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krino. Philosophische Gesellschaft Bern

Was ist natürlich?

Vortragsreihe 2007


Die Ausdrücke "natürlich" und "Natur" werden – wie ihre Äquivalente in anderen Sprachen – in vielfacher Bedeutung gebraucht, und die damit bezeichneten Begriffe gewinnen erst durch Abgrenzung von sehr unterschiedlichen Gegenbegriffen Kontur: Natur vs. Geist, Natur vs. Kultur, Natur vs. Technik, Natur vs. Kunst, Natur vs. Dinge, deren Natur sie ist. Solche Unterscheidungen sind nötig, aber keineswegs fix. Die Demarkationslinien verschieben sich laufend, und damit ändert sich auch, was als natürlich gilt.

Auf dem Markt sind u.a. folgende Auffassungen: Natur ist selber Neues hervorbringende Natur und geschaffene Natur mit natürlichen Gemeinsamkeiten und Differenzen, natürlichen Arten. "Natur" heisst der individuelle Charakter einer Person, aber auch das allgemeine Wesen einer Sache sowie ein Grossteil des durch ein Wesen Bestimmten samt seiner Relationen. Sie ist Stand der Unschuld, gerechtes Fundament des Vertragsschlusses, Ziel von Appellen à la "Zurück zur Natur", aber auch der Zustand zerstörerischer Entfaltung von schrankenlosem Egoismus. Sie ist amönische Landschaft, aber auch Fressen und Gefressenwerden, harmonisches Gleichgewicht, aber auch Naturgewalt. Natur ist Beherrschbares und Unverfügbares, Projektionsfläche für Fantasien und rock bottom.

Bedeutsam ist folgende Unterscheidung: Als natürlich gilt einerseits das einer Sache Eigentümliche, andererseits das ihr Angemessene. Entsprechend wird das Natürliche auf der einen Seite als das Gegebene verstanden und vom Künstlichen und kulturell Überformten unterschieden. Natürlich ist, was ohne Erziehung, Ausbildung oder Offenbarung zur Erkenntnis befähigt. Natürlich ist, was unabhängig von einem Beobachter existiert, Gesetzmässigkeiten aufweist und als fester Grund theoriegeladene Auffassungen zu korrigieren zwingt. Natürlich ist, was sich ohne Berufung auf Übernatürliches erklären lässt. Auf der anderen Seite besitzt das Natürliche normative Geltung und wird als das Naturgemässe gegen das Unnatürliche und Widernatürliche abgesetzt. Es ist Grenze und, unabhängig von rechtlicher Satzung, letzter Rechtfertigungsgrund normativer Praxen, Prinzipien und Ansprüche, aber auch letzter Entschuldigungsgrund, wenn einem die Natur kommt (Woyzeck) oder etwas, was soll ich machen, meine Natur ist (Lola in "Der blaue Engel"). Dabei wird unter Berufung auf die Natur und das Natürliche durchaus Unterschiedliches gerechtfertigt. Die Philosophiegeschichte kennt Sklaven von Natur, aber auch allgemeine und unteilbare natürliche Rechte für Wesen mit einer bestimmten Natur.

Die Vortragsreihe möchte die Legitimität und den Erklärungswert solcher Redeweisen und der sich auf sie stützenden Auffassungen beleuchten; und zwar mit Beiträgen zu folgenden Themen: Naturphilosophie, Medizinethik, Tierethik, Naturrecht, und natürliche vs. nichtnatürliche Eigenschaften.