Unsere Auffassung von Schmerzen

Wie verstehen und kommunizieren Menschen ihre Schmerzen und ihr Leiden, und in welcher Beziehung setzen Personen diese Schmerzen zu ihrem Körper und ihrem Selbst?

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    Während das Wissen um die Mechanismen der Schmerzverarbeitung durch die empirischen Wissenschaften stark angewachsen ist, scheint eine wesentliche Frage bisher vernachlässigt worden zu sein: Wie verstehen und kommunizieren Menschen ihre Schmerzen und ihr Leiden, und in welcher Beziehung setzen Personen diese Schmerzen zu ihrem Körper und ihrem Selbst? Diese Frage erscheint umso wichtiger, je mehr man die zentrale Rolle der Schmerzkommunikation für Schmerzforscher und Psychotherapeuten zu berücksichtigen beginnt.

    Ein Aspekt des Schmerzverständnisses, der dabei besonders hervorsticht, ist die Frage, ob Schmerzen als körperliche oder mentale Zustände verstanden werden. Im Bereich der Schmerzforschung haben philosophische Arbeiten in den letzten Jahren zur weitgehend akzeptierten Überzeugung geführt, dass unser Verständnis von Schmerzen teilweise paradox ist (Aydede 2006, Reuter 2016). Auf der einen Seite fühlt es sich so an, als ob Schmerzen in Körperteilen sind, auf die wir unsere Aufmerksamkeit lenken können. Auch artikulieren wir uns in einer Art und Weise, die vermuten lässt, Schmerzen sind im Körper und nicht im Gehirn oder Geist lokalisiert, z.B. „Der Schmerz in meinem Knie ist schwer zu ertragen“. Auf der anderen Seite scheinen Schmerzen subjektive (d.h. sie existieren nicht unbewusst) und private Zustände zu sein – Eigenschaften, die in der Regel mentalen Zuständen vorbehalten sind. Auch empirische Wissenschaftler definieren Schmerzen als Gefühlserlebnisse, die lediglich mit aktueller oder potentieller Gewebeschädigung verknüpft sind.

    Neue experimental-philosophische Studien zeigen jedoch, dass die mentale Komponente in unserer Alltagsauffassung von Schmerzen keine dominante Rolle einzunehmen scheint. In einer korpus-linguistischen Untersuchung (Reuter 2011) zeigte sich, dass die Ausdrücke „Schmerz fühlen” und „Schmerz haben” abhängig von der Intensität des Schmerzstimulus verwendet werden: je größer der Schmerz, desto wahrscheinlicher ist es, dass Personen ausdrücken einen Schmerz zu haben und nicht zu fühlen. Dies würde bedeuten dass sich Personen mehr auf die körperliche Komponente des Schmerzes konzentrieren, wenn der Schmerz stärker ist, und mehr auf das Schmerzgefühl wenn der Schmerz weniger stark ist. Weiterhin ergab sich in einer direkten Untersuchung durch Fragebögen (Reuter et al. 2014), dass lediglich ein kleiner Teil der Bevölkerung (ca. 30%) Schmerzen vornehmlich als Gefühlserlebnis auffasst, während die Mehrheit eine körperliche Auffassung von Schmerzen vertritt.

    Basierend auf diesen linguistischen und experimentell-philosophischen Studien, zeigt sich außerdem, dass unsere Begriffe und unser Verständnis von Schmerzen sowohl inter-, als auch intrasubjektive Unterschiede aufweisen, die wir sowohl experimentell untersuchen können, als auch die auf sie einwirkenden wesentlichen sozialen Einflüsse herausarbeiten können. Somit kann die empirisch-informierte Philosophie einen wichtigen Beitrag zum Schmerzverständnis leisten, die Auswirkungen auf die Schmerztherapie und Schmerzkommunikation haben, z.B. inwiefern chronische Schmerzpatienten die gleiche 'Schmerzsprache' wie gesunde Probanden verwenden.

    Erfolgreiche Kommunikation über Schmerzen erfordert ein gegenseitiges Verständnis von Schmerzen. Die Widersprüche, die sich aus dem wissenschaftlichen und alltagspsychologischen Denken ergeben, erklären das oftmals stark mangelnde gegenseitige Verständnis zwischen Patient und Mediziner/Psychologe, sowie zwischen Vertretern unterschiedlicher sozialer Gruppen. Mit der Untersuchung der Diskrepanzen zwischen wissenschaftlichem und alltagspsychologischem Bild soll diesem Mangel entgegengewirkt werden.

    • Aydede, M. (2006). Pain: new papers on its nature and the methodology of its study. Cambridge, MA: MIT Press.
    • Reuter, K. (2011). Distinguishing the appearance from the reality of pain. Journal of Consciousness Studies, 18 (9-10), 94-109.
    • Reuter, K., Phillips, D., Sytsma, J. (2014). Pain hallucinations. In J. Sytsma (ed.) Advances in experimental philosophy of mind. London: Bloomsbury.
    • Reuter, K. (2016). The developmental challenge to the paradox of pain. Erkenntnis.