M. Roggo spricht mit M. Gallmeister über Metaphysik und Kosmologie

Die Ewige Wiederkehr neu entdeckt:  ein Gespräch mit Michael Gallmeister, M.A.

Die Unendlichkeit der Zyklen, welche immer aufs Neue entstehen und vergehen, und unsere Befangenheit in der Linearität.

MR (Matthias Roggo) - Herr Gallmeister, bevor wir über Ihre Arbeiten und Interessen sprechen, möchte ich Sie um ein kurzes Feedback zu meinem Blogbeitrag über Kultur und Kontinuität bitten.

 

MG (Michael Gallmeister) - Gerne. Ihr erster Beitrag war sehr interessant. Nur hätte ich mich an Ihrer Stelle mehr an das salomonische Sprichwort "Es gibt nichts Neues unter der Sonne" gehalten. Das hätte Ihre Ausführungen noch näher an Nietzsche herangerückt. Wenn alles Gegebene schon in den unzähligen möglichen Wirklichkeiten angelegt ist, dann können wir nur immer wieder neu entdecken, aber nichts neu erfinden. Ich hätte an Ihrer Stelle diese Kurve noch genommen.

 

MR - Nun, beginnen wir doch gleich beim Anfang Ihrer weit verzweigten Studien zur Ewigen Wiederkehr. Im Jahr 1992 haben Sie eine bemerkenswerte Magisterarbeit eingereicht ...

 

MG - ... nämlich "Der philosophische Gehalt in den Schriften Max Dauthendeys" - ein geradezu lächerlich unwichtiger Titel über einen vergessenen Schriftsteller der Jahrhundertwende. Dauthendey hat mich im Kontext zu Nietzsche und den Vorsokratikern auf die einfache Idee aufmerksam werden lassen, dass das Leben (jenseits aller Religion) im kosmischen Universum weder einen Anfang noch ein Ende hat. Dauthendey beschreibt das als ein Pendeln zwischen "Weltferne" und "Weltnähe" der einzelnen Existenzformen. Man muss beachten, dass Dauthendey so wie Nietzsche extrem religiös erzogen wurde, in Würzburg aufwuchs und sich in seinen Frühschriften noch stark am Glauben orientierte. Erst die Lektüre von Nietzsche und seine vielen Weltreisen haben seinen Blick bis zum Horizont der Unendlichkeit erweitert. Selbst 1918 - in seinen letzten Tagen im Exil auf Java - hielt er noch mit aller wortgewandten Kraft ("Lied vom inneren Auge") an seiner Idee des unendlichen Wandels der Existenzformen, eingebunden in die ewig bewegende Polarität, fest. Diese Entdeckung eines ursprungslosen, ewigen Wandels der Formen, bei Dauthendey teilweise deutlicher illustriert, und nicht so überdeckt vom Willen zur Macht wie bei Nietzsche, hat mich dann im Laufe der weiteren Zeit alle Bücher und Schriften auf diesen Aspekt hin untersuchen lassen. Da ich schon seit 30 Jahren als Antiquar mit alten Büchern handle, konnte ich eine Unmenge von Schriften auf diesen Gedanken hin prüfen und das Resultat soll in zwei Bänden im Eigenverlag erscheinen, mit dem provokanten aber einprägsamen Titel: "Jetzt spricht Zurvan, die Menschen sind Huren der Zeit. Eine historische und kosmologische Deutung des Gedankens der Ewigen Wiederkehr" (1). Lassen Sie mich noch sagen, dass sich die heutige akademische Gesellschaft durch immer unbedeutendere kleinliche Facharbeit auszeichnet. Denken (und besonders Schreiben) wird zum Selbstzweck erhoben, was es nie war. Das ängstliche und eifersüchtige Konkurrenzdenken hat den Blick auf die Philosophiehistorie und die kosmische Gesamtschau aller Weltereignisse in den Schatten anderer Interessen treten lassen. Dies ist sehr bedauerlich, aber das muss nicht das Ende der Philosophie bedeuten. Jedenfalls nicht für mich.

 

MR - Ja, das sehe ich genau so. Sie haben noch andere vergessene Werke ausgegraben. Ich denke da an zwei Autoren, über die wir schon mehrmals miteinander gesprochen haben. 

 

MG - Da wäre einmal der Romantiker Philipp Joseph Rehfues (1779-1843) mit seinen beiden wichtigen Werken: "Plato in Italien, aus einer griechischen Handschrift ins Italienische übersetzt", 1808 -1811 in mehreren Bänden herausgegeben. Hier wird im Vorwort Bernardino Telesio erwähnt, ein bekannter italienischer Philosoph des Cinquecento. Ganz interessant, da er möglicherweise Befruchter von Spinozas und Hobbes Ideen war, was das Prinzip der Selbsterhaltung der Natur betrifft. (Telesio greift in seiner Naturtheorie auf Empedokles zurück.) Das andere Werk erschient 1832 bei Brockhaus in Leipzig: "Scipio Cicala", in vier Bänden. Im Zusammenhang mit der Seelenwanderung äussert sich Rehfues in "Plato in Italien" (S. 130):

 

Dazu hat der höchste Baumeister aller Dinge, den Weisen die Kunst ertheilt. (sic.) 

 

Obwohl Rehfues nicht wörtlich Stellen von Ciceros Scipios Traum übernommen hat, so doch besonders den Gedanken der Wiederkehr. Siehe "Plato in Italien" (S.166):

 

Hier wohnt jenes Elementarfeuer, jenes reine Licht, welches mit sinnlichen Formen bekleidet, von Gestirne zu Gestirne wandelt, bis es vielleicht am Ende wieder zu der ewigen Quelle zurückkehrt, von welcher es ausging. Hier ist die Quelle alles Verstandes, der vielleicht, von Wesen zu Wesen, gleich dem Lichte, jenen unermesslichen Kreis durchläuft, (…)“

 

Ob der Autor an dieser Stelle womöglich eine heute verschollene oder unbekannte Quelle benutzt hat, welche eventuell im Umfeld von Goethe und der Freimaurer gelesen und diskutiert wurde, bleibt offen (ebd.). Vielleicht ist das erwähnte Dokument fiktiv (ein bekannter literarischer Kunstgriff). Zur Erläuterung der schaurigenWiederkunftslehre Nietzsches hier noch ein bezeichnendes Rehfueszitat, ebenfalls aus "Plato in Italien" (S. 71): 

 

Wo ist aber ein Mensch, der jede Wahrheit ertragen könnte?“

 

MR - Wie ging es dann zurück von der deutschen Literatur zur Philosophie?

 

MG - Die Trennung von Literatur und Philosophie ist nie klar gezogen worden. Es steckt zuweilen viel Philosophie in der Literatur und umgekehrt, und einige philosophische Werke haben einen überbordenden ästhetischen Stil der einer Kunstgattung als Seitenzweig der Literatur gleichkommt. Lebensfragen nach Sinn, möglichen Zielen und Befürchtungen werden in der Literatur oft anhand von persönlichen Eindrücken und Beispielen bearbeitet, dagegen versucht man, in der Philosophie allgemein zutreffende Feststellungen zu machen. So wie ich bekannte Literatur nach den Stichwörtern "Ewigkeit", "Unendlichkeit", "Wiederkehr" oder "Zyklen" durchforstet habe, habe ich mir ebenfalls philosophische Werke vorgenommen und sie auf solche Stichwörter durchsucht. Da stand natürlich die Metaphysik im Vordergrund, und nicht irgendwelche Sittenlehren, welchen oft das metaphysische Fundament fehlt, oder besser, stillschweigend vorausgesetzt wird. Das herkömmliche Problem in der Philosophie ist, dass Grundlagen gesetzt werden, welche eigentlich zu hinterfragen wären. Dabei ist das grösste Problem das - wie etwa bei Kant im Gefolge von Descartes - ein Gott als "Garant für alles" hinter allen noch so brillanten erkenntnistheoretischen Schriften durchschimmert. Oder in der zeitgenössischen Physik, wo noch heute ganz fest an einen absoluten Anfang der Welt geglaubt wird, wenn ein "Schöpfer" auch schon in weite Ferne gerückt ist und als eine Art ergänzende Hypothese auf Vorrat ist. Die alten Griechen - speziell die ionischen Naturphilosophen, genannt "Vorsokratiker" - waren da im Denken objektiver, nicht mit Bibelvorgaben und christlicher Erziehung belastet. Das freie Denken - sicher ein hoher Anspruch, das gebe ich zu - ein Denken nicht aus Not oder Qual heraus ein praktisch - pragmatisches Problem lösen zu müssen, sondern entstanden durch ruhige gelassenen Betrachtung der uns umgebenden Phänomene. Deshalb habe ich immer eine besondere Vorliebe für die vorchristliche Philosophie gehabt, da dieses Denken schlichtweg natürlicher, vielfältiger,  freier und ungehemmter war.

 

MR - Wenn wir in diesem Zusammenhang von Pythagoras sprechen: Könnten Sie uns kurz den Unterschied zwischen den pythagoreischen Zyklen und Nietzsches Ewiger Wiederkehr erläutern? Nietzsche hatte in Sils-Maria eine Vision, und Pythagoras scheint darin keine Rolle zu spielen. Wie sehen Sie das? 

 

MG Nietzsche war von seiner Ausbildung her Philologe, wie Sie wissen. Sowohl Pythagoras als auch das vorsokratische Umfeld waren ihm bestens bekannt. Nur eine kleine Stelle als Erläuterung, aus den nachgelassenen Schriften 1873:

 

"Wodurch nützt aber der Trieb zum Klassischen der Gegenwart? Er deutet an, dass, was einmal war, jedenfalls einmal möglich war und deshalb wohl auch wieder möglich sein wird (wie die Pythagoreer meinen dass, wenn die Sterne die gleiche Stellung haben, alles wieder völlig gleich geschehen werde)."

 

Es gibt viele weitere Stellen in Nietzsches Frühwerk (etliche in meinem Buch erwähnt)welche eindeutig eine Vorbereitung des Gedankens der Ewigen Wiederkehr bei Nietzsche darstellen. Nietzsche zählte Pythagoras zu den Vordenkern der Naturwissenschaften und hat sich parallel dazu auch mit der Atomlehre von Demokrit beschäftigt. Somit ist ganz eindeutig, dass jene viel besagte "Vision", von der Sie sprechen, nichts anderes war als das zwangsläufige psychologische Resultat aus seinen Vorarbeiten. Der Gedanke selber, ein sehr alter - vermutlich der älteste zusammenfassende kosmologische Gedanke überhaupt (analog den wiederkehrenden Jahreszeiten) - einer möglichen Wiederholung in der unendlichen Zeit, wird von Nietzsche immer strenger definiert. Wo er anfangs noch mit und "im" Gedanken spielt, entweicht er ihm nach und nach wie der Geist der Flasche und beginnt ihn zu beherrschen. Nietzsche dachte sich die Möglichkeit zur Notwendigkeit und begann sein eigenes Leben als immer wieder genau dasselbe zu begreifen, wie ein Kreis aus dem man nicht entrinnen kann. Pythagoras wird seine Idee der Zyklen weiter gefasst haben, eine Wiederholung ist möglich und wird in der unendlichen Zeit nach seiner Zahlentheorie auch wirklich, dazwischen, wie zwischen Omega und Alpha (Schluss und Neuanfang) liegen die unzähligen Variationen, die als Potenziale immer die Möglichkeit des "auch mal anders" offen halten. Der frühe Nietzsche dachte vermutlich die Zeit noch linear, der Gedanke der Zyklen sprengte gewissermassen die Zeit immer wieder aufs Neue, bis er sich in Nietzsches Denken durchsetzte. (2)

 

MR - Bleiben wir im Altertum und wenden den Blick nach Osten. Eines Ihrer grossen philosophischen Interessen ist der Daoismus und die alten chinesischen Denker allgemein. Was sagen die alten Chinesen zu Zeit und Raum, zu Vergangenheit und Zukunft?

 

MG - Die alten Chinesen, da denke ich besonders an Laotse und seinen Schüler Tschuangtse und LiäDsi, haben die Relativität der Dinge klar und deutlich ausgesprochen, auch der Aspekt sich aus politischen kleinlichem Gezänk herauszuhalten und wirklich über die grossen kosmischen Dinge nachzudenken (im Gegensatz zu Konfuzius). Was sie als Dao bezeichnen, bzw. Laotse so bezeichnet, ist eigentlich das, was die alten Griechen mit Kosmos, All bezeichnen: die Welt in ihrer Unvergänglichkeit, aber dennoch im ständigen Wandel und mit der immer wieder auch rückwärtigen Bewegung. 

 

Sein und Nichtsein hängen im Werden voneinander ab.

 

So einfach erklärt Laotse die ewige kosmische Bewegung. Die Schwingung zwischen Plus und Minus, die Abhängigkeit der jeweiligen Polaritäten voneinander haben die erwähnten chinesischen Denker hervorragend herausgearbeitet, ich denke da immer noch an den klugen Satz von Laotse (sinngemäss): "Das Nichts zwischen den Speichen macht erst das Rad aus."  Ein gewisser, sympathisch anarchistischer Kulturpessimismus ist diesen chinesischen Philosophen zueigen, besonders Tschuangtse hat es ziemlich scharf ausgedrückt:

 

Jede Ursache hat ihre Wirkung. Wenn Heilige geboren werden, so erheben sich die grossen Räuber. Macht man Scheffel und Eimer, dass die Leute damit messen, so macht man gleichzeitig mit diesen Scheffeln und Eimern die Leute zu Dieben. Macht man Siegel und Stempel, dass die Leute Urkunden bekommen, so macht man gleichzeitig mit Siegeln und Stempeln sie zu Dieben. Wenn einer eine Spange stiehlt, so wird er hingerichtet. Wenn einer ein Reich stiehlt, so wird er Landesfürst. Darum verbrennt die Stempel und zerstört die Siegel, und die Leute werden einfältig und ehrlich! Vernichtet die Scheffel und zerbrecht die Waagen, und die Leute hören auf zu streiten. Wenn erst einmal die ganze Kultur auf Erden ausgerottet ist, dann erst kann man mit den Leuten vernünftig reden. (3)

 

MR - Ja, das klingt ziemlich krass. Betrachten wir die gleichen Punkte, aber in Zusammenhang mit dem Mittleren Osten: Mesopotamien, Babylon, altes Persien, islamische Reiche ... was haben Sie da bisher entdeckt?

 

MGIndien wie auch das alte Persien haben ein ähnliches Phänomen wie das Abendland durch das Christentum erlitten. Der Buddhismus mit der hybrischen Anwandlung und Massenbewegung man könne als menschliche Existenz aus dem ewigen Kreislauf der kosmischen Bewegung und des Lebens heraustreten (allerdings immerhin für den Grossteil der einfachen Leute nur das Bewusstsein geöffnet alles Lebende könne man auch selber gewesen sein oder werden!), und der spätere Islam als ein südlich orientalischer Ableger des Christentums mit unzähligen Geboten und Verboten und ebenso fabulösen kosmischen Vorstellungen von Anfang und Ende. Die Inder in ihrer farbenfrohen Schilderung, haben schon vor dem Buddhismus in der Bhagavadgita ebenso einfach wie Laotse den ewigen Wandel dargestellt:

 

Niemals gab es eine Zeit, da Ich nicht existierte, noch du, noch all diese Könige, noch wird in Zukunft einer von uns aufhören zu sein.

 

Auch die beachtlichen Parallelen zu den Vorsokratikern wurde schon länger vor mir von diversen Denkern bemerkt. Der Bezug ist vermutlich ziemlich wichtig, denn wenn wir auf den Zoroasterglauben im alten Persien schauen, finden wir zuvorderst die langanhaltende Polarität zwischen dem Feuer aus der dunklen Erde und dem Feuer aus dem Himmel. Das schliesslich in der persischen religiösen Mythologie das Helle, Ohrmuzd, obsiegt, ist möglicherweise eine spätere Zutat (helles gegen dunkles Prinzip). Ursprünglich ist es durchaus denkbar, dass die Zoroastergeschichte den Begriff der unbegrenzten Zeit, also einen dauernden Kampf zwischen Dunkel und Hell angenommen hat, ein Konflikt ohne Lösung. Darauf weist ein Seitenzweig, der Zurvanismus, hin. Darüber sagt ein persischer Gelehrter:

 

Sie glauben, dass die unendliche Zeit die erste Ursache dieser Welt und aller verschiedener Veränderungen und Gruppierungen, in die Mitglieder und Organe und Substanzen zusammengefasst werden, sei; wie auch der verschiedenen Gegensätze, die zwischen dem einen und dem anderen bestehen und sich zwischen diesen und den Vermischungen des einen mit dem anderen bilden. Dass gute Taten nicht belohnt werden, dass keine Strafe auf die Sünde folgt, dass Himmel und Hölle nicht existieren, und dass es niemanden gibt, der Gutes und Böses anrechnet"

 

Das somit eine frühe kosmische Idee ohne Anfang und Ende bestand, und wahrscheinlich aus dem persischen Raum stammt ist anzunehmen, auch wenn diese im Laufe der Jahrhunderte vermutlich übertüncht, verfälscht und verzerrt wurde.

 

MR - Wieder zu Nietzsche, speziell zu seinem Zarathustra. Sehen Sie dieses Buch nur als eine Art "Antichristentum", als eine Art Imitation des Alten Testaments, oder lassen sich darüber hinaus geistesgeschichtliche Bezüge zum Zurvanismus und zur altpersischen Religion ausmachen? Gibt es diesbezüglich etwas im Nachlass von Nietzsche nachzulesen, oder vielleicht in den Entwürfen für das unvollendete Hauptwerk "Der Wille zur Macht"?

 

MGSelten wissen wir genau, was jemand weiss, wusste oder wissen wird, wir können nur von den Schriften auf ein mögliches Denken und Wissen schliessen. Was den Zarathustra betrifft, ist der Titel natürlich vor und mit dem Hintergrund der persischen Religion zu denken, wie tief Nietzsche aber, auch als Philologe, in die Früh- oder Vorformen zoroastrischen Denkens vordringen konnte, bleibt ziemlich offen. Einfach gedacht könnte man sagen, Nietzsche hat die gleichgewichtige Polarität beim Zoroasterglauben fasziniert und diesem einfach nur die Lösung des Obsiegens einer Seite weggenommen um somit die "Unschuld des Werdens" uns begreiflich zu machen. Somit ganz klar, ist dieses Werk eine Antibibel, wo es neben der unendlichen Polarität/Bewegung auch um moralische Fragen wie z. B. Mitleid, konträr zur christlichen Tradition geht.

 

MR - Eine meiner persönlichen Entdeckungen in den Gesprächen mit Ihnen sind diese Handvoll Sätze aus dem Nachlass von Nietzsche, die mich sofort an Kernaussagen von Henri Bergson zur konkreten Zeit erinnert haben (erlebte, nicht abstrakte Zeit). Geometrisch als Konus dargestellt ist die Vergangenheit bei Bergson "geschlossen" und die Zukunft "offen". Es geht hier allgemein um das Thema Determination und Freiheit, ein metaphysisches Fundament für ethische und andere Fragen. Wie müsste man als Vertreter der Ewigen Wiederkehr auf so etwas antworten?

 

MG - Dazu kann ich Folgendes sagen: Nietzsche hat sich schon in seinen frühen Schriften intensiv mit den Vorsokratikern auseinandergesetzt und mit der Naturwissenschaft seiner Zeit. Dies spiegelt sich in seiner Atomlehre aus dem Nachlass wider und in "Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen". Dazu kommt sein intellektuelles Vorbild Schopenhauer, welcher aus der Kenntnis der indischen Philosophie heraus den Pessimismus lehrte, da in einer unendlichen Zeit "nach hinten und nach vorne" alles schon abgelaufen sein muss, alles verwirklicht wurde, was heisst dass es keine Ziele mehr zu erreichen gibt, da alle schon erreicht wurden und immer wieder werden. (Entsprechend gibt es auch nichts Neues, wie eingangs gesagt.) Dies alles köchelt in Nietzsches Hirn lange vor sich hin und führt ihn dann zu dem immer fester werdenden Gedanken der unbedingten und absoluten Wiederkehr des immer Gleichen, d. h. insbesondere auch seiner Person. 1881 findet man längere Passagen im Nachlass wo der Gedanke des ewigen Wandels von begrenzter Materie in unendlicher Zeit in allen Formen durchdacht wird. Sein Fazit wird, dass begrenzte Materie in unendlicher Zeit bei allen möglichen Variationen doch immer wieder in der Unendlichkeit gleiche Formen hervorbringen muss. So weit ich sagen kann, ist das alles unvereinbar mit Bergsons Philosophie, ausser die vereinzelten Sätze, die Sie möglicherweise richtig eingeschätzt haben.

 

MR - Wie würden Sie diese Aussagen mit den früheren Passagen zur Ewigen Wiederkehr in Einklang bringen? Ergibt sich ein stimmiges Gesamtbild, oder verstrickt sich Nietzsche in versteckte Widersprüche?

 

MG - Der Weg seines Denkens ist durchaus geradlinig und seine Folgerungen nachvollziehbar. Aber seine späteren geplanten Werke - insbesondere "Der Wille zur Macht" - sind völlig obsolet angesichts der immer gleichen Wiederholung in unendlicher Zeit. Da gibt es dann nichts mehr zu Wollen, nur noch brav das einem vorgegebene Spiel auf der Bühne durchzuziehen (Potenziale zu aktualisieren, immer wieder).

 

MR - A propos Widersprüche: Welche Kritik würden Sie selbst an Nietzsche herantragen, wenn es um das Thema Ewige Wiederkehr geht? Wo hat er sich geirrt, wo hätte er mehr den Traditionen in Ost und West folgen können, was konnte er zu seiner Zeit noch nicht wissen?

 

MG - Hier taucht eine mathematische Frage auf, wenn Materie/Energie begrenzt ist, aber unendlich teilbar wie eine Matroschka sich immer Kleineres und Grösseres finden lässt, so bekommt die Möglichkeit einer genau gleichen Konstellation in der Unendlichkeit zwar eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, aber sie ist nicht zwingend in irgendeiner Reihenfolge, als Sequenz. Nietzsche hat meiner Meinung nach zu wenig die möglicherweise ebenso unendlichen Variationen in der Abfolge beachtet, sondern sich ausschliesslich auf die hohe Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung fixiert. Als Metapher fallen mir die einzelnen Bilder eines Filmes ein, die entweder in derselben, oder in einer anderen Reihenfolge die Wiederkehr von allem, was einst in einem Zyklus erschien, garantieren. Es wird somit nicht in jedem kosmischen Zyklus der gleiche Film abgespielt, jedenfalls ist das nicht zwingend.

 

MR - Das ist ein interessanter Aspekt der Ewigen Wiederkehr. Damit möchte ich den Sprung in die Gegenwart wagen, speziell in die Wissenschaft des letzten halben Jahrhunderts. Was sehen Sie da für ein Potenzial, um der Ewigen Wiederkehr als kosmologische Hypothese mehr Geltung zu verschaffen?

 

MG - Die heutige physikalisch kosmologische Theorie eines immer weiter Auseinanderdriftens der Planeten, Sterne, Galaxien müsste in letzter Konsequenz zur Vereinzelung kleinster Partikel im unendlichen Raum führen. Diese Annahme geht aber nur unter Voraussetzung einer linearen Zeit, dann aber wäre irgendwann jedes kleinste Teilchen verloren und isoliert in der unendlichen Ferne und Weite des Raums. Dies würde letztlich Stillstand bedeuten. Da aber auch vor unserem Jetzt eine Unendlichkeit vergangen ist, und wir dennoch uns nicht im absoluten Stillstand und in der allgemeinen Vereinzelung der Himmelskörper befinden (was ein komplett dunkler Nachthimmel bedeuten würde)bleibt eigentlich nur die Annahme von fortwährender Bewegung als quasi-organische Zyklen, wie das kosmische Atman als unendliches Ein - und Ausatmen.

 

MR - Wie ich ihrem Buch entnehmen konnte unterstellen sie der heutigen Physik noch einen gewissen "Restglauben", indem diese immer noch an einem irgendwie gearteten Anfang festhalten möchte. Ist die Bibel somit eine Sammlung von fantasievollen Lügengeschichten?

 

MG - Zu diesem Thema fällt mir als erstes Albert Einstein ein, mit seinem fragwürdigen Zitat "Gott würfelt nicht!" Dies ist nur eines der bornierten Beispiele aus Neuzeit und Moderne, wo trotz besseren Wissens an alten Vorstellungen festgehalten wird. Für das Mittelalter noch versteh- und entschuldbar (auch wegen der intellektuellen Repression), ist das heute eher ein Zeichen für Bildungsarmut. So kann man auch die Urknalltheorie nur in derselben Weise verstehen und ablehnen, nämlich als theologisch interpretierte bewusste Kurzsichtigkeit, wie ich das nennen möchte. Letztens habe ich in der Frankfurter Rundschau etwas über eine Neuübersetzung und Kommentierung der Genesis in der Bibel gelesen, darin grammatikalisch nachgewiesen wird, das es sich bei der märchenhaften Schöpfung nicht um eine einzigartige Erschaffung aus dem Nichts handelt, sondern um eine unter womöglich endlos vielen. Überhaupt hat die Bibel neben ihrem Hauptzweck einer moralischen Kontrolle durchaus viele alte unchristliche Theorien in sich aufgenommen und sublimiert, als besonders interessante Relikte - vermutlich aus dem asiatisch-persischen Raum - sind die Aussprüche des alten Weisen Salomon zu finden, besonders die beiden bekannten Sprüche "Es gibt nichts neues unter dieser Sonne" und "Alles kehrt wieder".

 

MR - Sie haben in einem beachtlichen Typoskript oder Buchmanuskript, das dreissig Jahre zurückliegt, von Impulsen geschrieben, die ihre Urheber dereinst wieder treffen werden. Können Sie das an einem Beispiel - vielleicht aus Ihrem Leben - erläutern? Wenn das nicht möglich ist, dann frage ich Sie alternativ dazu, ob das indirekt etwas mit Déjà-vu Erlebnissen zu tun hat.

 

MG - Gemeint habe ich damals eher den auch heute von mir geliebten Vergleich mit dem See und dem dort hinein geworfenen Stein mit den kreisförmigen Wellen als Auswirkungen. Déjà-vu Erlebnisse gab es in meinem Leben auch immer mal wieder, ob diese auf eine Urform zurückzuführen wären in einem Zyklus, welche diesen in allen möglichen Gestalten durchlebt wäre allerdings eine gewagte Hypothese. Über die Zyklen hinausgedacht ist die eine jetzige Existenzform von mir Grundlage für mögliche Variationen in anderen Zyklen oder auch für deren simple Wiederholung. Ethisch gesprochen der Anspruch, dass meine Handlungen in meinem Leben auch wieder auf mein Leben zurückwirken können.

 

MR - Auf der gleiche Seite des erwähnten Typoskripts rufen Sie uns mit dem Metaphernpaar Streit/Versöhnung Empedokles in Erinnerung. Sagen Sie uns bitte etwas zur Bedeutung des Streites in der Wirklichkeit! Wie ist Streit Ihrer Meinung nach korrekt aufzufassen?

 

MG - Der Streit, wie schon richtig erkannt, als Grundlage von Bewegung, Formenwandel, Vielfalt. Streit ist substantielle Auseinandersetzung verschiedener Meinungen, Handlungen. Durch die konträre Polarität entsteht ein vordergründiges Abstossen und ein hintergründiges Anziehen. Streit endet immer mit einem Sieger, und dieser Sieg ist meist ein Pyrrhussieg, was dem Sieger bei einem ehrlichen Kampf am Schluss bewusst wird - er versteht, dass der Sieg nur für kurze Dauer ist, oder noch härter: nach dem Sieg eröffnet sich für den Sieger nur die grenzenlose Leere der Erfülltheit - eine Ziellosigkeit nach Erreichen eines Zieles. Beim Streit geht es nicht um eindeutigen Sieg oder Verlust, sondern um eine kreative und befruchtende Auseinandersetzung. Solches läuft freilich nicht ohne Kratzer und Narben ab.

 

MR - Schliesslich greifen Sie in Ihrem frühen Typoskript die Begriffspaare Chaos/Ordnung und Anarchie/Organisation auf. Das führt mich zu einer praktischen Frage bezüglich Ethik und Politik. Glauben Sie persönlich, dass schon ein blosses "Bewusstsein der Möglichkeit" der Ewigen Wiederkehr das Verhalten der Menschen künftig zum Besseren ändern könnte? War das auch die Auffassung Nietzsches?

 

MGEin Bewusstsein der ewigen Wiederkehr kann ganz schnell zu Fatalismus führen, daran wollte Nietzsche wie an einem Prüfstein die Menschen testen, ob sie zu den höheren Menschen gehören oder zu den gewöhnlichen Tieren der menschlichen Herde. Anpassung an eine Organisation, an eine Ordnung ist immer einfacher und bequemer als einen individuellen, gegen den gesellschaftlichen Konsens gerichteten Weg zu gehen. Ein "Bewusstsein der Möglichkeit" unzähliger Variationen eines Lebens im unendlichen Zyklenwandel könnte den Menschen etwas von ihrer Gier und Hektik nehmen, gelassener einen Pfad des persönlichen Lebens zu wählen und zu gehen, mit der Ahnung, dass es in unendlicher Zeit auch mal anders kommen wird respektive früher einmal anders gewesen ist.

 

MR - Lieber Herr Gallmeister, ich danke Ihnen herzlich für das anregende Gespräch und wünsche Ihnen noch weitere unerwartete Entdeckungen auf Ihrer Reise zum Kern der Ewigen Wiederkehr. Ich möchte unsere Leser an dieser Stelle noch auf die Veranstaltung an der Technischen Universität in Braunschweig hinweisen. Herr Gallmeister spricht im Rahmen des Ästhetik-Kolloquiums an der TU Braunschweig, am Donnerstag den 15. November um 20:00, gemäss Ankündigung unten. (4)

 

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(1) Ankündigung: http://kultur.lv/projekte-2/

(2) Siehe http://denk.kultur.lv/category/zwischen_omega_und_alpha

(3) Siehe http://denk.kultur.lv/category/revolution-und-veraenderung/

(4) Veranstaltung: https://www.tu-braunschweig.de/ifdn/physik/aesthetik