienzeit). Das hat mit Soziologie und der europäischen Geistesgeschichte zu tun, zu der auch die Philosophiehistorie gehört.

Kurz und gut

Kunst ist ein Objekt, und der Künstler "hinter" dem Kunstwerk ist für uns hier ebenfalls ein Objekt. Es ist nicht so, dass alles subjektiv gefärbt ist, oder dass solche Färbung Objekte irgendwie verändert, "schwächt" oder relativiert, sondern dass der Mensch und sein Werk in echt aristotelischem Sinn dynamische, komplementäre Wirklichkeiten sind und insofern "absolut wirklich" und möglicher Gegenstand objektiver Begutachtung. Sowas nennt sich bedeutungsecht "Objektivismus" und sollte nicht mit einem (leicht revisionistischen) Neokantianismus zur Rettung Kants verwechselt werden. Wir retten nichts und niemanden, ausser die Phänomene, um die es uns geht. Das Realitätskriterium für objektive Erscheinungen ist kein einfaches, sondern selbst etwas Komplementäres: Handlungsbedarf und Handlungsfähigkeit. All dies wurde dargelegt, um den Boden für ein wirklichkeitsnahes Verständnis des Kunstprozesses "von der Inspiration zur Rezeption" vorzubereiten. Scheinbar umständlich und unnötig, das gebe ich zu, aber meiner Meinung nach unvermeidlich, will man sich nicht selbst die philosophischen Stolpersteine aus der jüngeren Vergangenheit in den Weg werfen. Jenseits von Gefühl und Gesinnung, von Moralismus und Zensur, liegen extrem schwierige Fragen, etwa jene nach der Funktion von Philosophie, Kunst und Literatur in totalitären Systemen; wie Kunstgegenstände aus dem ideologischen Kontext herausgeschält werden könnten, ohne sie zu verfälschen, und wie man den künstlerischen Wert der Erzeugnisse anerkennen und verallgemeinern könnte. Das wäre eine Grenzsituation einer adäquaten nicht-idealistischen Ästhetik. So wie man braun-esoterische Denker wie Evola (explizit) oder Heidegger (implizit) innerhalb bestimmter Grenzen wertschätzen kann und darf, so sollte das auch mit offiziellen Zarenporträts, Leninbüsten, Konföderiertenstatuen in den USA, Fotografien des letzten Schahs von Persien oder bei vermeintlich "perverser" Literatur möglich sein, ohne gleich von "abartigen Menschen" und "abartiger Kunst" zu sprechen und eine moralische Inquisition (wie jene gegen Oscar Wilde) zu betreiben. Ästhetik ist Ästhetik - nicht Moral, nicht Politik, und keine Diskussion über Menschenrechte in Zentralafrika oder in Südostasien. Wenn es "schlechte" Menschen gibt, dann gibt es vermutlich auch "schlechte" Kunst. Das scheint auf der Hand zu liegen, nur ist das Prädikat "schlecht" kein Kriterium für Kunsterzeugnisse, ebensowenig wie "einfach" und "komplex" irgendeine ästhetische Bewertung nahelegen. Das bekannteste Lied der Rolling Stones ist nicht "schlecht", nur weil es "einfach" gehalten ist. Ein solches Urteil würde einem echten Ästheten keine Befriedigung geben, if you know what song I mean.


(Das ist der zweite Teil von "Linien einer objektivistischen Ästhetik". Den ersten Teil finden Sie hier.)