Eros und der Mythos vom Kugelmenschen

ΠΛΑΤΩΝΟΣ ΣΥΜΡΟΣΙΟΝ: Eros und der Mythos vom Kugelmenschen: Erfüllt Aristophanes' Rede ihren Zweck, das Bedürfnis der menschlichen Sehnsucht
nach gegenseitiger Ergänzung zu befriedigen?

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„Auch die Jahreszeit steigerte ihre Glut noch heftiger. Denn schon war der Frühling zu Ende, der Sommer hatte begonnen, und alles stand in schönster Pracht, die Bäume mit ihren Früchten, die Felder mit ihren Saaten … Man hätte glauben mögen, dass sogar die ruhig dahinströmenden Flüsse sängen, dass die Lüfte flöteten, wenn sie durch die Föhren hauchten, dass die Äpfel liebestrunken zur Erde fielen und die Sonne, die allem Schönen hold ist, alles von seinen Hüllen befreie. Daphnis nun, von all dem im Innersten durchglüht, stieg oft in die Flüsse, und bald badete er sich, bald haschte er nach den Fischen, die im Wasser herumschossen, oft trank er auch, um die Glut in seinem Innern zu löschen. Chloe aber, wenn sie die Schafe und die meisten Ziegen gemolken … bekränztre sich mit Fichtenzweigen, legte sich das Rehfell um, füllte ihre Schüssel mit Wein und Milch und genoß den Trank gemeinsam mit Daphnis“[1].

In Longos' [er lebte vermutlich im 2. Jahrhundert] bukolischer Liebeserzählung vollzieht sich das erotische Erwachen der einst auf der Insel Lesbos ausgesetzten und von den Tieren nach Menschenart ernährten Hirtenkinder Daphnis und Chloe analog zu den Jahreszeiten der Natur. Der in die griechische Landschaft unweit von Mytilene eingebettete Lernprozess nimmt seinen Ausgangspunkt im Frühling und findet im Herbst des darauffolgenden Jahres mit der Hochzeit von Daphnis und Chloe schließlich seine Vollendung. Zugegeben, Longos hat ein literarisches Arkadien namens Lesbos geschaffen, das mit seinem idealisierten Naturbegriff eher einer der grazilen Welt des Rokoko entlehnten Naturidylle, in der die Schäferspielromantik der Antike wieder auflebte, als der Realität gleicht. Doch der Roman geht einem über die Zeiten aktuellen Interesse nach - dem unerklärlichen Gefühl der Sehnsucht zweier liebender Menschen, die zueinander zu finden. Wer sie dazu antreibt, ist ein gewaltiger Gott: Eros. Seine Macht wird uns bewusst, wenn wir nicht den kokett dreinblickenden Knaben, ausgestattet mit Pfeil und Bogen, vor Augen haben, sondern den Erzählungen Hesiods [um 700 v. Chr.] folgen. Demnach ist Eros aus dem Chaos, dem Ursprung allen Seins, entstanden. Seine Geschwister waren u.a. Tartaros, die Unterwelt und Eerebos, die Finsternis2. Platon [427 v. Chr. - 347 v. Chr.] greift in seinem Werk Das Gastmahl [ΣΥΜΠΟΣΙΟΝ] als

Redethema ebenfalls den Eros auf. Im Hause des Tragödiendichters Agathon [um 448 v. Chr -

um 400 v. Chr.] hält jeder der Dialogteilnehmer der Reihe nach eine Lobrede auf den göttlichen Eros. Zwar sagt keiner der Redner etwas Falsches, doch das Thema Eros erweist sich zunehmend komplexer als gedacht und letztlich entpuppt sich vieles - wie so oft in Platon Dialogen - als Scheinwissen. Ganz im Sinne von Platons Papierkorb bringt erst die Rede des griechischen Komödiendichters Aristophanes [um 450 v. Chr. - um 380 v. Chr.] die berühmte Dialogwendung - nämlich mit der Erweiterung des Eros um die seelisch-geistige Komponente. Doch Platon lässt Aristophanes nachfolgend keine naturwissenschaftliche Abhandlung über den Eros halten, sondern greift auf einen Mythos zurück. Mythen dienen bei Platon immer dazu, wenn es darum geht, der begrenzten Erkenntnisfähigkeit des Menschen Rechnung zu tragen und einen Sachverhalt seiner Natur nach aufzudecken.Ähnlich verfährt er bereits im Timaios, indem er die Komplexität der Weltentstehung als Abbild der Ideen mit dem Mythos von Ur-Athen expliziert3. Der Erosgedanke ist im Symposion ebenfalls vor dem Hintergrund der platonischen Ideenlehre und dem Höhlengleichnis auf das Wahre [τὸ άληθές], das Schöne [τὸ καλόν] und das Gute [τὸ άγαθόν] gerichtet. Aristophanes geht in seiner Rede vom Mythos des einst androgynen Kugelmenschen aus: „In allen Zeiten gab es nämlich drei Geschlechter der Menschen, nicht wie jetzt zwei, das männliche und das weibliche, sondern es gab ein drittes, das an diesen beiden Anteil hatte; von ihm ist jetzt nur noch die Bezeichnung übrig, es selbst aber ist verschwunden... Weiterhin war jeder Mensch von ganz kugelrunder Gestalt, wobei der Rücken und die Seiten einen Kreis bildeten, und jeder hatte vier Arme und genauso viele Beine sowie zwei Gesichter auf einem kreisrunden Hals, die einander in jeder Hinsicht ähnlich waren, und einem einzigen Kopf, für die beiden in entgegengesetzte Richtungen blickenden Gesichter, weiterhin vier Ohren und zwei Geschlechtsteile … Die drei Geschlechter, die von dieser Art waren, gab es deshalb, weil das männliche ursprünglich von der Sonne abstammte, das weibliche von der Erde und das, welches an beiden Anteil hat, vom Mond, weil auch der Mond an beiden Anteil hat. Kreisrund waren aber sowohl sie selbst als auch ihre Fortbewegung, weil sie ihren Erzeugern ähnlich waren“4.

Letztlich kamen die Kugelmenschen aufgrund ihrer ursprünglichen Ganzheit den Göttern gefährlich nahe, weshalb Zeus ihre Teilung in zwei Hälften beschloss5. Die Beteiligung

Apollons an der Teilung weist auf das einem der sieben Weisen, Chilon, zugeschriebene

„γνώθι σεαυτόν“6 hin, dem späteren Wahlspruch des Orakels von Delphi, wonach der Mensch vor Gottgleichheit gewarnt wird. Diese Teilung ist für die Menschen bis heute folgenreich: Es besteht eine unstillbare Sehnsucht nach der jeweils verloren gegangenen Hälfte. Immerhin hatte Zeus etwas Mitleid mit den Menschen - er verlegte ihre Geschlechtsteile nach vorne, damit sie sich wenigstens vereinigen können, um Nachkommen zu zeugen und zeitweise Befriedigung zu finden. Jetzt kommt das griechische Wort σύμβολον ins Spiel: Traditionell wurde im alten Griechenland vom Gastgeber bei der Abreise eines Freundes ein Täfelchen zerbrochen, jeder behielt zum späteren Wiedererkennen ein Bruchstück7. Ähnlich suchen die zu Bruchstücken gewordenen mangelhaften Menschen, einem Puzzlespiel gleich, ihr jeweils passendes Gegenstück. Hier trägt Platon - was oft unterschlagen wird - der sich ergänzenden Sinnenlust der menschlichen Körper durchaus Rechnung. Er lässt Aristophanes sagen: „Habt ihr etwa danach Verlangen, möglichst viel miteinander zusammen zu sein, sodass ihr Tag und Nacht nicht voneinander lassen könnt?... Der Grund dafür ist nämlich, dass dies unsere ursprüngliche Natur war und wir ein Ganzes waren. Diesem Verlangen und Trachten nach Ganzheit eignet nun der Name Liebe“8

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Indem im weiteren Dialogverlauf Aristophanes darlegt, dass die Menschen keineswegs nur wegen des Geschlechtsverkehrs zusammen finden, sondern dass der Eros als „...Zug der Seele nach oben...“9

fungiert, wird der Eros um die seelisch-geistige Komponente erweitert. Der Eros erklimmt über das Sexuelle hinaus, im Spiegel der Seele des Gegenübers und dessen Geistesverwandtschaft, die Stufen der Tugend, der Erkenntnis und der Schönheit - und steuert so auf die platonische Ideenlehre zu. Der Dialog wird mit Sokrates' fiktiver Rede der weisen Mantineerin Diotima abschließend so zusammengefasst: „Beginnend mit dem vielfältigen Schönen hier, soll man um jenes Schönen willen immer weiter emporsteigen wie auf einer Leiter, von einem schönen Körper zu zweien, von zweien zur Gesamtheit der schönen Körper, von den schönen Körpern

 

zu den schönen Tätigkeiten und von den Tätigkeiten zu den Kenntnissen , um schließlich zu jener zu gelangen, welche die Kenntnis keines anderen als jenes Schönen selbst ist, damit er am Ende einsieht, was das Schöne selbst ist“10

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Den Mythos vom Kugelmenschen, von der kreisrunden Gestalt, hat Platon bewusst gewählt, denn die Sehnsucht nach der Vollkommenheit der Kreisform ist auf vielfältige Weise anzutreffen und tief im Menschen verwurzelt. So berichtet Platon im Timaios davon, dass der Demiurg bereits bei der Erschaffung der Weltseele die kreisförmige Bewegung zugrunde gelegt hat11

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Karol Woityⱡa, der spätere Papst Johannes Paul II [1920 - 2005] lässt in dem von ihm unter dem Pseudonym Andrzej Jawień verfassten Stück Der Laden des Goldschmieds ein verliebtes Pärchen vom Symbol - man denke an das σύμβολον - der Trauringe sprechen12

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Und selbst architektonisch wurde die Kreisform mit dem 1928 in Stahlkonstruktion errichteten Dresdner Kugelhaus umgesetzt13.

 


[1]  siehe Longos / Otto Schönberger (Übers.) 1998. Hirtengeschichten von Daphnis und Chloe. ΝΟΙΜΕΝΙΚΩΝ ΤΩΝ ΚΑΤΑ ΔΑΦΝΙΝ ΚΑΙ ΧΛΟΗΝ. Artemis & Winkler Verlag, Düsseldorf / Zürich; 1, 23.

[2] vgl. Hesiod / R. M. Finzer (Übers.) 1983. The poems of Hesiod. Translation with Introduction and Comments. University of Oklahoma Press, Norman; 30.