Ein Beitrag von Gregorio Demarchi

Chaos und Ordnung

in Schellings Geschichtsphilosophie: die Freiheitschrift (1809)

In einem vorigen Artikel haben wir Schellings Geschichtsphilosophie im System des transzendentalen Idealismus als eine Art Kulminationspunkt bestimmter Grundtendenzen des aufklärerischen Geschichtsverständnisses interpretiert, geprägt einerseits von einem unleugbaren Fortschrittsglauben, andererseits aber auch von einem starken Bewusstsein der Widersprüchlichkeit der geschichtlichen Bewegung, in der widerstreitende Interessen zur Verwirklichung einer vernünftigen Gesellschaftsordnung beitragen. Mit der Schrift Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit und die damit zusammenhängende Gegenstände, die nur neun Jahre nach dem System des transzendentalen Idealismus geschrieben wurde, werden wir mit einem Schlag in ein ganz anderes Gedankenuniversum versetzt, denn die Freiheitsschrift gilt als einer der Gründungstexte der irrationalistischen Tendenzen, die die Philosophie des 19. Jahrhunderts kennzeichnen, und die darin enthaltene Geschichtsphilosophie ist deutlicher Ausdruck dieser Tendenzen.

Das eigentliche Thema des Werkes ist eine Bestimmung des Wesens der menschlichen Freiheit, die einerseits die Freiheit mit dem Systemgedanken verträglich machen soll, wie er charakteristisch ist für die großen Entwürfe der frühneuzeitlichen Rationalisten, insbesondere Spinoza und Leibniz, andererseits aber auch den bloß formalen Begriff der Freiheit als Autonomie der praktischen Vernunft, der für Kant und den frühen Idealismus kennzeichnend ist, dahingehend zu überwinden versucht, dass die Freiheit als Vermögen einer Wahl zwischen Gutem und Bösem aufgefasst wird, sodass die Untersuchung letztendlich auf eine Bestimmung der Möglichkeit und der Wirklichkeit des Bösen hinausläuft. Woher das Böse, anders gefragt? Und was ist eigentlich das Böse?

Schellings Ausführungen sind eingebettet in einer Uminterpretation des Spinozistischen Pantheismus, die an Spinoza das unpersönliche und geometrische Verständnis des Naturgeschehens kritisiert, dem Schelling die „Einheit des Dynamischen mit dem Gemütlichen und dem Geistigen“ (SW VII, 350) entgegensetzt. Der Dynamismus, der schon die frühe Naturphilosophie gekennzeichnet hatte, erfährt eine Transformation: die Kräfte, die alles Werden bestimmen und die dem Entstehen und Vergehen aller Dinge zugrunde liegen, werden in einer Ursprünglichkeit gedacht, die sich aller Ordnung und Intelligenz entzieht. Obwohl die Verschränkung des Geistigen und des Dynamischen ein Grundthema schon der frühen Naturphilosophie ist, hatte sie Schelling noch in einem Sinn aufgefasst, der Spinozas „more geometrico“ gar nicht so weit entfernt ist. In der Einleitung zu meinem Entwurf eines Systems der Naturphilosophie hatte Schelling geschrieben: „Die Regelmäßigkeit in allen Bewegungen der Natur, die erhabene Geometrie z.B., welche in den Bewegungen der Himmelskörper ausgeübt wird, wird nicht daraus erklärt, daß die Natur die vollkommenste Geometrie, sondern umgekehrt daraus, daß die vollkommenste Geometrie das Producierende der Natur ist“ (AA I,8, 29), sodass das Reelle der Natur als Ausdruck des Ideellen angesehen wird.

In der Freiheitschrift wendet sich Schelling ausdrücklich gegen dieses „geometrische“ Verständnis der Natur. Diese Kritik an einem so zentralen Aspekt des neuzeitlichen Naturverständnisses ergibt sich aus der Unterscheidung, in der laut Schelling in letzter Instanz die Quelle der Möglichkeit des Bösen gesucht werden muss, nämlich der Unterscheidung „zwischen dem Wesen, sofern es existiert, und dem Wesen, sofern es bloß Grund von Existenz ist“ (SW VII, 357) Der „Grund“, von dem Schelling hier redet, ist das, was er auch die „Natur – in Gott“ nennt (SW VII, 358): die Natur ist also nicht mehr reeller und bewusstloser Ausdruck einer ideellen und geometrisch verfahrenden Intelligenz, wie sie dies in der frühen Naturphilosophie war, sondern Basis, Grundlage, Fundament, die als solche aller Existenz, allem Licht und aller Ordnung vorangeht, ohne allerdings selbst zu existieren. Die Natur ist somit nicht mehr hauptsächlich Regelmäßigkeit, in der die geometrische Produktivität der natura naturans ihren Ausdruck finden würde, sondern ursprüngliche Unordnung – etwas Chaotisches, vor dessen Hintergrund die Ordnung der Existenz sich entfalten, sich „selbstoffenbaren“ kann: „Nach der ewigen Tat der Selbstoffenbarung ist nämlich in der Welt, wie wir sie jetzt erblicken, alles Regel, Ordnung und Form; aber immer liegt noch im Grunde das Regellose, als könnte es einmal wieder durchbrechen, und nirgends scheint es, als wären Ordnung und Form das Ursprüngliche, sondern als wäre ein anfänglich Regelloses zur Ordnung gebracht worden.“ (SW VII, 359)

Als könnte es einmal wieder durchbrechen: ein tiefes Bewusstsein der Fragilität aller Ordnung, aller lichten Regelmäßigkeit und aller strukturierten Existenz prägt Schellings Verständnis vom Werden der Natur und des Menschen. Anders als eine lange Tradition, der unter anderen Augustinus und Spinoza zuzurechnen sind, konzipiert Schelling das Böse nicht als eine Limitation – als privatio boni – sondern als eine Perversion – das Böse wird dadurch ermöglicht, dass die chaotischen Kräfte, die im Grund liegen, die Oberhand gewinnen können gegenüber der Regel und Struktur, die die sichtbare Welt kennzeichnen. Das Böse muss als Ergebnis einer „Verkehrung“ im logischen Verhältnis der zwei Prinzipien „Grund“ und „Existenz“ gedacht werden, und zwar als eine solche, die sich eigentlich erst im Menschen ereignen kann, da nur der Mensch unter den Geschöpfen eine Entwicklungsstufe erreicht hat, auf der die im „Centrum“ noch eingewickelten und verwickelten Kräfte sich ausreichend entfaltet und „geschieden“ haben, dass die „Peripherie“ und der „Eigenwille“ sich verselbstständigen und gegen die „Liebe“ und den „Universalwillen“ rebellieren können, woraus sich „Zertrennung des Ganzen, Disharmonie, Ataxie der Kräfte“ ergeben (SW VII, 370).

Die Originalität von Schellings Ausführungen in der Freiheitschrift liegt allerdings gerade darin, dass das Böse zwar als solches erst im Menschen verwirklicht werden kann, dass aber schon das ganze Naturgeschehen und die menschliche Geschichte als Verlängerung desselben so aufgefasst werden, dass sie konspirieren, um den Menschen zum Bösen zu erregen. Spuren dieser allgemeinen Sollizitation zum Bösen weisen darauf hin, dass sie schon auf den ältesten Epochen der Naturgeschichte datiert werden muss: „Das Irrationale und das Zufällige, das in der Formation der Wesen, besonders der organischen, mit dem Notwendigen sich verbunden zeigt, beweist, dass es nicht bloß eine geometrische Notwendigkeit ist, die hier gewirkt hat, sondern dass Freiheit, Geist und Eigenwille mit im Spiel waren.“ (SW VII, 376) Schelling ist in seiner Kritik am geometrischen Geist des neuzeitlichen Naturverständnisses ziemlich konsequent, denn er schreckt nicht einmal vor jenem Grundbegriff neuzeitlicher Naturwissenschaft zurück, den die Naturgesetze darstellen: „Die ganze Natur sagt uns, dass sie keineswegs vermöge einer bloß geometrischen Notwendigkeit da ist; es ist nicht lautere reine Vernunft in ihr, sondern Persönlichkeit und Geist […]; sonst hätte der geometrische Verstand, der so lange geherrscht hat, sie längst durchdringen und sein Idol allgemeiner und ewiger Naturgesetze mehr bewahrheiten müssen, als es bis jetzt geschehen ist, da er vielmehr das irrationale Verhältnis der Natur zu sich täglich mehr erkennen muss.“ (SW VII, 395f.)

Am kühnsten ist Schelling allerdings dort, wo er die Aufwallungen der menschlichen Geschichte mit den geologischen Verwerfungen parallelisiert, die die Erde in ihrem Werden durchgemacht und ihre Spuren in Form von Fossilien zurückgelassen haben. In denselben Jahren, in denen Georges Cuvier im Ausgang von den Fossilienfunden im Pariser Becken seine Kataklysmentheorie entwickelte, wonach die Erde durch eine Reihe von Katastrophen hindurchgegangen sei, in denen ganze Ordnungen von Lebewesen vernichtet worden seien, und gut zwei Jahrzehnte bevor Richard Owen 1842 das Wort „Dinosaurier“ prägte, um ein Taxon ausgestorbener Reptilien zu bezeichnen, schlägt Schelling vor, dass man die menschliche Geschichte nach dem Vorbild der natürlichen im Geist des Katastrophismus deutet: „Auf dieselbe Art nämlich, wie der anfängliche Grund der Natur vielleicht lange zuvor allein wirkte und mit den göttlichen in ihm enthaltenen Kräften eine Schöpfung für sich versuchte, die aber immer wieder (weil das Band der Liebe fehlte) zuletzt in das Chaos zurücksank (wohin vielleicht die vor der jetzigen Schöpfung untergangenen und nicht wiedergekommenen Reihen von Geschlechtern deuten), bis das Wort der Liebe erging, und mit ihm die dauernde Schöpfung ihren Anfang nahm; so hat sich auch in der Geschichte der Geist der Liebe nicht alsbald geoffenbaret“ (SW VII, 378).

Die untergangenen und nicht wiedergekommenen Reihen von Geschlechtern, auf die Schelling hier anspielt, scheinen jene ungeheuren Kreaturen vergangener Äonen vorwegzunehmen, die Schellings Spätphilosophie bevölkern – durch gewaltige Quantenfluktuationen entstanden, um dann wieder in den Abgrund zu versinken. Sie liefern das Modell für eine Geschichtsphilosophie, deren Wesen sich in der Formel „Als könnte es wieder einmal durchbrechen“ zum Ausdruck bringen lässt. Der Leser wird eingeladen, die zwei drei Seiten, die Schelling in der Freiheitsschrift seiner Geschichtsauffassung widmet (SW VII, 378-380), selbst zu lesen, da ihre Dichte und Schärfe sich nicht zusammenfassen lassen. Es sei hier nur angemerkt, dass die wundersamen Ereignisse, von denen Schelling berichtet, und die von der ältesten Vergangenheit – „alle göttlichen Kräfte des Grundes herrschten auf der Erde und saßen als mächtige Fürsten auf sicheren Thronen“ (SW VII, 379) – über den Zerfall eines riesigen Weltreiches (nämlich des Römischen) durch die „Krisis in der Turba gentium“ (SW VII, 380) bis in die Gegenwart reichen, zwar als Heilsgeschehen verstanden werden, in dem der Geist der Liebe letztendlich das Böse besiegen wird, dass aber unser eigenes post-teleologisches Geschichtsverständnis auch eine profane Lektüre dieser Seiten ermöglicht, im Sinn jenes aleatorischen Materialismus, der wie Schelling das Idol geometrischer Gesetzmäßigkeiten zugunsten der ursprünglichen Regellosigkeit des Grundes, der Materie, der Basis alles Geschehens zu stürzen bestrebt ist. In diesem Punkt knüpft Schelling an die spätaufklärerischen Ideen wieder an, die er im System des transzendentalen Idealismus entwickelt hatte, und die hinter der Fassade eines damals verbreiteten Fortschrittsoptimismus schon tiefe Risse durchblicken ließen, die unserem heutigen Verständnis näher stehen als die Hegelsche Idee, dass alles Wirkliche vernünftig und alles Vernünftige wirklich ist.

Bibliographische Hinweise: die Freiheitschrift wird nach der Paginierung von Schellings „Sämtliche Werke“ (SW; Stuttgart, 1856ff.) zitiert; andere Schriften Schellings nach der „Historisch-kritischen Ausgabe“ der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (München, 1976ff.).


Den ersten Artikel von Gregorio Demarchi finden Sie hier: