Matthias Roggo

Erfinden ist Finden: Kultur als Gemeinschaftswerk

Gedanken zur Geschichte von Ideen und Inhalten in Kunst, Literatur und Wissenschaft. Plagiate werden zum Anlass genommen, um kritisch über Originalität und Eigentum nachzudenken.

Wie immer mehr zu hören ist, verhält sich im Westen die Zahl der Studenten (und der Abschlüsse) umgekehrt proportional zum Wissen, das vermittelt wird, bzw. das von Studenten angeeignet wird. Sich anpassen, abschreiben und nachsprechen scheinen das unfehlbare Erfolgsrezept zu sein. Deshalb verwundert es nicht, dass man sich früher oder später ernsthaft mit Plagiaten auseinanderzusetzen hat. Das ist teilweise schon geschehen. Es geht mir im Folgenden nicht um westeuropäische und nordamerikanische Bildungssysteme "in der Sinnkrise", sondern im Grunde genommen um Tradition und Kultur. Eine andere Diskussion in Zusammenhang mit moderner Bildungsarmut würde sich anbieten, wenn wir das schwierige Verhältnis von Konformismus und Demokratie kritisch betrachten würden. Das doppelte Elend von Abschreiben und Auswendiglernen an mittleren und höheren Bildungsanstalten soll hier nicht behandelt werden, um so mehr es mir als kreative Person um "finden" und nicht um "stehlen" geht. Es handelt sich um ein kollektives Versagen, das langfristige Folgen für die Demokratie haben wird. Also, steigen wir mit einem zeitgenössischen Schriftsteller ein, dem es ziemlich egal ist, was andere über ihn und sein Werk denken.

Einstieg

Nehmen wir als Beispiel den Fall von Andrzej Sapkowski, der polnische Erfolgsautor der bekannten Hexer-Serie, besser bekannt unter dem englischen Titel "The Witcher". Da gibt es einmal die Einflüsse von Märchen in der Fantasy-Literatur allgemein, was Inhalte und die Erzählweise als solche angeht (nebst Geschichte, Horror- und auch SF-Geschichten). Hexen rufen Erinnerungen an Märchen hervor. Märchen sind offenbar Allgemeingut, sie gehören gewissermassen allen, selbst die Kunstmärchen von Hauff, Andersen oder Wilde. Der Märchencharakter von Episoden in Fantasygeschichten war jüngst ein Thema in einem Austausch mit meinem geistigen Weggefährten Steve Hansen in Australien (siehe Modern Gaulish). Nun liessen sich in den Geschichten rund um den stoischen Helden Geralt von Rivera "weiche" Plagiatsanschuldigungen bezüglich gelegentlicher Märchenmotive und Ideen früherer Fantasy-Autoren vorbringen, wenn man nur lange genug nach möglichen Vorbildern sucht - am besten nach dem idealen "Urbild", welches alle weiteren Imitationen und "Diebstähle" gewissermassen verursacht hat. Solche "weichen" Anschuldigungen beziehen sich auf Inhalte, nicht auf die exakte Form, wie diese präsentiert werden. Dabei haben wir Mühe, eine genaue Grenze zwischen "Inhalt" und "Topos" zu ziehen. Sind Topoi nicht einfach allgemeines Diebesgut, also grundsätzlich nicht verschieden, wenn es um die vermeintliche Aneignung anderer Inhalte geht? Ich neige zu dieser Ansicht. Nun gut, zurück zu "richtigen" Inhalten. Richard Wagner wäre in dieser oberflächlichen Sichtweise bezüglich "weicher" Plagiate ebenso ein Kolporteur wie Morris, Rossetti oder Tolkien, oder diverse Künstler, Komponisten, Theoretiker und Esoteriker der gleichen Zeitspanne (sagen wir einamal vor und nach 1900). Bei "harten" Plagiatsvorwürfen geht es nicht nur um wiedererkennbare Inhalte, etwa "Kniefall und Handkuss beim Heiratsantrag" (beschrieben, gespielt, getanzt, besungen, verspottet, gemalt oder fotografiert), sondern um die genaue Darbietung, also um die Verwendung von Symbolen (samt Assoziationen) in einer gewissen räumlichen Anordnung, und zu einer gewissen Zeit, sagen wir, zur Zeit von Napoleon: Coleridge paraphrasiert Schelling etwas zu genau. Hegel wandelt gar stark auf Neuplatonischen und Neukonfuzianischen Pfaden, vermutlich nicht immer mit Absicht. Und wenn es dennoch Absicht war? - Kaum, und wenn schon ... Hat das jemandem geschadet? - Nicht im geringsten, im Gegenteil: wir haben Stoff für spannende Diskussionen (wie diese hier). Ändert das etwas an der europäischen Geistesgeschichte? - Nein, denn Kultur hat eine eigene Dynamik, so wie Wirtschaft und Politik, oder die Menschheitsgeschichte insgesamt. Meine Handlungen sind infinitesimal wichtig für den Verlauf der Geschichte (also ziemlich unwichtig), und es ist infinitesimal wichtig was ich dabei denke und fühle. Wer Sinn und Trost sucht, wird dieser Ansicht sicher widersprechen. 

Wenn wir uns nochmals kurz an den grossen Denkmeister Hegel erinnern, dann ist es doch fraglich, wie Hegel auf dem Weg vom Ausgang zur Ankunft seiner grossen panaristotelischen Philosophie Anklänge an christliche, jüdische, griechische, chinesische und hinduistische Kulturphänomene - und an geschätzte Kollegen wie Fichte und Schelling - überhaupt hätte vermeiden können (etwa die Inkarnation und Läuterung des göttlichen Geistes in der christlichen Mythologie des NT, wie ich einigen interessierten Studenten erklärt habe). Hätte er "bewusst" versucht, solche Anklänge zu unterdrücken, wäre sein philosophisches Programm dem Untergang geweiht gewesen. Also doch: Kultur ist eine historische Strasse mit zahlreichen Kreuzungen und Verzweigungen - auch mit Chancen und Risiken -, und der menschliche Intellekt ist ein Schmelztiegel, der sich meistens nicht daran richtet, was nun in einzelnen Individuen als "wirklich", "geplant" und "bewusst" passiert, und was gewissermassen ewig wiederkehrende Motive, Interessen und Denkstrategien in den präformierten Gehirnen unserer Spezies sind. Bewusstsein ist überhaupt kein Kriterium, und schon gar nicht subjektives Bewusstsein.

Gestohlen, geborgt, gefunden, neu erfunden?

(1) Der erste mögliche Vorwurf, Sapkowski habe in den Hexer-Geschichten (siehe "Geralt-Saga" in der Wikipedia) Motive von den Gebrüdern Grimm "gestohlen" würde nicht weit führen, haben doch schon die Gebrüder Grimm unterschiedliche Quellen gesammelt und verarbeitet. Ein solcher "serieller Diebstahl" über Generationen hinweg ist nichts anderes als ein Aspekt des Ganges der Kultur und der Zivilisation. Wie verhält es sich mit Namen (Orte, Tiere, Personen), mit Farben, Landkarten, oder mit gewissen Symbolen? Der Hexen- und Monstertöter Geralt zieht mit einem Zweihänder auf dem Rücken durch die Gegend und fällt äusserlich wegen seinem halblangen weissen Haar auf. Frisuren, Schminke, Kleider, Schmuckstücke, Amulette und Waffen sind nicht als "privater Ideenbesitz" isolier- und abschottbar. Ebensowenig wie die Idee "Drachentöter" einem Individuum oder einer kulturellen Gruppe zuzuschreiben ist, etwa als "ureigenes katholisches Motiv" (St. Georg als Symbol für die Überwindung von Häresien), das es von anderen "Benutzern" zu schützen gilt. Ein bestimmtes Motiv einer Tradition kann weder "gestohlen" noch "geborgt" werden, wenigstens nicht von einem Mitglied (Erben) einer gegebenen Kulturgemeinschaft. Das hiesse nämlich, dass die vage zu fassende "kulturelle Identität" - sagen wir von portugiesischen Katholiken - auch "geborgt" und irgendwie "konstruiert" wäre (aus fremden Elementen). Das ergibt keinen Sinn wenn Wörter ihre Bedeutung beibehalten sollen. Denn es gibt auch diese Art von Neologismen: ein "altes" Wort mit einem "neuen" Sinn versehen. Die Phrase "Frieden sichern" bedeutet seit dem 20. Jahrhundert "Krieg vorbereiten". Das verstehen wir heute ganz gut, aber im 19. Jahrhundert hätte man darüber wohl die Stirn gerunzelt (oder einen sarkastischen Spruch gemacht). Wie steht es mit den Verben "gefunden" und "neu erfunden"? Es ist tatsächlich so, dass jeder Mensch in einem bestimmten Augenblick seines Lebens mit Kulturinhalten konfrontiert wird (also diese für sich "findet"). Mit 25 findet sie "Cäsars Krieg in Gallien", mit 36 findet er den "Vorstoss der Mongolen in Polen" oder eine Klasse von Geschichtsstudenten hört an einem Donnerstagmorgen erstaunt von zahlreichen "Opfern von gut organisierten Kollaborateuren ab 1941". Solche historischen Inhalte oder Informationen werden kulturell (kommunikativ) weitergegeben, also durch schreiben, lesen, lehren und lernen (manchmal werden sie auch verschwiegen). Nun lassen sich historische Tatsachen nicht einfach über den Haufen werfen, dennoch kann "finden" im Laufe der Generationen auch "neu erfinden" beinhalten, ohne die Fakten zu verdrehen. Dann nämlich wenn es um vernünftige Interpretationen und Wertungen geht. Folter und Mord werden wohl von "Tätern" und nicht von "Opfern" begangen, sofern die beiden Bezeichnungen ihren gemeinten Bedeutungen treu bleiben. Wir erfinden die schrecklichen "Schutzmannschaften" östlich von Polen (ab 1941) gewissermassen neu, wenn wir sie heute unverblümt als "Verbrecher" und nicht mehr als Opfer der Nationalsozialisten ansehen, denn "Opfer" waren offenbar andere.

Wenn wir ein wenig über Kultur, Tradition und Geschichte nachdenken, gelangen wir zu einer ersten Verallgemeinerung, die recht nahe liegt. Stellen wir einmal für jene Leser, die folgender (meiner) metaphysischen Sichtweise zustimmen, fest: psychische Vorgänge sind komplex, also eher zirkulär als linear nach einem simplen logisch-funktionalen Input/Output-Schema, das wortreich dargestellt werden kann und trotzdem ein einfaches Modell bleibt (beliebt seit der Aufklärung). Analog dazu kommen historische Phänomene - "Kultur" im weitesten Sinne - nicht einfach aus dem kalten Nichts und versinken wieder im opaken Sumpf der Geschichte. Kultur ist an der Basis Naturnachahmung (frei nach Schönbergs Harmonielehre), oder besser: selbst ein Stück Natur, vermittelt durch die Arbeit des Menschen über Epochen hinweg (frei nach Marx). So wie sich in der Natur relativ Neues über relativ Altes lagert, so haben wir es auch in der "Kultur" mit Verzahnungen, Verwerfungen und Überlagerungen zu tun, und bei alldem immer auch mit Widersprüchen und handfesten Konflikten. Diese wirklichkeitsnahe Vorstellung bringt uns weiter zum Konzept der "Vermischung" oder "Synkretisierung" in historisch besonders aktiven Überlagerungszonen. Höchst bemerkenswert, faszinierend und uns zeitlich am nächsten ist etwa dieses Beispiel: die Superposition von Realismus und Idealismus in der jüngeren Philosophie bis zum völligen Zusammenbruch Europas 1914 und 1939. James, Royce, Bergson und Whitehead - waren sie nun Idealisten oder Realisten? - Die Antwort lautet: Sie waren, "was ihre Zeit war", nämlich gewissermassen beides. Man könnte freilich die Sache auch anders drehen und sagen, dass die Einteilung Idealismus/Realismus eher in die Literatur als in die Philosophie gehört, ausser man behandelt spezifische Fragestellungen. Zeitgeist und "Zeitgeister" beeinflussen sich gegenseitig, nur hat der Zeitgeist - das intellektuelle Klima - einen Vorsprung vor dem Original, das im Verbund mit anderen, oft verkannten Geistesgrössen die Geistesgeschichte vorwärts treibt.

Grenzen des individualistischen Menschenbildes

Das Thema "Plagiarismus" (engl. plagiarism) gehört zur weiteren Diskussion "geistiges und kulturelles Eigentum", das nicht materiell oder greifbar (tangibel) ist. Genauer geht es um Eigentumsverhältnisse von Person zu Gegenstand (Dinge), von Personen zu Ideen (nicht-tangible Gegenstände) und in einem härteren Zusammenhang auch von Person zu Person. Es stellt sich im engeren Problemkreis der "gestohlenen Worte" folgende Frage: Inwiefern sind abstrakte Symbole (hier geschriebene und gesprochene Worte) der alleinige Besitz eines vermeintlich "absoluten" Urhebers? Anders gefragt: Können die in einer gewissen Reihenfolge fixierten Sprachsymbole (oder auch nur die Imitation eines gewissen Schreibstils) absolutes Eigentum sein, wenn die Gedanken, die da ausgedrückt werden, Teil einer Tradition oder eines Generationen übergreifenden Diskurses sind? Vielleicht hilft die folgende Metapher: Der Zug (die Tradition) fährt von Generation zu Generation weiter. Je nach Bedarf werden die Gleise (die sprachlichen Ausdrucksweisen) verlegt und führen unter Umständen in eine Richtung, die von früheren Generation nicht antizipiert wurden. Damit nähern wir uns einer ideologischen Auseinandersetzung, der immer wieder ausgewichen wird. Was ist primär und somit wertvoller - intuitive gefasste Gedanken (ein Gefühl in eine bestimmte Richtung, frei nach Whitehead), oder der fertige sprachliche Ausdruck - ein materielles Zeugnis, das der Öffentlichkeit zugänglich ist (damit liessen sich die Begriffspaare privat/publik und Schema/ Inhalt verbinden). Ich werde nun ein wenig ausholen, weil der gesamte emotional-ideologische Hintergrund in die Diskussion hineinstrahlt. Der neuzeitliche (kapitalistische) Eigentumsgedanken ist eng mit dem Individualismus der Aufklärung verknüpft (oder besser umgekehrt), und beide sind als Beschreibung der menschlichen Wirklichkeit im Prinzip falsch. Der "ideologische" Individualismus ist ein Pseudo-Fortschritt gegenüber der lebensnahen, tragischen Lebensauffassung der alten Juden, Griechen, und anderer antiker Völker, die hier mit wenigen Abstrichen vertreten wird. 

Der Eigentumsgedanke wiederum beruht auf falschen Analogien. Es mag schon sein, dass die Sonne zum Sommer "gehört" und nicht zu Kälte und Dunkelheit. Daraus lassen sich aber keine positiven Rechte ableiten. Die Sonne ist kein Besitz des Sommers, und die Sonne ist auch nicht die unmittelbare Ursache für die vier Jahreszeiten auf unserem Planeten (Ursachen als Grund für Besitzansprüche). Es ist auch nicht der Fall, dass der Apfel dem Apfelbaum, das Kind den Eltern (oder nur der Mutter), die Bürger dem Staat, das Geld der Bank und meine Gedanken mir (oder anderen) gehören, geschweige denn mein Leben oder mein Körper. Wenn James Cook in einem fremden Erdteil die britische Fahne eingepflanzt hat, dann war das - philosophisch gesprochen - eine Aggression, nicht ein Argument. Willentliche Besitznahme, nicht legitimer Besitzanspruch. Der Eigentumsbegriff fördert falsche, ja zuweilen geradezu gefährliche Denkweisen (ungenaue Sprechgewohnheiten und falsche Analogien) und bedarf dringend der Klärung, selbst wenn jeder und jede alles auf Immer und Ewig sein Eigen nennen möchte. Vielleicht sollten wir mit einer konstruktiven Kritik an Lockes Eigentumsbegriff beginnen, und uns dann vorsichtig von der wirklichkeitsfremden Logik der Aufklärung zu emanzipieren. Mit der kleinkarierten Welt der Skeptiker, Aufklärer und späterer "Post-Theorien-Macher" kommen wir in der Praxis nicht weiter ("Aufklärung" ist nicht synonym mit "Fortschritt" oder mit "Zivilisation"). Die grosse Verwirrung bringt nicht die grosse Befreiung. Das AT wäre in dieser Hinsicht wieder als Orientierung zu berücksichtigen, denn der jüdische Mythos verbindet in der Genesis Eigentum mit Pflege (die aufgetragene Verwaltung der Schöpfung), was ein kerngesunder Ansatz ist, sich trefflich mit dem Begriff der Kultur verbinden lässt und auch ganz im Sinne des Aristoteles ist. (Dabei spielt es keine Rolle, ob wir an die Existenz Gottes glauben oder nicht.) "Zurück zum Bewährten" würde ich demnach zweimal laut ausrufen, dann fällt uns vielleicht auch noch etwas brauchbares Drittes ein, das wir einander zuflüstern können.

Der verfehlte Eigentumsgedanke

Ich wiederhole mit anderen Worten: Der Eigentumsgedanke ist bereits an der Wurzel idealistisch und realitätfremd. Eine Konvention, die Natur sein möchte. Der westliche Mensch wird in der Illusion erzogen (um das bessere Wort "Lüge" zu vermeiden), dass er/sie sich selbst gehöre, dass ihm/ihr die Welt offen stehe, dass alles in persönlichen Besitz verwandelt werden könne, dass Privateigentum die Persönlichkeit weitgehend "zeige" oder bestimme, und dass sowieso alles nur von seiner/ihrer inneren Einstellung abhänge. Der grosse Irrglaube, den es in den nächsten 1000 Jahren zu überwinden gilt, ist, dass uns unser Leben wie ein materieller Gegenstand "einfach so" gehöre, dass wir ein schicksalshaftes Recht auf Leben haben, dass in erster Linie andere für meine Sicherheit zuständig sind, überhaupt dass Rechte und Pflichten naturbestimmte Automatismen sind, die es bloss zu verstehen gilt (wieder die so optimistischen Aufklärer), dass das menschliche Leid ein bedauernswertes Versehen ist,  das sich "einfach so" wegplanen lässt, und etliche Befremdlichkeiten mehr. All dem ist leider nicht so. Das Leben ist Leiden in einem wirren Netz der Kodetermination (frei nach Prof. Jordan Peterson). Manchmal ist es ein Glück, geboren zu werden, manchmal ein Fluch. Einmal geboren, können wir nicht damit rechnen, dass wir das nächste Lebensjahr erleben werden, oder den nächsten Tag. Das wissen wir seit den Sieben Weisen. Mit einem realitätsfremden, übertrieben positiven Menschenbild kann man nur zur Dichotomie "gute versus schlechte Menschen" oder zur Variante "gesunde versus kranke Seelen" gelangen. Es gibt keine andere Interpretation, welche das tatsächliche Weltgeschehen und die eigene Lebenserfahrung mit dem idealistischen Menschenbild von rechtzeitigen und verspäteten Aufklärern und Sentimentalisten zur Deckung bringen könnte. Das Gute als Idee mag als notwendiges Ideal in einer bestimmten Kultur gelten; das Gute im Menschen muss allerdings mühsam gesucht, gefördert und erhalten werden, und dies nicht etwa, weil es da draussen "teuflische Menschen" gibt, die das "Wunder der Schöpfung" verderben und die angenommene "Allmacht Gottes" begrenzen. Aus einem realistischen (eben auch pessimistischen) Menschenbild heraus ergibt sich ein ganz anderes Bild von Kultur, Gesellschaft und der "Mission" der Menschheit, an welche alte und neue Aufklärer so fest glauben. Der Mensch ist durchaus nicht "von Natur" oder "von Gott aus" gut, er ergötzt sich nicht im Besitz seiner selbst, und die Regungen seiner Seele sind nicht im Geringsten seine/ihre privaten Erfindungen, auch wenn sie sich subjektiv so anfühlen mögen. Dem Menschen wird alles gegeben oder genommen, wie es sich in einer bestimmten Lebenslage gerade ergibt. Das ist, was in der Antike als "Schicksal" bezeichnet wurde. Diese Sichtweise entspricht im grossen Stil der Erfahrung der Mehrheit der Erdbewohner. Das Neue kann das Alte nur ersetzen, wenn es mehr Einsicht und mehr Tiefgang zeigt, nicht mehr Worte und weniger Einsicht.

Gedanken und Gefühle werden von Individuen in bestimmten Situationen "aktualisiert", etwa so, wie Ideen bei Platon aktualisiert werden (Platon hatte in einem weiteren Sinn Recht). Gefühle und Gedanken sind nur aus einer fragwürdigen subjektiven Sicht "privat und "subjektiv", tatsächlich sollten sie jedoch als objektive (wiederholbare) Regungen der etwas seltsamen Unterart Homo sapiens sapiens angesehen werden. So wie Hunger, Geschlechtstrieb und Schlafbedarf keine "privaten" Erfindungen und Eigenschaften von freien, gesunden, glücklichen, atomaren Personen mit hoher Lebenserwartung sind, so sind auch Gefühlsströme und Denkfiguren keine "privaten" Gegenstände (etwa Wut und irgendwelche Vorurteile). Die kommen einfach da und dort in verschiedenen Varianten und "Reinheitsgraden" vor, aber sie bleiben, was sie sind, nämlich mögliche psychische Zustände. Der Mensch in der Kultur ist der Ort für das Menschliche einer bestimmten Epoche, wobei "Menschlichkeit" nicht mit "Herzensgüte" verwechselt werden darf (eine Norm ist kein Faktum).

(2) Zurück zu Andrzej Sapkowski und zu einem weiteren möglichen Plagiatsvorwurf. Hat er Ideen von anderen Autoren geklaut oder nicht? Sapkowski zeigt sich unbeeindruckt und verneint dies, wenn es etwa heisst, er habe sich beim genre-gleichen englischen Autoren Michael Moorcock bedient. (Solches könnte man ebenso gut Steven Erikson vorwerfen, wenn wir schon dabei sind.) Schon J.R.R. Tolkien wies Anleihen an Wagners Ring des Nibelungen von sich. Kann man bei filmischen Topoi und literarischen Genre-Motiven überhaupt von "stehlen" sprechen, oder auch nur von "borgen"? Von wem denn? Von einem absoluten Urheber im Besitz eines absoluten Urbildes? Wären dann andere Kulturgüter auch "geliehen" oder "gestohlen"? Es scheint, dass hier eine direkte (allerdings nicht eingestandene) Übernahme von Platons Grundgedanken Original/Kopie geschieht. Es spricht in der Tat viel für die platonische Tradition, nur nicht in direkter Adaptation (absolute, göttliche Urgedanken, mit entsprechender Inspiration des Künstlers). Meine eigene "Urwahrheit" besteht nicht in Formen und geformten Gegenständen, sondern einfach in der menschlichen Gewohnheit namens "kreative Nachahmung" (Mimesis), welche den Kulturprozess erst verständlich macht. Gemeinsames Kulturgut lässt sich nicht mit langen Paragraphen und ehernen Etiketten in Privatbesitz verwandeln.  Es gibt in der Kultur nun mal Kriegsgötter und Fruchtbarkeitsgöttinnen: die einen gehören nicht den Männern, die anderen nicht den Frauen, und sie verschwinden nicht einfach, wenn wir sie den Kindern verschweigen, oder wenn sie uns nicht mehr gefallen. Sie sind auch keine Gegenstände unvermittelter Kultur- und Gesellschaftskritik, da traditionelle Themen und Motive in erster Linie historische Erscheinungen sind (Kunst Literatur, Religion, usw.) - als solche "unkorrigierbar" und gleichsam "immun" -, die es tel quel zu verstehen gilt. Nicht politische Statements, zu denen man irgendwie Stellung beziehen müsste. In der Geschichte der Philosophie - der Schlüssel allen Philosophierens - kennen wir den neuzeitlichen Individualismus (eben auch als historisches Phänomen), und damit verknüpft der Eigentumsbegriff, der gerade bei nicht-tangiblen Gegenständen zu unsinnigen Behauptungen und Forderungen führt, welche sich nur mit vielen Wenn und Aber erfüllen lassen. Die Unzufriedenheit hat nicht nur eine materielle Wurzel (der Mangel), sondern auch eine nicht-materielle: falsche Erwartungen aufgrund von falschem Denken. Das ist eine alte stoische Einsicht, die uns abhanden gekommen ist. Etwas in dieser Art spielt auch beim vorliegenden Thema mit. 

Fazit

Kultur ist Geschichte, und Geschichte ist alles ... Meine These - welche nicht neu ist - lautet (frei nach Bergson und Freud): Gefühle und Gedanken sind primär, und sie sind nur sehr bedingt "privat" und Gegenstände möglichen Besitztums. Die einfachen seelischen Regungen sind immer primär, ob vom Subjekt bemerkt (oder eingestanden) oder nicht. Der Mensch reagiert ganzheitlich auf alltägliche und auf berufliche Herausforderungen. Wenn dem nicht so wäre, würden in relativ reichen Ländern die Gesundheitskosten nicht so aus dem Ruder laufen, wie sie es tatsächlich tun (das ist uns Beweis genug). Menschen würden unter widrigen Lebensbedingungen wohl kaum gute Charaktereigenschaften zeigen, wenn psychische Reaktionen linear und reflexartig wären. Aber genau das tun viele Personen, wie man das bereits in Ostdeutschland und östlich von Deutschland - bis hin zur koreanischen Grenze - überall bemerken kann (schnell und einfach gesagt). Mit "ganzheitlich" meine ich richtig und falsch geleitete Gefühle und Gedanken; mit "richtig" und "falsch" meine ich letztlich "kreativ" und "destruktiv" mit Auswirkungen in verschiedenen Massstäben (also Funktionen). All dies in Abhängigkeit vom gegebenen soziokulturellen Umfeld, versteht sich.

Artefakte (materielle Gegenstände) wie Druckerzeugnisse oder elektronische Publikationen können einem Erzeuger und einem Verbreiter quasi als Eigentum zugesprochen werden (Autoren, Verlage, Vertriebe) sofern sich diese Eigentumsverhältnisse strikt auf Artefakte und deren Verwendung beschränkt. Es geht lediglich um Nutzungsrechte von "Kopien von Ideen", um schale Produktion und Distribution, nicht um die Frage, ob besonders produktive Menschen aus eigener Kraft zu Kulturheroen, "Originalgenies" (Schiller) oder "Übermenschen" (Nietzsche) werden können, die Methoden, Werte und Inhalte mit einem absoluten Besitzbann belegen können. Der Mensch ist immer Teil einer Gruppe, die Gruppe gehört zur Gemeinschaft, Gesellschaft, Kultur, Epoche ... letztlich spielt sich alles Menschliche in einem natürlichen Umfeld ab. Nichts von dem wird von einem einzigen Individuum zu dessen Lebenszeit beeinflusst. Dafür sind die Kräfte zu gering, und das Leben zu kurz. Wenn es Kulturheroen in Nietzsches Sinn gibt, dann sind dies Leidende und Kämpfer, nicht abgerückte Verkünder neuer Wahrheiten (auch wenn Zarathustra das letztere nahezulegen scheint). Der Wolf wartet nicht auf die Schafe, sondern die Schafe bemerken nicht, dass sich ihnen ein Wolf nähert.

Nehmen wir uns zum Abschluss das folgende Motiv als literarisches oder visuelles Bild vor und bringen es in folgende sprachliche Form - genau jetzt, an einem Apriltag des Jahres 2018:

"Das Blutrot der untergehenden Sonne stach dem Seher wie Dornen in die Augen."

Blut, Licht, Prophet, Gewalt, Hoffnungslosigkeit, mögliche Errettung ... Es ist in Bezug auf "vermuteten Diebstahl" unerheblich, ob in einem oder in zwei Jahrhunderten eine Person oder ein Computerprogramm den Satz, den ich gerade ausgedacht habe, wortwörtlich auf Japanisch, auf Russisch oder in einer künftigen Kunstsprache (conlang) niederschreiben wird, denn "erfinden ist finden", sprich: als sozialisiertes Individuum an einem historischen Prozess teilnehmen und menschlichen Interessen und Bedürfnissen nachgeben (Neigungen). Der vorgeschlagene Satz gehört nicht mir, nur das wenige Geld, dass ich vielleicht damit verdienen kann, steht mir zu. Das ist eine extrinsische Art von Diskussion. 

Wenn wir die Sache sehr eng - nämlich wirtschaftlich und akademisch - betrachten, dann ist der dreiste Diebstahl "geistigen Eigentums" zunächst sehr bedauerlich, nur kommt der Dieb damit nicht weit, denn er kann grundsätzlich immer ertappt werden, auch nach etlichen Jahren noch. Diebe werden in der digitalen Öffentlichkeit schnell gefunden, genau so, wie unzureichende Artikel aus der Wikipedia eliminiert werden. Dafür braucht es keine Polizei. Bezüglich der Originalität einer Form von intellektuellen oder ästhetischen Inhalten obliegt es den Urhebern und Eigentümern profitabler materieller Erzeugnisse, diese rechtlich und ökonomisch abzusichern. Wird das versäumt, ist zumindest eine Mitverantwortung der wirtschaftlich Interessierten zu veranschlagen. "Schütz dich!" lautet das Motto der Zukunft, und die Zukunft beginnt am besten heute, und nicht erst morgen. 

Wenn sie, werte Leser, also meinen improvisierten Satz - der durchaus mit mir und meinem kulturellen Hintergrund zu tun hat - übernehmen oder imitieren, dann muss ich wohl oder übel damit leben, zumal das Publikationsdatum dieses Beitrags unter meinem Namen feststeht.

"Das zarte Grün der sich langsam wiegenden Blättern wurde von der Zauberin wie ein Labsal aufgenommen." 

Wirtschaftlich und karrieretechnisch gesehen gilt der grüne Satz als völlig distinktes Produkt, also "ganz anders" als mein roter Satz weiter oben. Kulturell, philosophisch  und literarisch betrachtet ist eine konträre Nachahmung zum Satz mit dem Seher nahe liegend, auch wenn eine solche nicht endgültig "bewiesen" werden kann und möglicherweise gar nicht "bewusst" vonstatten ging. Das tut kulturhistorisch nichts zur Sache. Heisst das, dass sich das Problem "Plagiarismus" auf die räumliche Aneinanderreihung von Symbolen zu einem gegebenen Zeitpunkt beschränkt, welche in solcher Form als Produkt vermarktet werden kann? Die Antwort lautet "ja", egal wie hübsch man sie verpacken mag. Individuelle Formen lassen sich bis zu einem gewissen Grad "besitzen", nicht aber Motive, Themen und Diskurse, die das alleinige Eigentum von Mutter Geschichte sind.

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Dirk von Gehlen: „Wir können nicht nicht kopieren.“

Eine entfernt verwandte Sichtweise findet sich bei von Gehlen. 

Siehe die Rezension http://literaturkritik.de/id/16852