Tagesseminar: Wenn alle zu wissen meinen…

Das ZIPPRA lädt erneut dazu ein, gemeinsam ein Thema aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und näher zu untersuchen.
Genossenschaft Kalkbreite, Zürich
09:30 - 16:45

Zutreffendes Wissen ist für unser Handeln von existenzieller Bedeutung. Im Falle einer wichtigen Entscheidung würden die meisten von uns einräumen, dass es nicht genügt, diese Entscheidung alleine aufgrund einer persönlichen Meinung zu treffen.

In diesem Seminar verhandeln wir das problematische Verhältnis von objektivem Wissensanspruch und den Limitationen unserer subjektiven Erkenntnisfähigkeiten. Zu diesem Zweck werden wir auch unterschiedliche Auffassungen von Wissen vorstellen und zur Diskussion stellen.

 

Programmübersicht

9:30-                Einlass

10:00-10:25:    Begrüssung und thematische Einführung

10:30-12:25:    Seminare zu verschiedenen Themen (Details siehe weiter unten)

Mittagspause

13:50-16:05:   Seminare zu verschiedenen Themen (Details siehe weiter unten)

16:10-16:45:   moderierte Plenumsdiskussion zu den verschiedenen Seminaren

 

Weitere Informationen
  • Die Veranstaltung steht allen Interessierten offen und setzt keine philosophischen Kenntnisse voraus.
  • Austragungsort ist in Zürich: Raum Flex 1 der Kalkbreite Genossenschaft.
  • Anmeldung ist erwünscht unter kontakt@zippra.ch.
  • Kosten: 100.-/80- CHF für das ganze Seminar; Einzelveranstaltungen: 20-/16.- CHF.
  • Wir werden in der Cafeteria der Kalkbreite für den Mittag eine Verpflegung (ca. 10.- CHF) anbieten.

Programm und Infos auf PDF

 

Inhaltsangaben zu den verschiedenen Seminaren
10:30-11:05: «Wie weiss ich, dass ich nicht nur meine?» (Imre Hofmann)

Der alltägliche Sprachgebrauch geht davon aus, dass es in erkenntnistheoretischer Hinsicht einen qualitativen Unterschied zwischen Wissen und Meinen gibt und dass das Wissen dem Meinen diesbezüglich überlegen ist. Dieser Unterschied wird in der Regel etwa so gefasst, dass Wissen einen begründeten objektiven Wahrheitsanspruch geltend machen kann, während das beim Meinen nicht der Fall ist. Wenn das Wissen insofern tatsächlich «besser» ist, sollte uns daran gelegen sein, jeweils zu wissen, ob wir etwas nur meinen oder ob es tatsächlich wissen. (Wir brauchen eine Art von Metawissen über das Wissen.)
Um dieser Frage nachzugehen, wollen wir zunächst untersuchen, wie wir uns unsere Meinung bilden. Anschliessend müssen wir klären, wie wir beurteilen können, ob und wann unsere Meinung auch ein Wissen ist. Was kennzeichnet Wissen und inwiefern unterscheidet es sich vom Meinen?
Der Beitrag wird eher Workshop-Charakter haben, d.h. es wird zwar einführende Inputs geben, aber es soll auch gemeinsam darüber nachgedacht werden, welche Kriterien und Methoden der Wissensvalidierung es geben könnte. Zu diesem Zweck werden wir uns gemeinsam mit einem konkreten Beispiel eine Fragestellung beschäftigen, beispielsweise der Frage «Wer sind die Guten im Krieg in der Ukraine?».

 

11:10-11:45: Neues Wirklichkeitsverständnis? (Beat Claude Sauter)

Wenn man die Veränderungen der Entwicklung in der heutigen Zeit mitverfolgt, kann man schnell feststellen, dass sich in der Art der Meinungsbildung und der «Wissensvermittlung» in den vergangenen 20 Jahren sehr viel verändert hat. Nicht nur in den Medien, auch in unserem alltäglichen Umgang müssen wir uns mit wandelnden «Wirklichkeiten», «alternativen» Fakten und deren ungewisse Auslegungen auseinandersetzen. Eine vertrauensbildende Orientierung über gesicherte Meinungen und Wissen, worauf sich bauen lässt, ist schwierig und wird zusehends komplexer. Die flüchtige und transitive Art, wie uns Daten und Fakten als Tatsachen «präsentiert» werden, gibt Anlass zu heftigen Diskussionen über die Frage, was denn nun eine Tatsache ist, was wirklich ist und was nicht. Auch der philosophische Diskurs bleibt davon nicht verschont. Ein philosophisch gewichtiger Streit ist diesbezüglich im Gange, was wirklich ist und was nicht. Ein kritischer Blick auf die philosophischen Methoden zur Erkenntnisgewinnung und dem damit verbundenen Wirklichkeitsverständnis soll Perspektiven aufzeigen. Nehmen wir die Wirklichkeit noch «richtig» wahr oder brauchen wir einen neuen Wahrheits-Kompass? Sind das die Zeichen einer Zeit, in welcher wir eine philosophische Zeitenwende im Verständnis von Wirklichkeit und Wahrheit miterleben?

 

11:50-12:25: Welt wahrnehmen. Zur Bedeutung von Wahrnehmung für Wissen und Meinen (Nicola Condoleo)

Ist unsere Wahrnehmung der Welt „richtig“? Oder sogar: Wahrnehmung ist wahr? Eine alte Tradition erzählt, dass Wahrnehmung vor allem irrt. Wolfgang Welsch (*1946) will die Wahrnehmung rehabilitieren. Er zeigt mit Beispielen aus der Biologie und Kunst, dass Wahrnehmung erstens grundlegend für Denken ist und deshalb auf die Welt passt, und zweitens die Welt nicht nur passiv durch die Sinne erfahren wird, sondern dass Wahrnehmung aktiv Welt mitgestaltet. Dabei scheut sich Welsch nicht, die Evolution in seine Überlegungen miteinzubeziehen. Er zeigt, wie sinnliche Wahrnehmung und die Erfahrung des Schönen unsere Welt bilden: von den Pfauenfedern bis zum Impressionismus von Claude Monet.
Gemeinsam werden Claude Monets «Le Bassin aux nymphéas, le soir» und Pipilotti Rists «Pixelwald» (Sammlung Kunsthauses Zürich) besprochen. Teilnehmende erfahren etwas zur philosophischen Ästhetik von Wolfgang Welsch und von ihm ausgehend, wie Wahrnehmung und Sinnlichkeit für Wissen bedeutsam sind.
Interessierte können sich zu einer gemeinsamen Besichtigung der Werke an einem zu vereinbarenden Termin anmelden.

Literatur (u.a.)

  • Welsch, Wolfgang: Wahrnehmung und Welt. Warum unsere Wahrnehmungen weltrichtig sein können, Berlin 2018 (Matthes & Seitz).
  • Welsch, Wolfgang: Blickwechsel. Neue Wege der Ästhetik, Stuttgart 2012 (Reclam).

 

13:50-14:25: Versuchen, in der Welt zuhause zu sein (Caroline Krüger)

Information und Wissen – oder zumindest das Streben danach – prägen unseren Alltag. Wenn wir zu wissen meinen, möchten wir dieses Wissen auch mit anderen teilen – und diese möchten ihr Wissen mit uns teilen. Reicht es aus, etwas zu wissen oder brauchen wir, um uns in der Welt zu positionieren, mehr?
Was, wenn wir einander nicht oder nur schwer verstehen? Was hilft das Wissen, wenn wir es nicht teilen können? Was bedeutet Verstehen überhaupt?
Hannah Arendt grenzt das Verstehen deutlich von Information und Wissen ab und beschreibt es als einen anderen Modus, einen Prozess, ein Versuchen, ein Scheitern, ein Empfinden: «Es ist eine nie endende Tätigkeit, durch die wir Wirklichkeit, in ständigem Abwandeln und Verändern, begreifen und uns mit ihr versöhnen, das heisst, durch die wir versuchen, in der Welt zuhause zu sein.»
Mit Hannah Arendts Gedanken zum Verstehen, zu Gesprächen, zu Freundschaft nähern wir uns gemeinsam diesem Modus an.

 

14:30-15:05: Wie Geschichten unser Selbstbild und unsere Gesellschaft prägen (Harry Wolf)

War in der Geschichte der Philosophie lange Zeit die Vernunft das Mass aller Dinge, so wird heute der Mensch primär als Geschichten erzählendes Wesen begriffen. Geschichten befriedigen unser Bedürfnis nach Orientierung, nach Einsicht in die Ordnung der Dinge, nach Erkenntnis. Geschichten prägen unsere Wahrnehmung der Realität. Die Rede ist von sog. Narrativen. Narrative sind Hintergrundgeschichten, auf deren Basis wir die Welt interpretieren. Das Christentum oder die Aufklärung sind Beispiele für solche Narrative. Mit Bezug auf die Postmoderne könnte man auch von Metaerzählungen sprechen. Wobei Jean Francois Lyotard in seinem Buch „La condition postmoderne“ vom Ende der Metaerzählungen gesprochen hat. Wenn es keine Metaerzählungen mehr gibt, dann entsteht Raum für vielerlei Geschichten. Jeder kann sich dann seine eigene Geschichte kreieren. Denken Sie nur an Trump mit seiner gestohlenen Wahl oder Putin mit seinen Vorstellungen zur Ukraine. Auch wir als Individuen konstruieren uns unser Selbst- und Weltbild mittels Geschichten. Untersuchen wir, welche Narrative wir uns als Gesellschaft und als Individuen erzählen, wie das funktioniert und was das für Folgen hat.

 

15:30-16:05: Urteilskraft wichtiger als Wissen (Willi Fillinger)

Grundlage unserer Wahrnehmung der Welt ist unser menschliches Leben, und dieses ist im wesentlichen Tätigkeit, Praxis, mit unserem Körper, in der von Husserl so genannten Lebenswelt. Hier gibt es «die alltäglich-praktischen Situationswahrheiten, freilich relative, aber … genau die, die Praxis jeweils in ihren Vorhaben sucht und braucht». Davon verschieden sind die wissenschaftlichen Wahrheiten, aber auch diese gehen von den Situationswahrheiten aus.
Bei dem Problem, dass «alle zu wissen meinen», geht es nicht oder nicht nur um Wissen, sondern um die Urteilskraft, die in der Lage ist, die Situation angemessen zu beurteilen. «Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt», meint Kant. Allerdings ist es nicht leicht zu sagen, was die Urteilskraft ist. «Urteilskraft überhaupt ist das Vermögen, das Besondere als enthalten unter dem Allgemeinen zu denken.» Und sie kann nach Kant nicht gelehrt, sondern nur geübt werden.
Wir können versuchen, für uns die Urteilskraft zu beschreiben. Sie ist sicher die Fähigkeit, eine Situation einzuschätzen, wozu auch gehört, Regeln auf den Einzelfall anzuwenden und umgekehrt aus Einzelfällen Regeln zu entwickeln. Sie ist schliesslich die Fähigkeit, auf Erfahrung (vor allem die eigene, aber nicht nur) zurückzugreifen.
Mir scheint es sinnvoll, die praktische Urteilskraft, um die es hier geht, mit der Fähigkeit zu vergleichen, die wir im Alltag Klugheit nennen.

 

16:10-16:45:   Abschliessende Plenumsdiskussion zu den verschiedenen Beiträgen

Wir werden die verschiedenen vorgestellten Positionen, Überlegungen und bisherigen Ergebnisse in ein gemeinsames Gespräch überführen, um neue Zusammenhänge herstellen und weitere Schlussfolgerungen ziehen zu können.