Glauben und Wissen: Jürgen Habermas "Auch eine Geschichte der Philosophie"

Tagung mit Prof. Dr. Ingolf Dalferth (Claremont/Zürich) und Prof. Dr. Gregor M. Hoff (Salzburg)
Theologische Fakultät der Universität Zürich; Kirchgasse 9, 8001 Zürich; Raum 200
09:00 - 17:00
Jürgen Habermas hat im Herbst 2019 sein kolossales Alterswerk publiziert, eine Relecture der Geschichte der Philosophie vom Gesichtspunkt des Verhältnisses von Glauben und Wissen. 

Das frühe Christentum steht vor der Frage, ob die griechische Hochkultur – im Kern die Philosophie – verworfen oder integriert werden soll. Die Stimmen, die für eine Integration plädieren, setzen sich durch. In Augustinus kommt die christlich-griechische Synthese zu einem ersten Höhepunkt. Thomas von Aquin erneuert die kanonische Verhältnisbestimmung von Glauben und Wissen, nachdem die Aristotelesrezeption einen veränderten Begriff von Theorie und damit von Wissen notwendig macht.

Diese grandiose philosophische Leistung bleibt jedoch nicht lange unbestritten: Duns Scotus und vor allem Wilhelm von Ockham melden Zweifel an und schlagen Alternativen vor. Aber erst mit Martin Luther kommt das „Zeitalter der Weltbilder“ (J.H.) zu einem Ende. Nach Habermas erkennt Luther, dass Glaube wesentlich Vollzug bedeutet. Der Versuch, Glaube in ein System von propositionalen Sätzen zu fassen, führt in die Irre. Das Ende der philosophischen Konstruktionen, die Glauben und Wissen umfassen, macht den Weg frei einerseits für die moderne Naturwissenschaft, andererseits für das „Paradigma der Bewusstseinsphilosophie“ (J.H.): Nicht mehr das Sein, bzw. die Substanz fungiert als der zentrale Begriff, sondern vielmehr das Subjekt. Für Habermas ist Martin Luther denn auch Wegbereiter für Kant wie überhaupt für die neuzeitliche Philosophie.

Diese Tagung fokussiert auf ein zentrales Thema des Buches, auf die Epochenschwelle Spätmittelalter/Neuzeit. Nach Habermas endet hier das philosophisch beeindruckende, aber objektivierende metaphysische Denken. Glauben und Wissen werden nicht mehr zusammen gedacht, nach Luther können sie es auch nicht mehr. Dass in der habermasianischen Summa Martin Luther und nicht René Descartes (oder Thomas Hobbes) die zentrale Figur des philosophischen Neuanfangs darstellt, ist originell aber auch erklärungsbedürftig und hängt mit der Präferenz des Autors für Performativität zusammen. Von einem theologischen Standpunkt stellt sich u.a. die Frage, was denn für die Theologie zu tun übrig bleibt, wenn das theologische Denken von der Philosophie beerbt worden ist.